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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
Ein riesiges Metallgestell, ursprünglich wohl dazu da, um an entsprechend hoch hängende Lampen im Theater zu gelangen, ist die Kulisse. Zwei junge Männer räkeln sich darauf, frotzeln sich an, geben wilde Sprüche von sich, sich wichtig machend, sich gegenseitig ausspielend ... Zwei Jungs, die sich ein bisschen langweilen.
Etwas laut, etwas viel, man trifft hin und wieder auf solche lauten, jungen Menschen. Sie machen ein bisschen Angst mit ihrer Ungezähmtheit.
Der eine Schauspieler spielt einen 14jährigen, der andere einen 15jährigen Jungen. Sie machen viel Unsinn, brechen in ein Lagerhaus ein, der Jüngere lässt sich überreden, ungern, aber an seiner Ehre gepackt, lässt er sich hochhieven um durch einen schmutzigen Schacht zu kriechen und die Türe dieses Lagers für seinen Freund zu öffnen. Auch hier machen sie ein wenig Randale, oder versuchen es jedenfalls, und brechen schließlich an einem teuren Auto etwas ab, das wiederum Alarm abgibt, die beiden suchen das Weite. Schließlich nehmen sie unterwegs Steine mit.
Die beiden „Jungs“ wechseln nun ihre Rollen, die Körperhaltung ändert, die Sprache kultiviert sich, ohne Umkleidung oder Kulissenänderung nimmt man den beiden Schauspielern die Veränderung ab. Mal stellen sie patrouillierende Wachmänner dar, mal wieder die „Jungs“, mit ausgeprägten flapsigen Dialogen, mal Polizisten, ein Wechsel hin und her, sehr differenziert. Die Jungs, die dummerweise auch noch auf eine Autobahnbrücke steigen müssen und die Steine, sich gegenseitig anfeuernd, die eigenen Bedenken unterdrückend, aus Angst, vor dem anderen nicht bestehen zu können, auf die Autobahn kicken. Ein „Volltreffer“ gelingt, den sie so nicht wollten. Den sie sich vorher nicht ausdenken konnten – oder wollten? Kann man sie zur Rechenschaft ziehen – kann man nicht. Können sie schon selbstständig einschätzen was richtig oder falsch ist – oder können sie nicht.
Und wenn dann so etwas geschehen ist – muss man sie gleich richten, schlecht, streng, moralisch behandeln, muss man sich jedes Einfühlungsvermögen und Verstehen - Wollens entziehen, weil so etwas Entsetzliches passiert ist. Keiner sieht die Verzweiflung, keiner die Hilflosigkeit in ihren Gesichtern. Man nennt sie verstockt, uneinsichtig. Ihr Entsetzen vor der eigenen Tat scheint niemand wahrzunehmen.
Den beiden Schauspielern ist es gelungen, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Nachdenklichkeit, Ratlosigkeit, Verunsicherung. Und wer bisher ganz sicher war, was mit solchen Jugendlichen zu geschehen hat, nämlich verurteilen, kommt ins Grübeln. So wie ich diesen Abend erlebt habe, lädt dieses Stück, diese Inszenierung nicht zum ´Nachmachen´ ein, wie Erika Schellenberger-Diederich in ihrer Besprechung befürchtet.
Lang anhaltender Applaus, fünf mal auf die Bühne, das war die Anerkennung für diese Leistung.
Ulrike Jobst-Brünsch