Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


Thomas Lang: „Than“

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2002
188 S. ISBN 3 8031 3166 9, 16,50 €
 

Anlässlich der Verleihung des Marburger Literaturpreises las Thomas Lang in Marburg aus seinem Debüt-Roman „Than“ . Bei dieser Lesung habe ich eine eigenartige Erfahrung gemacht. Thomas Lang las sehr leise, nach einiger Zeit war ich versucht, mich zu melden und ihn zu bitten, lauter zu lesen; ich zögerte, merkte auf einmal, welch konzentrierte Atmosphäre des Zuhörens entstanden war, der ich mich, obwohl ich nicht alles verstand, nicht entziehen konnte, die ich durch mein eigenes konzentriertes Zuhören, das bis in die Körperhaltung  sich auswirkte und gar nicht anstrengend war, mit prägte. Der Vorleser Thomas Lang war ganz Zuhörer seines Vorlesens, war ganz bei sich und seinem Text, hatte uns vergessen und verwandelte uns durch seine Poesie, des Textes und des Verlesens, in gebannt Lauschende.

Diese Erfahrung hat sich fortgesetzt beim Lesen des Romans. Eine faszinierende Irritation, eine irritierende Faszination stellte sich ein; dem Sog dieser Prosa konnte ich mich nicht entziehen, obwohl ich nicht alles verstand. Vielleicht ist eine Seite des Irritierenden dieses Romans, auf das in Besprechungen häufig hingewiesen wird, die, dass Thomas Lang, wie bei seinem Vorlesen, indem er vordergründiger Verständlichkeit sich entzieht, uns aufmerksam macht auf eine andere Qualität von Verständigung.

Der Roman endet mit dem Satz: " Ich will das Schweigen brechen." (187). Das sagt einer, der stumm geworden  ist. Der Roman beginnt damit (dies wird zwar kurz nach dem Einsetzen der Handlung im Rückblick erzählt, bildet dennoch den Beginn), dass Moritz  Than, der ´Held´, bei einem  Unfall, der minutiös beschrieben wird, eine Glaswand schmerzhaft durch-´bricht´ und verstummt, wobei es für dieses Verstummen seltsamer Weise "keine medizinische Indikation" gibt, "alle neurologischen Befunde soweit o.k." (14) sind.

Für den Leser ist es zunächst irritierend, dass hier – und das scheint paradox – als Erzähler jemand spricht, der verstummt ist. Wir werden offenbar Zeugen  seiner Selbstgespräche, in denen Gegenwärtiges und Erinnertes vielfältig auf einander bezogen sind.

Auffällig ist, welch wichtige Rolle das Thema ´Kommunikation´  spielt. Immer wieder ist von Sprache die Rede. Von ´Sprachphilosophie´: „’Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, warum wir überhaupt sprechen lernen ? ’, fragte er (i.e. der Sprachtherapeut Thans) mich dabei einmal. Er philosophierte gern“ (13) bis zum "Kauderwelsch" eines anderen Unfallopfers (152), vom sprechen Lernen eines Babys, einem „Sprechmonster“ (136), bis zum Sprachverlust durch Schlaganfall: „Sie lag da und hat nichts mehr sagen können. Nur manchmal hat sie einen Schwall Silben ausgestoßen, alles durcheinander und nicht zu verstehen“(57); vom Nicht-Verstehen (23, 27, 42f) bis zum nicht mehr zu kontrollierenden ´verkehrten Sprechen´(155); von der Geschwätzigkeit der Talkshows bis zur gleichzeitigen Sprachlosigkeit ihres  Moderators (183 - 186). Thomas Lang lässt Than, den stummen Erzähler, den  ´stummen Fisch´ (22, 90, 155, 186), unentwegt brabbeln und dabei zugleich ein kunstvolles Geflecht des Sprachmotivs  weben.

Geht es in diesem Roman also um das - gar nicht so neue - Thema des Misslingens  von Kommunikation? Eine solche Interpretation drängt mir der Roman förmlich auf; sie stellte jedoch zugleich eine Verkürzung  dar,  würde dem Inhalt und der Kompositionskunst des Romans nicht gerecht.

  Than entzieht sich, der Kommunikation, dem Kommunikationsmüll, dem Leben. Er ´verschwindet´ -  nicht nur auf eine Insel. "Ich war dabei mir eine Art von Verschwinden / die den Tod bezwingt / auszudenken", dieser Satz von Blumfeld, dem Buch als Motto vorangestellt, kann als Thans Lebensmotto stehen.  „Ein Tag vergeht wie der andere und langsam tauche ich im Bewusstsein der Leute wieder unter, werde zu etwas, das sie nicht weiter beachten müssen. Das ist gut so. Ich will nicht mehr, als beobachten, wie das Eis wächst und den See versiegelt“ (89).  „Ich könnte in die Klinik zurückgehen. In ein geregeltes Leben. Oder einfach verschwinden. Verschluckt werden von einem schwarzen Loch: Unterwelt oder Nirwana. Schlaraffische Insel. Ein Bestandteil sein" (90). „Diese Fähigkeit, in der permanenten Anwesenheit zu verschwinden, die mir weit über bloßes Mimikry hinauszugehen schien.“ (149) Von der ´Fähigkeit´ eines Fisches, um die Than ihn regelrecht beneidet, ist hier die Rede. Das Motiv des Fisches, des ´stummen Fisches´, durchzieht ebenfalls in auffälliger Weise den Roman (22, 90, 155, 186), verdichtet sich gegen Ende in kunstvoller Verschränkung von Erzählgegenwart und Rückblick. Ein Fisch, „der grau war und den ganzen Tag lang die Scheiben ablutschte, als wolle er auf diese Weise nach und nach die Grenzen seiner Unterwasserwelt auflösen, nicht ahnend, dass das seinen Tod bedeuten musste.“ (148)

Das Zerbrechen der Aquariumsscheiben bedeutet den Tod, ein Leben jenseits der Glaswand des Schweigens gibt es für den Fisch nicht. Than lebt "jenseits der  Glaswand" (150), ein wertloses Leben: „Mein Leben war schon vorher nicht mehr wert als eine Kiste voll überzähliger Takes neben dem Schneidetisch. Ein Haufen Sequenzen, die schon im Rohschnitt wegfallen und von denen man sich fragt, wieso sie überhaupt belichtet wurden.“ (20) Und sein letzter Satz stimmt, er ´bricht das Schweigen´. Er hat, so, wie er am Anfang bei dem Unfall die Glasscheibe durchbrochen hat, die Glaswand des Schweigens, der Sprachlosigkeit durchbrochen; eine schmerzhafte Geburt in ein Schweigen, das ihn, damit uns Leser, für ein anderes Zuhören öffnet. Bevor er am Ende wieder in dem Krankenhaus liegt, aus dem er zu Beginn weggelaufen ist, erlebt er eine Geburt. „Ein heißer Strahl fährt durch meinen Bauch.

Schon bin ich untergetaucht.

Mir ist weder kalt noch warm. Kein Luftzug mehr. In dieser Umgebung bedeutet Schall wenig. Ich bin allein. Ein nasser Körper. Nackt. Schwebend. In der völligen Dunkelheit blind. Ganz leer scheint es hier zu sein. Weit weg tönt ein Klopfen. Es klopft direkt in meinem Kopf. Es wird immer leiser. Ich rudere mit den Händen. Halte die Arme dicht am Körper. Bei mir. In meinem Daumen verhakt sich was Glibbriges. Wie der Stängel einer Seerose oder ein tangbewachsenes Bojenseil. Ich fasse es und ziehe daran. Es gibt nach. Kommt dicht zu mir. Ich spüre es an meinem Bauch. Es lässt sich zusammendrücken. Ich drücke fest zu. Mein Kopf wird von innen schwer. Wird leer. Ich muss nicht atmen. Still ist es jetzt. Uferlos still. Kein Geräusch. Kein Gefühl. Keine Angst. Irgendwie wird es eng. Von allen Seiten wächst Eis auf mich zu. Es ist nicht fest. Aber kalt. Ich drehe mich um mich selbst. Wickle die Schnur um mich. Sinke ich oder steige ich? Treibe ich? Vielleicht stimmt es doch nicht, dass ich unter Wasser nicht atmen muss. Wenn ich den Mund öffne, dringt Wasser in mich ein. Es tut sehr weh in den Lungen. Drückt auf mein Herz. Das Blitzen dahinten, ist das oben? Ist das oben? Und das Dunkle. Unten?“  (179 f.)

Die Irritation, die die Lektüre dieses Buches auslöst, bewirkt eine Sensibilisierung für eine Wirklichkeit, die jenseits der Kälte des Sprachmülls liegt. Wirkliches Sprechen bedeutet „More Than Words" (23). Ein Fax mit diesen Worten  erhält Than;  hier zeigt sich der Sprachspieler Thomas Lang, der seinen  ´Helden´ auch gern mit der Sprache spielen lässt (185).

Die Irritation ist aber auch eine Folge der Überforderung - des Lesers und des Buches. Thomas Lang ist ein sensibler,  intelligenter, begabter Autor. Er hat seinem Roman  viel zugemutet, zu viel, so, wie er den Zuhörern seines Vorlesens, bei aller Faszination, zu viel zugemutet hat. Er wollte zu viel in diesen Roman packen. Neben dem Thema ´Kommunikation´ geht es um gescheiterte Beziehungen (die  Thans, die Ursels, der Töpferin auf der Insel - wobei man sagen könnte, auch das gehört in den Bereich ´Kommunikation´), um die kaputte Inselgesellschaft (und die Außenseiterproblematik) und schließlich um ein Gleiten von ´Realität´  ins  Phantastische. Hier gelingen Thomas Lang wunderbare Stellen, etwa wenn sein Held die Insel betritt (9) oder wenn er zur Reise nach Lyon  aufbricht (129 – 132);  wobei offen bleibt, ob Than wirklich nach Lyon fährt oder nicht einfach  übers Eis zur Nachbarinsel wandert (164 -167).

Nur: Der unermüdlich vor sich hinbrabbelnde und so selbst Kommunikationsmüll produzierende Than, der mit seinem naiven Blick und seinem Gebrabbele zugleich - und dies ist stimmig  - sich ihm entzieht, ihn entlarvt, dieser Than kann plötzlich – wie nur Thomas Lang, und dies ist nicht mehr stimmig - poetisch erzählen. Damit wird, zu der inhaltlichen Überfrachtung, die ästhetische Konstruktion des Romans überfrachtet. Angelegt ist dies vielleicht auch schon in dem einerseits kunstvollen, anderseits konstruiert wirkenden Motivgeflecht ´Kommunikation´. Thomas Lang, ganz versunken in die Konstruktion seines Romans, nimmt in eigenartiger Weise seine Leser, wie bei der Lesung in Marburg seine Zuhörer, nicht mehr ernst – wie sein ´Held´  Than am Ende des Romans seine Besucher im Krankenhaus. „Die Stille dauert an. Ich sollte einfach etwas nehmen, ohne mich um die andern zu kümmern. Ich greife in den Korb und ziehe die Bananen raus. Ich halte sie ihnen hin. Niemand nimmt eine. Sie hocken auf ihren Ästen und schauen betreten. Sie haben nichts zu sagen oder wissen nicht, wie sie es ausdrücken sollen. Stumm wie Fische.“ (186)

Die Marburger Jury, die Thomas Lang für seinen, wie es in der Urteilsbegründung heißt, „Roman einer Verstörung“ auszeichnete, hat damit kundgetan, dass mit diesem Autor in Zukunft zu rechnen sein wird.

Manfred Jobst

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