Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 5


Treppen und Kunst  -  eine Rückschau

Von Herbert Fuchs

 

Das Marburger Treppenprojekt  hinauf, hinab - dasselbe ging am 14. September 2003 zu Ende. 13 Künstlerinnen und Künstler hatten fast drei Monate lang  ihre Arbeiten an Treppen der Altstadt ausgestellt. Der Titel der Ausstellung verwies auf einen Satz von Heraklit: „Der Weg hinauf und hinab ist ein und derselbe.“ Sicherlich musste man etwas „drehen“,  um Heraklits Vorstellung von der Einheit der Gegensätze als das dem Sein zugrunde liegende Ordnungsprinzip im Marburger Treppenprojekt zu entdecken. Aber Kunst kann durchaus - auch - als ein Versuch angesehen werden, Auseinanderstrebendes und Divergierendes zusammenzufügen und, ähnlich dem heraklitischen „Logos“, eine übergeordnete Sinnhaftigkeit zu schaffen.

Die nachfolgenden Bilder sollen an das Treppenprojekt erinnern. Es schließt sich an ein Gespräch mit Hans Schohl, dem künstlerischen Leiter des Projekts.

 

Treppenkunst

Die Texte zu den Objekten stammen jeweils von den Künstlern.

 

Kennenlerntisch von Holger Benthien
„Der Hungerkünstler bittet zu Tisch, / unter den Tisch trinken, / unter den Tisch fallen lassen, / reinen Tisch machen, / Trennung von Tisch und Bett, / solange du Deine Füße unter meinen Tisch …, / Tischlein – deck – dich, / Tischwein, / Tischschwein.“

 

Tisch zum Beobachten von Holger Benthien

 

Überwandtreppe von Katrin Magens
„Schnell und leicht, / unsichtbar und gleich / kichert der lustvolle Schritt, / bis morgen, / längst wieder auf dem Boden der Gespinste, / die Wände neue Treppen gebären.“

 

Boot von Inga Rusz
„Nun gut, ich werde Weißes neu beschreiben. Anfang und Ende, Alpha und Omega, der Titel meiner Arbeit. Die Plastik passt hierher. Ein Boot auf dem Weg  -  versinkt es oder taucht es auf?“

 

Häkelarbeiten von Burgi Scheiblechner, Antonia Mösko, Gerda Waha
„Wir Restfrauen aber wollen noch einmal unsere harte Umwelt umgarnen, umnetzen, ummanteln und weicher machen. Wir verschönern mit unserer Hände Fleiß die Banalität und Härte des alltäglichen Lebens – wir machen es gemütlich.“

 

Sicherheit von Hans Schohl und Georg Mertin

 

 

Hans Schohl

Hans Schohl, der künstlerische Leiter des Treppenprojekts, wurde 1952 in Landstuhl (Pfalz) geboren. Nach dem Abitur begann er in Marburg ein Studium der Erziehungswissenschaften, danach der Germanistik und Politik, das er mit Diplomund Staatsexamen abschloss. An der Gesamtschule Kirchhain absolvierte er seine Referendarausbildung für das Gymnasium. Da nach dem Referendarexamen 1985 die Einstellungsmöglichkeiten in den Schuldienst gering waren, ging Schohl für zwei Jahre an die Kunsthochschule Kassel. Aber auch nach Beendigung des Zusatzstudiums wurde er nicht sofort als Lehrer übernommen. Er arbeitete zunächst für zwei Jahre im Rahmen eines Sozialarbeitprojekts bei der BSF am Richtsberg in Marburg. Für Schohl verbinden sich mit dieser Tätigkeit wichtige Erfahrungen und Erinnerungen. 1989 wurde Schohl dann an der Marburger Blindenstudienanstalt als Kunstlehrer angestellt. Er war an der Entwicklung der Curricula im Fach Kunst und an den Inhalten der Abschlüsse des Faches an der Blista wesentlich mitbeteiligt. – Hans Schohl wohnt in Anzefahr, einem Dorf in der Nähe von Marburg.

Im folgenden Gespräch äußert er sich zu seiner künstlerischen Arbeit, dem Treppenprojekt und der Zusammenarbeit mit der Stadt Marburg.

 

Marburger Forum: Was steht im Zentrum Ihrer künstlerischen Arbeit und Ihres künstlerischen Interesses?

Hans Schohl: Ich gehe bei meinen Arbeiten immer wieder und in den letzten Jahren sogar verstärkt von thematischen Zusammenhängen aus. Seit einiger Zeit beschäftigen mich vor allem zwei Aspekte: Schatten und Fliegen. Dabei lasse ich mich, um ein Thema aufzufächern und zu vertiefen, von Philosophie oder Literatur oder auch zufälligen Erfahrungen und Begegnungen anregen.

MF: Von Ihnen gibt es Holzschnitte zu Adelbert von Chamissos Schattenerzählung     „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“.

Hans Schohl: Peter Schlemihl, der dem Teufel seinen Schatten verkauft und dann von den Menschen als Schattenloser gemieden wird, hat mich schon als Kind beeindruckt, und die Faszination von Schatten hat mich eigentlich nie mehr wirklich losgelassen. Es ist von daher nicht verwunderlich, dass zwei meiner Arbeiten beim Treppenprojekt Schattengewölbe und Beim Schattensammler hießen. In beiden waren kinetische Schattenmaschinen zu sehen.

MF: In einer Ausstellung in Korbach vor zwei Jahren „dokumentierten“ Sie durch verschiedene Arbeiten, wie sehr Sie beim Thema Fliegen ein Buch zu Ideen angeregt hat, nämlich die Aufzeichnungen des Luftpioniers C. F. Claudius aus den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts.

Hans Schohl: Das Projekt zu Claudius entstand in Zusammenarbeit mit Roland Albrecht, der in Berlin sein Museum der unerhörten Dinge betreibt (www.museumderunerhoertendinge.de) und auch bei dem Treppenprojekt mit seinen Geschichten beteiligt war. - Claudius, übrigens ein Neffe des Dichters Matthias Claudius, hat sich über längere Zeit mit Flugobjekten und der Ballonfahrt beschäftigt und dabei alle möglichen Versuche und Experimente angestellt. Er soll sogar einmal mit einem Ballon von Berlin an die Ostsee geflogen und im Triumphzug mit einer Kutsche nach Berlin zurückgebracht worden sein. Darüber liegt ein kleines Büchlein vor, auf das wir durch Zufall stießen. Wie weit das alles stimmt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Die Idee aber, die dahinter steht, abzuheben und schwerelos zu werden, ist nach wie vor, für mich jedenfalls, faszinierend. Meine Flugobjekte zeugen von dieser Begeisterung. Dabei interessieren mich nicht moderne Flugmaschinen, sondern Mechanismen, die man sehen, verstehen kann, die Fliegen zunächst unmöglich erscheinen lassen und dann aber doch, gegen alle Erwartungen sozusagen, ein Gebilde aus Draht oder Eisenstäben durch Bewegung mit Hilfe der Fantasie zum „Fliegen“ bringen.

MF: In der Arbeit „ Schattengewölbe“, die Sie beim Treppenprojekt gezeigt haben, verbanden Sie die Idee des Schattens mit der des Fliegens.

Hans Schohl: Wenn man in den Gewölbekeller sah, fing mein Gebilde an, sich zu bewegen und gleichzeitig Schatten an die Wände zu werfen. Es „lebte“ also, „flog“, ohne von der Stelle zu kommen. Ich hatte es eingesperrt, die Leichtigkeit des sich bewegenden Gebildes traf auf die Wuchtigkeit und die Schwere der Mauern ringsum.

MF: Vor kurzem konnte man Rost-Arbeiten von Ihnen in Radenhausen sehen.

Hans Schohl: Zeit frisst Eisen; übrig bleibt Rost. Rost ist also ein interessanter Stoff. Er sagt etwas aus über Zeit, über Vergehen. Ich entferne mich da etwas von den Themen Schatten und Fliegen. Ganz habe ich aber auf das Mechanische nicht verzichtet. Ich zeigte zum Beispiel neben den Bildern eine rostige Apparatur, in der blaue Wasserfarbe blubbert.

MF: Sie gehören seit mehreren Jahren zur Künstlergruppe Radenhausen. Wie wichtig ist die Gruppe für Ihre künstlerische Arbeit?

Hans Schohl: Sehr wichtig. Wir arbeiten alle in unterschiedlicher Weise, vertreten auch unterschiedliche Auffassungen über das, was Kunst ist oder sein soll. Aber gerade solche Auseinandersetzungen und Diskussionen machen die Gruppe für den einzelnen so anregend. Wir führen Gespräche, ohne zu einem Konsens kommen zu müssen. Wir sind eben eine Künstlergruppe, kein Verein. Nur deshalb funktioniert die enge Zusammenarbeit.  -  Wichtig ist darüber hinaus: Die Gruppe Radenhausen hat mittlerweile einen Namen; sie ist ein wirksames Forum, Kunst einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Zudem wird man als Künstler einerGruppe stärker wahrgenommen.

MF: Wollen Sie mit Ihrer Kunst etwas bewirken?

Hans Schohl: Felix Droese, ein Schüler von Beuys, hat dazu gesagt: „Kunst muss sich einmischen, sonst geht sie verloren.“ Das ist, glaube ich, eine entscheidende Aussage über Kunst. Kunst, vielleicht nicht immer das einzelne Werk, aber Kunst insgesamt verändert den Blickwinkel dessen, der Kunstwerke ansieht und sich ihnen gegenüber öffnet; Kunst verändert die Sicht auf Wirklichkeit, auch den Blick auf sich selbst natürlich. Rostbilder zum Beispiel mögen zunächst als ästhetische Spielerei erscheinen. Aber vielleicht verspürt der Betrachter auch ein Unbehagen, spürt, dass sie irgendwie nicht in unsere Hochglanz-Kultur passen; sie müssen von dem Betrachter angenommen werden, der Besucher muss sich ändern, vielleicht unmerklich, er muss akzeptieren, dass sich Kunst irgendwie in sein Leben „einmischt“. – Ich hoffe jedenfalls, dass Kunstwerke so wirken.

MF: Sie haben schon bei einigen Projekten mit der Stadt Marburg zusammengearbeitet. Haben Sie den Eindruck gewonnen, dass Marburg – Behörden wie Bevölkerung – moderner Kunst gegenüber aufgeschlossen ist?

Hans Schohl: Wenn Sie in der Vergangenheit durch die Stadt gegangen sind, wird Ihnen, wenn Sie kunstinteressiert sind, aufgefallen sein, dass moderne Kunst auf öffentlichen Plätzen in dieser Stadt keine besondere Rolle gespielt hat. Das scheint sich, auch dank der Aufgeschlossenheit der zuständigen städtischen Gremien, zurzeit zu ändern. Wir haben 2001 das Projekt ausufern  an der Lahn durchgeführt und vor wenigen Tagen das Treppenprojekt beendet. Beide Projekte wurden von der Stadt wesentlich unterstützt, inhaltlich, finanziell, aber auch organisatorisch. Ein Beweis für das Engagement von Bürgermeister Egon Vaupel und Richard Laufner, dem Leiter des Kulturamts, ist zum Beispiel, dass von der Stadt, wie bereits bei ausufern geschehen, eines der Treppenkunst-Objekte angekauft wird. Die Stadt macht auf diese Weise zeitgenössische Kunst langsam im öffentlichen Raum heimisch. – Übrigens haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Marburger Bevölkerung moderner Kunst eher aufgeschlossen gegenübersteht. Marburg ist halt doch eine Universitätsstadt. Davon profitiert auch die Kunst.

MF: Welche Bilanz des Treppenprojekts können Sie als künstlerischer Leiter ziehen?

Hans Schohl: Die Idee, in der Treppenstadt Marburg  Treppenkunst zu zeigen, kam von Richard Laufner. Wir wollten damit an das Projekt ausufern vor zwei Jahren anknüpfen. Unser Eindruck ist, dass das Treppenprojekt auf große Zustimmung bei Besuchern und Bürgern der Stadt gestoßen ist. Unsere Vorstellungen sind voll und ganz verwirklicht, unsere Erwartungen übertroffen worden.Alle Beteiligten sind sehr zufrieden.

MF: Das vielfältige Beiprogramm hat sicherlich zu der positiven Resonanz beigetragen.

Hans Schohl: Das begleitende Aktionsprogramm, das viele Gruppen und Vereine der Stadt eingebunden hat, hat für eine größere Öffentlichkeitswirkung der ausgestellten Kunstobjekte gesorgt. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die einzelnen Ausstellungsstücke durch die vielen Veranstaltungen in den Hintergrund gedrängt würden. Ich glaube, das Gegenteil ist eingetreten. Die Sonntagvormittagsführungen beispielsweise waren immer gut besucht. Und eine Sportveranstaltung wie der Treppenlauf machte vielleicht Marburger, die weniger kunstinteressiert sind, auf einige der ausgestellten Objekte neugierig.

MF: Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstler, die beim Treppenprojekt zu sehen waren, ausgewählt?

Hans Schohl: Einige wie Katrin Magens, Georg Mertin, oder Inga Rusz waren bereits bei ausufern dabei und wieder bereit mitzuarbeiten. Holger Benthien, Markus Hutter, Rolf Wegst, Roland Albrecht, Wolfram DER Spyra und Uwe Rusz schienen mir von ihren Arbeiten her für das Treppenprojekt geeignet und interessant. Ich habe mich natürlich gefreut, dass sich mit Burgi Scheiblechner, Antonia Mösko und Gerda Waha drei Kolleginnen unserer Radenhausener Gruppe als Häkelkreis zusammengefunden und auf ihre ganz eigene Weise zur „Buntheit“ der Ausstellung beigetragen haben. Die Stadt hat an alle Künstler eine Aufwandsentschädigung gezahlt. Es handelte sich wirklich nur um eine vergleichbar geringe Summe; da aber solche Honorare in der Kunstwelt bis jetzt eher die Ausnahme sind, ist dies der Stadt Marburg hoch anzurechnen.

MF: Herr Schohl, was ist Ihr künstlerischer Wunsch für die kommenden Jahre?

Hans Schohl: Ich würde mich freuen, wenn auf ausufern und hinauf, hinab - dasselbe, vielleicht im Zwei-Jahres-Rhythmus, ein drittes Projekt folgen würde, ein viertes, ein fünftes usw. Marburg könnte so langsam zu einer Stadt mit viel Kunst im öffentlichen Raum werden, noch attraktiver für Gäste und die Marburger selbst.

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