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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 5
Wer das Publikum der zahlreichen in Marburg stattfindenden Lesungen kennt, ist diesmal zumindest erstaunt: ca. neunzig Prozent der im KFZ Anwesenden sind unter dreißig Jahre alt. Die Stimmung ist entspannt, man trinkt Bier, Wein oder Coca-Cola, und wenn sich mancher der Älteren etwas beunruhigt fragt, wie es wohl während der Veranstaltung im Saal zugehen wird, muss er sich im Verlauf des Abends gestehen, dass seine Sorge gegenstandslos war. Zweimal kippt mit dem üblichen Geräusch eine Flasche um, sonst aber bleibt es während der einstündigen Lesung absolut still, nicht einmal ein Handy klingelt.
Judith Hermann liest die letzte Erzählung aus "Nichts als Gespenster" komplett vor. Sie beeilt sich ein wenig, ohne gehetzt zu wirken. Vorher, als sie nach der Vorstellung sagt, sie fange am liebsten immer gleich an, wirkt sie beinahe scheu, aber dieser Eindruck trügt offenbar: sie fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Geschichte, lacht an einigen Stellen gemeinsam mit dem Publikum über gelungene Formulierungen und beantwortet später die wenigen Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer souverän, manche Anekdote aus früheren Auftritten einflechtend.

Die Hauptperson aus: "Die Liebe zu Ari Oskarsson", eine junge Frau um die dreißig, lebt in lockerer Verbindung mit Owen zusammen, beide haben eine Musik-CD in Eigenregie produziert und werden zu einem Festival nach Tromsø in Norwegen eingeladen. Als sie dort eintreffen, erfahren sie als erstes, dass sie umsonst gekommen sind: keine andere Gruppe ist erschienen, niemand als sie hat offenbar diese Einladung ernst genommen (gutmütiges Lachen des Publikums und der Autorin). Die beiden quartieren sich in einem Gästeheim ein und bleiben dann länger als die vorgesehenen sieben Tage in der norwegischen Stadt. Owen ist häufig unterwegs und erkundet die Sehenswürdigkeiten des Ortes und der Umgebung, die junge Frau aber bleibt beinahe ständig in ihrem Zimmer. Sie scheint auf etwas zu warten, das sie nicht klar ausspricht und vielleicht selber noch nicht kennt; wir erfahren nur, dass sie eigentlich keine Musik mehr machen möchte.
Zwei weitere Deutsche leben in dem Gästeheim, der homosexuelle Martin und die zurückhaltende Caroline, mit der sich die Erzählerin öfter unterhält. Martin verlässt manchmal nach Mitternacht das Haus, und die Zurückbleibenden wissen, dass er auf die Suche nach sexuellen Abenteuern geht. Endlich werden alle vier zu einer Party eingeladen, die, wie sich schnell herausstellt, von dem Veranstalter des missglückten Festivals gegeben wird. Alle, bis auf die junge Musikerin, konsumieren große Mengen Alkohol. Im Verlauf der langen Nacht lässt sie sich, zum Entsetzen von Caroline, mit diesem Veranstalter, Ari Oskarsson, ein - beide küssen sich ausgiebig in Anwesenheit der anderen und seiner Frau, die mit Owen tanzt und sich später mit ihm in ein abgelegenes Zimmer zurückzieht. Oskarsson sieht durchaus leer und unbeteiligt aus, als er "I love you" zu seiner Zufallsbekanntschaft sagt, die ihm irgendwann "I you, too" erwidert. Die junge Frau weiß jedoch genau, dass sie nicht mit ihm schlafen wird; auch Owen aber, der weniger zurückhaltend ist, gelangt nicht zum Ziel.

Am nächsten Tag, man hat lange geschlafen und ist mit Kopfschmerzen aufgewacht, fahren die Erzählerin und Owen noch einmal zum Haus ihrer Gastgeber der letzten Nacht. Sie sehen das Flimmern des Fernsehers hinter den Gardinen, klingeln aber nicht an der Tür, sondern begeben sich an die Küste und über einen Steg, der bei steigendem Wasser überflutet wird, auf eine kleine Insel. Hier nun sieht die Frau, wie sie es sich ursprünglich gewünscht hatte, das Nordlicht.
Alle in der Erzählung geschilderten Begegnungen und Beziehungen sind im Grunde austauschbar. Das Lebensgefühl der Personen beinhaltet wie selbstverständlich eine gewisse Leere. Mehrfach weist Judith Hermann auf die Kälte der Hauseinrichtung bei den Oskarssons hin. Aber die Orientierungslosigkeit der Menschen hat nichts Tragisches, sie ist eher die selbstverständliche Grundvoraussetzung ihrer Existenz. Niemals deutet Hermann an, dass es anders sein könnte oder müsste: kein Ideal von Liebe oder auch nur tieferer Zuneigung wird der unausweichlichen Oberflächlichkeit des Daseins entgegengesetzt. Dennoch entsteht kein Eindruck von Trostlosigkeit. Die Erzählerin erlebt das Geschehen der Nacht, sie war "schön", trotz, ja vielleicht sogar wegen der "Traurigkeit unter der Lust", die sich in der Erinnerung einstellt, als Befreiung. Sie emanzipiert sich von ihrem alter ego, Caroline, die so etwas wie ihr Über-Ich, das die Einhaltung von engen moralischen Normen verlangt, darstellt. Sehr verhalten wird so auf die Selbstfindung der Hauptperson hingewiesen. Sie akzeptiert nun die wirklichen Regeln der Existenz und begegnet ihnen nicht mehr mit einem Verhaltenskodex, der im Grunde nur darauf beruht, die Flüchtigkeit des Lebens nicht wahrhaben zu wollen. Weil sie ihre - und Carolines - Angst überwindet, ohne sich jedoch in der Scheinfreiheit eines "anything goes" zu verlieren, gewinnt sie eine Sicherheit im Unsicheren, die ihr ein spezifisches Gefühl der Bejahung des eigenen Daseins ermöglicht.

Mit diesem Verfahren, der Vergänglichkeit zu begegnen, indem man sich ihr vorbehaltlos aussetzt, stellt sich Judith Hermann in eine lange Tradition, die von Schiller - die Anerkennung des Todes ist die Voraussetzung seiner "Überwindung" - über Rilke - "Halten wir uns dem Wechsel zwischen die Zähne" - bis etwa zu Hartmut Lange - "Ich konnte nur im freien Fall zur Ruhe kommen" - reicht. Sie führt somit überwiegend junge Leserinnen und Leser an eine Grundproblematik des Lebens und der Literatur heran. Ihr Versuch, in "Die Liebe zu Ari Oskarsson" die literarische Tradition in der Nachmoderne fortzuführen und zu erneuern, indem sie sie an die Bedingungen der Gegenwart anpasst, gelingt und stößt doch im Gelingen an seine eigene Grenze. Hermann ist eine gute Schriftstellerin, deren unaufdringlicher, "Tiefe" vermeidender Stil das Daseinsgefühl besonders jüngerer Menschen präzise wiedergibt. Was jedoch Selbstfindung, oder wie immer man das heute nennen will, in einer Welt allumfassender Kontingenz heißen könnte, beantwortet sie zu schnell. Ihr Akzeptieren der Oberfläche, das es ihr ermöglicht, die langweilig gewordene Kritik an einer Realität der Simulakren zu transzendieren, verhindert auch eine literarische Zuspitzung des Konflikts zwischen Selbst und Vergänglichkeit oder Kontingenz. Er behält so eine gewisse Harmlosigkeit, und seine Darstellung enttäuscht vielleicht manche Erwartungen, wie sie andere erfüllt.
Dennoch gehört Judith Hermann unbestreitbar zu den interessanteren Gegenwartsautorinnen und -autoren. Einen Roman werde sie so schnell nicht schreiben, antwortete sie auf eine entsprechende Frage, ein drittes Buch werde wohl wieder Erzählungen enthalten. Warten wir ab, ob, und wenn ja, wie sie sich von den nun veröffentlichten unterscheiden werden.
Max Lorenzen