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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 1
Leser-Voyeurismus scheint in der letzten Zeit besonders gefragt; zumindest könnten die ver schiedensten auf dem Markt befindlichen Biographien dies als jüngste „Einsicht“ der in Absatzschwierigkeiten geratenen Verleger vermuten lassen. – Dazu noch die Jahrestage! So hat uns der Herbst gleich mehrere Adorno-Biographien beschert. Deren Rezensenten beklagen vor allem, was daraus nicht hervorgeht über Entscheidungen, Charakter, Weltbild und Werk Adornos. War er „der ungeheuerlichste Narziß, den die Alte und Neue Welt aufzuweisen hat“ (O-Ton Frau Maidon Horkheimer)? Bringt er „zu jeder seiner Analysen auch das Gegenteil“ mit seiner „auf die Spitze getriebenen Dialektik“(Max Horkheimer)?

Eine Antwort auf solche Fragen kann der Leser jetzt vielleicht – außer im Werk selbst – in den Briefen Adornos an seine Eltern finden.Die Edition mit zahlreichen Erläuterungen beginnt im Mai 1939 mit einem Schreiben Adornos aus New York an seine gerade aus Deutschland ausgewiesenen in Havanna auf Kuba angekommenen Eltern und endet mit dem letzten Brief Adornos an die 86jährige Mutter in New York aus Frankfurt vom Januar 1951. Insgesamt enthält sie 262 erhaltene Briefe, davon 12 auf Englisch verfasste. Die meisten Schreiben haben kurze Zusätze von Gretel Adorno, seiner Frau; man findet auch einige wenige Briefe Gretels mit Grüßen ihres Mannes.
Wovon handeln die Briefe; was ist für den heutigen Leser von Interesse daran? Der Natur privater Korrespondenz entsprechend finden sich gegenseitige Berichte und Fragen zum Gesundheitszustand, über Urlaub, Wetter, Erdbeben, Geburtstagsfeiern, Parties, Bekannte und Verwandten-Geplänkel, Arbeitsvorhaben und Ausgeführtes (Rezensionen, Aufsätze, Bücher, Vorlesungen), über Geldgeschäfte und Politik, über Filme, Musik und Literatur. Also: ein Briefwechsel wie jeder andere? Ja und nein. Wir begegnen darin den international gefeierten Persönlichkeiten der damaligen Zeit: Filmstars (Greta Garbo und Charlie Chaplin) und –Regisseuren (Fritz Lang); Virtuosen (Lisa Minghetti,Eduard Steuermann), Dirigenten (Toscanini, Bruno Walter) und Komponisten (Antheil, Bartok, Eisler, Krenek, Leibowitz, Schönberg, Strawinsky, Weill); Schriftstellern (Brecht, Feuchtwanger, Th. Mann) Philosophen bzw. Soziologen (M. Horkheimer, E. Fromm, L. u .H. Marcuse, F. Pollock).
Wir bekommen ein Rezept für Alligator pears = Avocados, Gretels neueste Punsch- oder besser Cocktail-Mischung (Tee, Orangen- u. Zitronensaft, Zucker, Eis, Rum, Apricot Brandy). Auf Seite 217 beginnt sogar ein veritabler authentischer Hunde-Roman um Ali Baba, einen Afghanischen Windhund: „Er ist der schönste und edelste Hund, den ich je gesehen habe – von einer Freiheit von Gier, an der sich fast alle Menschen, die ich kenne, ein Beispiel nehmen könnten, dabei zu uns lammfromm.“ Der zieht sich bis Seite 519 mit Unterbrechungen hin. Hundefreunde werden dabei Adornos menschlich-allzumenschliche Neigung zu blasphemischer Übertreibung („unser Christkindchen“, „unser Jesulein“) verzeihen und vielleicht verstehen, dass Ali Baba mit 4 Hundekuchen und Brahms Wiegenlied ins Bett gebracht wird. Anfangs muß sich der Leser erst an die familien-internen gegenseitig verwendeten Kosenamen gewöhnen: Teddy und Gretel unterzeichnen als die „zwei Pferde“, „zwei Rosinanten“ oder auch „Hottilein und Rossilein“; Teddy signiert als „das alte Kind“, ist auch „das große Rindvieh“, der „Niltrottel“, meist aber „der Nilpferdkönig Archibald“; Gretel, die „Giraffe Gazelle mit den Hörnchen“. Vater Oscar durchgehend „WK“, abgekürzt für „Wildschwein-König“, auch „Wuchtsau“ und „Haurier“. Adornos Mutter die „Wundernilstute Marinumba von Bauchschleifer“. Horkheimers sind „the mamuths“, Max mit Indianer-Häuptlingsnamen „Die weiche Birne“. Gern spielt man bei Adornos Abends „66“. – All dies mag mehr oder weniger amüsant sein.
Von besonderem Interesse ist Adornos USA- bzw. Zivilisations-Kritik. Gegenüber New York ist für ihn eine „ südliche, menschliche, unhygienische, mit einem Wort sympathische Stadt wie Havanna tausend Mal vorzuziehen.“ „Dixieland“, „das Land der Marktschreier“, ein „hässlicher, von Drugstores, Hotdogs und Autos“ bewohnter Kontinent. Dort belastet Adorno die „barbarische Halbzivilisation“. Der „mechanisierte amerikanische Betrieb“, die „psychologisch verkrüppelten und verangestellten (sic!) Amerikaner“ öden ihn an, und so visiert er schon 1940 eine mögliche Rückkehr nach Deutschland an, die dann erst 1949 erfolgt.
1941, nach dem Umzug von New York nach Los Angeles, gefällt es ihm dort besser; die kalifornische Landschaft, „ beinah etwas wie eine Kulturlandschaft“, sei von „unvergleichlicher Schönheit, gemahnt an die französische Riviera.“ Adorno fühlt sich dort relativ wohl; der erste Brief auf Englisch ist vielleicht ein Symptom dafür.
Was erfährt man direkt über die Person Adorno? –
Adorno und die Frauen: ein „Kapitel“ für sich. Das eine oder andere unglückliche Verhältnis wird der Mama gebeichtet. Ansonsten ist die Ehe mit Gretel (getrennte Schlafzimmer!), die in seine Arbeit fest eingeplant und –gespannt ist (Manuskripte tippt, Korrespondenz erledigt, Haushalt organisiert, ihn chauffiert), wohl nie ernsthaft gefährdet. Teddy schreibt: „(…) ist meine Arbeit (…) nicht nur ein solches Glück, sondern(…) auch eine so ernste objektive Verpflichtung, dass nichts Privates mich unterkriegen könnte.“
Das Verhältnis zu den Eltern: auf dem Papier sehr liebevoll und besorgt. - Der Leser wird sich seine eigene Meinung darüber machen.
Zentral ist für Adorno seine Arbeit und die Zusammenarbeit mit Horkheimer: „In der Dialek tik der Aufklärung, der Kulturindustrie und den ‚Elementen des Antisemitismus’ steht überhaupt kein einziger Satz, der nicht gemeinsam, oft viele Male, formuliert worden wäre.“ Er schickt z.T.Manuskripte an die Eltern, um sie daran teilnehmen zu lassen. Man kann z.B. die Entstehung des musikalischen Teils von Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ in den Briefen verfolgen. Schließlich schickt Adorno stolz seiner „Mumma“ Manns Aufsatz dazu, in dem, neben ihm selbst, diese auch erwähnt wird.
Musik-Hören, -Analysieren und selbst Musizieren beschäftigt Adorno, wenn er nur irgend Zeit findet. - Über Jahre ist er jedoch durch die Arbeit für das American Jewish Committee gemeinsam mit Max Horkheimer und Fritz Pollock gebunden (Antisemitismus-Studien).
Schon der Rezensent der F.A.Z., Lorenz Jäger, („Die vielen Hansjürgens und Utes – Böser Nilpferdkönig: Adornos Briefe an seine Eltern“) beklagt Adornos „Sadismus“ bei der Beschreibung der Situation im Deutschland der Bomben-Angriffe zu Kriegsende. Das gipfelt in Adornos rachedurstiger Behauptung: „(…) bedauert man nur, dass die Atombombe nicht an Deutschland ausprobiert ward.“ Sicher sind hier geographische Distanz und Qual des jüdischen Schicksals in Europa durch den Faschismus keine ausreichende Entschuldigung.
Verblüfft wird ein Student von heute, der sich mühevoll – ob der sprachlich-gedanklichen Fremdheit und „Arroganz“ Adornoscher Texte genervt – durch dessen philosophisches Werk quält, bei der Brief-Lektüre feststellen, dass die Briefe ‚einfach’ geschrieben, außergewöhnlich verständlich sind. Ein ganz „anderer“ Adorno? Auch seine Eltern hatten offenbar Probleme mit dem Verständnis seiner Arbeiten. Daher die Anweisung „Zur Frage der Lektüre philosophischer Sachen. (…)Der ‚Laie’ überschätzt sehr die Wichtigkeit der Terminologie. Wenn man mit einer gewissen Largesse liest und vorweg dem größeren Sinnzusammenhang sich zuwendet, fallen einem die Einzelbedeutungen auch ungewohnter Ausdrücke meist von selbst zu. Probatum. Die Termini sind keine magische Geheimsprache, sondern meist nur Mittel zur genaueren Nuancierung von Begriffen, die in der Alltagssprache so unscharf gebraucht werden, dass sie kaum etwas Eigentliches mehr besagen.“ Die Fortsetzung folgt im nächsten Brief mit dem für „Laien“ erleichternden Geständnis: „Auch ich verstehe in (…) den beiden Grundwerken Hegels oft Details nicht und habe es mir schon bei Kant zur Regel gemacht, immer gleichsam vorwärts und rückwärts zugleich zu lesen.“ Adorno gibt im Folgenden noch weitere gute und erheiternde Tips zum Lesen eigener und fremder philosophischer Texte.
1949 endlich zurückgekehrt nach Europa, befällt Adorno Entsetzen ob der Zerstörung: „(…) die Altstadt ist ein wüster Traum. (…) Trotz allem ist es Frankfurt und das Gefühl der Heimat stärker als alles andere. (…) Essen vorzüglich. Nur die Kleider der Leute sind schäbig und es gibt überhaupt keine eleganten Frauen mehr.“
1951 plant unser Nonplusultra-Ästhet schließlich doch noch einen „Luftnilstutentransport“ von New York nach Frankfurt, aber da ist es für die Mutter schon zu spät.
Narziß, Dialektiker mit Ambivalenz? Guter Sohn? Ewiges Kind? Politischer Kämpfer? Solidarischer Jude? [Wir wollen uns gar nicht erst auf das Niveau des Tratschke-Rätsels „Wer war’s?“ der F.A.Z. a. S. begeben: „Er war überrascht, dass man ihn als Reaktionär bezeichnete.“ Adorno schreibt dazu: „Das Gefühl mit einem Mal (68 AdV) als Reaktionär angegriffen zu werden, hat immerhin etwas Überraschendes.“]
Auf all diese Fragen findet der (interlinear) Lesende seine Antworten – zusätzlich zu Rezepten und Sight-Seeing-Touren durch Kalifornien. Aber: Nähe desillusioniert und erschwert die Liebe – vielleicht lesen wir doch lieber seine Werke als über und von Nilpferdkönig und Giraffengazelle.
Hannelore Schmidt – Enzinger
Theodor W. Adorno: „Briefe an die Eltern“ 1939 bis 1951. Hrsg. Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp, Ffm 2003, 10 Abb., 576 S., ISBN 3-518-58376-X, geb., 39,90 €