Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 2


 

René Rilke und Valerie von David-Rhonfeld

Zu dem Briefband:„Sieh dir die Liebenden an“
Herausgegeben von Renate Scharffenberg und August Stahl

Von Ralph Freedman

 1

Die kürzlich erschienenen Briefe und Gedichte des jungen Rilke an seine nur wenig ältere „Braut“ füllen eine große Lücke. Wenn auch ihre Existenz schon bekannt war, so waren sie bisher nicht der Öffentlichkeit zugänglich.  Nur einzelne Briefe und Aussagen, die von Curt Hirschfeld und Paul Leppin kurz nach Rilkes Tod veröffentlicht wurden, waren bisher bekannt.[1] 

Die Veröffentlichung dieser wertvollen Sammlung, die unter fast abenteuerlichen Umständen nach langer Zeit wieder aufgefunden wurde, zeigt, daß die Lücke breiter und tiefer war als man bisher glaubte.  Es ist das besondere Verdienst  der Herausgeber, Renate Scharffenberg und August Stahl, diese Verbindung in ein neues Licht zu stellen. Denn es sind nicht nur die intimen Schriften des jungen Rilke an seine Geliebte per se, die uns erstaunen, sondern die Entdeckung einer Welt der Gefühle, von der wir wenig Ahnung hatten.

Durch sorgfältige Datierungen und Abwägungen des Materials haben die Herausgeber an Stelle eines anscheinend oberflächlichen, sich gegenseitig ausnutzenden Liebesspiels  die erste von Rilke großen Lieben enthüllt - eine Liebe, die besonders geheimnisvoll anmutet, da der erwachsene Dichter alle Erinnerungen daran getilgt hat, was natürlich den Verlust aller Gegenbriefe mit einschließt.  Als ich die erste englische Version meiner Biographie, Life of a Poet [2], schrieb, mußte ich mich zum großen Teil an das vorhandene Material halten: an Leppin und Hirschfeld, an einige  Gedichte, die ihren Platz in frühen Gedichtbänden gefunden haben, sowie an die Aussagen eingeweihter Kenner.  Doch hielt ich die fast einstimmige Verurteilung dieser Beziehung für irgendwie unzulänglich. 

Es schien, dem vorhandenen Material zufolge,  als ob eine so junge bahnbrechende Liebschaft im wirklichen Leben nicht existieren könnte.  Die Motive der Frau wurden zuerst bezweifelt.  Das war nicht schwer. Carl Sieber  (1932), Peter Demetz (1953), Wolfgang Leppmann (1981) [3] glaubten alle, daß Valerie (Rilkes „Vally“) aus Geltungsdrang einen armen Poeten betreute. Und die scharfen Worte der über fünfzigjährigen verlassenen Frau waren wohl Beweis dafür.  Äußerlich  hässlich war er, sagte sie damals.  Der knabenhafte Dichter mit ewigem Schnupfen, der bei ihr Unterschlupf suchte,  blieb ihr im Grdächtnis als „das arme unglückliche Geschöpf“, das „jeder mied wie einen räudigen Hund.“  Im Rückblick war Valeries Haltung zu ihm anscheinend von diesem Glauben an ihre eigene Großzügigkeit bestimmt. Sie war, so heißt es daher, im besten Fall ein Flirt, im schlimmsten Fall eine Verführerin des noch unreifen René Rilke, dessen Lebensuntüchtigkeit ihn leicht zum Opfer seiner spielerischen Freundin machte. [4]

Wie stellte es sich aber von Rilkes Standpunkt aus dar?  Er sah sich als ein verliebter, zielbewußter junger Mann, der zwar von seiner Geliebten betreut und manchmal sogar geführt wurde, der aber nur im Sinn seiner Leidenschaft und der ihm schon jetzt vorschwebenden Ehe handelte. Dieses Bild zeigte sich zwar schon an früheren Stellen - wie in Renés langem Brief zu seinem neunzehnten Geburtstag - aber ohne diese bisher verborgenen  Briefe und Gedichte konnte man es nicht wirklich begreifen.  Für ihn - was bisher nur teilweise bemerkbar war - wurde das Verhältnis zu seiner Vally von einem Abhängigkeitsgefühl erfüllt, das oft wie Verehrung klang - eine Verehrung, die bis kurz vor dem Ende anhielt.  Dann zerstörte er alles, wie es der Dichter lebenslang mit all seinen Lieben tat.

Aber war es reine Abhängigkeit?  Praktisch gesehen, war es ein Segen für den Siebzehnjährigen, Eingang in Vallys schönes Haus zu finden im Gegensatz zum verhaßten „Exil“ in der Wassergasse bei seiner Tante Gabriele. Es war auch ein Segen, in der geliebten Freundin eine strenge Lehrmeisterin für seine Schularbeiten zu finden, denn Vally war ja schon seine zukünftige  Frau und daher gewissermaßen in die gemeinsame Familie integriert. All das konnte man schon vorher erraten. 

Ganz anders aber ist die Sprache dieser Briefe, die von Anfang an davon ausgeht, die Geliebte einerseits als klein, zerbrechlich und zart wie ein „Meissenfigürchen“ zu zeichnen und andererseits als „erdenerhaben“, „göttlich“ in den Himmel zu heben.

„Mein theuerstes , süßes kleines geliebtes Matzi...“ [5]
„Meine theuerste  heißgeliebte erdenerhabene göttliche Vally!“ [6]

Wie in der ganzen Sammlung, so ist auch hier die Grenze zwischen Prosabriefen und Gedichten verwischt.  Aus beiden entsteht die Figur des Liebenden, des Dichters, als des wenn auch noch sehr unreifen Meisters - trotz Armut und Abhängigkeit im Leben.  Sprache und Bilder schaffen einen Eindruck von unerwartet nuancierter Liebe und einer erwarteten Ehe als ein fait accompli, das die Lücke schließt.

Wie aber steht es mit Valerie? Es ist klar, daß trotz Renés oft hochtrabender Rhetorik ihre spätere Einschätzung von ihm, und ihrer Gefühle für ihn, nicht ganz stimmen kann. Ein Teil davon war zweifellos wahr, oder sie könnte es nicht so erinnert haben.  Aber was der Zorn 34 Jahre später verdeckte, war das enge zukunfts- und zielbewußte Zusammenleben von fast drei Jahren (in einem Alter in dem drei Jahre eine Ewigkeit darstellen), das das Gegenstück zu seiner stets ungeduldigen Liebe und sehnsüchtigen Phantasie war. Leider haben wir, wie schon erwähnt,  ihre Gegenbriefe nicht - und deswegen  kann die Lücke nie ganz geschlossen werden.

Die Sammlung, „Sieh dir die Liebenden an“ öffnet auch einen anderen Weg.. Durch sie haben wir eine fast romanhafte Erzählung vor uns - wie die Briefromane aus vergangener Zeit - in der Valerie die Hauptrolle spielt.  Da sie aber selbst nicht zu Wort kommt, hören wir alles nur durch die Worte des ungestümten  Liebhabers, ganz wie es in Rilkes späterem Leben und seinen Dichtungen geschah: die ewigen Streitigkeiten und Versöhnungen, die Kämpfe mit dem drohenden Vater, das ganze Netz von Intrigen einerseits und, andererseits, Valeries tägliche  Mahnungen an René, seine Arbeit nicht zu vernachlässigen. All das kompliziert das Bild der Liebenden, wenn auch stets nur durch die Stimme des jungen Dichters, und kommt am Ende doch sehr nahe daran, die Lücke zu schließen.

 

2

In seiner  Einführung zitiert August Stahl die folgenden Worte aus den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“:

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen. [7]

Die glühenden Liebesbeteuerungen des angehenden jungen Dichters, die diese Bindung  begleiten, sind nur teilweise „Lügen“.  Sie sind, und das haben wir schon bemerkt, Zeugnisse einer intensiven Traum- und Wirklichkeitsvision.  Durchdrungen von Renés  intensiven Briefen und Gedichten, in denen er gleichzeitig Valeries Bild entwirft, werden wir Zeugen dieser ersten (und für Valerie anscheinend  einzigen) Erfahrung der Hingabe nicht nur an eine Person, sondern an eine Idee - die Idee der vollkommenen Einheit.  August Stahl sieht  mit Recht, daß diese beiden Liebenden „nicht die Kraft [hatten] die ‚Pracht’ ihrer Liebe ‚ohne zu stillen’ in sich zu ertragen.“  Das wäre zu viel von diesen jungen Menschen verlangt.  Aber, wie uns Rilkes intensive Sprache zeigt, waren René und Valerie „damals in Prag vor der Jahrhundertwende“ nicht ganz so weit davon entfernt.“ [8]

Für Rilke war diese „Verlobung“ der Anfang einer Reihe von einschneidenden Lieben, die sein Werk bestimmten:  die ersten vier Jahre mit Lou Andreas-Salomé, seine Ehe mit Clara Westhoff, die tragische Liebe zu Paula Modersohn-Becker sowie zu Magda von Hattingberg (seiner „Benvenuta“) oder Baladine Klossowska (seiner „Merline“).  Unter diesen gewichtigen Namen  aus Rilkes Leben konnte man Valerie bisher nicht finden. Nun ist das möglich.

Was steht denn in den bisher zitierten Briefen und Gedichten, daß es einer so grundlegenden Änderung unserer Konzeption der Liebesverhältnisse zwischen den beiden bedarf? Teilweise war es wohl die erhöhte Intensität.  Rilke sprach Frauen Zeit seines Lebens in solchen Tönen an.  So begann der fast vierzigjährige Dichter einen Brief an Magda von Hattingberg am Höhepunkt ihrer Leidenschaft mit den Worten: „Freundin, schönes Herz, wie strömt Ihnen mein Herz hinüber...“, [9] mit Worten also, die zwar reifer, aber nicht weniger ungehemmt anmuten als die intensivsten Beschwörungen an Vally. Wie wir wissen, ist auch diese Liebe nicht viel später zusammengebrochen, doch prägte Rilke die Verse:  

Rufs Du Erstaunende, rufs. Stell ihm ein kleines
Lächeln zunächst, daß es sich rührt von dem Schein;
Neig ihm dein schönes Gesicht; den Raum des Erwachens
Daß es sich wundert in Dir und sich des Morgens gewöhnt.  [10]

Ganz anders ist die Sprache geworden, viel reifer und differenzierter.  Keine simplen Verse, wie z.B.:

Was uns nun im Leben auch begegnet
Sei getrost; Dein bin ich ewig doch.
Geister haben unsern Bund gesegnet...
Zwischen Grabeshügeln - weißt Du noch?

Zwischen alten, grauen, morschen Steinen
Steinen, längst von Moosgrün  überwebt
Fanden meine Lippen erst die Deinen -
Seligkeit! die heut mich noch durchbebt. [11]

Doch es rührt sich etwas Neues. Was diese Gedichte gemeinsam haben, ist, daß beide das Bild einer Liebe formen wollen, das gleichzeitig ihren künstlerischen Werdegang spiegeln soll.   Der Unterschied liegt natürlich im jugendlichen Alter des Dichters, doch ist uns dieser junge Rilke schon bekannt.  Im Bewußtsein, überfließende Gefühle innerhalb und außerhalb des Gedichts als Kunstwerk zu formen, schafft er den Anfang seiner Poetik. 

 

3

Man muß sich davor hüten, diese jugendlichen Schriften zu wörtlich, zu ernst zu nehmen. Der überschwengliche Ton macht uns schon Mühe, sie als mehr als eine  einfache Biographie zu betrachten.  Aber trotz konventioneller Sprache und Prosodik sieht man wie aus einer Gesamtheit der Monologe, zusammen mit dem erzählerischen Ton, ein neues Gebäude entsteht.  Die frühen Gedichte von John Keats zum Beispiel, Werke  eines fast gleichaltrigen Dichters, sind wohl in mancher Hinsicht reifer und technisch gewandter, aber sie sind vereinzelt, isoliert von einander, und noch nicht stark genug, um  Leben in Kunst zu verwandeln, wie es natürlich nur fünf Jahre später in den bekannten Oden geschah.

Im Dezember 1814 schrieb der neunzehnjährige Keats vom Tod seiner Großmutter:

As from the darkening gloom a silver dove
  Upsoars and darts into the Eastern light
  On pinions that naught moves but pure delight.
So fled thy soul into the realms above
Regions of peace and everlasting love.
   Where happy spirits, crowned with circles bright
   Of starry beam, and glorious bedight,
Taste the high joy none but the blessed can prove. [12]

[Wo aus dunkelndem Trübsinn eine silberne Taube
sich aufwärts schwingt und schleudert in das östliche Licht hinein
auf Flügelspitzen, die nichts außer reiner Wonne bewegt,
so floh deine Seele in die höheren Gebiete,
Regionen des Friedens und ewiger Liebe
Wo frohe Geister gekrönt von hellem Glorienschein
Von Sternenstrahl, und herrlichem Gewand,
Die hohe Freude kosten, wie nur die Gesegneten es können.]

Jugendlich ist die Arbeit beider Dichter, aber Rilkes Versuch aus solchen Versen, zusammen mit den vielen Briefen, wahrhaft seine Lebensgeschichte dieser Zeit darzustellen, gibt selbst dieser frühen Dichtung einen  weiteren Sinn, eine Vision seines Lebens und seiner Liebe. Denn schon in diesem jungen Alter finden wir, wie Rilkes inneres Leben durch eine anhaltende Reihe von ähnlichen Versen in Kunst verwandelt wird. Wenn hier auch die reichen Bilder und Metaphern in Rilkes späteren Werken noch nicht entwickelt sind, so bilden seine Gedichte doch schon Briefe, die zusammen mit den wirklichen Briefen zu einer Einheit werden als erfolgreiche Objektivierungen des Ichs.  Teile eines langen Gedichts und ein beigelegter Brief über das gleiche Thema zeigen wie sie zusammenwirken eine solche Einheit darzustellen.

Sieh! ich muss ja ganz verlassen
Meine eig’nen Pfade sehn
Weil mich alle, alle hassen
Nie und nimmer mich verstehn;

Wandern, wandern durch die Erde
Sollt’ ich fürder ohne Rast
Allen Menschen zur Beschwerde
Meinen Nächsten selbst zur Last.

Und weil alle ohn Erbarmen
Ohne Mitempfinden sind,
Nahmst in Deinen Götterarmen                                                                            
Auf Du das gequälte Kind....

Die vorhergehende Prosa:

Meine unendlich geliebte, theuere himmlisch gute Vally!
Du lächelst?  - Ja so, über die Anzahl der Attribute, die ich bei der Überschrift zur Anwendung brachte.  Du sollst aber nicht lächeln, mein Lieb, und meine ungelehrte Feder kann nicht anders  als Dir wiederholen, was mein, wie Du denkst, so furchtbar gelehrter Mund oft und oft Dich versichert hat, wenn es die schöne klangvolle Stimme des Empfindens in das rauhe Idiom  der Menschen zu verdolmetschen bemüht war. Ganz gelang es ihm – selten - denn jenes Empfinden ist so zart,  dass es gar kein lautes Echo in der Außenwelt finden kann.  Nein, meine Vally, es gibt kein Wort in einer irdischen Sprache, das Dir so vollauf sagen könnte - was Du mir bist - und so muss ich denn immer eine Menge zusammen flicken um Dir annähernd mein Fühlen darzustellen. - Wie gut bist Du dem armen verlassenen René, -- meine, meine Vally! [13]

Trotz jugendlicher Überschwenglichkeit und Simplifizierung, kann man den Prozess beobachten, der diese Sammlung zusammenhält.  Das Gedicht  drückt aus, was der Brief erklärt. Der Prosabrief, der im Manuskript dem Gedicht vorangeht,  verteidigt seine überschwenglichen Ansprachen durch einen Diskurs über „die schöne klangvolle Stimme des Empfindens“, die er „in das rauhe Idiom der Menschen zu dolmetschen bemüht war.“  Das gelang ihm selten, schrieb der junge Liebende, „denn jedes Empfinden ist so zart, daß es gar kein lautes Echo in der Außenwelt finden kann.“  Dieser Diskurs ist vielleicht banale Philosophie, aber er dient als eine Metapher - einen sinnlich eindrucksvollen Ausspruch - der für Renés klagendes Gedicht einen objektiven Rahmen findet.   

Solche Objektivierungen sind oft in Rilkes Dichtung zu finden, selbst in seiner Reife wie in den Duineser Elegien, wenn auch nicht durch beiliegende Prosabriefe. Der Schlüssel ist der Briefschatz.  Viele seiner Werke bestehen entweder aus Briefen oder aus lyrischen Bildern, die Briefe simulieren. Mit dieser Poetik des Ichs, die klar aus romantischer Dichtung und Philosophie hervorgeht, hat es bei Rilke eine besondere Bewandtnis.  Viele seiner Lieben wurden selbst zu Kunstwerken vom Augenblick des Verliebens bis zum Augenblick der Trennung.  So lebte Paula Modersohn-Becker um im Requiem neu geschaffen zu werden und so existiert auch Valerie von David-Rhonfeld buchtäblich als eine lebende Person, die viel lebhafter als Rilkes Erstlingsbuch,  Leben und Lieder, eine künstliche Kristallisation seiner Gefühle, Träume und Lebenskämpfe darstellt.

Die Briefe und Gedichte in dieser Sammlung sind also ein Ganzes, das mit künstlerischer Weisheit klug von Scharffenberg und Stahl gestaltet wurde. Biographisch wichtige, längst bekannte Briefe, wie der Geburtstagsbrief des Neunzehnjährigen, finden ihren Platz unter den neugefundenen Episteln in Prosa und Versen. Vom Beginn seiner ersten dreisten und auch zögernden Annäherungen an seine Braut bis zum letzten Auseinandergehen, folgen wir über mehr als  zwei Jahre einer sich immer wiederholenden Liebeserklärung, eines Monologs, der gleichzeitig als wichtiger Beitrag zur Bildungsgeschichte des jungen Dichters wirkt.  Paula Becker lebt im Requiem durch ihre Abwesenheit, ihren Tod. Ebenso ist Vally, die junge Frau seines intimsten Lebens jener Jahre eine Kulisse für den schwärmenden Dichter.  Ihre Handlungen, Kränkungen, die ständigen Ärgernisse, Zwiste und Wiedergutmachungen - alle wurden sie am Ende von ihrem poetischen Liebhaber geformt.  Eine alte Geschichte?  Zweifellos. Ein neues Kunstwerk?  Das erste von vielen. 

 

4

Wir sahen, wie die Gedichte und Briefe wie eine poetische Erzählung wirkten, in der die Antworten in den Aussagen enthalten sind.  Sie beginnt zum Jahresbeginn, am 9. Januar 1893 und endet fast drei Jahre später am  18. Dezember 1895.  Während dieser Zeit webt Rilke einen Teppich, der trotz der Adoleszens des Überschwangs nicht nur die täglichen Schwierigkeiten und Hoffnungen dieser seltsamen Brautzeit lebhaft vor Augen führt, sondern auch die widersprüchlichen Gefühle in ihrer  fast vollständigen „Probeehe“ mit all ihren Hoffnungen und Rückschlägen zeichnet. Der junge Rilke hat Träume von einer bürgerlichen Zukunft mit einem kleinen Mädchen und einem Bub; er stellt sich und seine Vally als ein elegantes Paar vor mit üppigen Phantasien, in denen Diener und Kutschen gang und gäbe sind; er ist Lehrer und Schüler zugleich und Vally ist beides für ihn. Waren  alles wirklich nur eitle Phantasien oder Teil von Plänen, die dem jungen Dichter als realistisch vorschwebten?  Daß diese Sammlung einen so wichtigen Schritt vorwärts in unserer Kenntnis von Rilkes Frühzeit darstellt, stammt nicht nur aus einzelnen Dokumenten, sondern aus einem weiten Netzwerk von Träumen, Haß- und Liebesgedichten sowie Erzählungen aus dem täglichen Leben.  Und es sind diese vielfältigen Quellen, die seine (und wohl auch ihre) Liebe speisen. 

„Sieh dir die Liebenden an!“  Da Valerie stumm an diesem langen Liebesspiel teilnehmen muss, wurde es im Grunde das Spiel des jungen Rilke, wie es wohl auch in Wirklichkeit war. Es war ein Spiel und eine Liebe, die, wie August Stahl und andere bemerkt haben, vom Dichter zeitlebens verschwiegen und auch von Vally bis zu seinem Tode vergraben blieb.  Aber sie war doch da - in der Probeehe, der Liebe, der Poetik.  Anders als Keats und andere Dichter des romantischen Zeitalters, baute Rilke von den ersten Jugendjahren an eine dichterische Persona auf, die selbst ein Kunstwerk wurde. Das unerwartete Ende dieses „Romans“ ist wohl schockierend, aber es ist Teil eben dieses Kunstwerks, das aus dem Leben geformt wurde und somit  die Echtheit der vorangehenden Gefühle nicht in Frage stellt.

  Vom Dichter zeitlebens verleugnet, blieb „Vally“ der tragische Teil des Bildnisses, das diese hervorragende Sammlung geschaffen hat. Wie ich zum Abschluß meines Kapitels schrieb:

Valerie war nicht nur durch den Ehrenkodex für eine junge Dame aus gutem Hause in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebunden, sie stammte auch aus katholischem Adel. Selbst der geringste Grad an Intimität in einer Beziehung dürfte in ihren Augen ein lebenslanges Gelöbnis gewesen sein.  Als sie mit zwanzig Jahren René in ihr Zimmer gelassen hatte, war sie in der Tat ein schönes Mädchen und „vermögend“ gewesen. Durch die von ihrer Zeit und Herkunft erzwungene Treue wurde sie eine alternde Frau, für die diese längst vergangene Liaison der entscheidende Moment in einem vergeudeten Leben blieb.
Die Verlobungszeit prägte auch Rilke. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit hatte er sich im Schutz von Valeries  Zimmer geborgen gefühlt. Die Träume, die sie gehabt hatten ...waren Teil eines Idylls, das ihm in drei wichtigen Jahren Geborgenheit gab und vor allem Frieden schenkte. Aber das war nicht genug.
Er mußte die Illusion zerstören... [14] 

Diese Worte wurden vor dem Erscheinen von Scharffenbergs und Stahls Sammlung der Briefe und Dichtungen dieser Zeit geschrieben. Hätte ich sie damals gekannt, hätte ich zugefügt:   Es war die erste Liebe.

Decatur, 16. April 2004

Anmerkungen

[1] Curt Hirschfeld,  „Die Rilke-Erinnerungen von Valerie von David-Rhonfeld“, Die Horen, 5 (1928/29), S. 714-20; Paul Leppin, „Der neunzehnjährige Rilke“, Die Literatur, 11 (August 1927), S.630-642.  In: „Sieh dir die Liebenden an“,. Briefe an Valerie von David-Rhonfeld, hg. Renate Scharffenberg und August Stahl  (Frankfurt/M: Insel Verlag, 2003), S. 273-293.

[2] Life of a Poet: Rainer Maria Rilke (New York: Farrar,  Straus, and Giroux), 1996 ), S. 24-34.

[3] Carl Sieber,  René Rilke. Die Jugend RMRs. (Leipzig, 1932); Peter Demetz, René Rilkes Prager Jahre (Düsseldorf, 1953); Wolfgang Leppmann (Rilke. Sein Leben, Seine Welt, Sein Werk (Bern und München, 1981).

[4] In: „Sieh dir die Liebenden an“,   S.278-279.

[5] Ebenda, S.55, S.107.

[6] Ebenda, S.25, S.52.

[7] R.M. Rilke, Werke Kommentierte Ausgabe (Frankfurt/M: Insel Verlag, 1996), Bd. 1, S.442. Vgl August Stahl, „Rilkes zukünftige Anfänge“, „Sieh dir die Liebenden..“.S. xxv.

[8] Ebenda, S. xxiv-xxv.

[9] R.M. Rilke, Briefwechsel mit Magda von Hattingberg (hs. Ingeborg Schnack und Renate Scharffenberg.  Frankfurt/M: Insel Verlag, 2000), S. 34.

[10] “Oh wie schälst du mein Herz aus den Schalen des Elends” (3.3.1914), R.M.Rilke Werke Kommentierte Ausgabe (hs. von Manfred Engel und Ulrich Fülleborn) Bd.2,  S.96.

[11] „Sieh dir die Liebenden an“, S. 136.

[12] The Poems of John Keats (hs  Miriam Allott . London/New York: Longman/Norton, 1972), S.8.

[13] „Sieh dir die Liebenden an“, S.13, S.26-27.

[14] Ralph Freedman, Rainer Maria Rilke: Der junge Dichter, 1875-1906 , übertragen von Curdin Ebneter, (Frankfurt/M: Insel Verlag, 2001), S. 56-57.

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