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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 5
Buch des Monats September
Hartmut Lange: Leptis Magna. Zwei Novellen, Diogenes Verlag, Zürich 2003, ISBN 3 257 06336 9, 166 Seiten, 16,90 €
Die erste, kürzere, Novelle: "Der Umzug", arbeitet mit Themen, die auch in der zweiten, die dem Band seinen Namen gegeben hat, variiert werden. Zunächst also: Bodewig, Politikprofessor in Berlin, erbt ein Haus in Wien, in das er möglichst rasch, nach den notwendigen Reparaturarbeiten, mit seiner Frau einziehen will. Er schickt sie vor, um die Renovierungen durchführen zu lassen, lässt auch beinahe das gesamte Mobiliar des in der Matterhornstraße gemieteten Hauses von einer Möbelfirma zwischenlagern, lebt dann aber weiterhin in dem leergeräumten Gebäude. Er geht offenbar eine Beziehung zu einer jüngeren Frau ein und wird für die eigene, im direkten wie im übertragenen Sinn, immer unerreichbarer. Auf jedenfalls vergleichbare Weise entzieht sich van der Velde in "Leptis Magna" dem Heiratswunsch seiner langjährigen Freundin Sibylle. Unter dem Vorwand, den Umzug in das von den künftigen Schwiegereltern bereitgestellte eigene Haus vorzubereiten, schafft er seinen Besitz aus der gemeinsamen Wohnung und verschwindet dann endgültig.

Im "Umzug" taucht die neue Freundin Professor Bodewigs nur am Rande auf, dennoch wird der Leser von Langes Novellen das Corinna-Motiv der ebenso verführerischen, wie zwielichtigen Frau – aus "Eine andere Form des Glücks" - wiedererkennen. In ihm verweben sich Glücks-, ja Transzendenzverlangen und krasseste Täuschung: in der früheren Novelle ist gerade die Person, an die sich das Verlangen nach Wahrheit knüpft, vielleicht nur eine Edelprostituierte. Bodewig bleibt allein zurück, wie im anderen Text Kippenberger, und beobachtet am Schluss der Novelle zum wiederholten Mal das Einbrechen der Dämmerung: "Regelmäßig wie eh und je, der Jahreszeit entsprechend etwas später, begann es schattiger zu werden, aber nicht, wie man es hätte erwarten können, vom Keller oder von der Diele her. Nein, zuerst veränderte sich die Küche. Und strenggenommen waren es keine Schatten. Weder dort noch sonstwo in der ersten oder zweiten Etage gab es etwas, das dem Lichtwechsel eine Kontur hätte geben können. Die Wände waren kahl, und da auch die Lampen an den Decken und die Vorhänge an den Fenstern fehlten, vollzog sich der Einbruch der Dunkelheit gleichmäßig und auf breiter Front. Und es war schon erstaunlich, dass Professor Bodewig nach so vielen Wochen, oder waren es Monate, immer noch, um den Vorgang zu beobachten, weit nach vorn gebeugt auf dem Ledersofa saß. Und war da nicht auf der gegenüberliegenden Wand, wenn die Schattengrenze darüber hinwegging, etwas zu sehen, das dort nicht hingehörte oder von dem man hätte vermuten können, dass es nicht weggeräumt worden war? Und dies, [...] von dem auch Professor Bodewig wusste, dass es eine Täuschung war, dies war es, was ihm das Gefühl gab, auf dem richtigen Weg zu sein.
[So war es] nur selbstverständlich, dass zuletzt alles, was Professor Bodewig vor Augen gehabt hatte, in ein ununterscheidbares Schwarz getaucht war, und der Eindruck, er befände sich am Rande eines Abgrunds, war nun vollkommen, obwohl er wusste, dass da immer noch die steile Treppe war, die in die Diele und darüber hinaus in die Kellerräume führte" (S. 57 ff).
Dieser zentrale Schlussabschnitt führt in äußerster Konzentration die Langeschen Hauptthemen zusammen. "Professor Bodewig wollte auf zu neuen Ufern" (S. 9), beginnt die Novelle, an deren Ende die neuen Ufer sich als das erweisen, was sie sind, nämlich als Rand eines Abgrunds. Das schöne alte Haus in Wien hätte diese existenzielle Grunderfahrung, die im Betongebäude der "Matterhornstraße" - "ausgesetzt auf den Bergen des Herzens" lautet ein Rilke-Vers - möglich wird, wohl eher erschwert. Im Nichts, dem ununterscheidbaren Schwarz, scheint sich an einer Stelle der Wand etwas zu befinden, das wegzuräumen man vergessen hat. Diese Reminiszenz an eine Sinn-Tradition, die dem Nihil standhalten könnte, ist zwar eine Täuschung; dennoch vermittelt sie Bodewig das Gefühl, "auf dem richtigen Weg zu sein".
Lange bezeichnet sich als "positiven Nihilisten". Er gehört zweifellos zu denjenigen bedeutenden Autoren der untergegangenen DDR, die sich, als ihnen die marxistische Philosophie keine Heimstatt mehr bot, kompromisslos der Erfahrung des Nihilismus aussetzten. Anders jedoch als etwa Heiner Müller, für den auch die Kunst am universellen Zusammenhang von Schuld und Grausamkeit teilhat (vgl. den in Kürze im Forum erscheinenden Aufsatz über Müller von Ulrich Horstmann), bietet sie für Lange die Möglichkeit, dem Nichts immer wieder standzuhalten: [Demut] "enthüllt uns einen positiven Nihilismus, in dem Verzweiflung und Trost einen Pakt eingehen" (Irrtum als Erkenntnis, S. 72).
Um zu erkennen, welcher Art dieser Pakt sein könnte, sei nun der Schluss der zweiten Novelle des Bandes betrachtet. Als seine Freundin sich dem Wunsch, die Hochzeitsreise nicht nach Neuseeland, sondern zur nordafrikanischen Ruinenstadt Leptis Magna zu machen, entzieht, reist van der Velde offenbar mehrfach allein dort hin. Sibylle bemerkt das unter anderem an dem feinen rötlichen Sand, den sein Koffer enthält und den sie vergeblich aus der Wohnung zu entfernen versucht. Nach der geplatzten Hochzeit - ebenfalls ein aus "Eine andere Form des Glücks" bekanntes Motiv - reist auch Sibylle zu der altrömischen Stadt. Sie verbirgt sich vor der Reisegesellschaft und den staatlichen Begleitern und verbringt die Nacht, einem Sandsturm beinahe schutzlos ausgesetzt, in den Ruinen: "... und auch den Sturm, der ihr, sie kauerte in einem engen Versteck, allmählich den Atem nahm, empfand sie als etwas, das sie nicht zu fürchten hatte. [...] Sie hätte [im severischen Forum auf den Stufen der Basilika] einen besseren Ausblick gehabt, sodass es ihr zuletzt, wer weiß, vielleicht doch noch gelungen wäre, dem Würgeengel ins Gesicht zu sehen. Und wieder hörte sie die Stimme, die sie diesmal unbeachtet ließ. Denn was hätte sie ihr sagen können, was sie nicht schon wusste, und als Sibylle den Kopf hob, war da nichts weiter zu sehen und zu spüren als die Wucht des Unwetters. [...] Der Rest war ein gedankenloses Ausharren, und da es Sibylle gelang, die Nacht in dieser gedruckten Stellung zu überstehen, erlebte sie die Stille nach dem Sturm, und nun hätte sie sich davon überzeugen können, dass Teile der Kolonnadenstraße verschwunden waren [...]. Stattdessen bemerkte sie, dass der Himmel über ihr, den das Unwetter freigegeben hatte, vollkommen sternenlos war. 'Wie ist das möglich', dachte Sibylle, klopfte den Sand von sich ab und spürte die Kälte, die von der unterschiedslosen Dunkelheit ausging. [...] Der Würgeengel, das wusste Sibylle jetzt, hatte kein Gesicht" (S. 163ff).
Auch hier also die "unterschiedslose Dunkelheit" oder Schwärze. Zweimal, zu Beginn und in der Mitte, zitiert Hartmut Lange Verse eines arabischen Dichters, Sidi Mahrez, die dieser "beim Anblick tripolitanischer Ruinen aufgeschrieben hatte" (S. 120): "Warum diese Leere nach der Freude? / Dieses Elend nach dem Glanz? / Dieses Nichts, wo einst die Stadt war? / Wer gibt uns die Antwort? Nur der Wind!" (ebda.) Der Wind, der Teile der Kolonnadenstraße verschwinden lässt, wird zweifellos auch einst Berlin mit Staub oder Sand zudecken. Beide Städte, die noch existierende und die untergegangene, sind eben durch das, was sie zerstören wird, miteinander verbunden: durch den Zeit-Wind, der auf Fragen gerade keine Antwort gibt, weil er selbst seine Antwort ist. Er weht überall, weil Menschen wie Städte einer allumfassenden Vergänglichkeit ausgeliefert sind.
Der "Wetterwechsel" (S. 147), unter dem Sibylle in Berlin leidet, findet "womöglich in einer fremden Gegend" statt: " 'Manchmal spürt man dergleichen Dinge über Tausende von Kilometern hinweg' "(ebda.) - und offenbar lange im voraus, denn der Sturm bricht gerade dann aus, als Sibylle in Leptis Magna eintrifft. In diesen Entsprechungen, nicht nur der Städte, sondern auch von Mensch und scheinbar äußerem Ereignis, verdichtet sich der Stil Langes zu einer nüchternen Rätselhaftigkeit, die die Anziehungskraft dieser Prosa ausmacht. Der "Würgeengel", dem Sibylle vorher nicht ins Gesicht blicken will, ist die gesichtslose Zeit, die Vergänglichkeit und letzte Sinnlosigkeit allen Daseins, die in der Stille einer klaren und doch sternenlosen Nacht unverstellt wahrnehmbar wird.
Aber weder die verlassene Frau, noch der Berliner Professor brechen unter dieser Wahrnehmung zusammen. Verzweiflung und Trost scheinen tatsächlich einen merkwürdigen Pakt einzugehen. Wenn alles vergänglich und hierin kontingent, also im letzten ebenso unwiederbringlich wie unwiederholbar ist, so resultiert aus der Omnipräsenz des Todes auch unsere Individualität: "Über das Einmalige, Unwiederholbare, über das Ich-Phänomen in seiner Absolutheit lässt sich nicht philosophieren. Philosophie setzt die Anwendbarkeit aller Begriffe voraus. Kann man das Undenkbare überdenken? Offenbar nicht. Und doch ist dies eine Frage, die man nicht mehr los wird, weil sie sich in der Irritation des eigenen, unverwechselbaren Ego eingenistet hat" ( Irrtum als Erkenntnis, S. 131).
Das schlechthin Flüchtige lässt sich gerade nicht auf den Begriff bringen. Unsere Existenz ist rätselhaft, eben weil sie schlechthin kontingent ist. Versuchte man, dieser Kontingenz etwas abzuziehen, so entstünde ein "Sinn", der gleich wieder in sein Gegenteil, die Berechenbarkeit, umschlüge. Das existenzielle Zentrum lässt sich nicht denken, wohl aber: zugleich mit seiner ständig geschehenden Vernichtung, erfahren. Die Struktur dieser Erfahrung ist paradox, denn sie enthält mindestens zwei sich gegenseitig aufhebende Komponenten. Es ist rätselhaft genug, dass ein wirklicher existenzieller Sinn für uns nur in der Zone seiner radikalen Aufhebung erlebbar ist.
In der "Absolutheit" des Individuums gründet für Lange auch die Möglichkeit der Ethik: "Und was ist diese Sehnsucht nach Ethik anderes als metaphysische Bedürftigkeit? So entsteht Nächstenliebe, aber nicht unter dem Versprechen der Heilserwartung, sondern aus Ratlosigkeit, Irritation [...]. So entsteht Demut [...]" ( a. a. O., S. 151). Die aus dem Nichtwissen resultierende Demut verzichtet auf ethische Besserwisserei, also auf immer dogmatische Heilspläne. Sie ist darum bemüht, das Eigenrecht anderer anzuerkennen, das in deren Kontingenz gründet. Auf eine axiomatische Begründung ihrer Maximen erhebt sie von vornherein keinen Anspruch, obgleich sie weiß, dass sie ohne "metaphysische Bedürftigkeit" über bloße Klugheitsregeln nicht hinauskäme.
Hier wie auch sonst in seinen Texten erweist sich Hartmut Lange als Schriftsteller und Philosoph des Übergangs. Das Konzept einer Ethik ohne Letztbegründungen, wie es heute an den Universitäten gehandelt wird, ist ihm nicht genug. Er weiß, dass es ohne sein scheinbares Gegenteil, das Bedürfnis nach Metaphysik - auf die die Anhänger jenes Konzepts gerade verzichten - , in pure Flachheit mündet. Begegnen sich aber der Kontingenzgedanke und das metaphysische Bedürfnis, so entstehen eine nachmoderne Literatur und Philosophie, die im Gebiet des Nihilismus selber eine neue Wahrheitsfähigkeit stiften.
Die neuen Novellen Langes sind bereits dabei, einen solchen Stiftungsakt zu vollziehen. Unabhängig davon jedoch können sie als literarische Meisterwerke, die ihre Leserinnen und Leser schon durch die Doppelbödigkeit ihres Stils fesseln und in die Handlung hineinziehen, rezipiert werden.
Max Lorenzen