Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 5


„...komm, komm, mein liebes einziges Weib zu Deinem Richard W...“

Die Ehe Minna Wagners: ein Kreuzweg

 

Das Leben eines ‚Genies’ aus der Perspektive seiner – ‚unbedeutenden’ – Frau: in diese Kategorie  gehören Veröffentlichungen, die kaum Leser fänden, wenn nicht der Name des berühmten Gatten als Verkaufsmagnet wirkte. Darstellung also aus der Schlüsselloch-Perspektive für Voyeure resp. Voyeusen, die auch die allzumenschlichen Intimitäten der zumeist unglücklich endenden Partnerschaft enthüllt? Identifikations-Angebot für zahlreiche frustrierte Frauen, deren Männer zwar keinen VIP-Rang erreicht, die ihr streckenweise gemeinsames Leben aber auf ähnliche Weise als Täter/Opfer bzw. Macht/Ohnmacht-Beziehung reduziert haben? (Wobei beide Partner sich die Position des/der Benachteiligten auf dem ehelichen Kampfplatz zuschieben.) – Exemplarisch dafür lassen sich die Tagebücher (1862-67) der Sofja Andrejewna Tolstaja (Athenäum 1982) lesen, die das private Leben Tolstois, reflektiert durch seine Frau, vor Augen führen.  (Aufschlussreich der dort aufgezeigte biografische Hintergrund seiner „Kreutzer-Sonate“).

Eva Rieger, Musikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Musik-Soziologie, beschreibt das Verhältnis „Minna und Richard Wagner. Stationen einer Liebe“.

Ähnlich wie die Tolstaja mit ihrer durch Ehe und Familie verhinderten Pianistinnen-Laufbahn, hat auch Wagners erste Frau nach ihrer Heirat (1836) auf eine Fortführung ihrer bereits vielversprechend begonnenen Künstlerinnen-Laufbahn verzichten müssen. Die von der Autorin entsprechend kommentierte zeittypische weibliche Geschlechtsrolle mit Unterwerfung der Frau als dienendes Eheweib wird anhand zahlreicher Brief- und Tagebuch-Belege der Ehepartner Wagner und des Freundeskreises demonstriert.

Die Zumutungen eines Lebens an der Seite des zunächst nicht Anerkannten, um seine materielle Existenz als Komponist ringenden, erst spät  mit Lorbeer Gekrönten (für Minna zu spät), verwandeln die „Stationen einer Liebe“ für Minna und den Leser in einen „Kreuzweg“.

Da der Ehemann sowohl für seine Frau als auch für den Leser in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, quasi der Nabel der Welt ist, verliert die mit Nachwort, Literaturverzeichnis und Personenregister (eine Zeittafel zum Leben fehlt leider) auf 444 Seiten angewachsene Biographie Minna Wagners, deren Titel („Minna und Richard Wagner“) bereits ihr Eigenleben vernachlässigt, an Interesse, als nach der Trennung und den erfolglosen Versuchen, wieder zusammen zu leben um 1858/59 zurückgezogen und weitgehend isoliert ohne jeden Glanz verebbt (drei weitere Kapitel).Nicht nur der Titel ist verräterisch, ebenso signalisiert bereits das Umschlagbild mit Minnas Porträt vor dem wesentlich größeren Richard Wagners im Hintergrund seine totale Dominanz.

Minna Wagner

Die Verfasserin hat es sich zur Aufgabe gemacht: „anstelle von Einseitigkeiten und Mythenbildungen ... anhand der Quellen zu versuchen, die Stationen einer Ehe ansatzweise nachzuzeichnen, mit all ihren Widersprüchen und Konflikten, aber auch Vertraulichkeiten und Glücksmomenten. Letztlich soll es dem Leser und der Leserin überlassen bleiben, sich ein eigenes Bild von den Vorgängen und den Menschen zu machen ...“ (S.22). Allerdings ‚bekennt’ sie, „sich leichter in Minnas als in Richards Situation hineinversetzen zu können“ (S.21).

Ist Minna  wirklich die „zentrale Frau in Wagners Leben“, wie im Umschlagtext behauptet? Die weiteren Damen begegnen uns im Lauf der Lektüre: Jessie Laussot; Mathilde Wesendonck; Mathilde Maier u.a.m. Bis Richard 1864 mit Cosima von Bülow, der Tochter Liszts, die Tochter Isolde zeugt und Cosima schließlich 1866, vier Jahre nach Minnas Tod, heiratet.

Ellen Kohlhaas, Musikkritikerin der FAZ, sieht in ihrer Rezension von Eva Riegers Minna-Biographie neben der „Rehabilitierung einer Verkannten“ die Bewältigung vielfältiger Aufgaben:

bürgerliches Frauenleben im 19.Jahrhundert darzustellen,
„Einblick in den komplizierten Alltag eines exzentrischen Komponisten“ zu geben,
den „Psychoprozess einer Entfremdung“ der Ehepartner darzustellen,
die Entstehungsgeschichte der Wagner-Opern nachzuzeichnen,
einen „Beitrag zur Grundlagenforschung, um zum einen Klischees über die Geschlechtergeschichte im Bürgertum aufzubrechen und zum andern über die Bedeutung der Geschlechterbeziehungen für das Verständnis von Wagners Werk aus dem marginalen Diskurs herauszunehmen und in eine  zentrale Position zu rücken.

Der Leser / die Leserin sollte die Frage nach der „zentralen Frau in Wagners Leben“ nach der Lektüre  selbst beantworten, wenn diese Frage denn so gestellt, überhaupt noch ihre Berechtigung hat. Geht es doch darum, inwieweit Wagner als „dämonische Natur“ (Musik in Geschichte und Gegenwart, Sp.105), die sich häufig – wie er sich selbst eingesteht – „aus allen Beziehungen zu menschlichen Verhältnissen“ herausgenommen fühlte, eine wirklich ‚zentrale Frau’ neben sich auf die Dauer ertragen konnte. Für die FAZ titelt E. Kohlhaas ironisch: „Das Genie schuftet und ist Schuft“. Den dreizehn Ehejahren mit Cosima stehen rein zahlenmäßig die 27 mit Minna gegenüber. Musikhistorisch fällt in Minnas Epoche der erste Abschnitt seines kompositorischen Wirkens („Die Feen“ bis „Lohengrin“); dann folgt die Wesendonck-Episode (mit „Tristan“ und den „Wesendonck-Liedern“): später mit Mathilde Maier als angeblichem „Urbild“ der Eva-Rolle (MGG, Sp.98, Curt von Westernhagen) „Die Meistersinger“; zu Cosimas Zeiten entstehen die Spätwerke („Der Ring“).

  „...komm, komm, mein liebes einziges Weib zu Deinem Richard W.W.W.W.W.W. Jetzt lebt unsere Liebe wieder so neu und jugendlich auf, - o die Liebe ist doch von göttlicher Art! Komm’ zu mir, mein Weib, laß mich Deine Wunden heilen, es soll nun das Geschäft meiner Liebe sein. Ich bin so voll von Dir, mein armer Engel, ich trage Dich so fest und warm in meinem Busen; o komme auch Du in meine Arme, laß uns uns gegenseitig Schützen und pflegen, und wir werden nie sterben, wir leben in Ewigkeit vereint“. (E.R., S.67, Hervorhebung v. Verf.)  Dieser  beschwörende, exaltierte SOS- und Lockruf zieht sich durch Minnas und Richards Leben; ja selbst nach der Trennung 1858 versucht Richard in Paris und Biebrich nochmals sein Herdfeuer mit Minna als Heimchen am Herd wieder aufleben zu lassen. Verlorne Liebes-Müh!

Hannelore Schmidt-Enzinger

Eva Rieger: Minna und Richard Wagner. Stationen einer Liebe. Artemis und Winkler Verlag, Düsseldorf 2003, 444 S. Abb., geb. 28,00 €

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