Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 6


 

 Der Traum vom Fliegen und der Schattenschuster. Bilder, Installationen und Texte von Hans Schohl

 

 

 

 

 

 

Hans Schohl

1952 geboren in Landstuhl/Pfalz
Studium der Erziehungswissenschaften,
Germanistik, Politik,Kunst in Marburg und Kassel
Arbeitet als Künstler, Ausstellungsmacher, Kunsterzieher
Mitglied der Gruppe „Werkstatt Radenhausen“
Lebt in Anzefahr bei Marburg/Lahn

 

 

 Thema: Fliegen

Mit dem Menschheitstraum vom Fliegen war immer mehr verbunden als nur der Wunsch mit aufwendigen technischen Apparaten sich schnell durch die Luft von hier nach da zu bewegen. Fliegen meint immer auch ganz allgemein das Überschreiten von Erfahrungen, das Überflügeln des Faktischen. Fliegen ist immer auch ein geistiges Erlebnis – der freie Flug der Gedanken. Der Mythos des Fliegens birgt also nicht weniger als die Utopie der individuellen und kollektiven Freiheit und zugleich die Sehnsucht nach Erkenntnis über die Welt.

3 Flügelmaschinen auf Sockeln. Aus: Ein Lebensweg (z. B. Olga. 2001)

 

Detail

 

Blaue Maschine 1. Kinetisches Objekt (2002)

 

Die Kisten des Onkel Marcos

Neben den großen Namen aus der Geschichte der Fliegerei, Lilienthal oder Zeppelin, sind es vor allem die Außenseiter der Lüfte, die „Flugträumer“, die mich faszinieren.

Die Figur des Onkel Marcos aus Isabel Allendes Roman Das Geisterhaus ist solch ein Träumer. Er wird vorgestellt als ein eigenwilliger, skurril-kautziger Mensch, Lebenskünstler und unsteter Abenteurer. Eines Tages kehrt er von einer seiner vielen Reisen mit einer Fracht riesiger Holzkisten, Schachteln und Truhen zurück. Inhalt der Kisten sind unzählige Einzelteile eines seltsamen Flugapparates in Form eines Vogels mit beweglichen Flügeln und Propellern auf dem Rücken. Und wider alle Logik gelingen Zusammenbau und Start; und ächzend aber nicht ohne Eleganz verschwindet der Vogel und mit ihm Onkel Marcos. Vermutungen werden geäußert, er habe sich im Sternenraum verirrt – was bei dieser Auffassung der Fliegerei auch leicht passieren kann.

Aus den Kisten des Onkel Marcos

 

Thema: Schatten

Ein Schatten ist ein seltsames Ding – ein Ding?

Ist der Schatten ein Gegenstand, ein Objekt? Und schon sind wir in eigenartige Fragen verwickelt. Wie dick ist ein Schatten? Welche Form hat er und was macht der Schatten in der Nacht? Ständig ist er an uns festgeheftet, kann nicht weg, muss sich von uns mit Füßen treten lassen, in der Mittagssonne verkriecht er sich gar unter unsere Fußsohlen – und doch können wir nicht über unseren Schatten springen.

Schatten sind Löcher im Licht. Daraus folgt, dass das eine nicht ohne das andere sein kann. Kein Schatten ist ohne Licht, aber auch kein Licht ohne Schatten. Jedes Ding birgt in sich sein Gegenteil und die Wirklichkeit ist in den Schatten aufgehoben.

Ein Lebensweg (z. B. Olga)

Meine erste Begegnung mit der rätselhaften Schattenwelt ist banaler und liegt in frühen Kindertagen. Im Fernsehen - selbst eine Art Schattenmaschine, damals noch schwarzweiß – war ein Mann zu sehen, ganz in Grau gekleidet. Er hielt eine Schachtel in Händen mit – und das schien mir sehr interessant - Luftlöchern im Deckel, hat man doch ähnliche Behältnisse als zeitweilige Unterkunft für Maikäfer selbst benutzt. Ein anderer Mann stritt mit ihm, raufte mit ihm um diese „Käferschachtel“. Der andere behauptete, dass darin sein Schatten stecke. Den wolle er jetzt unbedingt wieder zurück haben. Er bekam ihn nicht.

12 Leuchtobjekte zu 12 Sprichwörtern (Detail des Schattenschusters, 2002)

Heute weiß ich, dass es wohl eine Verfilmung der wundersamen Geschichte des Peter Schlemihl von Adelbert von Chamisso war. Dieser Peter Schlemihl verkaufte seinen Schatten und damit sein Lebensglück an einen Mann im grauen Rock. An keiner Stelle der Geschichte wird der bescheidene graue Mann beim Namen genannt, und dennoch kennt ihn jeder. Ein passionierter Seelensammler und Archivar von zunächst beeindruckender Höflichkeit: „Ich erbitte mir nur Dero Erlaubnis, hier auf der Stelle diesen edlen Schatten aufheben zu dürfen und zu mir zu stecken...“ Dann rollte er Peter Schlemihls Schatten ein, faltete ihn und schob ihn in seinen grauen Rock.

Und hier knüpft für mich die inhaltliche Seite meiner Schattenarbeiten an. Wohin mit all diesen Schatten, diesen Objekten eines Sammelns aus unbändiger Leidenschaft? An irgendeiner Stelle eines Archivs müssen doch die vielen gesammelten Schatten und auch die Schachtel mit den Luftlöchern eingelagert sein.

Ich versuche an dieser Stelle, den Erzählfaden weiterzuspinnen, eine andere Geschichte weiter zu erzählen. Als Medium des Erzählens dient mir die Kinetik: leichte, fragile Mechanik mit zittrig lautloser Bewegung, kleine Maschinen, oft über Bewegungsmelder vom Betrachter selbst ausgelöst. Die Langsamkeit der kleinen Flügelmaschinen und das Schweben ihrer Schatten berühren unsere Seele. Eine kleine Lichtquelle projiziert das Schattentheater an die Wand – eine neue Geschichte nimmt ihren Anfang.

  “...mein Freund, willst du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld.“ (Peter Schlemihl)

                               

Aus der Sammlung des Grauberockten (2002)
3 von 24 Holzschnitten auf Bütten (65 x 160 cm)

 

Schattenarchive (1998 - 2003)

 

Schattenschuster

Die Eltern leben in ihren Kindern weiter. So war mein Vater ein großer Geschichtenerzähler, und für jede Lebenslage hatte er eine Redensart oder ein Sprichwort parat. Sie waren für ihn die Schuhe, auf denen er durch die Welt gehen konnte. Die Sprichworte ordneten für ihn die Welt, sie waren die Leitlinien, die Halt gaben – ihm und natürlich auch uns Kindern, bis heute. Dass er von Beruf dann auch noch Schuhmacher war...

 Schattenschuster (2002)

 

Schattenschuster, Detail des Tisches

 

Mein Bruder Robert hat seine Sprichwörter und Redensarten gesammelt, ich einige davon als Schattenriss gezeichnet. Zu Lebzeiten hätte das Mutter sicher zu Tränen gerührt, der Vater aber lapidar bemerkt: “ Vun anner Leit Lädder is halt gud Riehme schneide.“

 

 

 

Sprichwörter (Schattenrisse, 2002)

 

Kinderbilder (Holzschnitte)

Selbstverständlich sind meine Bilder keine Kinderbilder, nicht weil mir eine solche Benennung peinlich wäre, ganz im Gegenteil. Es ist lediglich der Versuch, der Bildersprache und Darstellungsweise von Kindern nachzuspüren. Dass es zwischen zeitgenössischer Kunst und der „Kunst“ von Kindern einen Zusammenhang gibt, scheint mir offensichtlich – spätestens seit ich weiß, dass Paul Klee seine eigenen von ihm aufbewahrten Kinderbilder als erwachsener Künstler in einer Art Zweitverwertung kopiert hat.

Kandinsky spricht vom „inneren Klang“ und der „Wahrheit“ von Kinderbildern. Und er formuliert eine Kritik, die auch heute noch über weite Strecken zutrifft.

Museum (2003) 70 x 50 cm

„Die Erwachsenen, besonders die Lehrer, bemühen sich, dem Kind das Praktisch-Zweckmäßige aufzudrängen und kritisieren dem Kinde seine Zeichnung gerade von diesem flachen Standpunkte aus: dein Mensch kann nicht gehen, weil er nur ein Bein hat... Das Kind lacht sich selbst aus. Es sollte aber weinen.“ (Kandinsky, Der Blaue Reiter, Über die Formfrage)

 

 Blindenflieger (2002) 18 x 13 cm

 

Einzel- und Gruppenausstellungen seit 1989, u.a.

1991
Kunst im Zug
mit Stationen in Marburg, Stadtallendorf, Frankenberg, Biedenkopf, Gladenbach, Wetzlar, Giessen, Frankfurt

1992
Kunst im Bahnhof, Rahmenprogramm Dokumenta 9, Kassel, Bahnhof Wilhelmshöhe
Maschinen und Rost, Galerie C-Keller, Weimar

1996
Begleitperson Engel, Außeninstallation und Ausstellung, Marburg
RADfahrRad, Berlin, debis, Potsdamer Platz, Weinhaus Huth

1997
Begleitperson Engel, Außeninstallation und Ausstellung, Dannenberg/Elbe

1998
Kurator des Projekts: Kunst begreifen.
Beteiligte Künstler: Illi, Kjaer, Loth, Magens, Vogel, Walther, West
Universitätsmuseum Marburg, Kunsthaus Nürnberg, E-Werk Freiburg, St. Johannis-Kirche Dannenberg

2000
2000 nach Christus, E-Werk, Hallen für Kunst, Freiburg
Im Wind, Ahrenshoop

2001
Skulpturenprojekt ausufern, Marburg
Der eigene Blick, Ahrensburg
Zwischenspiel, Museum Korbach

2002
Schatten, Kunsthalle, Kunstverein Marburg

2003
hinauf, hinab – dasselbe, Treppen in Marburg, Skulpturenprojekt

Anschrift: Hans Schohl, 35274 Anzefahr, Hohlweg 25
E-Mail:     Hans.Schohl@t-online.de
www.werkstatt-radenhausen.de 

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