Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 4


„Stones“

Premiere des Jugendtheaterstückes (Originaltitel: „The Stones“) der australischen Autoren  Tom Lycos und Stefo Nantsou am 6.7.03 20.00 Uhr

Hessisches Landestheater, Spielort: Theater am Schwanhof TASCH 2

Regie: Luisa Brandsdörfer
Bühne und Kostüme: Ilka Kops
Flo / Rottner: Matthias Steiger
Diesel / Quandt: Christian Holdt

Frenetischer Schlussapplaus und laute Jubelrufe im ausverkauften Theater am Schwanhof. Nach ca. 55 Minuten Spielzeit ist die Geschichte der beiden Jungen Flo und Diesel, der eine fünfzehn, der andere sogar erst vierzehn Jahre alt, erzählt, oder vielmehr deren polarisierender Fall vorgestellt.  Beide töten  mit einem Steinwurf von der Autobahnbrücke einen Autofahrer. Beide werden angeklagt. Die Schuldfrage, pointiert von den verhörenden Polizisten gestellt: „Wer warf den letzten Stein?“ erscheint wie die Umkehrung des Bibelzitates „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“

Mit dieser gesteinsmetaphorischen Dichotomie arbeitet das Stück. Der Stein des Anstoßes ist für alle Beteiligten der tödliche Ausgang des Spiels mit der archaischsten Waffe des Menschen. Die beiden Jugendlichen werden zunächst als tätlich wie verbal raufende „Halbstarke“ vorgestellt, die sich in  mehr oder weiniger geglückten halsbrecherischen Turnereien in Fabrikhallen oder wüstem fäkalgestischem Geplänkel (zu deutsch: Haste überhaupt schon gefickt?“ „Ich muss pissen!“ „Du Wichser!“) erproben oder was auch immer. Beide suchen starke sinnliche Reize: kokeln an sich  herum, wollen die Katze anzünden, machen ohrenbetäubende  Musik.

Diese Art der Darstellung von Unbeholfenheit, getarnt als Coolness, erscheint mitunter zu bemüht, zumal die Akteure offensichtlich beide nahezu zehn Jahre älter sind als diejenigen,  die sie zu spielen haben. Auch wenn ihr Gejohle dem Balzgeschrei  am Lahnufer und vor der Araltankstelle Ecke Schwanalle morgens zwischen 3.00 und 4.00 Uhr erstaunlich ähnlich ist, kauft man den keuchenden Hauptakteuren zumindest am Anfang ihre Desorientierung nicht wirklich ab.

An Dichte gewinnt die Inszenierung von Luisa Brandsdörfer auch erst in der zweiten Hälfte der Stücks. Denn nun kommen die beiden Polizisten ins Spiel, die jeweils auch von den Schauspielern Matthias Steiger und Christian Holdt gegeben werden: Das ist eine sehr beachtliche Leistung und verrät in der spürbaren Leichtigkeit des Spiels großes Potenzial. Der Wechsel der Rollen vollzieht sich tatsächlich in Sekundenschnelle und bringt die dramatische Vielschichtigkeit des Stückes erst heraus. Erst jetzt wird die Spielfläche, die vor dem  Winkel der schwarzen Rückwände entsteht, in ihrer Symbolik deutlich. Ein kafkaeskes In-die-Enge-getrieben-Werden bahnt sich an. Das große Baugerüst, welches das angenehm karge Bühnenbild von lka Kops dominiert oder eigentlich ausmacht, fungiert nun als Käfig und Zelle.

Retrospektiv berichten die Jugendlichen während der Gerichtsverhandlung  in ihren Zeugenaussagen den Fortgang des unseligen Abends. Glaubhaft armselig erscheint Flo, wenn er, auf Anraten seiner Mutter, vor der Polizei steht und wahrheitsgemäß berichtet: “Ich bin der, der diesen Typ getötet hat.“ Das Stahlgerüst, welches die Brücke skizzierte, wird sogar einen Moment lang zum Pranger. Die Gebärden der Verzweiflung der beiden Täter haben große Wirkung, weil sie einen anderen Affekt des Menschseins beeindruckend ausagieren: die völlige Verzweiflung. „Spezialisten, Psychiater, Psychologen. Selbst der Richter kannte sich nicht mehr aus. Am Ende wusste keiner mehr, worum es ging.“ So die Autoren.

Die Polizisten Quandt und Rottner wechseln ihre Positionen und ein Schlagabtausch der von der Gesellschaft eingesetzten Stellvertreter, der Wahrer  von Recht und Ordnung beginnt: „Das sind ganz normale Jungs, die einen Fehler gemacht haben!“ „Was wäre, wenn deine Tochter den Stein geworfen hätte?“ „Was wäre, wenn dein Vater in dem Auto gesessen hätte?“... Es gibt keine befriedigende Antwort auf die Frage „schuldig oder nichtschuldig?“ Das ist ja die Stärke dieses wichtigen, modernen Jugendtheaterstückes.

„Empfohlene Altersgruppe: ab 14 Jahren und für Erwachsene“ steht in den Informationen zur vorletzten Premiere des Hessischen Landestheaters  vor der Sommerpause. Die Inszenierung scheint auf bestimmte Wiedererkennungseffekte beim jugendlichen Publikum zu setzen und zeigt dementsprechend die Hauptakteure in der Nachahmung  dessen, was man so als „kultig“ erachtet: „Ich bin der König der Welt!“ ruft Diesel (Titanic-Bug-Szene), Flo und Diesel machen sich ihre eigene Filmmusik zu ihrer entsetzlichen Tat, sie trällern fröhlich die Titelmelodie aus „Krieg der Sterne“ und am Ende kommt es zum Kampf im Gestus von „Matrix“. Nachmachen. Nachspielen.

„Was wäre, wenn... „ lauten die Fragen am Schluss des Stückes.

Was wäre, wenn „irgendein vollidiotischer Jugendlicher“- wie im Stück formuliert -  nun diesen gespielten Steinwurf nachmacht...?, traut sich die Rezensentin an dieser Stelle trotz des Beifalls zu fragen. Die Inszenierung einer Tragödie, welche  mit zielgruppengerechten Zitaten wenn nicht  Klischees, moderner Heldenepen aufwartet, begibt sich auf gefährliches Terrain.

Der große, fast johlende Applaus am Schluss des Stückes  gefiel mir von daher nicht. Wem genau galt er eigentlich?

Weitere Vorstellungen: Donnerstag, 18. und Sonntag ,28. September 2003

Erika Schellenberger-Diederich

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