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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
John
Smith
Jürgen Helmut Keuchel
Stanley
Gardner
Thomas Streibig
Mary
Smith
Christine Reinhardt
Barbara
Smith
Uta Eisold
Gavin
Smith
Harald Preis
Vicki
Smith
Regina Leitner
Dad
Stefan Gille
Inszenierung
und
Peter Radestock
Ausstattung
Dramaturgie
Anne-Kathrin Guder
John Smith, Taxifahrer in London, pendelt seit achtzehn Jahren zwischen zwei weit voneinander entfernt liegenden Stadtteilen der Metropole hin und her: In beiden hat er, ohne dass die voneinander wissen, eine Familie, Ehefrau und sechzehnjährigen Sohn dort, Ehefrau und sechzehnjährige Tochter hier; trautes Familienglück hier wie dort; besser könnte es allen, wie es scheint und wie vor allem John Smith glaubt, nicht gehen. Bis, und da setzt das Theaterstück Lügen haben junge Beine von Ray Cooney mit einem Paukenschlag ein, bis sich die Kinder, Vicki und Gavin, zufällig über das Internet kennen lernen, amüsiert feststellen, dass sie namens- und altersgleiche Väter haben, und Vicki Gavin nach Hause zum Tee einlädt. Jetzt droht das Truggebilde vom treuen Ehemann und sorgenden Vater zu platzen. John Smith sieht sein bigamisches Idyll in höchster Gefahr. Es beginnt ein grotesk-komisches Spiel aus Verheimlichungen, Ausreden, Vortäuschungen, Verstellungen und Lügen, das natürlich – der Zuschauer weiß es von der Minute an, da sich der Vorhang hebt und die Verwicklungen auf der Bühne ihren Lauf nehmen, - niemals gut gehen kann, zur Katastrophe führen muss. Und tatsächlich sitzt John Smith irgendwann nach immer neuen Lügengeschichten und Vertuschungsversuchen erschöpft im Sessel und muss bekennen: Das Spiel ist aus. Aber das Spiel ist in diesem Augenblick noch längst nicht aus, nicht im Theater, wo alles möglich ist, nicht in der rasanten Inszenierung des Cooney-Stücks unter der Regie von Peter Radestock, der bis zum Schluss die Zuschauer mit überdrehten, schrillen und „klamaukigen“ Situationen und Überraschungen der feineren und gröberen Art packen und bei Theaterlaune halten kann.

Christine Reinhardt, Stefan Gille, Jürgen Helmut Keuchel, Uta Eisold, Thomas Streibig und Harald Preis
Die Mischung aus der turbulent-komischen Lügen-Handlung, die sich Cooney (geb. 1932) für die Bühne ausgedacht hat, der englisch-boulevardesken Inszenierung, die sich gekonnt auf die farcig-groteske Geschichte der Vorlage einlässt, und dem Spiel der Akteurinnen und Akteure, die immer, manchmal vielleicht gerade noch, die Linie finden, auf der ihre Auftritte nicht zum plumpen Fernseh-Slapstick abgleiten, machte den Premierenabend zu einem großen Erfolg für das Hessische Landestheater. – Peter Radestock, das hat er in vielen Inszenierungen, beispielsweise in Sean O´Caseys Das Ende vom Anfang, gezeigt, hat ein Gespür für absurde, sich verwirrend schnell drehende Szenenabfolgen. Der Handlung von Lügen haben junge Beine gibt er ein Tempo, das in immer stärkeren Überdrehungen und Übertreibungen, wie eine Spirale, zu Überraschungen und Spitzen führt, die den Zuschauer rundum unterhalten, erstaunend darüber, was ein Regisseur aus einer insgesamt zwar theaterwirksamen, aber auch nicht immer überragenden Textvorlage „herausholen“ kann. Dabei hat Radestock inszenierungssicher aus dem Fundus des Boulevard-Komödienstils geschöpft. Er hat sich selbst einen idealen Bühnenraum geschaffen mit großem Sofa , auf und in und unter dem man sich verstecken, tot stellen, Ränke schmiedend sitzen, erschöpft am Ende sein, aber auch stolz als Großfamilie posieren kann, mit Klubsesseln, einem Wandschrank als, gelegentlich, letztem Fluchtweg und – das Wichtigste in einer Farce voller exzentrischer Figuren und unwahrscheinlicher Ereignisse und Vorkommnisse - Türen, Türen, Türen, sechs insgesamt und einer Treppe nach oben in ein Mansardenzimmer, Türen, die sich ständig öffnen und schließen, durch die erwartete wie unerwartete, gebetene wie ungebetene Gäste, Familienmitglieder eintreten und hinausgehen, hinter denen man Tochter oder Sohn oder Ehefrauen verschwinden lassen, verbergen, einsperren kann, hinter denen man schreien und an die man mit Fäusten trommeln kann. Dabei wird das turbulente Durcheinander durch ständiges Telefon- und Handygeklingel angetrieben und noch chaotischer. Der Bühnenraum ist farblich zweigeteilt, halb der Tochter-, halb der Sohn-Familie zugewiesen. Radestock kann durch diesen simplen Trick beide Familien gleichzeitig auf der Bühne auftreten lassen, kann übergangslos und dicht Szenen ineinander führen, regelrecht, besser als in einem Film, „zusammenschneiden“, was ein hohes Spieltempo ermöglicht, genau das, was der Zuschauer braucht, um gar nicht erst zu überlegen, ob die Handlung nicht doch manchmal zu weit hergeholt ist oder etwas auf der Stelle tritt.

Christine Reinhardt, Jürgen Helmut Keuchel und Uta Eisold
Dass die Inszenierung ein Erfolg wurde, liegt aber auch an dem gut aufgelegten Ensemble. Jürgen Helmut Keuchel verkörpert perfekt das Gehetzte des Taxifarers John Smith, der sich immer stärker in seinen eigenen Lügengespinsten verfängt, das aufgesetzt-streng Patriarchalische, wenn er seiner Tochter oder seinem Sohn den Umgang miteinander verbieten will, oder das Kumpelhaft-Männerfreundschaftliche, wenn er mit Untermieter Stanley Gardner die verrücktesten Pläne zur „Rettung“ ersinnt und sich mit jeder Idee tiefer in den Lügen-Schlamassel hineinwurschtelt. Ihm zu Seite stehen mit Christine Reinhardt als Ehefrau Mary und Uta Eisold als Ehefrau Barbara bewährte komödiantische Talente, die, indem sie sozusagen auf Keuchels sich fast überpurzelndes Spiel mit „realistischerer“ Sprache und „realistischeren“ Gesten - sie sind ja die Frauen, die von nichts ahnen, - antworten, erst komisch-farcige, doppelbödige Bühnensituationen schaffen. Harald Preis und Regina Leitner spielen die Teenager, die zu einer Familie gehören, ohne dass sie es wissen. Dazu gehört dann auch, alles slapstickhaft verfremdend und sprachlich verdrehend, Stefan Gille als Alter, als Dad.

Jürgen Helmut Keuchel und Thomas Streibig
Thomas Streibig allerdings sollte hervorgehoben werden. In der Rolle des Untermieters Stanley Gardner hat er an den schier endlosen Verwicklungen der Situationen wie an der alle Stürme und Befürchtungen glättenden Lösung am Schluss maßgeblichen Anteil. Dass der Abend ein Erfolg für das Hessische Landestheater geworden ist, liegt vor allem auch an ihm. Zwei Stunden lang führt er die Zuschauer von einer unglaublichen Situation zur nächsten, erfindet Ausreden, verbirgt und versteckt irgendjemanden, will eigentlich mit seinem Dad nach Cornwall, muss aber für seinen bigamistischen Freund John als vermeintlicher Vater von Vicky, als ihr Onkel, als Marys Ehemann, als Schwuler, als Telefonansager oder als jemand, der eine Leiche wegschafft, agieren, will die längst verfahrenen Situationen entwirren und erreicht am Ende ein Knäuel aus Lügen, ein Chaos aus Vertuschungen, die schließlich nur noch eines fordern: die Wahrheit. Und auch daran, dass letztlich – es ist eben doch alles Komödie – gut ausgeht, ist er „unübersehbar“ beteiligt. Thomas Streibig hat glänzende Auftritte.
Die Inszenierung von Ray Cooneys Lügen haben junge Beine garantiert gute Unterhaltung für alle, die die nächsten eher dunklen, manchmal tristen Regen- und Kältewochen ein bisschen aufhellen wollen.
Herbert Fuchs