Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 1


Einige Anmerkungen zu Friedrich Seibolds Artikel „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“

von Helmut Welger

 

Friedrich Seibolds Argumentation in seinem Artikel „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“ beruht im Kern darauf, dass er alle kognitionsbezogenen Begriffe als selbstbezüglich deutet. Dies wiederum liegt m.E. daran, dass er die für Repräsentations- und Reflexionsprozesse essentielle funktionelle Fremdbezüglichkeit, ihren immanenten Verweisungscharakter, außer Acht lässt. In den hier folgenden kurzen Anmerkungen möchte ich dies etwas näher ausführen.

 

„Denken“ und „Bewusstsein“ als Repräsentationsprozesse

Denken vollzieht sich in sprachlichen und nichtsprachlichen Begriffen. Begriffe sind Instrumente des Denkens, Repräsentanten, Zeichen, evtl. auch bewusst kontrafaktische und/oder in sich widersprüchliche, aber nützliche Fiktionen im Sinne Vaihingers. Jeder Begriff steht per se für etwas Anderes, mit ihm nicht Identisches. Insbesondere muss der repräsentierende Begriff nicht alle Eigenschaften des Repräsentierten aufweisen, und umgekehrt. Sie müssen nicht beide vom gleichen „Stoff“ sein, sowenig wie das Schrillen der automatischen Alarmsirene dem Feuer gleicht, das den Alarm ausgelöst hat. Oder, mit einem anderen Bild ausgedrückt: Sowenig wie die Landkarte aus dem gleichen Material bestehen muss wie das Gelände, auf das sie sich bezieht, dem sie partiell isomorph ist.

Die Repräsentativität, die zwingende Erwartung, dass sie für Anderes stehen, betrifft ausnahmslos sämtliche Bewusstseininhalte und beruht allerdings auf einer psychologischen Nötigung, nicht auf einer logischen. Es ist unsere eingeborene Überzeugung, dass es „da draußen etwas gibt“, mag diese Idee nun haltbar, mag sie „wahr“ sein oder nicht. Sie gehört zu den grundlegenden Denkkategorien, die aus individueller Perspektive als Apriori erfahren werden; aus evolutionärer Perspektive hingegen sind sie aposteriorisch; sie haben sich im Laufe der biologischen Evolution als Instrumente des Überlebens entwickelt und bewährt. Dies garantiert nicht ihre „Wahrheit“, sondern nur ihre biopsychologische Zweckdienlichkeit: Es ist erwiesenermaßen nützlich, überlebensdienlich, zumindest so zu tun, als ob sie wahr wären. Sie könnten sehr wohl auch zur Gänze oder partiell falsch sein. Sie sind, wie man es naturwissenschaftlich ausdrücken würde, „bewährte Hypothesen“, mehr nicht.

In der Quantenphysik stoßen unsere angeborenen Ideen und Kategorien offenbar an Grenzen. Das zeigt sich an den dort auftretenden unauflöslichen kategorialen Widersprüchen. Unsere angeborenen Denkkategorien, unsere angeborenen Ideen, die uns mit nahezu unüberwindlicher psychischer Nötigung als selbstverständlich erscheinen, haben sich nämlich in einem mittleren Bereich zwischen dem subnuklearen Mikrokosmos und dem astronomischen Makrokosmos entwickelt, d.h. im Bereich des Mesokosmos menschlicher Dimension.  Nur in diesem Bereich sind sie zweckmäßig und an die „Wahrheit“, die wir nicht kennen, sondern nur vermuten können, hinreichend angenähert. (Vielleicht ist es treffender, insoweit von begrenzter, approximativer Isomorphie statt von Wahrheit zu sprechen.) Außerhalb dieses Bereiches ist das durch nichts gesichert oder auch nur wahrscheinlich gemacht.

Das soeben Ausgeführte gilt auch für das Bewusstsein als Ganzes. Es ist die mentale Repräsentation einer Umwelt. Dies könnte geradezu als Definition des Bewusstseins angesehen werden.

Das Bewusstsein kann sich auch auf sich selber richten, d.h. es kann sich in sich selbst repräsentieren; es wird dann zum Selbst-Bewusstsein: Ich bin mir meines Bewusstseins bewusst. Es teilt und verdoppelt sich dadurch funktionell – nicht notwendigerweise substantiell -, es ist einerseits Repräsentierendes, andererseits Repräsentiertes. Anders ausgedrückt: Es ist funktionell einerseits es selbst, andererseits ein Anderes. Als nicht denkendes, sondern gedachtes Denken steht es funktionell außerhalb seiner selbst. Als gedachtes Denken ist es nicht der Denkprozess selbst, es kommt nur in ihm vor, ist sein Thema. Die Definition des Selbst-Bewusstseins könnte daher lauten: Mentale Repräsentation der mentalen Repräsentation der Umwelt und des Repräsentationsprozesses selbst. Es handelt sich um eine zweistufige Repräsentation, um eine doppelte Reflexion.

Ohne eine solche zweistufige Repräsentation könnte übrigens das Verhältnis zwischen (Um-)Welt und Bewusstsein überhaupt nicht thematisiert werden – weder im Sinne eines (totalen) Unterschiedes noch im Sinne einer Identität oder irgendwelcher Misch- und Wechselwirkungsformen beider, oder im Hinblick auf Art und Ausmaß ihres Zusammenhangs oder ihrer „Unabhängigkeit“. Die Repräsentation würde dann, der angeborenen psychologischen Nötigung gehorchend, unhinterfragt nur als unmittelbare Schau einer Außenwelt verstanden.

Auch die zweistufige Repräsentation erlaubt uns keinen privilegierten Zugang zur „wahren Natur der Welt“. Logische Überlegungen reichen nicht aus, um darüber etwas auszumachen. Wir bleiben stets und unentrinnbar im Bereich der Hypothesen. Das Unterfangen, logisch zu beweisen oder zu widerlegen, dass die Welt sozusagen „nur aus Bewusstsein“ besteht – was immer der Begriff „Bewusstsein“ in diesem Zusammenhang noch bedeuten mag -, ist zum Scheitern verurteilt. Es gleicht dem Unterfangen, die Existenz Gottes logisch zu beweisen oder zu widerlegen. Natürlich schließt das den Glauben an eine spirituelle Welt nicht aus. Allerdings ist auch die triviale Tatsache zu bedenken, dass sich zwei All-Aussagen vom Typus „Es gibt nur Materie“ und „Es gibt nur Geistiges“ (bzw. „Es gibt nur Bewusstsein“) gar nicht voneinander unterscheiden lassen.

Nach alledem kann man feststellen: Seibolds Behauptung, „man kann nicht denken, dass man nicht denkt“, entbehrt der Grundlage. Man kann alles denken (repräsentieren), auch Kontrafaktisches, Widersprüchliches, Unsinniges, Unmögliches, Fiktives, und natürlich auch, dass man nicht denke. Der Gedanke, man denke nicht, ist nämlich selbst kein Nichtdenken (was in der Tat widersinnig wäre), sondern er repräsentiert nur ein solches. Alle Folgerungen aus Seibolds Grundgedanken entbehren daher ebenfalls der Grundlage.

 

„Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließt“

Eine zentrale Argumentationsformel Seibolds heißt: „Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließt, sind in dieser Bedeutung nicht denkbar, sind gedanklich nicht erfassbar.“ Diese sinistre und zugleich suggestive Formulierung enthält eine argumentativ folgenreiche Unklarheit. Sie verdunkelt nämlich den Unterschied zwischen den Reflexionsebenen durch die versteckte Mehrdeutigkeit des Wortes „Bedeutung“. In der ersten Satzhälfte steht dieses für das Repräsentierte, „das Gemeinte“ als solches; in der zweiten steht es für den lexikalischen Sinn des repräsentierenden Begriffes. Dies ist ein Taschenspielertrick, den Seibold nun benutzen kann, sicherlich bona fide, um alle explizit oder implizit kognitionsverneinenden Begriffe für undenkbar, in sich widersprüchlich und unanwendbar zu erklären; übrig bleibt nur eine Welt des Kognitiven, eine vedanta-ähnliche Nur-Bewusstseinslehre. Obwohl in der Unterscheidung zwischen „Begriffen“ und ihrer „Bedeutung“ bzw. „dem mit solchen Begriffen Gemeinten“ eine Ahnung des Repräsentations- bzw. Reflexionsverhältnisses aufscheint, vermengt Seibold dann doch beharrlich die Ebenen, so dass das „Denken, dass man nicht denkt“ (was sehr wohl möglich ist) für ihn gleichbedeutend mit „nichtdenkend denken“ bzw. „uno actu denken und nicht denken“ (was natürlich praktisch nicht möglich, nicht vollziehbar ist) wird.

 

Das „Unbewusste“

Das Unbewusste ist in Wahrheit nicht das Undenkbare, sondern dasjenige, was mir momentan oder dauerhaft nicht bewusst und psychisch nicht zugänglich ist, obwohl es in meinem Gehirn vorhanden ist. Viele äußerst umfangreiche und komplizierte Datenverarbeitungsvorgänge, die notwendige Voraussetzungen des Denkens und Wahrnehmens sind, verlaufen völlig unbewusst, sie sind dem Einblick des Bewusstseins, sozusagen aus guten kybernetischen Gründen, entzogen; im Bewusstsein erscheinen lediglich die Ergebnisse dieser Datenverarbeitung. Das Unbewusste lediglich als einen gegenüber dem Wachbewusstsein geringeren Bewusstseinsgrad zu definieren entspricht nicht dem üblichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch und ist sachlich nicht angemessen. Was immer Seibold einwenden mag, das Unbewusste ist eine empirische Tatsache.

Übrigens müsste Seibold konsequenterweise auch den Begriff „Bewusstlosigkeit“ ablehnen. Dieses Beispiel macht die Absurdität seiner Argumentation vielleicht noch deutlicher.

 

Das „Nichts“

Seibold wendet sich gegen den Begriff  „Nichts“, der das Fehlen jeglichen Seins bedeute und undenkbar sei, da das Nichts mangels Sein ja auch kein Denken enthalten könne. Hier ist wieder die oben erläuterte Außerachtlassung der unterschiedlichen Repräsentations- bzw. Reflexionsebenen festzustellen. Berücksichtigt man hingegen den Unterschied dieser Ebenen, ist Seibolds Argumentation hinfällig.

Wenn Seibold seine Argumentationslinie konsequent weiter- und zuendedächte, müsste er nicht nur den Begriff des Nichts, sondern schon den des Fehlens, und am Ende gar alle Negationsbegriffe für hinfällig und unanwendbar erklären. Das „Fehlen“ ist eine Form des Nichtexistierens, ein partielles und relatives Nichts sozusagen, natürlich nur auf der Ebene der Vorstellungen. Das gilt nun für alle Negationsbegriffe. In Wirklichkeit repräsentiert ein negatorischer Begriff ein bestimmtes Verhältnis: Nämlich den Vergleich zwischen zwei Vorstellungen. Vergleichen ist eine Art von Messen. Bei der Negation fungiert die eine Vorstellung als namengebende Messdimension mit zwei digitalen Ausprägungen (gewissermaßen 0 und 1); alsdann wird an der gegebenen Messstelle der Wert 0 konstatiert. Wohlgemerkt, diese Messung geschieht nur auf der Ebene der Vorstellungen, der Repräsentationen, nicht auf der des repräsentierten (irreflexiven) Seins, welcher Art dessen Substanz auch immer sein mag. Das Sein hat sozusagen keine Lücken, es fehlt ihm nichts. Oder, mit Augenzwinkern gesagt, ihm fehlt das Nichts.

In der formalisierten Logik wird aus guten Gründen erwogen, mehrere Existenzoperatoren zu unterscheiden. Das wäre m.E. in der Tat sehr nützlich und würde mancher Verwirrung um Begriffe wie „Sein“ und „Existenz“ abhelfen. Ein Gedanke existiert nicht auf die gleiche Art wie ein physisches Ding. Zahlen z.B. sind reine Gedankendinge; es „gibt“ sie als solche nicht in der Dingwelt.

 

Der „Tod“

Mit seiner uns inzwischen sattsam bekannten Argumentationsfigur, dass man das Nichtdenken nicht denken könne, erklärt Seibold den Begriff „Tod“, verstanden als „nicht mehr denken“, für einen „Denkfehler“. Diesem „Denkfehler“ könne man durch die Annahme entgehen, dass das Bewusstsein mit dem Tod nicht ende. Wir wiederholen: Der Gedanke, dass man nicht mehr denke, ist logisch sehr wohl erlaubt, denn er ist selbst kein Nichtdenken, er repräsentiert nur ein solches. Ein Lebender kann sehr wohl - ohne den geringsten Verstoß gegen die Logik - denken, dass Tote nicht denken. Wie die Toten selbst über ihr Denken denken, wissen wir nicht. Das hängt davon ab, ob es ein Leben nach dem Tode gibt oder nicht. Wenn ja, mögen sie denken, was sie wollen; daraus entsteht kein logisches Problem. Wenn nein, dann werden sie nach menschlichem Ermessen niemals den unmöglichen Versuch machen, nichtdenkend zu denken; Herr Seibold kann also auch in diesem Fall ganz beruhigt sein.

Man fühlt sich an Epikurs tröstlich gemeinten Satz erinnert: Solange wir da sind, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr da. Ein schwacher Trost? Nun, der Glaube an die Unsterblichkeit bleibt möglich. Nur beweisbar ist er nicht. Ich bedauere das aufrichtig.

 

Die „Freiheit“

Dass es Freiheit im absoluten, indeterministischen Sinn nicht gibt, wird kein Naturwissenschaftler bestreiten. Aber im relativen Sinn kann es sie durchaus geben, nämlich z.B. als begrenzte Wahlmöglichkeit, als Option in einem konkreten Handlungsfeld, unter Absehung von der psychischen Disposition, der Willensdisposition, die eine oder andere Wahl zu treffen. Es wäre m.E. Erachtens besser und klarer, hier im Plural von „Freiheiten“ zu sprechen, nicht von „der Freiheit“ schlechthin.

Psychische Freiheit“, „Willensfreiheit“ ist eine nützliche Fiktion, im juristischen Sinn ist sie nur die (im Strafverfahren ggf. partiell widerlegbare) gesetzliche Vermutung, dass jedermann seinen Willen im Rahmen gesetzlicher Regeln halten kann. Obwohl falsch, führt die Fiktion zu durchaus vertretbaren, sozialadäquaten Resultaten. Man kann auf die Fiktion ggf. verzichten und sie durch eine andere, vielleicht bessere   Denkfigur ersetzen, aber sie hat den Vorteil, dass sie dem natürlichen Empfinden entspricht und nützliche Dienste leistet. Just wegen dieser in langer Evolution bewährten Nützlichkeit gehört sie zu unseren angeborenen Ideen, von denen wir uns nur mit intellektueller Mühe distanzieren können. Es fragt sich, ob diese Mühe sich lohnt. Dies ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage. Wäre nicht mancher Staatsbürger überfordert? Kant hätte uns vermutlich geraten, die Idee der Willensfreiheit – in Kenntnis ihres Als-Ob-Charakters – beizubehalten.

 

Resümee

Herr Seibold hat sein hochambitiöses Versprechen, der bisherigen Philosophie einen „prinzipiellen Denkfehler“ nachzuweisen und „eine neue nicht nur apodiktische, sondern erstmals auch logisch zwingende Metaphysik und mit ihr ein neues Weltbild“ zu begründen, nicht eingelöst. Seine Argumentation enthält selbst einen gravierenden Denkfehler, und zwar die mangelnde Differenzierung unterschiedlicher Reflexionsebenen. Dies führt dazu, dass er zwischen einem „denken, dass man nicht denkt“ (was sehr wohl möglich ist) einerseits und „nichtdenkend denken“ bzw. „uno actu denken und nicht denken“ (was natürlich praktisch nicht möglich, nicht vollziehbar ist) andererseits nicht klar unterscheiden kann. Seibold übersieht, dass es gerade aus logischen Gründen grundsätzlich nicht möglich ist, eine „logisch zwingende Metaphysik“ zu begründen. Seibolds spirituelle Weltsicht  ist und bleibt eine Sache des Glaubens. Dieser Glaube – für den ich durchaus Sympathien hege - bleibt ihm unbenommen.

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