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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 4
(2003), Heft 6
Die beiden Ausstellungsbereiche der Kunsthalle sind völlig unterschiedlich gestaltet. Im Parterre hängen an den Wänden große Stahlrahmen, an deren oberer Leiste lange Kupferkabel befestigt sind. An ihrem unteren Ende sieht man kleine Lautsprecher, aus denen elektronisch verfremdet das Lied eines Saiteninstruments zu hören ist. In der Raummitte stehen in einer Reihe gleichgroße Porzellanhocker, zwischen ihnen, aus gleichem Material, ein Tisch. Die Anwesenheit dieser zerbrechlichen Gegenstände erhöht die Empfindung der Leere, wie der musikalische Klangteppich diejenige der Stille. Dr. Brigitte Hausmann hat in ihrer höchst informativen Ansprache zur Ausstellungseröffnung darauf hingewiesen, dass die kleinen Tuschemalereien, die am Eingang zur unteren Halle hängen, und die in ihr befindliche Klanginstallation ("Luo sheng", Fallender Klang, 1997) den Besucher auf das vorbereiten, was ihn im oberen Stockwerk erwartet.


Quin Yufen beim Aufbau der Ausstellung (vor der Bettlerin)
Dort sind Vorraum und Saal in einen "Garten mit Aussicht" verwandelt. An Bambusgerüsten hängen großformatige Bilderrollen, aber auch kleine Fotos, man sieht Lichterketten und Porzellangefäße, Palmfächer, Pflanzen und Masken, eine Mauer aus roten Ziegelsteinen, Autofelgen, einen Sonnenschirm, Tisch und Stühle, sowie schließlich ein Gefäß, in dem Goldfische schwimmen. Man bewegt sich, um die Gegenstände und Fotos genauer zu betrachten, durch den Raum, als befände man sich auf den Wegen eines Gartens. Auch hier ertönen Klänge, keine Musik, sondern "urbane[…] Geräusche[…], welche die Künstlerin in den beiden Städten [Berlin und Beijing] sammelte, in denen die Fotos entstanden" (Hausmann).
Die kleinen Aufnahmen zeigen Szenen vom Berliner Christopher Street Day, also der Homosexuellenparade, auf den großformatigen Bildern hingegen sieht man Menschen in Beijing, die, westlich gekleidet, mit Plastiktüten ihre Einkäufe von einem Markt heimbringen, andere, die einen Mundschutz tragen, offensichtlich um sich vor SARS zu schützen, oder solche, die, von der neuen gesellschaftlichen Entwicklung an den Rand gedrängt, betteln.

In diesem "Garten" stoßen mithin chinesische und europäisch-amerikanische Elemente aufeinander. Wir befinden uns in einem geschützten Gebiet - einem "Mikrokosmos", in dem, wie Hausmann ausführt, nach der Auffassung des Altertums "die Totalität der Welt ihre symbolische Vollkommenheit erreicht" - , das jedoch eben deswegen eine ungefilterte "Aussicht", einen Ausblick in die Realität, von der es sich abgrenzt, erlaubt. Dieser Garten ist die Selbstdarstellung des Kunstwerks, dessen Fragilität und Offenheit ausschließlich aus verwandelten Stücken der ausgeschlossenen Wirklichkeit entstehen, die nun wieder von innen heraus betrachtet wird. Auch diese Betrachtung wird komponiert und inszeniert: wir, die herumgehenden Besucher, sind eigentlich die Gedanken des Kunst-Gartens, der sich mit unseren Augen selbst anschaut.

Die Selbstreflexivität moderner und nachmoderner Werke ist hier folglich auf eine ebenso stille wie eindringliche Weise präsent. Die Installation entsteht, indem sie über sich nachdenkt. Dabei etabliert sie ihren ästhetischen Charakter, insofern sie ihn auch wieder aufhebt und von sich aus auf ihr Draußen, die globalisierte Welt, zeigt.
"Quin Yufens künstlerischer Ausdruck ist von der Spannung zwischen der lyrischen Schönheit und dem Fragilen, Chaotischen und Unvollkommenen bestimmt. In einer nie enden wollenden Anstrengung jagt sie einer schwindenden Erinnerung hinterher - die oft die der anderen ist. Gleichzeitig weckt sie ständig Hoffnungen auf eine bessere Welt, in der die Beziehungen zwischen dem Realen und dem Fantastischen, zwischen den verschiedenen Kulturen und Realitäten - Ost und West, ins Gleichgewicht kommen [...]. Indem Quin Yufen Objekte, Bilder, Klänge und Natur miteinander verschmilzt, versucht sie, eine bessere Welt zu erschaffen, ein Paradies der Harmonie" (Hou Hanru, in: Quin Yufen. Katalog zu den Ausstellungen in Göttingen, Solothurn und Heidenheim).

Hou Hanru, ebenfalls aus China stammender und in Paris lebender Kollege Quin Yufens, bezeichnet zweifellos wesentliche Elemente ihrer Kunst. Es scheint mir aber bezeichnend, dass die "schwindende Erinnerung", ihr utopischer Impuls, zunächst nicht durch Trauer freigesetzt wird. Die in schrecklicher Demutshaltung bettelnde Frau und der mit trostlosem Blick den Becher vor sich hin haltende Mann, dessen Krücke neben ihm auf dem Boden liegt, werden ohne vordergründige soziale Anklage gezeigt. Weder rührt uns ihr Leid, noch lässt es uns kalt. Was geschieht also mit uns, während wir diese Bilder betrachten?
Es ist, als glitten wir in eine Zwischenschicht, in eine Stille, in der wir den Lärm der Welt von fern hören und uns plötzlich ebenso unseren eigenen Emotionen entfremden. Was wir sonst sind und empfinden, gehört, während wir durch diesen Garten gehen, nicht mehr zu uns. Wir haben die Sprache, mit der wir uns verständigen, ebenso abgelegt, wie die auf den Bildern festgehaltenen Menschen. Hier ist Leid nicht wirkliches Leid, aber ebensowenig wären Freude oder Heiterkeit, was sie draußen sind. Wir werden stumm, und in diesem Moment begreift das Kunstwerk sich selbst. Es existiert zwischen Utopie und Realität und gehört weder dem einen noch dem anderen Bereich an. Die Bilder von Bettlerin und Bettler deuten wohl auf reale Armut, meinen hier jedoch auch eine geistige Haltung, die einen Anspruch an uns stellt. So dem Sein und unserem eigenen Wesen gegenüberzutreten, wie sie, in solch gesteigerter und aktiv-konzentrierter Hingabe, gelingt uns vielleicht momentweise in der Anschauung eines Kunstwerks, kaum jedoch im wirklichen Leben. Schon die Anforderung lässt uns schaudern.

Aber mit dem nach innen gerichteten Impuls der Installation macht sich auch der bereits bezeichnete gegensätzliche, nach außen weisende, geltend. Wer, durch die obere Halle gehend, ruhig wurde und das eigene Leben für einen Augenblick beinahe vergessen hat, spürt nun ungeschützt die Entfremdung, der nicht nur die beiden Bettler, sondern alle Menschen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, in ihrer Realität unterliegen. Sie ist es, die aus der Stummheit vernehmbar wird.
Eine wirkliche Kommunikation zwischen westlicher und östlicher Kultur scheint in diesem Installationsraum Quin Yufens nicht stattzufinden. Die sexuelle Scheinfreiheit des Christopher Street Days dürfte sich kaum als Muster "einer fröhlichen und kreativen Interaktion selbstbewusster Individualisten" (so Hausmann, der ich hier nicht folge) verwenden lassen. Das Übergewicht des amerikanisch-westlichen Lebensstils, mit der negativen "Aussicht" auf seine Verabsolutierung, gefährdet wohl nicht nur das Selbstverständnis der Menschen in Beijing. Aber dennoch werden alle Äußerungen dieser technischen Zivilisation ohne spürbaren Gewaltakt in die Kunst-Szenerie des Bambusgartens aufgenommen. Der direkten Kommunikationslosigkeit korrespondiert mithin eine untergründige Begegnung im Formbereich. Beide Tendenzen, die sich doch auszuschließen scheinen, koexistieren: auch hierin zeigt sich der "Garten" als nachmodernes Kunstwerk.

Wenn Quin Yufen eine Utopie entwirft, so diejenige einer Vereinbarkeit des Unvereinbaren. Sie stiftet einen geistigen Raum, in dem die technisch-materielle Entwicklung ihr eigenes Potenzial und ihre Sehnsucht nach pluraler Freiheit ebenso offenlegt, wie deren planetare Gefährdung. Für mich ist "Garten mit Aussicht" eine der interessantesten Ausstellungen des Kunstvereins nicht nur diesen Jahres.
Max Lorenzen
Einige biografische Daten zu Quin Yufen
in Shandong/China geboren
1980 bis 85 Untergrundausstellungen in
Beijing/China
1986 bis 87 Künstlerhaus Bethanien, Berlin
1988 Stipendiatin des Berliner
Künstlerprogramms des DAAD
1997 Arbeitsstipendium der Senatsverwaltung
für Kultur, Berlin
1999 Stipendium im Künstlerhaus Schloss
Wiepersdorf
Quin Yufen lebt und arbeitet in Berlin und Beijing