Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Terror und Ethik. Eine Auseinandersetzung mit Ted Honderichs Traktat

von Max Lorenzen

 

Ted Honderich: Nach dem Terror. Ein Traktat. Erweiterte, revidierte und neu übersetzte Ausgabe, Semit edition, Melzer Verlag, 2003, 298 Seiten, ISBN 3-937 389-30-X, 14,95 €

Das Buch hat bekanntlich für einen Skandal gesorgt: Micha Brumlik, der Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust, verlangte vom Suhrkamp Verlag, der es im Sommer 2003 herausgebracht hatte, es unverzüglich wieder vom Markt zu nehmen, da es "antisemitischen Antizionismus verbreitet, dabei die Ermordung jüdischer Zivilisten in Israel rechtfertigt und so - gemäß der strengen moralischen Logik des Autos Honderich - eben dies Tun auch zur Nachahmung empfiehlt" (offener Brief, veröffentlicht u. a. in der Frankfurter Rundschau).

Brumlik setzte sich durch. "Nach dem Terror" wurde aus dem Programm des Suhrkamp Verlages genommen; die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau etwa begrüßten diese Entscheidung. In der Folge erhoben sich jedoch auch kritische Stimmen gegenüber dem Antisemitismus-Vorwurf. So schrieb etwa der emeritierte Professor für Völkerrecht an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik Norman Paech: "Das alles [Honderichs Rechtfertigung des "Befreiungsterrorismus"] hat aber überhaupt nichts mit Antisemitismus zu tun und bedarf dringend der wissenschaftlichen Auseinandersetzung".

Jede solche Auseinandersetzung mit Honderichs Traktat muss nun auf zwei Ebenen geführt werden. Die eine beinhaltet den Vorwurf Brumliks, sowie die Reaktion des Suhrkamp Verlages und der Öffentlichkeit auf ihn, die andere den philosophischen Entwurf des britischen Autors, der beansprucht, eine Ethik auszuarbeiten, die sich den grundlegenden politischen Problemen dieser Welt stellt. Zum Glück ist es seit Dezember 2003 erneut möglich, das Buch zu erwerben. Abraham Melzer, selber Jude, hat es in seinem Verlag wieder herausgebracht - und distanziert sich in einem Text, der ursprünglich als Nachwort konzipiert war, in schärfster Form von den Vorwürfen Brumliks (s. "Zwischen faktischem Antisemitismus und heuchlerischem Philosemitismus" im Marburger Forum).

 

I

Honderich beginnt seine Untersuchung, indem er Grundvoraussetzungen eines "guten Lebens" benennt: "1. eine anständig lange Lebensdauer; 2. eine Lebensqualität, die auf so materiellen Dingen wie Zahnfüllungen beruht; 3.Freiheit und Macht, sicher einschließlich dessen, was den Palästinensern fehlt; 4. Achtung und Selbstachtung [...]; 5. persönliche Beziehungen und Beziehungen als Mitglieder kleiner und größerer Gruppen; 6. eine Kultur oder einen Lebensstil, einschließlich der Tradition eines Volkes und einer Sprache, und Wissen anstatt Unwissenheit" (S. 83 f). Am Schluss des Buches ist eine Statistik aufgeführt, aus der sich ergibt, was wir alle eigentlich wissen, aber immer wieder beiseite schieben, nämlich dass einem Großteil der Menschen auf dieser Erde die genannten Grundvoraussetzungen in ungeheuerlicher Weise fehlen. Honderichs Fazit lautet: wenn die reichen Staaten und ihre bessergestellten Bürger es unterlassen, den Armen effektiv zu helfen, so kommt eine solche Unterlassung "einer vorstellbaren oder wirklichen Handlung [gleich], die falsch wäre oder ist, oder gar bestialisch" (S. 119). Peter Singer, auf den Honderich sich erstaunlicherweise nicht bezieht, hatte das in seiner "Praktischen Ethik" bereits so ausgedrückt: "Falls grundsätzlich kein Unterschied zwischen Sterbenlassen und Töten besteht, könnte es fast scheinen, dass wir alle Mörder sind" ( 2., revidierte und erweiterte Auflage, Stuttgart 1994, S. 283).

Das "Prinzip der Humanität", das Honderich nun aufstellt, besagt hingegen "dass wir moralisch verpflichtet sind, zu versuchen, Menschen vor schlechten Leben zu bewahren" (S. 85). Eine solche "Ethik der Humanität" (ebda.) fußt weitestgehend auf einer "natürlichen Moral", die folglich für alle Menschen Gültigkeit besitzt: wir haben "Wünsche", gehorchen der "Konsistenz", sind also "in gewisser Weise rational" (S. 53) und bringen "auch denen ein gewisses Mitgefühl [entgegen], die uns nicht so nahe stehen, oder eigentlich Leuten im allgemeinen" (S. 54).

Dieses auf der "natürlichen Moral" basierende "Prinzip der Humanität" mache nun eine Verurteilung der für den Terroranschlag des 11. September Verantwortlichen möglich und notwendig: "Ein wirklicher Grund, warum die Mörder des Elften September zu Recht unsere Abscheu verdienen, ist, dass sie die natürliche Tatsache und Praxis der Moral verletzt haben. [...] Sie ist nämlich eine Art Fundament des Lebens, eine Quelle der Anständigkeit, Ursprung der Zivilisation. [...] Für mich, und für dich [so redet Honderich seinen Leser an] vielleicht auch, lassen sich die Mörder des Elften September klarer und expliziter anhand von etwas verurteilen, das aus der natürlichen Praxis herausgearbeitet worden ist, nämlich anhand der Ethik der Humanität. [...] Sie werden von dem Prinzip der Humanität verurteilt, dass wir Menschen vor schlechten Leben bewahren sollen. Sie werden verurteilt durch eine Hauptstrategie dieser Humanität, einem Verbot zu verwunden, anzugreifen, zu töten und andere Gewalt und Beinahe-Gewalt einzusetzen" (S. 181 f).

Diese "weiche" Argumentationsführung mag ein wünschenswertes Resultat erbringen, philosophisch überzeugend ist sie nicht. Honderich selbst arbeitet deutlich genug heraus, dass sich die überwältigende Mehrheit der Amerikaner, Briten, Franzosen, Deutschen, und erst recht der sie Regierenden, nicht, oder jedenfalls nicht nur, nach der von ihm skizzierten Ethik der Humanität richtet. Man könnte also urteilen, dass offensichtlich noch andere Handlungsprinzipien existieren, deren Maßstäbe gegenüber solchen der Humanität zumindest indifferent sind. Wie sollte nun begründet werden, dass die zweiten den ersten unterzuordnen sind? Da beide in unserer Welt vorkommen, bedürfte man zu ihrer Hierarchisierung einer Regel, die auf einem Sollen, nicht nur auf einem Sein, gründete.

Honderich ist Anhänger einer konsequentialistischen Ethik. Er versucht entsprechend, seinen bisherigen unzulänglichen Beweisgang zu stärken: "Obwohl sie nicht einfach ist, lässt die Humanitätsethik keinen Zweifel an der Verwerflichkeit dessen, was am Elften September getan wurde. Was getan wurde, war falsch, weil es unmöglich eine Sicherheit oder signifikante Wahrscheinlichkeit, keine vernünftige Hoffnung geben konnte, dass die Tat einen sie rechtfertigenden Zweck erreichen würde, es gab nur die Sicherheit, dass sie viele Leben zerstören würde. [...] Die Mörder, insbesondere auch ihre Hintermänner, konnten nicht wissen, dass das Töten von mehreren tausend Menschen im weiteren Ablauf der Ereignisse dem Zweck des Humanitätsprinzips dienen würde, Menschen vor schlechten Leben zu bewahren" (S. 182 f).

Die grausige Konsequenz liegt auf der Hand. Gäbe es eine signifikante Wahrscheinlichkeit, dass solche Taten "einen sie rechtfertigenden Zweck", der für Honderich gleichbedeutend mit dem "Zweck des Humanitätsprinzips" ist, es aber, wie wir eben gesehen haben, keinesfalls sein muss, hätten, so wären sie ethisch erlaubt und vielleicht gar gefordert. Wir wissen aus der Geschichte nicht nur der Philosophie, dass aus der Aufrichtung humanitärer Gebote selbst immer auch die, vorgeblich nur für ihre Feinde geltenden, gegenteiligen Prinzipien abgeleitet und in Kraft gesetzt wurden. Sehen wir zu, wie es Honderichs konsequentialistisch-humanitärer Ethik in dieser Hinsicht ergeht.

Im Kapitel "Die Zwillingstürme und die Demokratie" findet sich eine Kurz- Analyse der westlichen Gesellschaftssysteme, die zu folgendem Resultat kommt: weil "Interessengruppen mit höheren Einkommen und Vermögen" den Ausgang der Wahlen dominieren, und, was in der Gesellschaft geschieht, von "Konzernen, Geschäften und Geld" und eben von Regierungen, die von den genannten Interessengruppen dominiert werden, entschieden wird, müsse man die "Art von Gesellschaft, in der wir leben, [...] eine hierarchische Demokratie" nennen (S. 176 f). Daraus folgt, im Hinblick auf die "schlechten Leben" der Dritten Welt: "Unsere Demokratien sind todbringende Staaten" (S. 179). Bereits vorher lesen wir: "Unsere Terrorismusdefinition schließt die Möglichkeit nicht aus, dass manch ein Akt des Terrorismus als Reaktion auf etwas, das andere strukturelle Gewalt nennen, gerechtfertigt sein könnte" (S. 156). Damit ist der Weg zu Honderichs Betrachtung der palästinensischen Terrorakte vorgegeben.

Zunächst wird der Zusammenhang zwischen dem Anschlag vom 11. September und den Unterlassungshandlungen der westlichen Demokratien hergestellt: "... die Unmenschlichkeit an den Zwillingstürmen hatte [...] eine notwendige menschliche Bedingung: unsere tödliche Behandlung der Menschen außerhalb unseres Bequemlichkeitshorizonts, der Menschen mit den schlechten Leben" (S. 193). Folglich seien wir mitverantwortlich für jene Tat und trügen "Anteil an der Schuld" (ebda.). Obgleich Honderich keinen Zweifel daran lässt, dass er den Anschlag verurteilt, gilt für ihn: "Haben wir die Morde an den Zwillingstürmen selbst über uns gebracht? Haben wir sie verdient? [...] Diese ketzerischen Fragen und die ketzerischen Antworten ja darauf enthalten eine Wahrheit. Wir, unsere Politiker vorneweg, haben eine Rolle dabei gespielt" (S. 194). Und: "Präsident Bush und Herr Blair und ihre Vorgänger waren ebenfalls keine Komparsen. Es ist wahr, wenn nicht die einzige Wahrheit, dass wir unermesslich viel mehr als die Mörder des Elften September getan haben [...]" (S. 195).

Die Frage, die Honderich nun stellt, ergibt sich mit Notwendigkeit aus seinen Prämissen: Sind Terrorakte vorstellbar, die nicht wie diejenigen des 11. September moralisch zu verurteilen sind, sondern, weil sie das Humanitätsprinzip als Ziel haben (vgl. S. 196), als legitim eingestuft werden müssen? Damit ist der oben skizzierte Umschlag eines Prinzips in sein Gegenteil auf spezifische Weise vorbereitet. Wir sind nicht mehr erstaunt, wenn wir nun lesen: "In dem ernst gemeinten und begründbaren Prinzip der Humanität gibt es keinen Mechanismus, der jeden Terrorismus sofort verurteilen würde. Das Prinzip berücksichtigt die Welt mit all ihren Unterschieden. Es ringt mit Tatsachen und Wahrscheinlichkeiten, mit der Schwierigkeit der Rationalität. Dennoch liefert es in meinen Augen eine Schlussfolgerung von gewisser Allgemeinheit, nämlich über den Befreiungsterrorismus, einen Terrorismus mit dem Ziel, einem Volk Freiheit und Einfluss zu verschaffen, wenn es eindeutig ist, dass nichts anderes ihm dazu verhelfen wird. [...] Ich selbst habe keinen ernsthaften Zweifel, um den prominentesten Fall zu nehmen, dass die Palästinenser in ihrem Terrorismus gegen Israel ein moralisches Recht ausüben. Sie haben ebenso sicher ein moralisches Recht auf Terrorismus wie etwa die afrikanische Bevölkerung Südafrikas ein moralisches Recht auf Terrorismus gegen ihre weißen Sklavenhalter und den Apartheidsstaat hatten. Jene Palästinenser, die zum Mittel unvermeidlichen Tötens gegriffen haben, hatten Recht in ihrem Versuch, ihr Volk zu befreien, und jene, die sich selbst für die Sache ihres Volkes getötet haben, haben sich in der Tat selbst gerechtfertigt" (S. 231 f).

Im letzten Kapitel seines Buches verleiht Honderich seiner Position ebenso besonderen Nachdruck, wie er sie auch auf seltsame Weise wieder einschränkt. Ohne Zweifel sei der Terrorismus der Palästinenser "ein paradigmatischer Fall von Terrorismus der Humanität" (S. 259) - "dass aber dieser oder irgendein anderer Terrorismus ein Terrorismus für die Humanität ist, reicht nicht aus, ihn richtig zu machen" (ebda.). Warum aber nicht? Wer nun einen argumentativen Rückbezug auf das Grundprinzip der Ethik der Humanität erwartet, sieht sich getäuscht. Gerade an diesem heikelsten Punkt seiner Unternehmung operiert Honderich konsequentialistisch: "Die Frage, ob ein Feldzug des Terrorismus für Humanität nicht nur möglich, sondern auch wirklich gerechtfertigt wäre, läuft darauf hinaus, wie schon gesagt, ob er funktioniert - ob es eine angemessene Wahrscheinlichkeit dafür gibt, dass er seinen Zweck erreicht, [...] und das unter Verlusten, die den Wert des Zwecks nicht übersteigen. [...] Der Terrorismus für Humanität, der diese abschließende Prüfung auf Rationalität am ehesten bestehen wird, ist meines Erachtens immer noch der Befreiungsterrorismus, der größere menschliche und moralische Ressourcen mobilisiert als jeder andere Terrorismus" (S. 280).

Die Frage nach den konkreten Motiven palästinensischer Attentäter erübrigt sich für Honderich, weil für ihn nur der vorgeblich objektive Zweckzusammenhang, in dem ihre Aktionen stehen, zählt. Entsprechend lässt er sich auf eine Analyse der palästinensischen Politik, sowie der Weltsicht etwa der Hamas-Führer überhaupt nicht ein. Kann sich aber ein philosophisch-ethischer Traktat, der entschieden Stellung zu internationalen politischen Problemen bezieht, solchermaßen von einer Betrachtung der Wirklichkeit dispensieren? Offensichtlich gelten doch die Prinzipien der Humanität - wir erinnern uns, sie beinhalten das "Verbot, zu verwunden, anzugreifen, zu töten" - für Terror-Organisationen, gleich welchen Landes, nicht.

Es gibt nach meinem Dafürhalten keinen Antisemitismus in diesem Buch. Der zweite Vorwurf jedoch, den Brumlik gegen es erhebt - und den er auf unrichtige Weise mit dem ersten verknüpft - , dass es "die Ermordung jüdischer Zivilisten in Israel rechtfertigt und so - gemäß der strengen moralischen Logik des Autors Honderich - eben dies Tun auch zur Nachahmung empfiehlt", ist gerechtfertigt. Er enthebt uns jedoch nicht der Frage, sondern drängt uns dazu, sie offen und schonungslos zu stellen: ob Mord, also hier die Tötung von an einem politischen Konflikt unmittelbar nicht Beteiligten, philosophisch als gebotenes Mittel einer Umsetzung humanitärer Prinzipien angesehen werden kann.

 

II

Warum sollten die Angehörigen armer und unterdrückter Völker nicht das Recht haben, mit entsprechenden Aktionen auf die "moralisch kriminellen" Handlungen und Unterlassungen der reichen Nationen zu reagieren? Wird nicht, sagt Honderich, ununterbrochen und in großem Maßstab Gewalt gegen die Benachteiligten in aller Welt eingesetzt? Anders gesagt, legitimieren wir nicht philosophisch die Ausbeutung der Dritten Welt, indem wir ethische Prinzipien verallgemeinern, die den dort Lebenden die Gegenwehr untersagen, und liefe eine solche Argumentation nicht faktisch darauf hinaus, die ökonomische und militärische Gewalt der westlichen "hierarchischen" Demokratien gegenüber den mittellosen Staaten zu rechtfertigen?

Machen wir uns also klar, dass, wer sich mit Ethik beschäftigt, Gefahr läuft, unmoralisch zu werden - Honderich hat diese Möglichkeit bei anderen philosophischen Konzepten, nicht aber bei seinem eigenen, erkannt. Wer terroristische Aktionen gegen Zivilisten gutheißt, folgt dem Organisationsprinzip von Ideen und Idealen, die in der konkreten Anwendung die eigenen Basisbehauptungen außer Kraft setzen. Wer hingegen glaubt, jede Form von Gewalt etwa durch die Berufung auf allgemeinverbindliche Rechte aus seinem philosophisch-politischen Konstrukt ausgrenzen zu können, verschließt quasi willentlich die Augen davor, dass ihn nur die eigene bevorrechtigte Lage in den Stand setzt, so zu argumentieren.

Gibt es etwa keine reine, gegenüber den realen Gewaltzusammenhängen schuldlos bleibende Ethik? Wäre es also angemessener, sich von vornherein klar zu machen, dass jeder Versuch, moralische Prinzipien zu definieren, die anderes und mehr als verallgemeinerten Egoismus enthalten, gerade in seinem Gelingen auch gegenläufige Tendenzen enthält? In der Nachmoderne fußen ethische Entschlüsse notwendig auf politisch-rechtlichen Voraussetzungen. Wer sich in eine existenzielle Entscheidungssituation versetzt fühlt, nimmt unmittelbar wahr, dass ihr als Pendant ein demokratischer Raum, der Vorschriften, Gesetze und Regeln des Zusammenlebens enthält, beigeordnet ist. Er ist die notwendig akzeptierte faktische Basis jedes Engagements für andere. Wer glaubt, sie von seiner ethischen Position her außer Kraft setzen zu können, indem er, wie Honderich es tut, die eigene Idee von Gerechtigkeit bedenkenlos generalisiert, fällt in die tendenziell dogmatischen Zentrumsstrukturen der Moderne zurück, deren Utopien, versuchte man, sie praktisch umzusetzen, nicht Befreiung, sondern grenzenloses Leid über die Menschen gebracht haben.

Empfindet es nun jemand, in einem Moment ethischer Inspiration, als den eigentlichen Skandal unserer Zeit, dass bei ständig wachsenden technisch-ökonomischen Möglichkeiten Hunger, Gewalt und Ausbeutung in der Welt eher noch zunehmen, so muss er sich doch hüten, radikale Konzepte alten Zuschnitts zu empfehlen, um Abhilfe zu schaffen. Nimmt er hingegen die Hemmung, diesem überkommenen Hang nachzugeben, in seine moralische Haltung auf, so stellt er sich mit größerer Wahrhaftigkeit den gegenwärtigen globalen Problemkomplexen. Entsprechend verändert sich ihm das Bild der Welt.

Wir müssen uns in aller Deutlichkeit sagen, dass niemand den unabsehbaren gesellschaftlichen Wandlungsprozess, in den auch die arabischen Länder hineingerissen worden sind und in dem traditionelle, häufig erstarrte, religiös geprägte Verhaltensmuster auf solche westlichen Ursprungs treffen, zu steuern vermag. Den Satz auszusprechen, der europäisch-amerikanische Kapitalismus sei nicht allein Verursacher des Desasters jener Staaten - obwohl er wahr ist - , heißt bereits, am Versuch teilzunehmen, den eigenen Schuldanteil zu minimieren. Trotzdem ist es unabdingbar, dem einseitigen Feindbild, das sich zum Beispiel arabische Freiheitsbewegungen zueigen gemacht haben, auch theoretisch zu widersprechen, wohl wissend, dass man dadurch auch einer ideologischen Entlastungsstrategie in die Hände arbeitet. Weiterhin entbehrt es nicht einer schrecklichen Ironie, etwa die Gültigkeit der Menschenrechte für alle Gesellschaften dieser Erde zu fordern, wenn man doch zugleich einsehen muss, dass die ethischen Maximen, die sie ausdrücken, gerade in der westlichen Hemisphäre von entgegengesetzten flankiert werden, ohne deren Wirksamkeit auch die ersten weder formuliert worden wären, noch Bestand hätten. Es gibt, soll das heißen, die Werte, auf die wir so stolz sind und die in Erziehung und Öffentlichkeit allein thematisiert werden, wie Solidarität, Gerechtigkeit und Toleranz, nur gemeinsam mit ihren Gegenpolen, dem krassesten Egoismus und dem Recht des Stärkeren, dem Willen zum Sieg um jeden Preis, der sich jeder Unwahrhaftigkeit bedient, die sich seit jeh besonders, aber keinesfalls nur, unsere politischen und wirtschaftlichen Führungsschichten zueigen gemacht haben. Allgemeiner formuliert: die von uns als positiv eingestuften Verhaltensweisen wären ohne ihre tabuisierten Pendants nicht lebensfähig, allerdings, und das darf keinesfalls vergessen werden, auch diese ohne jene nicht.

Wenn dem aber so ist, dann wäre nicht nur jeder Versuch, einzig die von der geläufigen Ethik gerechtfertigten Maßstäbe politisch durchzusetzen, zum Scheitern verurteilt; vielmehr würde eine solche Anstrengung in praxi sofort, wie es in der Geschichte immer der Fall war, von den unterirdisch wirksamen Realwerten okkupiert werden. Das ethische Dilemma, vor dem wir stehen, besagt also, dass wir gerade angesichts der schreienden Ungerechtigkeit in der Welt keine Mittel kennen, um Gerechtigkeit ohne Willkür, Freiheit ohne Grausamkeit und Mitmenschlichkeit ohne Kälte zu schaffen. Honderichs Buch bestätigt diese Diagnose - seine humanitären, auf einer natürlichen Moral fußenden Prinzipien legitimieren die wahllose Ermordung von unschuldigen Menschen.

Halten wir demgegenüber zunächst fest, dass es kein universelles ethisch-politisches Konzept mehr gibt oder geben kann, mittels dessen die Weltverhältnisse verbessert werden könnten, sondern dass jeder einzelne, indem er sich etwa gegen den Hunger in den armen Ländern engagiert, bereits anerkennt, dass neben den eigenen Wertvorstellungen und der ihr faktisch zugeordneten Basis von demokratischen Verhaltensregeln, die gerade nur für nachmoderne Gesellschaften gilt, andere Moralsysteme in Kraft sind, die das Töten aus Glaubensgründen legitimieren und die westlichen politischen Weltanschauungen mit ungemilderter Feindseligkeit ablehnen und bekämpfen. Wer für sich, den Regeln seines moralischen Engagements gehorchend, Mord, überhaupt Gewalt, und Terror ablehnt, wendet sich damit zunächst und unmittelbar gegen die verborgen gültigen, öffentlich aber tabuierten Realwerte der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften und stellt so deren Existenz von Grund auf in Frage. Will er jedoch nicht in den Honderichschen Dogmatismus verfallen, so bleibt ihm nur, die Daseinsberechtigung nicht-humanitärer Maßstäbe des Handelns anzuerkennen und auch philosophisch endgültig den Schritt zu einer nachmodernen Ethik-Konzeption zu machen, für die der alte Gegensatz von Altruismus und Egoismus nicht mehr gilt. Auf dieser Grundlage kann die gegenwärtige anti-demokratische Tendenz von Wirtschaft und Politik erkannt und ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden:

1)   Weil es keine strukturell einfachen moralischen Maßstäbe mehr gibt, sondern das Engagement für Gerechtigkeit und Toleranz die Anerkennung gegenläufiger Handlungsmuster beinhalten muss, wird es umgekehrt auch möglich, deren Angewiesenheit auf Solidar-Werte in den Blick zu nehmen.

2)   Die Erkenntnis, dass gegenläufige Wert-Strukturen einander nicht aufheben, sondern stützen, führt nicht länger dazu, altruistische Muster als ideologisch zu entlarven, wie es die Moderne, die hierin zu ihrem nihilistischen Selbstverständnis fand, getan hat. In der Nachmoderne bilden altruistisch-egoistische Motiv-Lagen psycho-soziale Gefüge, die ein hohes Maß an innerer und äußerer Toleranz entwickeln können.

3)   Die zur Zeit zu beobachtende anti-demokratische Entwicklung in den westlichen Gesellschaften zeigt uns das spezifische Gefahrenpotenzial der Nachmoderne. Ihrige gegenläufigen Gefüge sind einem Angriff ausgesetzt, der droht, ihren Grundimpuls, die Hemmung gegenüber dogmatisch-totalitären Tendenzen, zu entkräften.

4)   Das moralische Engagement für mehr Gerechtigkeit in der Welt kommt nicht umhin, die immer weiter existierende, wieder zunehmende Ungerechtigkeit in den westlichen Demokratien selbst zu problematisieren und zu bekämpfen. Eben daraus gewinnt es die ethische Möglichkeit, sich auch gegen die Gewalt und den Terror, den politische Bewegungen anderer Nationen ausüben, zu wenden.

5)   Der Übergang zur Kommunikation mit grundsätzlich anders strukturierten Wertvorstellungen ist bereits in die heutigen nachmodernen, prinzipiell partikularen Lebensentwürfe integriert. Weil der Begriff des Ganzen keine normative Rolle mehr spielt, stützt sich die etwa an die Palästinenser ergehende Aufforderung, auf terroristische Akte gegen die israelische Zivilbevölkerung zu verzichten, nicht länger auf allgemeine moralische Vorschriften, sondern ist nichts weiter, aber auch nicht weniger, als der Ausdruck einer Einsicht und Empfindung, die für unschuldiges Leben Schutz verlangt. Er wird erst dann praktisch und konkret, wenn er sich zugleich gegen die vom israelischen Staat an den Palästinensern verübten Menschenrechtsverletzungen wendet.

6)   Angriffe von Untergrundorganisationen auf militärische Einrichtungen einer Besatzermacht sind kein Terror, sondern legitime Gegenwehr. Der von Honderich gebrauchte Ausdruck "Befreiungsterrorismus" verschleiert, dass sich die in Attentaten gegen Unschuldige ausdrückende Menschenverachtung immer auch gegen die eigene Gruppe wendet: ein auf solche Weise befreites Volk gerät häufig genug unter die Knute von der eigenen Nation angehörenden diktatorischen Führern.

7)   Die kritische Sichtung der eigenen, westlich-kapitalistischen, Realwerte gestattet es, vergleichbare Faktoren in den Wertesystemen arabischer Freiheitsbewegungen auszumachen. Ihr amerikanisch-israelisches Feindbild legitimiert die schrankenlose Gewaltanwendung, indem es die Verantwortung für die eigene Situation ausschließlich dem politischen Gegner zuschreibt. Eine Korrektur dieser Einstellung, die dazu führte, auch im Gegner den Menschen zu respektieren, würde eine Distanzierung von den Selbstmordattentaten radikaler Gruppen mit sich bringen. So könnte ein unvergleichlich größerer moralischer Druck auf den israelischen Staat ausgeübt werden, seine Besatzerpolitik aufzugeben. - Die europäische oder amerikanische Formulierung einer solchen Hoffnung ist nur dann nicht leer, sondern real, wenn sie eine entsprechende Transformierung der eigenen politischen Haltung beinhaltet oder verlangt.

Die hier skizzierte Variante eines nachmodernen politischen Engagements findet ihren Sinn gerade in der Ablehnung eines allgemeinen Gültigkeitsanspruchs - nicht er liefert Ergebnisse, sondern der unter seiner Voraussetzung in den Blick genommene konkrete Einsatz. Weil Ethik nur als Moral wirklich existiert, als Blick auf wirkliche Verhältnisse, mit der Motivation, kommunizierend und helfend in sie einzugreifen, also sich selber in einen partikularen Gefüge-Zusammenhang mit ihnen zu stellen, können abstrakte Vorüberlegungen wie diese nur dazu dienen, sich die eigene Unvollständigkeit begreifbar zu machen.

Honderichs "Nach dem Terror" ist, auch wenn man seine philosophische Konzeption und die aus ihr resultierenden Konsequenzen ablehnt, ein wichtiges Buch. Es stellt Fragen, die wohl jede ethische Überlegung, die heute ernst genommen werden will, sich zueigen machen muss, um ihre eigenen Antworten auf sie zu finden. Eine nachmoderne Philosophie kann ihr Existenzrecht eben dadurch dokumentieren, dass sie seinen Rigorismus ablehnt und dennoch und gerade die schwerwiegendsten Probleme der Gegenwart in ihren eigenen Entstehungsprozess aufnimmt. Micha Brumliks Vorwurf gegen es, seine Aufforderung an den Suhrkamp Verlag, vor allem aber dessen Reaktion, sind unangemessen, weil sie die für die Bildung einer nachmodernen Ethik unabdingbare offene Auseinandersetzung mit dem Palästina-Konflikt blockieren, indem sie, sei es unbeabsichtigt, die Erarbeitung notwendiger Differenzierungen erschweren.

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