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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
Massimo Ferrari Zumbini: Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler. Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2003. ISBN 3-465-03222-5. Ln. 49 EUR
Die Gesellschaft des 1870/71 gegründeten deutschen Reiches war eine Gesellschaft im Umbruch. Die Juden bildeten darin die Avantgarde des Transformationsprozesses. Sowohl in den neuen politischen, als auch in den wirtschaftlichen Strömungen der Zeit waren sie überproportional stark vertreten. Dem entsprach, daß sie sich signifikant von der protestantischen Mehrheitsbevölkerung, genauso wie von der großen Minderheit der Katholiken im Reich unterschieden, nämlich hinsichtlich der räumlichen Verteilung, der Berufsstruktur, der wirtschaftlichen Aktivität und des Bildungsniveaus. So konzentrierte sich die jüdische Bevölkerung in den Großstädten, v. a. in Berlin, Frankfurt und Hamburg, und hier auch noch in bestimmten Stadtteilen. Juden übten vor allem freie Berufe aus und waren im Handel und der Finanzwirtschaft aktiv. Der Anteil von Absolventen mit höherem Bildungsabschluß lag weit über dem Reichsdurchschnitt. Große Teile der jüdischen Bevölkerung im zweiten Kaiserreich schienen somit zu den Gewinnern der Modernisierung zu gehören. Dieser Schein, von dem sich nicht wenige Juden selbst blenden ließen – ihnen schien die Gründerzeit der erfolgreiche Abschluß des im 18. Jahrhundert begonnenen Emanzipations- und Integrationsprozesses zu sein - trog jedoch. Die erneute Ausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft, die mit den Nürnberger Rassegesetzen endgültig besiegelt und in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Belzec, Chelmno, Majdanek, Sobibor und Treblinka auf furchtbare Weise vollendet wurde, blieb auch im Kaiserreich und während der Weimarer Republik eine Konstante der deutschen Geschichte.
Es ist wohl kaum möglich, die Entwicklung des Antisemitismus zwischen 1870 und 1933 nicht als Vorspiel der Vernichtung der europäischen Juden in den Todesfabriken der SS zu beschreiben. Daniel Jonah Goldhagens These vom eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen bezieht aus dieser vermuteten Kontinuität ihre Plausibilität. Tatsächlich ist der Antisemitismus in Deutschland vor Hitlers Machtergreifung aber vielschichtiger als vermutet. In dem hier zu besprechenden Buch von Massimo Ferrari Zumbini, der an der Universität von Viterbo „Geschichte der deutschen Kultur“ lehrt, wird der Versuch unternommen, der Komplexität dieses Phänomens gerecht zu werden. Der Autor konzentriert sich dabei auf den organisierten Antisemitismus, d. h. auf die Bildung und die Aktivitäten antisemitischer Vereine, Verbände und anderer Gruppierungen und ihre Zeitschriften, Publikationen etc. sowie auf entsprechende öffentliche Debatten wie etwa den „Berliner Antisemitismusstreit“ von 1879/80, in dem der nationalkonservative Historiker Heinrich von Treitschke eine berüchtigte Rolle spielt und prominente Juden und Nicht-Juden wie Heinrich Graetz, Theodor Mommsen, Hermann Cohen und Ludwig Bamberger wider den Antisemitismus Partei ergreifen.
Das größte Verdienst der Untersuchung von Ferrari Zumbini liegt unbestreitbar darin, daß er die Gedanken, Argumente und Biographien einiger inzwischen vergessener Antisemiten historiographisch aufbereitet. Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Polemiken wieder an Boden zu gewinnen scheinen – und dies wohl nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft – ist eine solche Rückbesinnung mehr als nur wünschenswert. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die man aus Ferrari Zumbinis Buch gewinnen kann, ist die, daß der Erfolg des Antisemitismus sich nicht auf parlamentarisch-politischem Weg einstellte, sondern über die viel schwerer kontrollierbaren Instanzen der Publizistik, berufsständischer Interessenverbände, religiös-politischer Institutionen und informeller Kontakte.
Bereits im ersten Jahrzehnt nach der Reichgründung findet sich die Verknüpfung eines religiösen Antisemitismus, wie er auf protestantischer Seite von Adolf Stöcker und auf katholischer etwa von August Rohling vertreten wurde, mit dem wirtschaftlichen Antisemitismus eines Otto Glagau. Diese eher idealtypisch zu verstehende Unterscheidung verschiedener Ausprägungen des Antisemitismus steht nach Ferrari Zumbinis Analyse im Kontext eines „doppelten Schaltkreises“ von Religion und Wirtschaft, d. h. einer „Gleichzeitigkeit zweier differenter Leitlinien, die sich aber mittels Synergie wechselseitig potenzieren“ (129). Dieser doppelte Schaltkreis beherrscht die antisemitische Diskussion bis in die 1890er Jahre, als rassistische und eugenische Elemente innerhalb des Antisemitismus an Bedeutung gewinnen. Keine Frage, daß der Sozialdarwinismus, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern populär war, hierbei eine wichtige Rolle spielte. Aber gerade im deutschen Reich, das damals ein Zentrum der biologisch-medizinischen Forschung war, schossen die rassehygienischen Züchtungsphantasien ins Kraut. Das Bild von den Juden als minderwertige „Rasse“ ist zwar älter, findet im späten 19. Jahrhundert aber seine pseudowissenschaftliche und damit vermeintlich „objektive“ Begründung. Ein wichtiger Protagonist des rassischen Antisemitismus ist Theodor Fritsch. Ihm widmet Ferrari Zumbini ein eigenes - sehr lesenswertes – Kapitel. Fritsch verfaßte 1887 einen „Antisemiten-Katechismus“, der zahlreiche Auflagen erlebt und von Hitler in einem Brief als wichtige Quelle seiner Weltanschauung genannt wird. Entsprechendes gilt mindestens auch für Himmler und Streicher. Nachdem Fritsch bereits in den frühen 1880er Jahren als Herausgeber und Verfasser verschiedener antisemitischer Publikationen hervorgetreten ist (darunter auch die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“), beginnt er 1902 mit der Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, „Der Hammer“, der bis 1940 mit einigen Unterbrechungen erscheint. Fritschs Kontakte unter den Antisemiten seiner Zeit sind weitreichend und er versucht sie für eigene Organisationen, wie den „Reichshammerbund“ oder den „Germanenorden“, aus dem später die in der Weimarer Zeit relativ erfolgreiche „Thule-Gesellschaft“ hervorgeht, zu nutzen. Auf politischer Ebene ist er in der Führungsriege des 1919 gegründeten „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“ aktiv und ist 1924 Abgeordneter der „Nationalsozialistischen Freiheitspartei“. Theodor Fritsch ist somit das Bindeglied zwischen dem Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und der Rassenideologie der Nationalsozialisten.
Das Judenbild der Antisemiten wurde durch die Auswanderung der Juden aus Osteuropa und Rußland vor allem in die neue Welt noch einmal angereichert. Obwohl Deutschland hier nur mehr als Transitland fungierte und es zu keinem nennenswerten Anstieg des Anteils der Juden an der Bevölkerung im Deutschen Reich kam, wurden die Ostjuden als Gefahr für die deutsche Nation gesehen. In diesem Zusammenhang wurden vor allem die rassistischen Ängste vor einer „Entartung“ der „germanischen Rasse“ virulent. Dieses paranoide Judenbild gipfelte in den antimodernistischen Verschwörungstheorien, die „das Weltjudentum“ zugleich für den Liberalismus und den Kommunismus verantwortlich machten. Diese Widersprüchlichkeit der Interpretation sozialer Vorgänge hatte ihr Pendant in dem unterschiedlichen Erscheinungsbild der Juden im Reich. Dem assimilierten liberal gesinnten Politiker, Industriellen oder Publizisten wurde jetzt der fremdartige slawische Jude aus dem galizischen Schtetl an die Seite gestellt. So unterschiedlich beide auch waren, symbolisierten sie doch dasselbe – das schlechthin Andersartige und Fremde – und wurden zu Projektionsflächen von Ressentiments und Hass. Ferrari Zumbini faßt dieses Phänomen in dem Bild vom Juden als „Mutant“, der sich einerseits der Gesellschaft in der er lebt, anzugleichen strebt, der andererseits aber immer ein Außenseiter bleibt. Diese Unterstellung liegt letztlich der strikten Trennung von „Deutschen“ und „Juden“ zugrunde. Diese Unterscheidung, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert hat und eindeutig rassistisch ist, bestimmt die Situation deutscher Juden leider bis heute.
Ferrari Zumbinis Untersuchung ist auf die Entwicklung des Antisemitismus im Kaiserreich fokussiert. Die Intensität der Darstellung für die Zeit nach 1918 nimmt deutlich ab. Von einem Buch, das im Untertitel vorgibt, die „Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler“ zu beschreiben, darf man gewiß mehr erwarten. Ob die Entwicklung des von den Nationalsozialisten vertretenen rassischen Antisemitismus in den 1920er Jahren mit der Bildung der ersten nationalsozialistischen Parteien tatsächlich abgeschlossen war, bleibt weiterhin noch zu erforschen. Die Stärke des Buches – die Nachzeichnung des komplexen Geflechts antisemitischer Organisationen und ihrer Akteure – ist zugleich seine Schwäche. Denn die Frage beispielsweise nach der sozialen Trägerschicht des Antisemitismus bleibt weitestgehend unbeantwortet. Diese mag sich zwar für die „Gründerjahre“ des organisierten Judenhasses bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs angesichts des ausbleibenden politischen Erfolgs antisemitischer Parteien noch nicht aufdrängen, um so mehr aber für die Zeit des Erstarkens einer dezidiert antijüdischen rassistisch-faschistischen Ideologie mit eliminatorischen Zügen seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich dürfte die Forschungslage eine Gesamtdarstellung mit der von Ferrari Zumbini avisierten Spannbreite noch gar nicht zulassen. Einige der vom Autor konstatierten Forschungslücken werden von ihm selbst erst geschlossen und damit die Voraussetzung für eine Gesamtdarstellung geschaffen. Seine Untersuchung ist tatsächlich eine Ansammlung von Einzelstudien, die aus eben diesem Grund nicht frei von Redundanzen ist und eine echte Gesamtschau der Entwicklung des Antisemitismus von 1870 bis 1933 noch nicht zuläßt. Gleichwohl ist Ferrari Zumbinis Buch verdienstvoll und wird zweifellos für die Antisemitismusforschung von bleibender Bedeutung sein. Um ihm einen breiten Leserkreis zu sichern, wäre eine Straffung insbesondere der fremdsprachlichen Zitate aus der Forschungsliteratur wünschenswert gewesen. Paraphrasen hätten hier oftmals bessere Dienste geleistet.
Rainer Friedrich