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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Vierzig Jahre nach dem ersten gesamtdeutschen Schriftstellerkongress 1947, dem letzten vor der Teilung des Landes, fand im November 1987 der Zehnte. Schriftstellerkongress der DDR statt, der letzte vor der Wiedervereinigung. Beide Male hat es ein Bewusstsein von Letztmaligkeit wohl nicht gegeben, ganz gewiss nicht 1987.
In der Eröffnungsansprache erinnerte Stephan Hermlin, 1947 noch der jüngste unter den Rednern, an damals: „Während auf den Straßen draußen die ersten Ruinen schwanden, hatten wir mit geistigen Ruinen abzurechnen, mit einer üblen Erbschaft,. die sich auf Schritt und Tritt äußerte, wir bemühten uns, die Fundamente einer neuen demokratischen Kultur zu legen, wir zogen die Bilanz fürchterlicher Verluste ... Seit jenem ersten Kongress haben wir einen weiten Weg zurückgelegt ... Es gibt nicht viele Länder etwa vom Umfang der DDR, es gibt nicht einmal viele größere Länder, die auf so viele Schriftsteller von Rang hinweisen können. Wir haben in den letzten Jahren auch Verluste gehabt, manche unserer Kollegen haben die DDR verlassen, und unter ihnen befinden sich einige wesentliche Schriftsteller. Gewiss hängt das mit bürokratischen oder dogmatischen Behinderungen zusammen, aber ich glaube nicht, dass die Verantwortung nur auf einer Seite zu finden ist – zu den notwendigen Tugenden eines Schriftstellers gehört die Verteidigung der Poesie.“
Und die erfordere Geduld. „Alles Wichtige, auch die Literatur“, so Hermlin weiter, „setzt sich kämpfend durch. Das kann manchmal lange dauern. Die Schriftsteller der DDR besitzen unersetzliche Verbündete: ihre Leser, die ihrem Autor Treue, Aufmerksamkeit und leidenschaftlichen Zuspruch entgegenbringen.“
Zwei Jahre später war die Geduld zu Ende, endete das System, dem sie lange entgegengebracht worden war, fanden wiederum Schriftsteller leidenschaftlichen Zuspruch, nun von Hunderttausenden Demonstranten, die die politische Emanzipation verlangten: „Wir sind das Volk“. Dass außer den gerade erst in die Öffentlichkeit tretenden Hauptfiguren der Bürgerrechtsgruppen einige prominente Autoren auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November ´89 mit großem Beifall gehört wurden, entsprach dem Ansehen, das sie genossen. Hier trafen Bekanntheit, literarischer Rang und geistige Leitfunktion zusammen. Am Ende der DDR waren sie es – Christa Wolf und Stefan Heym vor allem, aber auch Christoph Hein, Volker Braun, Helga Königsdorf und wie immer quer dazu Heiner Müller –, die für kurze Zeit die Hoffnungen auf eine andere DDR, einen demokratischen Sozialismus verkörperten und dessen Illusionscharakter im Scheitern der eigenen Bemühungen um eine solche Alternative erfahren mussten.
Gerade die Schriftsteller, die im Land geblieben waren, weil sie an seine Veränderbarkeit glaubten, konnten den Herbst ´89 euphorisch erleben: als unverhoffte Chance, der Geduld nun einen erlösenden Sinn zu geben in einer gesellschaftlichen Umgestaltung, für die sich der Einsatz – das Dableiben mit seinen Anstrengungen, Kompromissen, Unterwerfungen und Leiden – gelohnt hatte. Wer bis dahin den Sozialismus als geschichtliches Projekt noch nicht abgeschrieben hatte, musste geradezu im Zusammenbruch seiner realsozialistischen Fehlform die Möglichkeit des Neuansatzes sehen, konnte sich also konsequenterweise täuschen. Die sinnliche Erfahrung half mit: die entschlossenen, zugleich friedfertigen, souveränen und wortwitzigen Massen, die Beifallsstürme für Schriftstellerreden, das Zusammengehen in der Verabschiedung des alten Regimes im Namen von Wertvorstellungen, bei denen sich Schriftsteller durchaus, wie Anna Seghers gesagt hatte, „mit dem Leser im Bunde“ fühlen konnten.
„Wir haben einen Auftrag. Das Maul aufzutun, die Tasten zu schlagen, Denken anzuzetteln und dem Leben das Wort zu reden. Das passende, klärende, ermunternde, ermutigende Wort. Ein deutliches Wort, ein gutes, ein ernstes, ein warnendes, ein offenes Wort. Ein Hauptwort. Ein Machtwort. Das Wort.“ So die letzten Worte in Hermann Kants Rede auf dem letzten DDR-Schriftstellerkongress 1987. Auch wer der Rhetorik des Verbandspräsidenten misstraute und Machtworte von ihm nicht mehr hinzunehmen wünschte, konnte in dieser Formulierung des schriftstellerischen „Auftrags“ etwas Gemeinsames erkennen: einen Begriff von Literatur als Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten, einen Begriff vom Schriftsteller als Verantwortungsträger im großen Unternehmen der „Vermenschlichung des Menschen“ (wie Hermlin in der zitierten Ansprache gesagt hatte).
Auf dieser Ebene gab es einen Konsens unter Autoren in der DDR. Freilich galt er nicht für alle, denn immer haben einzelne, dann auch eine ganze Szene (Prenzlauer Berg) ohne geschichtlichen „Auftrag“ gearbeitet, am Rande oder außerhalb des offiziellen Literaturbetriebs. Der dominante Geltungsanspruch engagierter realistisch-humanistischer Literatur hat die Ausbildung recht unterschiedlicher Schreibweisen nicht verhindert. Das steht auch nicht – jedenfalls nicht allein – in der Macht einer ästhetischen Doktrin.
Die Problematik des herrschenden Literaturverständnisses in der DDR lag nicht primär in seiner Borniertheit, seinem Unverständnis gegenüber Avantgarden, Moderne und Postmoderne, sondern in der Unterordnung des „literarischen Auftrags“ unter die politische Macht. Repression und Restriktion richteten sich ja vorwiegend gegen bestimmte Arten der „Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten“, sobald sie als „feindlich-negativ“ beurteilt wurden. Der fehlende oder viel zu vorsichtige Widerstand gegen solche Praxis und damit gegen die Verletzung ziviler Freiheiten überhaupt ist der eigentlich wunde Punkt der Geschichte.
Die Protokollbände des Schriftstellerkongresses 1987 enthalten auch Fotos. Auf einem befindet sich wiederum ein Foto, ein vergrößertes, zu Häupten der Versammlung angebracht: Anna Seghers und Erich Honecker im Gespräch . Und am Rednerpult Hermann Kant, der in seinem Referat dieses Bild auslegte: „Zwei Menschen, die einander zuhören“, sagte er. „In diesem Bild wohnt eine Stärke des Verbandes, die ebenso eine Stärke des ganzen Landes ist. Man ist einander nicht einfach Partner, man ist Gesinnungsgenosse, Genosse eben.“
Das Referat hatte ich seinerzeit im „Neuen Deutschland“ gelesen, das von kulturellen Großereignissen immer breit berichtete. An meine Reaktion kann ich mich nur undeutlich erinnern. Ein müdes Kopfschütteln, wahrscheinlich, etwas wie: Hört denn dieser Schwachsinn niemals auf! Und an die Adresse der Kollegen im Saal: Dass die dasitzen und sich das anhören! Dabei hätte ich mich keinen Deut anders verhalten, nur war es mir erspart geblieben, dort zu sitzen, im Angesicht eines Präsidiums, dessen erste Reihe so angeordnet war: ein Schriftsteller, ein Mitglied des Politbüros, ein Schriftsteller, ein Mitglied des Politbüros und so fort.
Die Hinnahme einer derart unverhohlenen Demonstration der Macht zeugte von Gewöhnung, die durch scheinbare Alternativlosigkeit gefestigt wurde, zeugte von fehlender Courage, pragmatischen Erwägungen, Resignation, von mancherlei. Aber die Stilisierung dieser Machtpräsenz zum Dialog zwischen „Menschen, die einander zuhören“, zeugte – wenn sie nicht pure Heuchelei war, was ich nicht glaube – von einer perfekten Vertauschung der wahrnehmbaren mit der gewünschten Wirklichkeit, von einem Bild der Realität, das etwas Halluzinatorisches hatte.
Zwischen bewusster Verfälschung und idealisierender Fehldeutung von Sachverhalten gibt es auf der Ebene der Motive oder Absichten gewiss einen Unterschied, im Ergebnis aber zählt er nicht mehr. Eben weil Träume, Ideale, Utopien im real existierenden Sozialismus nicht als Korrektive der Politik, sondern als Deformatoren der Realitätswahrnehmung und Realitätsdarstellung gewirkt haben, besaßen sie eine paradoxe Funktion: Mit sozialistischen Idealen wurde genau das legitimiert oder beschönigt, was im Namen dieser Ideale ein für alle Male überwunden werden sollte – Unterdrückung, Ausbeutung, Unfreiheit.
An eine mögliche andere gesellschaftliche Wirkungsweise von Träumen, Idealen, Utopien kann man sich jetzt nur suchend, im aufmerksamen Umgang mit neuen Erfahrungen herandenken, da lässt sich nichts ‚hinüberretten’ – außer dem Bedürfnis nach solchen Orientierungen.
Das Eigentum
Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen.
KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN.
Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.
Es wirft sich weg und seine magre Zierde.
Dem Winter folgt der Sommer der Begierde.
Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst.
Und unverständlich wird mein ganzer Text
Was ich niemals besaß wird mir entrissen.
Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.
Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle.
Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle.
Wann sag ich wieder mein und meine alle.
Zwölf Zeilen, im Sommer 1990 entstanden, zwischen Währungsunion und Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Keine Saison für Poesie, sollte man denken. Aber das Gedicht wirkte. Es löste Zustimmung aus und Dankbarkeit - für den Autor Volker Braun, der formulierte hatte, was Leser als genau ihre Stimmungslage empfanden. Es regte zu Antwortgedichten an. Es provozierte Widerspruch. Und lieferte Stichworte für eine grundsätzliche Kritik am Illusionismus der "Reformsozialisten", an ihrem schwachen "kulturellen Bezug zur Freiheit" des einzelnen.
Dass ein Gedicht gleich auf derart vielfältige und starke Reaktionen trifft, ist sicher selten. Wahrscheinlich war auch der Autor überrascht, bei aller Übung, die er besaß im Herausfordern und Ertragen gesellschaftlicher Aufmerksamkeit in seinem Land.
Die aber schien nun gerade zu Ende zu gehen. Schluss mit der exzeptionellen Rolle von DDR-Autoren, Für- und Vorsprecher einer sprachlosen Mehrheit zu sein. Das Dichterwort als Stellvertretung öffentlicher Meinung war passé, das Ankommen in der Realität einer freien Gesellschaft angeboten, auch rüde angemahnt. In der ZEIT (26/90) konnte Braun den Satz gelesen haben: "Die toten Seelen des Realsozialismus sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst." Das Ich seines Gedichtes fühlte sich gemeint, denn auch ihm mochte es ergehen wie den Lastenträgern des Afrikaforschers Livingstone, die eines Tages den Weitermarsch verweigerten mit der Begründung, ihre Seelen seien noch nicht nachgekommen. "Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN." Dies in Großbuchstaben wie auf einem Plakat, Umkehrung einer Parole aus der französischen Revolution, die Büchners "Hessischer Landbote" dann aufnahm. "Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Im Gedicht jetzt: das plakative Drohbild vom "Westen", als sei dort die Entwicklung seit 1834 stehen geblieben – so ist die Zeile gelesen worden. Derart undialektisch hat Braun wohl kaum gedacht. Doch sein Gedicht riskiert die Vereinfachung, getragen von Trauer und Zorn, einem Ton, der, wie gesagt, den Gefühlen vieler entsprach. Wo solche Empfindungsnähe fehlte, wurde anders gehört. Da redete der Dichter, der trotzig bekannte, er selber habe seinem Land "den Tritt versetzt. Es wirft sich weg und seine magre Zierde. Dem Winter folgt der Sommer der Begierde" wie ein verlassener Liebhaber oder wie ein von seiner Schulklasse versetzter Lehrer, den keiner mehr hören noch verstehen mag: "Und unverständlich wird mein ganzer Text." Bindet man aber diesen Satz an den Zusammenhang der folgenden, wird der Verlust erkennbar, um den es hier eigentlich geht: Die Enteignung von etwas, das "niemals besessen" und das "nicht gelebt" wurde - das Eigentum (so ja der Titel des Gedichtes) an "der Utopie des wirklichen Sozialismus im Gegensatz zum 'realen'. Um einen Phantombesitz handelte es sich also, doch der Schmerz ist wirklich." Ich teile diese Deutung von Wolfgang Emmerich und meine, dass von dem Bild "Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle" die anhaltende Provokation des Gedichtes ausgeht. Aus der verlorenen Epochenillusion vom "wahren Sozialismus", aus dem - wie Braun an anderer Stelle sagte - "Hoffnungsschrott des Herbstes" 1989 muss nicht die Abfindung mit dem Bestehenden folgen. Nur lässt sich keine Alternative mehr suggerieren mit der verzweifelt-sehnsüchtigen Frage: "Wann sag ich wieder mein und meine alle?"; eine Frage, die sich reimt auf „Falle“.
Unter den prominenten Schriftstellern beider deutscher Staaten fanden sich nur wenige, die 1989/90 uneingeschränkt für die nationale Vereinigung eintraten – so Martin Walser, der sie als einen Glücksfall der Geschichte, eine Bestätigung seines Geschichtsvertrauens und als Verdienst des DDR-Volkes mit seiner „friedlichen Revolution“ ansah, die der ganzen Welt die Illegitimität der innerdeutschen Grenze bewiesen habe. Günter Grass hingegen, als „notorischer Feind der deutschen Einheit“ (Selbstbezeichnung), verband mit seinem langjährigen Konzept der Kulturnation, also der „Vielfalt deutscher Kultur, ohne nationalstaatliche Einheit“, nunmehr das Plädoyer für die Fortexistenz einer demokratisch reformierten DDR als Teil der anzustrebenden Konföderation deutscher Länder. Dies war auch die Position der Mehrzahl namhafter DDR-Autoren. Eine stark beachtete Ausnahme: der eher unpolitische, kämpferische Auftritte scheuende Günter de Bruyn. Er begrüßte den gemeinsamen Staat. Für die Deutschen verbiete sich nicht nur nationale Hybris, sondern auch der „Schwermutsnationalismus“, der dem deutschen Volk nur noch eine Zukunft als Büßer zuerkennen will. Anders als Grass sieht de Bruyn in der „Kulturnation“, die 45 Jahre staatlicher Teilung überdauert habe, keinen Gegensatz zur Staatsnation , sondern deren „kritisches Korrektiv“, weil sie die Chance biete, das europäische Gleichgewicht und die regionale Kulturvielfalt zu bewahren. Die deutsche „Kulturnation“, so de Bruyn, reicht „vielleicht bis zu Luther“ zurück, „ganz deutlich aber in die Zeiten der Aufklärung“, in das 18. Jahrhundert. „Als Gottsched in Leipzig seine ‚Deutsche Gesellschaft’ gründete, Lessing sich in Hamburg um ein Theater bemühte, das der ganzen Nation angehören sollte, [...] und Herder erkannte, dass die Kulturen im weitesten Sinne (also die Sprachen, die Lieder, die Dichtungen, Sitten und Gebräuche) es sind, die die Nationen bilden – war es schon da, dieses nicht unverwüstliche, aber doch langlebige Band, das in klassischer Zeit, die eine Zeit politischer Zerrissenheit war, ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl schuf.“
Von einer gemeinsamen, nicht teilbaren Kultur waren zunächst ja die Politiker in den beiden 1949 gegründeten deutschen Staaten ausgegangen. Spätestens aber seit der Errichtung der Berliner Mauer im August 1961 verfolgte die DDR unter Walter Ulbricht einen Kurs rigoroser Abgrenzung. Nunmehr wurde auch die Existenz von zwei deutschen Literaturen behauptet. Gegensätzliche Gesellschaftssysteme, erklärte der DDR-Kulturminister Alexander Abusch, weisen den Schriftstellern gegensätzliche Aufgaben zu und führen notwendig zu einer Auseinanderentwicklung der Literaturen. Das Beharren auf eigenständiger Entwicklung und eigener kultureller Identität, auf Abgrenzung von der sog. „BRD-Literatur“ ist, ob als stur-defensive Doktrin oder analytisches Bemühen um die Herausarbeitung von tatsächlichen Unterschieden, bis zum Schluss die offizielle Position der Literaturkritik und Literaturgeschichtsschreibung in der DDR geblieben.
De Bruyns Plädoyer für die deutsche Einheit war zugleich Absage an einen wie auch immer gearteten DDR-Separatismus. Er hielt Reformversuche mit dem Ziel, die DDR als - wie er sagte - „Nationalpark für ein gesellschaftspolitisches Experiment“ zu erhalten, für einen „Alptraum“. Er war froh über das Ende der deutschen Teilung. Und blieb es. „...wenn auch der Jubel durch neue Sorgen, politische Fehler, Dummheiten und Borniertheiten gedämpft und erstickt wurde“, schreibt er 1993, „so wird doch die Erleichterung darüber, mich frei bewegen und zensurlos schreiben und reden zu können, noch lange andauern.“ Er ist davon überzeugt (1994), dass „Deutschland als geistige Lebensform“, dass die Kultur und die gemeinsamen historischen Erfahrungen, die aus den Deutschen einmal eine Nation gemacht haben, stärker sind als alle augenblicklichen Komplikationen. „ Sündhaft“ erschiene es ihm, über den „deutschen Problemen“ „das deutsche Glück zu vergessen.“
Vom Jubel zur Erleichterung, zur zuversichtlich aufrecht erhaltenen Überzeugung, zur mahnenden Ermunterung (1995): „Auch auf die Gefahr hin, langsam komisch zu wirken, möchte ich zur Bewahrung der Einheitsfreude immer wieder ermuntern. Wo ich gehe und stehe, springen mir Gründe dafür in die Augen.“
Es gibt eine Fülle von Schriftsteller-Äußerungen zur staatlichen Einheit und nationalen Identität. Und doch hält sich in der Öffentlichkeit das Bild, die deutsche Einheit habe den Literaten die Sprache verschlagen. In der Tat haben sie den Prozess der nationalen Vereinigung weder „vorgedacht“ , noch dann, als er in atemberaubendem Tempo vonstatten ging, einen wesentlichen Einfluss als geistige Führungsfiguren ausgeübt. Wegbereiter der Einheit waren sie nicht durch Visionen und Entwürfe zur „nationalen Frage“, sondern allenfalls durch ihren Beitrag zum geistigen Austausch und Zusammenhang der Nation in Zeiten der Zweiteilung.
Eine intakte „geistige Einheit“ und „kulturelle Identität“, über die Grenze hinweg, ließ sich umso leichter voraussetzen, als gerade die Grenze die Wahrnehmung der Differenzen unterband. Man konnte darauf bauen, dass Kultur und Kunst – wie es im „Einigungsvertrag“ 1990 hieß – ungeachtet der unterschiedlichen Entwicklung der beiden deutschen Staaten eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der Nation bildeten.
Die Form der Vereinigung – der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland – implizierte die Ausdehnung der wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Ordnung Westdeutschlands auf die fünf neuen Bundesländer im Osten. Die Mehrheit der Ostdeutschen hatte bei den Wahlen im März 1990 für diesen Weg votiert, mit dem Wunsch, die Lasten des bankrotten DDR-Systems möglichst schnell loszuwerden und westlichen Wohlstand zu erlangen. Die Hoffnung auf eine baldige Angleichung der Lebensverhältnisse war auch getragen von der Überzeugung, im Grunde mit den Westdeutschen gleich zu sein – wesensgleich, gleichwertig, gleichberechtigt und chancengleich. Nur hatte man das historische Pech gehabt, auf der „falschen“ Seite des geteilten Landes zu leben. Die Nachteile dieses Lebens sollten nun, so schnell wie möglich, ausgeglichen werden. Nationale Identität bedeutete aus dieser Sicht nicht nur die Besinnung auf gemeinsame Wurzeln und das Empfinden einer natürlichen Zusammengehörigkeit, sondern auch die Verheißung, dem eigenen Leben eine glückliche Wendung zu geben, von der Seite der Entbehrungen und Beschränkungen auf die der Chancen und des Gelingens zu wechseln. So hatte die nationale Vereinigung für die Ostdeutschen, die bis zum Schluss in der DDR geblieben waren, gleichsam den Charakter einer gemeinsamen Ausreise in den Westen. „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen“ (Volker Braun, 1990).
Für die Westdeutschen änderte die Einheit vergleichsweise wenig an den Lebensverhältnissen. Sie brachte die Möglichkeit, bis dahin unbekannte Landschaften und Städte zu erkunden, neue Märkte und Tätigkeitsbereiche zu erschließen, altes Eigentum zurück zu bekommen. Zugleich brachte die Einheit finanzielle Belastungen, die härter waren, als zunächst gedacht, und sie brachte die Bekanntschaft mit den Landsleuten im Osten, die fremder waren, als man es sich zu Zeiten der Mauer vorgestellt hatte. Jedoch die Identität der Bürger der alten Bundesrepublik war durch deren Vergrößerung nicht in Frage gestellt, vielmehr konnte sich in den Erfahrungen mit den „Brüdern und Schwestern“ im Osten ein westdeutsches Wir-Gefühl artikulieren. Die ersten Jahre nach der Vereinigung standen im Zeichen der Charakterbilder des „Ossi“ und des „Wessi“, in denen Beobachtungen, Urteile, Vorurteile und Ressentiments verschmolzen und ein wechselseitiges Bedürfnis hervortrat, das „Eigene“ gegen das „Fremde“ zu behaupten.
Die Ostdeutschen hatten dabei die schwächere Position, waren sie doch die Nehmenden, die Rückständigen, diejenigen, die sich an das Neue anpassen mussten und die Entwertung ihrer bisherigen Arbeit, ihrer Erfahrungen und Biographien erlebten. Die Befreiung von einem diktatorischen Staat erschien kaum noch als Vorgang, an dem die „friedlichen Revolutionäre“ im Herbst ´89 einen wichtigen Anteil hatten, sondern eher als Zusammenbruch eines ohnehin gescheiterten Systems und als „Sieg des Westens“. Die Befreiten hatten sich, wie eine besiegte Nation, nunmehr an den Werten des „Siegers“ zu orientieren. Der Beitritt der DDR zur BRD ermöglichte den Ostdeutschen die Teilhabe an einer wirtschaftlich und politisch erfolgreichen Ordnung, an der sozialen „Abfederung“ der schmerzhaften ökonomischen Umstellung und an der Sicherheit eines bewährten Rechtsstaates, so dass für sie der Übergangsprozess schneller, milder, geordneter vonstatten ging als in den anderen Ländern des Ostblocks.
Während die Einheit auf der Ebene der Institutionen und Regelungen, der Konsumbedürfnisse und Gebrauchsgüter schnell hergestellt war, lässt sie dort auf sich warten, wo man sie gewissermaßen als Garant des Gelingens vorausgesetzt hatte: in der „Kulturnation“. Ost-West-Unterschiede in den Wertvorstellungen, Verhaltensweisen und Anschauungen, zum Teil auch in der Sprache (wenigstens dem Vokabular) bestehen weiter. Selbst wenn vierzig Jahre DDR aus historischer Sicht nur eine „Fußnote der Geschichte“ (Stefan Heym) sein mögen, waren sie für mehrere Generationen eine prägende Realität. Auch bei verweigerter Identifizierung mit dem „Realsozialismus“ und seiner Ideologie haben die Verhältnisse in der DDR auf deren Bewohner eingewirkt als soziokultureller Biotop, in dem sich Gemeinsamkeiten herausbildeten. Ein DDR-Patriotismus war sicher den meisten fremd und auch nicht nötig, um Heimatgefühle und die Identifizierung mit der eigenen Lebensgeschichte zu erzeugen. Solche Bindungen sowie die Erfahrung von Verlusten, Enttäuschung und Überforderung durch den Systemwechsel, nicht zuletzt auch die Kränkung, im vereinigten Vaterland als „Deutsche zweiter Klasse“ behandelt zu werden, hat im Osten eine Haltung gefördert, die nostalgisch, trotzig oder selbstbewusst auf dem Wert des „Eigenen“ besteht, sich jedenfalls deutlich von der anfangs verbreiteten kritiklosen Bewunderung des Westens und depressiven Selbstverachtung unterscheidet.
Literarisches Indiz dafür ist, etwa ab Mitte der neunziger Jahre, der Erfolg von Büchern, in denen es um Ost-Identität und den östlichen Blick auf die Gesellschaft der Bundesrepublik geht. Symptomatisch schon Titel wie „Nicht länger mit dem Gesicht nach Westen. Das neue Selbstbewusstsein der Ostdeutschen“ (Hans-J. Misselwitz, 1996) und „Westwärts und nicht vergessen. Vom Unbehagen in der Einheit“ (Daniela Dahn, 1996). Letzteres war ein Bestseller, allerdings nur in den neuen Bundesländern. Jüngste Äußerungsformen findet man in Büchern der sog. „Generation 89“ , z.B. in dem gesamtdeutschen Bestseller „Zonenkinder“ von Jana Hensel.
Sofern der Buchhandel nach Ost und West getrennte Verkaufslisten führt, kann man vergleichen und dabei feststellen, dass es ein ostspezifisches Leseverhalten gibt. Bei der Belletristik äußert es sich in der Treue zu Autoren, die in DDR-Zeiten beliebt und wichtig waren. Einige von ihnen wurden (und werden) im Westen kaum wahrgenommen, wie zum Beispiel Erwin Strittmatter, dessen autobiographisches Werk „Der Laden“ gleichwohl als Fernsehfilm gesamtdeutschen Erfolg hatte. Andere haben nach der Wende ein Ansehen, das sie auch im Westen besaßen, aus politischen Gründen eingebüßt, so vor allem Hermann Kant, der Präsident des Schriftstellerverbandes der DDR und mitverantwortlich für Repressionen gegen unbequeme Autoren war. Wiederum andere genießen nach wie vor in ganz Deutschland hohe Anerkennung, sind aber von einem Teil der Literaturkritik heftig angegriffen worden wegen ihrer Kompromisse mit dem Staat und ihrer Fixierung auf einen demokratischen Sozialismus. Im Frühjahr 1990 entbrannte anlässlich der Erzählung „Was bleibt“ ein Literaturstreit, in dem es nicht allein um die Autorin Christa Wolf ging, sondern um die Rolle, die Literatur und Schriftsteller in der DDR gespielt hatten. Die Polemik wurde vielfach als Versuch aufgefasst, kritisch-moralische Instanzen abzuwerten und damit die kulturelle Identität der Ostdeutschen zu demontieren. Zugleich bestanden Autoren, deren Bücher in der DDR nicht erscheine durften und die sich zum Verlassen des Landes gezwungen gesehen hatten, nun auf Aufklärung und Sühnung des Unrechts und lehnten es ab, mit Kollegen zusammenzuarbeiten, die sich als Zensoren, Spitzel, treue Funktionäre des Systems oder als widerstandslose Mitläufer kompromittiert hatten. Die Literatenszene im vereinigten Land war (und ist) uneins, ihre Zusammenführung in gemeinsame Institutionen gestaltete sich schwierig. Nach der deutschen Vereinigung hat zwar ein gesamtdeutscher Schriftstellerkongress stattgefunden (im Mai 1991 in Lübeck-Travemünde), aber ein nationales Ereignis war er nicht. Sein wichtigstes Ergebnis: die Bildung einer Kommission, die sich die Aufgabe des Erinnerns stellte und der Geschichte der beiden deutschen Schriftstellerverbände nachging. Und bis ins Jahr 1998 boten die beiden deutschen P.E.N.-Zentren (das westliche mit Sitz in Darmstadt, das östliche in Berlin) der Öffentlichkeit das Schauspiel ihres Unvermögens oder Unwillens, sich über die Modalitäten ihrer Vereinigung zu einigen.
Daneben aber gibt es ostdeutsche Autoren, die zu Repräsentanten einer die alten Grenzen und Zuordnungen überwindenden Literatur geworden sind, wie eben Günter de Bruyn oder aus der jungen Generation zum Beispiel Durs Grünbein.
Wendet man den Blick von den Literaten auf die Literaturverhältnisse, muss man feststellen, dass sich für die Autoren aus der DDR mit der Wiedervereinigung die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit einschneidend verändert haben. Damit meine ich etwas anderes als den Verlust der angestammten Verlage, der vertrauten Institutionen und Arbeitszusammenhänge. Ich meine den Wechsel in eine Gesellschaft, in der die privilegierte Funktion von Literatur und die privilegierte Funktion von Schriftstellern als Stimme und Gewissen der Nation, als geistige Autoritäten mit Wirkungsmacht auf das öffentliche , namentlich das politische Bewusstsein zu Ende geht. Wahrscheinlich war in Westeuropa Jean-Paul Sartre der letzte große Repräsentant von Literatur in diesem Sinne. Wir leben im Nachhall dieser Ära. Noch hält zwar die „Garde der zornigen jungen alten Herren, denen die deutsche Nachkriegsliteratur mehr als nur ihren Ruf verdankt, ... die Rolle des globalen Chefkommentators ... fest in der Hand.“ Jedoch ist der „Zuständigkeitsbereich“ der Literatur innerhalb einer Generation drastisch geschrumpft. „Heute sind es ... allenfalls die berufsinternen Angelegenheiten, ein paar Blödheiten im ‚Literarischen Quartett’, der Verriss eines Kollegen, die Querelen in den Schriftsteller-Organisationen, die für Aufregung sorgen. Auf die Zeit der Universalisten ... folgt nun die Zeit der hochintelligenten Angestellten des Kulturbetriebs, der Spezialisten und gutausgebildeten Sparten-Jünglinge“, schrieb Iris Radisch in der ZEIT (v.13.10.1995) und nannte diesen Funktionswandel einen „Abschied bei laufendem Betrieb.“
Vergleichsweise abrupt war der Abschied, für den sich die Bezeichnung „Wende“ eingebürgert hat. Die realsozialistische Variante der traditionellen Wertschätzung von Literatur und Schriftstellern verknüpfte Huldigungen und Subventionen mit Reglementierung und Überwachung. Literatur war wichtig, sie hatte dem Frieden, dem Humanismus und der sozialistischen Erziehung zu dienen. Noch in der Zensur, der Furcht vor dem „freien Wort“ schwang der Glaube an dessen Macht mit.
Sie habe plötzlich unter einem „Überwachungsentzugssyndrom“ gelitten, sagte kurz nach 1989 die Schriftstellerin Helga Königsdorf und verwies damit auf den Wegfall von Praktiken, die den Betroffenen ein Gefühl von Wichtigsein suggerierten: Die Staatsmacht nahm sie ernst, hätte sie sonst eine so aufwändige Kontrolle betrieben?
Schwerer wiegend aber als das Erlöschen dieses perversen Staatsinteresses war der Verlust des Gehörtwerdens, des Gebrauchtwerdens durch Leser, die nach dem Wort der Dichter, nach Beistand und Orientierung verlangten, die in Literatur und dem Gespräch über Literatur nach Wahrheiten suchten, die offiziell verschwiegen wurden, Leser also, denen Literatur zu jenem „täglich Brot“ geworden war, das in Parteireden immer wieder als Proviant der „gebildeten Nation“ gepriesen wurde. Unter den Bedingungen des Mangels gab es Hunger nach Büchern, war die DDR-spezifische „Lesekultur“ ein „Lesen zwischen den Zeilen“, ein Heraushören der versteckten Botschaften, ein politisiertes Lesen und eine Suche nach Verständigung in den privaten Kreisen der „Nischengesellschaft“. Dort funktionierte Literatur als gesellschaftliche Selbstreflexion, gegen die von Partei und Staat oktroyierte Meinungsbildung, und war in dieser Eigenschaft nicht nur Öffentlichkeitsersatz, sondern ein Medium privater Verständigung , über das sich Ansichten und Ansprüche artikulieren konnten, die im Herbst ´89 ihren öffentlichen Ausdruck fanden. Das „Bündnis“ zwischen Autoren und Lesern hatte schon etwas von Gesinnungsgenossenschaft (freilich nicht in dem eingangs zitierten, von Hermann Kant beschworenen Sinn), aber es besaß auch Züge einer Notgemeinschaft. Das Leben wurde erträglicher dadurch, dass es Helfer in der Not gab: Gesprächspartner, Ratgeber, Seelsorger, Vorbilder. Einige - wenige - Autoren vereinten all diese Funktionen in sich. Ihre Bücher und ihre öffentliche Präsenz leisteten, so gesehen, „Lebenshilfe“, was sie für meine Begriffe keineswegs fragwürdig macht. Dass Literatur elementar gebraucht werden kann von vielen, ist ein Glücksfall. Nur scheint der sich vorzugsweise in unglücklichen Verhältnissen zuzutragen.
Nun sind die gegenwärtigen nicht eitel Freude, doch sicherlich so beschaffen, dass sie Schriftsteller vom „Helfersyndrom“ entlasten. Für manche ein Einschnitt in das Selbstverständnis. Nicht so für diejenigen, die zu DDR-Zeiten außerhalb des offiziellen Literaturbetriebs und seiner Kommunikationsformen gearbeitet haben. Zwar sind alle „Ehemaligen“ in denselben Gesellschaftswechsel involviert, aber auf unterschiedlichen Plätzen, in unterschiedlichen Lebensphasen, mithin auf individuell verschiedene Weise. Schon in dem kleinen Kreis, den ich überblicke, herrscht eine bunte Mischung aus Kontinuität und Wechsel.
Für mich selbst kam vor der politischen Wende die berufliche, zwanzig Jahre ist es her. Da entschloss ich mich, meine Stelle als Romanistin an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften mit der Existenz einer freiberuflichen Autorin und Übersetzerin zu vertauschen. Mein erster Roman „Anders oder Vom Aufenthalt in der Fremde“ ist Anfang 1988 in den Verkauf gekommen (in einer Auflage von 6.000 Exemplaren), beendet war er etwa drei Jahre vorher, und als ich ihn schrieb, hatte ich mit seiner Annahme durch einen Verlag, dann mit der Druckgenehmigung durch die Zensurbehörde (die sich freilich anders nannte) nicht gerechnet, was so bedrückend nicht war, gab es doch prinzipiell die Publikationsmöglichkeit im Westen. Die Erfahrung jahrelanger Schikanen und Verfolgungen als Autorin besitze ich nicht. Zum Schriftstellerverband habe ich nicht gehört, auch zu keiner „Szene“. Meine Kontakte zu anderen Autoren verdankten sich dem Zufall privater Bekanntschaft. Mein Roman „Anders“ wurde wohlwollend rezensiert, ein bisschen ratlos auch. Eine Diskussion dazu, die die Wochenzeitung Sonntag initiiert hatte, blieb ohne großes Echo. Das Buch war ein Fremdling, schwer durchschaubar. Die Lesungen, die ich zu DDR-Zeiten gemacht habe, lassen sich an meinen Fingern abzählen. Kurz, ich existierte am Rande des einheimischen Literaturbetriebs und fühlte mich da ganz gut platziert. Die Wende hat mich also weder eines Publikums – das ich nicht besaß – noch einer Identität als „DDR-Autorin“ beraubt. Vielmehr hat sie mir diese Identität nachträglich beschert , weil ich nun, wo auch immer, als „Dagebliebene“ über meine Insider-Erfahrungen befragt und dem Komplex „DDR-Literatur“ zugerechnet werde. Der „Ost-Bonus“, von dem ich 1988/89 profitierte, nachdem „Anders...“ in Westdeutschland erschienen und von der Kritik als „nouveau roman“ aus der DDR gepriesen worden war, existierte bald nicht mehr. In die westliche Normalität entlassen, habe ich die Veränderung meiner Situation zunächst wenig gespürt, die Wende hatte ja keinen Einschnitt in mein Berufsleben bedeutet. Neu jedoch waren das Tempo, die Lautstärke und die Fülle der Meinungen und Positionen, von denen ich mich umgeben sah. Die Unübersichtlichkeit, das Geschäftige und Geschäftsmäßige des Literaturbetriebs hat mich dann auch wirklich behindert. Ich brauchte Zeit, um mir wieder klarzumachen, wozu ich da bin und was nun meine Stimme in dem Konzert soll. So gesehen bedeutete die Wende einen erheblichen Einschnitt, vielleicht ablesbar an der Verfasstheit des Romans „Unter dem Namen Norma“ (1994), der ja nun, ob es mir gefällt oder nicht, seinen Platz in der Abteilung „Wendeliteratur“ gefunden hat. Der Schreibantrieb war: Ich wollte das Haus nicht untergehen lassen, in dem ich viele Jahre gewohnt habe (es steht noch und ist inzwischen renoviert), ich wollte, vielleicht in einer Form von leiser Panik, mir bestimmte Sachen noch mal vergegenwärtigen, bevor sie unter dem Neuen ganz verschwänden. Ich wollte, ausgehend von dem Haus, an ein Stück Vorwendeleben erinnern. Und: Im Kontext dieser deutsch-deutschen Streitigkeiten, in der Flut der öffentlichen Bilder und Selbst-Bilder von DDR-Bürgern wollte ich meine eigenen Bilder aufschreiben, um sie dann auch loswerden zu können. Das Identitätsgezänk hat mich damals wirklich genervt, ich konnte kaum noch Zeitung lesen.
Mein letzter Roman „Pollok und die Attentäterin“ (1999) beschäftigt sich weder mit der Wende noch der „Aufarbeitung“ von DDR-Geschichte, den Mentalitätsunterschieden und dergleichen. Das alles ist hier nur noch Reminiszenz.
Es geht, ähnlich wie in „Anders“, um das „Abenteuer des Berichtens“: die Rekonstruktion eines Geschehens und das Herausfinden einer Geschichte, damit auch um unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen . Doch im Gegensatz zu „Anders...“ wird hier erzählt und kaum noch beschrieben, wird von „Abenteuern berichtet“. Da der Erzählvorgang selber ein Teil der Geschichte(n) ist, bewegt sich der Text auf mehreren Ebenen. Das Erfassen seiner Konstruktion kann zusätzlichen Genuss bereiten, aber „funktionieren“ kann die Lektüre , denke ich, auch so, gleichsam naiv. Meine Prägung durch bestimmte poetologische Standards der Moderne erscheint nicht mehr pur wie in meinem ersten Roman. Sie ist allerdings wieder stärker am Werke als bei der Erinnerungs- und Bewältigungsarbeit in „Norma“, doch nunmehr verquickt mit dem Vergnügen am Erfinden und Erzählen von Geschichten, dem Gegenstück zur ursprünglichen Leselust.
Wie andere Ehemalige, von denen jede/r eine eigene Geschichte der Integration oder Opposition zu erzählen hätte, bin ich durch die Wende zu einer Repräsentantin der alten Verhältnisse geworden. Dagegen wehre ich mich und weiß zugleich, dass ich durch diese Verhältnisse geprägt, an ihnen beteiligt gewesen bin – wenn auch am Rande. Von dort aus erschien mir, im Hinblick auf die Literatur, das Zentrum als ein Platz des Ringens um Antworten auf große Menschheitsfragen, um die Wahrnehmung eines geschichtlichen Auftrags, die Rettung einer Utopie, das listige Durchsetzen von Wahrheit. Ich sah es mit schrägem Blick und wünschte mir mehr Rücksichtslosigkeit, mehr Phantasie, Witz, Lockerheit, experimentelles Spiel und ästhetisches Raffinement – Eigenschaften, die ich an Texten aus anderen Himmelsrichtungen genoss. Jetzt aber, da dieses Zentrum aufgelöst ist und das, was ich mir früher wünschte, zum guten Ton gehört, erwische ich mich beim Lauern nach Büchern, denen Notwendigkeit anzumerken ist anstelle des mehr oder minder virtuosen Umgangs mit Erzählformen, der unterhaltsamen Inszenierung einer originellen Idee, der marktschreierischen Verletzung eines Tabus. Ich bin froh, die alten Verhältnisse los zu sein, aber vermisse zu meiner Überraschung etwas von dem Gewicht, das unter ihren Bedingungen – und sei es in der konzertierten Einbildung von Autoren, Lesern, Verlegern und Überwachern – der Literatur zukam.
Über die äußeren Umstände kann ich mich nicht beklagen. Ich habe einen guten Verlaggefunden, dort zwei Romane, einen Erzählband und einige Übersetzungen veröffentlicht , habe Stipendien und Preise bekommen, werde zu Lesungen eingeladen, lerne Länder und Leute kennen und komme alles in allem finanziell über die Runden. Der Literaturbetrieb bietet eine Menge an Möglichkeiten. Und man trifft in diesem vielfältigen Betrieb sogar auf Menschen, die tatsächlich an Literatur und deren Vermittlung interessiert sind, und auf so altmodische Eigenschaften wie Hingabe, Ernst, Sorgfalt, Behutsamkeit und Geradheit. Offenbar hat auch der Marktplatz seine Nischen.
Dass die nationale Vereinigung eine von der Zweiteilung unberührte geistige Einheit der „Kulturnation“ freisetzen werde, hat sich als Illusion erwiesen. Die Literatur zur Einheitsstifterin zu berufen – oder ihr ein Versagen vor dieser Aufgabe anzulasten – mag auf historischen Reminiszenzen beruhen und als Mahnung an zerstrittene Schriftsteller dienen. Sicher werden gegenwärtig noch naheliegende Unterscheidungen – wie Ost und West – mit der Zeit an Deutlichkeit und Bedeutung verlieren. Aber die Einheit der Literatur wird es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht geben. Literatur ist ein Medium der Erfahrung und Artikulation von Unterschieden. Sie entsteht auf der Ebene, wo Identität ihren kleinsten Nenner hat: im Individuum. Wenn Literatur vital bleibt, offenbart sie die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit der Kulturen, Traditionen und Identitäten innerhalb jener Gemeinsamkeit, die eine Nation darstellt.
Der Text des Essays basiert auf einem von Brigitte Burmeister am 13. November 2003 an der Universität Essen gehaltenen Vortrag.