Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 6


 

Mein Buch des Monats November 2003

 

Christa Wolf  „Ein Tag im Jahr / 1960 - 2000“

  Mit 20 Collagen von Martin Hoffmann

Luchterhand Literaturverlag, München 2003. 655 S. € 25, ISBN 3-630-87149-6

Dies ist ein besonderes Buch – über vierzig Jahre lang hat Christa Wolf an jedem 27. September aufgezeichnet, was ihr an diesem Tag geschehen ist, gewissenhaft und ohne bewusste Auswahl nur dessen, was wichtig erschien. Im Gegenteil, gerade dem Alltag schenkt sie ihr Augenmerk, den Handgriffen, die getan werden müssen, den Menschen, die sie um sich hat und denen, denen sie zufällig begegnet – aber auch Träume werden erzählt, von ihrer Arbeit ist die Rede, von Musik und Lektüre, vom Wetter und von den „Verhältnissen“, in denen sie sich findet ohne sich damit abzufinden: es ist immer wieder ein Stück Leben.

Christa Wolf schreibt selbst in ihrer Vorbemerkung: „Irgendwann, unbemerkt von uns, verwandeln diese Alltage sich in gelebte Zeit. In Schicksal, im besten oder schlimmsten Fall. Jedenfalls in einen Lebenslauf.“ (5) Anlass war der Aufruf in der Moskauer „Iswestija“ von 1960 an die Schriftsteller der Welt, sie möchten einen Tag des Jahres so genau wie möglich beschreiben, eben den 27. September. Sie folgt diesem Aufruf nun schon seit 43 Jahren und fragt sich: Warum? „Nicht alle Gründe dafür sind mir bewusst, einige kann ich nennen: als erstes meinen Horror vor dem Vergessen, das, wie ich beobachtet habe, besonders die von mir so geschätzten Alltage mit sich reißt. Wohin? Ins Vergessen eben. Vergänglichkeit und Vergeblichkeit als Zwillingsschwestern des Vergessens. Immer wieder wurde (und werde) ich mit dieser unheimlichen Erscheinung konfrontiert. Gegen diesen unaufhaltsamen Verlust von Dasein wollte ich anschreiben. Ein Tag in einem jeden Jahr wenigstens sollte ein zuverlässiger Stützpfeiler für das Gedächtnis sein – pur, authentisch, frei von künstlerischen Absichten beschrieben...“ (5/6)  Und warum nun wurden diese Blätter publiziert? „Ich denke, sie sind ein Zeitzeugnis. Ich sehe es als eine Art Berufspflicht an, sie zu veröffentlichen. Unsere jüngste Geschichte scheint mir Gefahr zu laufen, schon jetzt auf leicht handhabbare Formeln reduziert und festgelegt zu werden. (8)

Gerade so ergeht es dem Leser als Zeitgenossen, der – immer wieder überrascht – erinnert, so war es, oder: so anders hat man es „drüben“ erlebt. Nicht alle Themen dieser Aufzeichnungen kann man hier gleichmäßig über die Zeit verfolgen, dazu sind die Jahrestage zu vielschichtig und reichhaltig. Wählen wir also aus.

Zuerst die Orte. 1960 finden wir die Familie, Christa Wolf, ihren Mann Gerhard (Gerd) und die Töchter Annette und Tinka in Halle, wo der Roman „Der geteilte Himmel“ entsteht. 1962 sind sie aus Gesundheitsgründen nach Kleinmachnow übergesiedelt, von 1974-1983 ist es dann das Bauernhaus in Meteln in Mecklenburg, das sie sich neben der späteren Stadtwohnung  Berlin, Friedrichsstrasse zur Heimat gewinnen. Im ersten Jahr, in dem Christa Wolf den Jahrestag dort beschreibt, heißt es: „Die Aussicht ist schön, aber was heißt das schon. Die Landschaft ist gestaffelt, der Horizont herbstlich nahe gerückt, starke, plastische Bewölkung, zur Dunkelheit hin ein verschleierter abnehmender Mond, klar alle Sternbilder. Beide haben wir das Gefühl: Das ist es!, ohne es auszusprechen.“ (201) Das Haus in Meteln brennt 1983 nieder: „Der Brand des Hauses in Meteln hat wieder all unsere Verhältnisse in Bewegung gebracht, hier in der Friedrichstrasse  wollen wir nun nicht mehr bleiben. Immer sehe ich die Abgaswolken vor meinem Fenster aufsteigen...“ (331/332). Der 27.9.1985 ist mit „Köln“ überschrieben, der nächste, 1986 mit „Zürich“,1987 ist es dann das Landhaus in Woserin im geliebten Mecklenburg: „Das alte Haus mit seinem roten Stein, der grünen Tür, den weißen Fensterumrandungen, die übrigens gestrichen werden müssten. Die  verschieden großen Linden rechts und links vom Eingang, die gerade anfangen sich zu verfärben. Der inzwischen dunkelgraue Himmel darüber. Seit einiger Zeit lege ich mir bewusst einen Vorrat solcher Bilder an, eine Art Wegzehrung für schlechtere Tage.“ (476) und „Dies ist meine Landschaft. Wir standen schweigend am Seeufer und nahmen die Stille in uns auf und ich fragte mich, ob die Vorallgäugegend, aus der die Aichers kommen, je einen so melancholischen Zug haben könnte wie unser frühherbstlicher See, der dunkel und spiegelglatt dalag. Linkerhand die Gestelle der Forellenzucht, am rechten Ufer begann sachte die Herbstfärbung des Buchenwalds...“ (436). Am 27.9.1992 ist Christa Wolf in Santa Monica in Californien, alle weiteren Jahrestage  finden sie in Berlin Pankow. Aber natürlich liegen zwischen diesen Septembertagen andere Reisen und entfernte Orte: auch hier also ein Ausschnitt.

Während der Arbeit am „geteilten Himmel“ erhebt sich fast zwangsläufig die Frage: „was uns eigentlich, ganz konkret, in der DDR hielt (und hält), da so viele weggingen ... Im Negativen sofort zu beantworten: Man weiß, was ‚drüben’ gespielt wird, und dass man da nicht hingehört. Im Positiven: dass  hier bei uns die Bedingungen zum Menschwerden wachsen. Theoretisch ganz klar. Praktisch: Wachsen sie wirklich?“ (35) Der Zweifel, der hier anklingt, verstärkt sich in den folgenden Jahren. Im Zusammenhang mit den Anfeindungen um den Roman stellt Christa Wolf fest: „Und trotzdem muss man darauf achten, dass ‚das hier’ erhalten bleibt. Es beginnt zwar, dem ‚drüben’ in gewissen Punkten zu ähneln, ist aber doch um so vieles besser – von der Wurzel her – und der einzige Schutz dagegen. Weggehen – nein, so weit bin ich auch in Gedanken noch nicht“, und: „Die Wände um uns rücken enger zusammen. Doch in der Tiefe, zeigt sich, ist viel Raum.“ (1965, 81). Im Zusammenhang mit den Plänen für „Kindheitsmuster“ („Nachdenken über Christa T.“ ist inzwischen erschienen) heißt es lakonisch: „Das Jahr 68, das Jahr der endgültigen Ernüchterung, vielleicht als Gerüst.“ (142)

1971, während eines Urlaubs in Warna am Schwarzen Meer, notiert die Autorin: „Mir fällt auf, dass ich dieser Theorie [der kleinen Schritte] auch nicht mehr anhänge, im Grunde also an keine tiefgreifende Veränderungsmöglichkeit mehr glauben kann, dass ich dadurch natürlich gelähmt bin und nichts wirklich tue. Es ist zum Verzweifeln.“ (158). 1977 dann „der Schock dieses Jahres – Biermann-Ausbürgerung und die Folgen....“, eben der Protest auch Christa Wolfs und damit ihr Bruch mit der Partei, die aber ihren Austrittswunsch nicht erfüllt.(217)  Sie spricht vom „Willen zum Hiersein“ trotz der Stasiüberwachung seit der Biermann-Intervention.

Nach einer Lesung in Criwitz bei Schwerin ergibt sich folgendes Gespräch: „Am Anfang sagte das junge Ehepaar, sie hätten jetzt gerade wieder gehört, ich sei auch weggegangen, sei überhaupt nicht mehr in der DDR. Aber das habe[n] sie ... doch nicht glauben können – es würde alles, was ich bisher geschrieben habe, unglaubwürdig machen, es würde doch meinem ganzen Engagement widersprechen ... Ich sage ihr zögernd, ich verstünde alle, die in den letzten Jahren fortgegangen seien. Gleichzeitig begreife ich wieder genau, warum diese Menschen sie nicht verstehen. Und warum tatsächlich etwas wie Verrat an diesen Lesern dabei ist,“ und weiter: „Ob man nicht ... um dieser Leute willen, um hierbleiben zu können, um sich dieses unvergleichliche Publikum zu erhalten, eben doch zu Kompromissen bereit sein müsse.“ (268).

Aufschlussreich ist ein langes Gespräch mit Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl, die Christa Wolf bei der Verleihung des Geschwister –Scholl-Preises 1987 kennen gelernt hat. Es handelt sich um einen richtigen Systemvergleich zwischen Ost und West, (436-42) und endet mit dem Fazit:  „Die meiste bisherige Geschichte ist umsonst gewesen.“ Auf die einschneidenden Veränderungen durch die Wende und den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, die für Christa Wolf eine Phase harter Angriffe in der Presse zum „Fall C.W.“ mit sich bringen, geht sie erst im Rückblick näher ein. Sie berichtet von der Arbeit in einer Gruppe, die die Präambel für eine Verfassung der DDR entwirft - , aber: „Eine neue Verfassung für die DDR ist nun nicht mehr nötig und nicht mehr möglich.“ (1990, 468 f). 1993 nimmt sie Stellung zu der Rede „Für unser Land“ aus dem November 1989. „Wir hätten doch in diesem Aufruf nicht etwa an die alte DDR gedacht, sagte ich, an ihren Erhalt oder gar an ihre Wiederauferstehung. Wir hätten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen werde. Und das eine Illusion ist, was ich damals schon wusste. Trotzdem beteiligte ich mich an dem Aufruf, um mir später kein Versäumnis vorwerfen zu müssen.“ (519). Natürlich geht es auch in den nächsten Jahren immer wieder um die DDR-Vergangenheit und um die Auseinandersetzung mit der neuen Gegenwart – man kann es gut verstehen, wenn Christa Wolf in Santa Monica  1992 schreibt: „Ich habe Urlaub von der Realität“. (503)

So wichtig auch die politische Entwicklung ist, die wir nachzuzeichnen versuchten, so eindringlich ist das Persönliche, über das diese Aufzeichnungen Aufschluss geben. Nicht nur die Entstehungsgeschichte einzelner, wenn auch nicht aller Werke der Verfasserin wird sichtbar – mit all den Schwierigkeiten des Schreibens in ihrem Land. Immer riefen ihre Bücher Kontroversen hervor, vom „geteilten Himmel“ über „Nachdenken über Christa T.“, „Kindheitsmuster“ bis zu „Kassandra“ und „Medea“. Eigenes Erleben spiegelt sich eindringlich im letzten der Bücher, „Leibhaftig“, das unter dem Titel „Hadesfahrt“ konzipiert war. Denn auch über Krankheit und Leiden geben die Jahrestage Auskunft, über das Altern und die Begegnung mit dem Tod.

„Vor dem Einschlafen denke ich, dass aus Tagen wie diesem das Leben besteht. Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Dass sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, dass nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt...“, so schon zu Beginn. (23). Selbstzweifel: „ich frage mich, inwieweit die Schwierigkeiten dieses Jahres [1966] nicht einfach meine ganz persönlichen Schwierigkeiten sind, eines zu kleinen Talents, eines zu großen Ehregeizes, eines zu schwächlichen, halbherzigen Lebens, aus dem eben nicht mehr herauszuholen ist“. (83) Aber: „Das einzig Interessante im Leben ist das Schreiben“ (134). Das Bewusstsein, älter zu werden spielt eine Rolle: „...nicht zu tun was ich will, nicht einmal zu wollen, was ich will: das ist eigentlich ‚Altern’; das zu wissen und doch weiterzuleben und Freude und Genuss zu suchen und zu finden.“ (247)  1988 kommt es zu einer schweren Krankheit, die den Hintergrund zu der Erzählung „Leibhaftig“ bildet. Danach heißt es. “Zwar habe ich mir vorgenommen, mich nicht mehr meinen Depressionen auszuliefern, ich will Widerstand leisten, Gedankenarbeit dagegen, ich will mir die Argumente aufzählen, die für mich sprechen, und mich nicht nur den Argumenten ausliefern, die gegen mich sprechen. Ich tue das auch heute, zunächst ohne Erfolg. ...“ (419)

Über ihre Aufzeichnungen am 27.September hält Christa Wolf fest: „So frisst  das Schreiben das Leben auf, an diesem Tag wird das immer am deutlichsten, es ist ein Grund, warum ich an diesen Protokollen festhalte (andere Gründe:  Ein vielleicht ergiebiges Material häuft sich auf, und: Ich setze Erinnerungspunkte in das Meer des Vergessens).“ (429) 1993 geht es um die Stasi-Akten, die vom Westen instrumentalisiert würden: „Ich versuche dagegenzuhalten, dass man eigentlich dahin kommen müsse, sich über sein Leben selbst Rechenschaft abzulegen, gleichgültig, wie schwer andere es einem machen, gleichgültig, um wie viel schuldiger andere sind, aber ich weiß, das sind Zumutungen, die mit dem wirklichen Leben der meisten Menschen nichts zu tun haben,“ zumal die Akten der Stasi ja nur enthalten, was diese Leute gesehen und gehört haben: das ist die Wahrheit nicht. (521)

1999 vergegenwärtigt Christa Wolf einen Besuch in Kreisau und in dem KZ Groß Rosen, Gegensätze, die doch aufeinander bezogen sind. Sie überdenkt anschließend die Funktion des Tagebuchs: „Mein Verlangen, möglichst alles festzuhalten, durch diese Aufzeichnungen die Zeit aufzufressen, die ich für das ‚eigentliche’ Schreiben benötigen würde, und später, wenn ich die tagebuchartigen Manuskripte wieder lese, feststellen, dass ich beinahe alles vergessen hätte, wenn ich es nicht aufgeschrieben hätte. Wohin entschwindet das Erlebte? Und inwiefern prägt es uns doch?“ (602)

Und schließlich ein Letztes: „...wie ich ja überhaupt täglich mit dem Gedanken an den Tod lebe, oft, bei alltäglichen Handlungen, mich frage: Wie oft mache ich das noch? Wie oft sehe, erlebe, denke ich das noch? Bis jetzt ist dieser Gedanke ohne Angst, nur wenn ich einen zweifelhaften klinischen Befund überprüfen lassen muss, merke ich: Es ist mir nicht egal. Ich lebe gern.“ (615) Und so ist es für den Leser auch nicht von tieferer Bedeutung, wenn das letzte Wort der Aufzeichnungen lautet: „Licht aus.“ (629)

Neben den drei von uns nachgezeichneten Strängen bietet das Buch zum Beispiel wichtige Begegnungen wie die mit Max Frisch oder dem Freundeskreis, der sich zum Gedenken an den Tod Heinrich Bölls zusammenfindet. Viele Bücher werden in diesen Jahren gelesen (es sei nur auf Dietmar Kampers Notizen über New York von 1982 hingewiesen), manche Filme gesehen und auch Fernsehsendungen – von der Zeitungslektüre ganz zu schweigen. Das Leben der Töchter und Enkel spielt herein, das der Leser, die schreiben und Antwort erhalten – eben ein ganzes, erfülltes Leben., an dem uns die Autorin teilnehmen lässt.

Erleichtert wird die Lektüre durch die zwar sparsamen, besonders den vielen Personen geltenden „Anmerkungen“, die Gerhard Wolf beigesteuert hat, der ohnehin ständig anwesend ist in den Jahrestagen. Was fehlt, sind (vielleicht) Bilder der Protagonisten – ein Stück DDR bringen die Collagen von Martin Hoffmann in den Band.

  Renate Scharffenberg

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