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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 5
Marburger Forum : Herr Dr. Pätzold, sie sind der erste Vorsitzende des Marburger Kunstvereins, der vor kurzem sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat. Bevor wir aber auf Ihre Tätigkeit für den Kunstvereins zu sprechen kommen, würden wir Ihnen gerne einige persönliche Fragen zu Ihrem Werdegang stellen. Immerhin waren Sie Marburger Bürgermeister. Könnten Sie uns einige Eckdaten zu Ihrem Leben und der beruflichen Entwicklung geben?
Dr. Pätzold: Ich bin ein aus Berlin Zugereister. Meine Familie ist nach dem Krieg, 1954, auf Umwegen durch Deutschland, in Marburg gelandet. Ich selbst habe1954 auf Spiekeroog Abitur gemacht. Während meiner ganzen Schulzeit war ich auf Hermann Lietz-Schulen, zunächst in Gebesee, dann in Buchenau, in Bieberstein und in Spiekeroog. Das begann 1944. Wegen des häufigen Luftalarms gab es kaum noch Schulunterricht in Berlin. Wir wohnten in Schlachtensee, die Schule lag in Kleinmachnow. Wegen des ständigen Bombenalarms schickte uns unsere Mutter auf die Landerziehungsheime außerhalb Berlins. Und nach dem Krieg sind wir dort bis zum Abitur geblieben.
In Marburg habe ich dann Jura studiert und mit einer rechtshistorischen Arbeit über die Gutachter- und Urteilstätigkeit der Marburger Juristenfakultät promoviert. Danach habe ich zunächst zwei Jahre in einem Münchner Verlag gearbeitet und wurde dann 1970 in den Magistrat der Stadt Marburg gewählt, zunächst als Stadtrat, ab 1985 als Bürgermeister.
MF: Welches waren während Ihrer Zeit als Bürgermeister wichtige politische Themen in Marburg?
Dr. Pätzold: Das Städtebauförderungsgesetz gab uns in den 70er Jahren die Möglichkeit, mit Bundes- und Landesmitteln die Sanierung der historischen Altstadt voranzubringen. Von heute aus gesehen war das die große Chance für Marburg. Vielleicht wird man diese Arbeit später ein „Jahrhundertwerk“ nennen, die unter der Regie des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Hanno Drechsler begonnen wurde und heute weitgehend abgeschlossen ist.
In meinem Dezernatsbereich fand ich ein "Schul-, Kultur- und Sport und Fremdenverkehrsamt" vor. Als Kulturdezernent musste zunächst ein selbständig arbeitendes Kulturamt auf die Beine gestellt werden, um der Kultur die Bedeutung zu geben, die der Universitätsstadt Marburg angemessen ist. Das gelang dann auch. Der erste Kulturreferent war Dr.Volker Fischer, der 1981 in das Architekturmuseum nach Frankfurt wechselte. Ihm folgte 1981 Dr. Armin Klein, seit 1994 Professor für Kulturmanagement an der PH Ludwigsburg. Zur Zeit ist Dr. Richard Laufner Amtsleiter des Kulturamtes der Stadt. Aber das heißt heute wohl nicht mehr Amt sondern moderner Fachdienst.
Noch einmal zur Problematik der Altstadtsanierung: Als wir 1970 in den Magistrat gewählt wurden, waren grade die wunderbaren Fachwerkhäuser in der Reitgasse, Bopps-Terassen und die Apotheke von Dr. Opfer abgerissen worden. Das war damals ein in der Öffentlichkeit lebhaft diskutierter Verlust für das historisch gewachsene Marburg. Das galt ebenso für die Häuser am Markt/Ecke Barfüßerstraße. Dort steht jetzt die Buchhandlung Roppel und in der Barfüßerstraße das Sparkassengebäude. Die Entwürfe für die Neubauten am Markt hatte der damalige Landeskonservator Professor Bleibaum entwickelt. Später in den 70er Jahren engagierte sich auch der Marburger Kunsthistoriker Professor Heinrich Klotz in Marburg. Er entwickelte den Begriff des „Neuen Bauens in der Alten Stadt“. Klotz holte den weit bekannten Architekten Oswald Mathias Ungers nach Marburg, der 1976 die Entwürfe für „Stadthäuser am Steinernen Haus“ für Marburg entwickelte. Die Modelle dieser Häuser befinden sich jetzt im Architekturmuseum in Frankfurt.
MF: Marburg ist eine Kleinstadt mit einer großen Universität - weder mit dem Auto, noch mit der Bahn ganz leicht zu erreichen, obgleich mitten in Deutschland gelegen. Einerseits macht das den Charme der Stadt aus; aber liegen gerade darin nicht auch die wirtschaftlichen und kulturpolitischen Schwierigkeiten?
Dr. Pätzold: Diese Frage muß ich mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten, doch auch hier gibt es natürlich zwei Seiten. Die Mehrheitsverhältnisse in Marburg und im Umland - und das sage ich als langjähriges Mitglied der SPD - , machten das Eintreten für die überregionale Verkehrsanbindung außerordentlich schwierig. In Gießen war man beweglicher und deswegen ist die Stadt zum Mittelpunkt der Mittelhessischen Region mit hervorragenden Verkehrsanbindungen Richtung Frankfurt, Kassel und Dortmund geworden. Es ist nicht wegzudiskutieren: wo Verkehrswege entwickelt werden, wächst die Bedeutung der Städte, dort entwickelt sich die Wirtschaft, und damit auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben. Welche Bedeutung dies für Marburg hat, werden spätere Jahre zeigen.
Ich gebe ein anderes Beispiel, das die Schwierigkeiten dieser Lage Marburgs demonstriert: Auch wenn die Kulturszene hier überregional bedeutende Ausstellungen zeigt, oder bedeutende Lesungen oder Konzerte veranstaltet, ist es jedesmal schwierig, eigentlich unmöglich die überregionalen Medien zur Berichterstattung nach Marburg zu holen. Die Bevölkerung in Marburg weiß zwar die besonderen Angebot etwa des Konzertvereins, der literarischen Gesellschaften, des Hessischen Landestheaters oder des Kunstvereins zu schätzen. Das kulturelle Leben braucht aber auch das Echo der Medien. Das wäre gegeben, wenn zum Beispiel die Frankfurter Rundschau, der Hessische Rundfunk oder die FAZ gelegentlich über das, was wir hier machen, berichten würden. Diese Berichte der größerer Medien – ich nenne das das Echo von Außen, - fördern die Aufgeschlossenheit der Menschen und die Akzeptanz der Angebote hier in Marburg. Deswegen war es für uns so wichtig, dass es ein großes überregionales Echo auf das 50-jährige Jubiläum des Kunstvereins gegeben hat. So hat etwa die Frankfurter Rundschau ausführlich berichtet, aber auch der Hessische Rundfunk. Das hat uns in unserer Arbeit sehr geholfen, und wir haben uns natürlich sehr darüber gefreut.
MF: Nun zu Ihrer jetzigen Tätigkeit. Würden Sie uns einiges zur Geschichte und jetzigen Situation des Marburger Kunstvereins sagen? Wie lange schon sind Sie sein 1. Vorsitzender?
Dr. Pätzold: Der Kunstverein wurde 1953 gegründet. Er ging aus einem "Künstlerkreis" in Marburg ansässiger Künstler und Künstlerinnen hervor. Zunächst bestand das Ziel, die Kommunikation untereinander und mit Kunstfreunden zu fördern, sowie auch Raum für Ausstellungen zu schaffen. Es war eine glückliche Fügung, dass zu dieser Künstler- und Pressuregroup der damalige Feuilletonredakteur der Oberhessischen Presse, Dr. Rainer Zimmermann, die Leiterin der Volkshochschule, Hedi Huckenbeck, und der Leiter des Universitätsmuseums, Dr. Alfred Kippenberger, gehörten. Mit einer Reihe bekannter Künstler und Künstlerinnen schafften sie es, dass bereits 1958 das Haus Markt 16 als Ausstellungshaus des Kunstvereins eröffnet werden konnte. Man stelle sich vor: zur Eröffnungsfeier kam der damalige Kultusminister Dr. Arno Hennig; heute wäre das wohl undenkbar. 1978 wurden die Ausstellungsräume um das Obergeschoss des Gebäudes erweitert. Damit hat der Kunstverein dort über 40 Jahre lang seine Ausstellungen gezeigt. Seit unserem Umzug befindet sich in dem Gebäude das „Haus der Romantik e.V.“, eine Vereinigung zur Erinnerung an die Zeit der Romantik in Marburg. Ich bin übrigens seit 1970 Mitglied des Kunstvereins und wurde 1998 zum ersten Vorsitzenden gewählt, in der Nachfolge von Dr. Wolfgang Tichy.
MF: Welche Aufgaben haben Sie in diesem Amt? Welche anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es ?
Dr. Pätzold: Der Marburger Kunstverein ist ehrenamtlich strukturiert, abgesehen von einer Mitarbeiterin, die die Arbeit im Sekretariat wahrnimmt und gleichzeitig die Aufsicht führt. Der ehrenamtliche geschäftsführende Vorsitzende plant, organisiert und verantwortet die 7 Ausstellungen im Jahr. Der Gesamtvorstand mit dem künstlerische Beirat – insgesamt 9 Personen - entscheidet über das Ausstellungsprogramm. Dazu machen der Vorsitzende oder andere Vorstandsmitglieder Vorschläge, über die demokratisch abgestimmt wird.
Zur Vorbereitung der Ausstellungen gehören Besuche im Atelier der jeweiligen Künstler oder Künstlerinnen, das Auswählen der geeigneten Arbeiten, das Abwickeln der Transporte und die Versicherungen, die Einladungen, eventuelle Plakataktionen und das Erstellen eines Katalogs. All das zusammen ist recht umfangreich, zumal dazu auch noch der Auf- und Abbau der Ausstellungen gehört, für den in der Regel 6-8 Mitglieder des Kunstvereins zur Verfügung stehen.
Zu unserem Angebot in den neuen Räumen hier am Pilgrimstein gehört, das möchte ich besonders hervorheben, eine Artothek. Die Marburger haben hier die Möglichkeit, unter 600 zeitgenössischen Werken sich eine Arbeit auszusuchen und diese Arbeit dann für den Betrag von 2,50 oder 5,00 Euro für die Zeit von drei Monaten mit nach Hause zu nehmen, also auszuleihen.
Weiterhin bietet der Kunstverein Reisen zu Ausstellungen an, die von Gudrun Niessner-Wild und der Kunsthistorikerin Ursula Schulze-Stampe vorbereitet und durchgeführt werden. Und wir haben hier im Foyer des Ausstellungshauses eine kleine Präsenzbibliothek, die von der ehemaligen Buchhändlerin Wilke betreut wird. Der zweite Vorsitzende des Vereins, Jakobus Klonk, ist in erster Linie für den Ausstellungsaufbau verantwortlich, also die Präsentation der Arbeiten im Ausstellungshaus. Und die technischen Dinge, die täglich anfallen, werden von Dr. Helmut Audick erledigt. Sehr hilfreich finde ich auch, dass die Kassenführung, gleichfalls unentgeltlich, von der Steuerberaterin Ute Leckebusch im Steuerbüro Moog durchgeführt wird. Und unsere Schriftführerin Elke Biebricher-Maus, ihres Zeichens Schulleiterin, vervollständigt den Vorstand. Der Künstlerischer Beirat besteht aus Barbara Isabella Bauer-Häusler, Dr. Harald Kimpel, Dr. Michael Herrmann, der die Lorrain-Ogilvy-Gallerie leitet,Gudrun Niessner-Wild und Dr. Frieder Schwarzinger. Wir treffen uns etwa alle 3 – 4 Monate.
MF: Der Umzug in die neuen Räume an einem zentralen Platz war für den Kunstverein sicherlich sehr wichtig. Wie hat sich das auf die Besucherzahlen der Ausstellungen ausgewirkt?
Dr. Pätzold: Wir haben pro Monat 400-500 Besucher, das mehrfache dessen, was wir in den Räumen in der Oberstadt hatten. Ich will das alte Haus am Markt 16 keineswegs schlechtreden. Es ist ein hervorragendes Ausstellungs-Kabinett für kleine Exponate. Wer aber heute die moderne Kunst zeigen will, mit den zum Teil großen Leinwänden, die die Künstler verwenden, braucht auch große helle Räume. Diese Räume stehen uns jetzt zur Verfügung, - ein Riesenglück für die Stadt und die Region und eine hoch verantwortungsvolle Aufgabe für den Kunstverein.

MF: Die Räume des Kunstvereins gehören nun also zu Marburgs "neuer Mitte" - die zu einem erheblichen Teil vom Cineplex-Kino gebildet wird. Die Vermietung etwa der Läden in der zur Lahn führenden Passage ist immer noch nicht abgeschlossen. Hat man am Bedarf der Kleinstadt vorbeigeplant? Wir stehen Sie zu dieser "neuen Mitte"?
Dr. Pätzold: Nun ja, die "neue Mitte": Das Herz der Stadt ist nach wie vor die Marburger Altstadt rund um das Rathaus. Am Fuß der Stadt hat sich seit einigen Jahren ein neues Zentrum entwickelt. Dort sind wir jetzt. Marburg ist halt nicht nur die faszinierende historische Bergstadt . Marburg ist auch eine moderne Universitätsstadt und braucht auch die Entwicklung neuer Geschäfts- und Dienstleistungszentren. Und dazu gehört der neue Hotelkomplex und das Cineplex-Kino an der Biegenstraße. Nach meinem Eindruck wird nach heftiger anfänglicher Kritik der Gesamtkomplex inzwischen von den Menschen akzeptiert. - Und was das große Kino angeht: es ist erwiesen, dass es zirka eine Million Besucher pro Jahr hat - von denen nicht wenige, wenn sie einen Film gesehen haben, in die Oberstadt, mit ihren Restaurants und Kneipen, gehen. Und auch wir partizipieren daran, auch für uns ist das ein großer Vorteil.
MF: Die Aufgabe des Vereins ist es, moderne, bzw. zeitgenössische Kunst nach Marburg zu bringen. Natürlich ist es nicht ganz leicht, solche Werke einem Publikum zu vermitteln. Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Marburgern in dieser Hinsicht ?
Dr. Pätzold: Kunst wahrnehmen ist immer auch ein Lernprozess. Ich will damit sagen, dass wir als Kunstverein auch einen Vermittlungsauftrag haben. Gerade bei zeitgenössischen Arbeiten ist auch das öffentliche Gespräch über die Arbeiten notwendig. So stellen wir unseren Besuchern die Eröffnungsreden ausgedruckt kostenlos zur Verfügung und jeden Samstag finden Führungen durch die Ausstellungen statt. Es gibt weiterhin die Idee, einen "Kunststammtisch" zu organisieren. Aber das ist noch Zukunftsmusik.
Bei all diesen Überlegungen muss man sich darüber im klaren sein, dass das Angebot an kulturellen Veranstaltungen in Marburg enorm groß ist. Vieles wird von der Stadt finanziert und das Angebot wächst weiter. Nur, das hier lebende Publikum wächst nicht mit. Die Stadt muß sich deshalb die Frage stellen, ob sie diesen Prozess nicht stärker steuern soll. Natürlich ist es wichtig, dass sich viele kulturelle Angebote in der Stadt entwickeln, aber zu berücksichtigen ist dabei, - und das halte ich für sehr wichtig, - dass die hier stattfindenden kulturellen Veranstaltungen auch eine Ausstrahlung über Marburg hinaus haben sollten - und eben das droht, verloren zu gehen. Wie ich vorhin sagte, ist das überregionale Echo auf die hiesigen Ausstellungen, Theateraufführungen etc. von großer Bedeutung für die hier lebenden Menschen. Wichtig ist aber auch, dass Besucher von auswärts in die Stadt und zu uns kommen. Der Bedeutungsgewinn für die Stadt ist wichtig. Es muß auch außerhalb der Stadtgrenzen wahrgenommen werden, was in Marburg gechieht. Und das kann die Stadt steuern.
MF: Wie werden im Verein die Ausstellungskonzepte erarbeitet? Nach welchen Kriterien sucht man die Künstlerinnen und Künstler aus?
Dr. Pätzold: Der künstlerische Beirat ist aktiv beratend tätig. Wir treffen uns alle 3 – 4 Monate. Das Programm muss auf 1 1/2-2 Jahre im voraus geplant werden, wenn man interessante Künstler nach Marburg holen will. Die Vorschläge für Ausstellungen kommen vom Vorstand, also auch von mir, und dem Beirat. Es gibt bestimmte Eckpunkte für unser Programm: alle 18 Monate möchten wir eine Kunsthochschule vorstellen, und es gibt die Ausstellung „Kunst in Marburg“, die ihren festen Platz im Programm hat. In der Regel zeigen wir zwei oder drei Einzelausstellungen, weil sich die Arbeiten eines Künstlers oder einer Künstlerin in einer Einzelausstellungen besser entfalten können. Weiterhin gibt es Themenausstellungen, wie z. B. die Ausstellung “Entfernte Gegenden - Landschaftsannäherungen", in der sechs Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten gezeigt haben.
Die Vorschläge für das Programm münden häufig in einen Kompromiss, was auch bei einem demokratischen Abstimmungsprozess gar nicht anders denkbar ist. Eine Gegenbeispiel wäre etwa Heidelberg, wo der Direktor sozusagen allein ein Konzept entwickelt und durchsetzt. Bei uns geht es, wie gesagt, demokratischer zu, dafür vermissen wir gelegentlich ein klares Ausstellungskonzept.
MF: Wie gestaltet sich die Kontaktaufnahme mit den Künstlerinnen und Künstlern ?
Dr. Pätzold: Ein Beispiel: wir wollten eine Ausstellung mit Fabrizio Plessi machen - ich nahm Kontakt mit ihm auf, und wir trafen uns in Köln unterhalb des Ludwigsmuseum zu einem Essen. Als erstes sagte er zu mir: "Bevor wir überhaupt anfangen zu reden, brauche ich eine feste Zusage über 10.000 Euro für meine Arbeit, unabhängig von den weiteren entstehenden Kosten." Da bin ich dann unverrichteter Dinge wieder abgefahren, weil das so für uns nicht finanzierbar ist.. Oder, wir hatten für 2004 noch ein Loch im Ausstellungsprogramm. Da habe ich einen weiteren Künstler kontaktiert, der eine ähnliche Forderung an mich stellte. Auch das ging dann nicht. Ich habe schon Verständnis für ein solches Verhalten. Wenn man etwa einen Musiker zu einer Konzertveranstaltung holt, oder einen Schriftsteller zu einer Lesung, müssen die selbstredend bezahlt werden. Stellt aber ein Künstler seine Bilder aus , so denkt zunächst niemand daran, ihm dafür Geld zu geben. Zu bedenken bleibt wiederum: bei uns fallen Transport- und Versicherungskosten an, Aufsichtskosten und eventuell muss ein Katalog gedruckt werden, und all das ist bei Musikern oder Literaten nicht der Fall. Denken Sie auch daran, dass bei Ausstellungen ein großes Haus über einen längeren Zeitraum zur Verfügung gestellt werden muss. Wir müssen für jede Ausstellung ca. 3000 - 4000 € aufbringen. Die Künstler bekommen in der Regel kein Honorar, wir bemühen uns aber dafür immer wieder, ihre Arbeiten in unseren Ausstellungen in bestem Sinne zu präsentieren. Müsste der Kunstverein die Künstler extra bezahlen, so könnten Ausstellungen bei uns so nicht mehr stattfinden.
MF: Sie haben also im Laufe der Jahre eine ganze Anzahl Künstlerinnen und Künstler kennen gelernt - darüber gibt es sicherlich noch das eine oder andere zu berichten...
Dr. Pätzold: Es gibt gute und weniger gute Erfahrungen. Manche Künstler sind äußerst anspruchsvoll, andere eher unkompliziert im Umgang. Bei den ersten darf man die Bilder kaum anfassen, bzw. sie wollen am liebsten ihre Bilder alle selber aufhängen. Ein persönliches Verhältnis entwickelt sich schon deswegen, weil man in der Regel ein Jahr vorher in Kontakt kommt, um die Ausstellung vorzubereiten. Mit manchen hält dieser Kontakt auch nach den Ausstellungen weiter an. Wenn man sich wiedertrifft, zum Beispiel auf den Kunstmessen in Köln, Frankfurt oder Basel, die ich regelmäßig besuche, gibt es oft wirklich freundschaftliche Begrüßung mit Umarmung und einem mehr oder weniger großem Hallo.
MF: Ihren Worten entnehmen wir, dass es durchaus zu Spannungen mit einem/r Künstler/In bei der Ausstellungsvorbereitung kommen kann.
Dr. Pätzold: Oh ja, es kann zu Spannungen kommen, etwa wenn sich die Vorstellungen, die sich ein Künstler von seiner Ausstellung gemacht hat, nicht realisieren lassen, denn in den Ausstellungsräumen und auf der Wand wirkt manches anders, als im Atelier. Es hat auch schon richtigen Streit gegeben - und auf der Skala von "heftig" bis " gemäßigt" alles, was dazwischen liegt.
MF: Nun eine schwierige Frage: Sie kennen zwei völlig unterschiedliche Bereiche sehr genau, den politischen und den künstlerischen; gehören Politiker und Künstler zwei verschiedenen Welten an, oder gibt es Gemeinsamkeiten zwischen ihnen?
Dr. Pätzold: Sie gehören nicht unterschiedlichen Welten an, aber sie denken und handeln ganz unterschiedlich. Der Politiker muß mit beiden Beinen auf der Erde stehen. Er hat mit Menschen umzugehen, er muß helfen, die Probleme der Gesellschaft zu lösen. - Der Künstler kann, er muss sogar vielleicht etwas abgehobener sein. Der schöne Satz von Ari Goldmann - hier in der Ausstellung - macht das deutlich: "Geiger entweichen, wenn sie streichen". Der Politiker kann nicht entweichen, er wird immer wieder in der Realität festgehalten.
Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: auch als Politiker muss man den Willen haben zu gestalten, eine Sache mit Fantasie zu gestalten, etwa in der Stadt, in der er oder sie tätig ist – so wie auch ein Künstler oder eine Künstlerin gestalten wollen. Fantasie und Gestaltungswillen sind mithin zwei wichtige Voraussetzungen für die erfolgreiche Arbeit sowohl der Politiker wie auch der Künstler.
MF: Haben Ihnen persönlich manche Werke besonders gut gefallen - sammeln Sie selbst zeitgenössische Kunst?
Dr. Pätzold: Ich habe genau das auch mitgemacht, was meine Generation mit der Kunstszene gemacht hat: meine Frau und ich haben bis in die 70er, 80er Jahre hinein Grafik gesammelt, dann hat das nachgelassen. Man hat sich damals sehr gefreut, wenn man etwa die Nummer 10 aus einer 50er Auflage, oder sogar einmal die Nummer 1 einer Serie kaufen konnte. Irgendwann jedoch war das vorbei. Es hat wohl auch ein Überangebot gegeben. Heute findet dieses Sammeln von Grafik wohl leider nicht mehr statt. Die Künstler bieten das auch nicht mehr in dem Umfang wie früher an.
Was oder wer mir besonders gefallen hat: etwa das Pergamonprojekt von Reiner Wölzl aus Wien, die Bilder von der in Leipzig lebenden Annette Schröter, die Arbeiten des in Italien lebenden Thomas Lange.
MF: Zum Schluss eine Frage nach Ihren Vorlieben, nicht nur was zeitgenössische oder moderne Kunst angeht. Welche Künstler, gleich welcher Epoche, sagen Ihnen besonders zu ?
Dr. Pätzold: Mein Hauptinteresse gilt der zeitgenössischen Kunst. Das soll aber nicht heißen, dass ich für die Werke früherer Epochen kein Auge hätte. Ich bin gern in die Rembrandt Ausstellung des Frankfurter Städel-Museums gegangen, aber häufiger gehe ich in das Museum für Moderne Kunst oder die Schirn in Frankfurt. Eigentlich schaue ich also mehr auf die Gegenwart.
Das Gespräch führten Herbert Fuchs und Max Lorenzen