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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Danton, so beginnt die Aufführung in poesievoller Leichtigkeit, steht verträumt im Bühnenvordergrund und spielt mit einer Vogelfeder, viele Minuten lang, bläst sie in die Höhe, fängt sie mit seiner Hand, seinem Arm auf, scheint wie ein Kind ganz in das Spiel versunken zu sein, hört nicht, was die Revolutionsfreunde um ihn herum reden, spricht irgendwann, mehr zu sich selbst als zu ihnen, den Satz, der als Motto über dem Stück stehen könnte: „Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben, sagen die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen sein.“

Gerhard Herrmann (Lacroix), Britta Hübel (Julie), Jürgen
Hartmann (Danton),
Heiko Raulin (Robespierre). Foto: Cornelia Illius
Die Worte meinen die Vergeblichkeit und Zukunftslosigkeit allen Tuns und deuten revolutionäre Planungen und Ideen als eitle Nichtigkeiten, als Geschehnisse von gestern, die das Heute längst nicht mehr erreichen, wertlos und überflüssig geworden sind. Die Zuschauer sehen den mit einer Feder spielenden Danton und spüren: Seine Revolution gibt es nicht mehr, Danton ist innerlich weit weg von den anderen, von Robespierre und St. Just, auch von seinen eigenen „Septembermorden“. Dazu passt die mächtige halbfertige Bauruine, die zwei Drittel der Bühne füllt, ein (etwas aufdringliches und in seiner Symbolik überdeutliches) Sinnbild vergeudeter Kraft und Energie, falscher Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen. Sie beherbergt rechts vorn ein weit ausgebreitetes Matratzen- und Bettenlager, aus dessen Kissenberg nach und nach müde Revolutionsgestalten auftauchen und kraftlos zu einem Biertisch vor dem Betonbau schlurfen: Lacroix mit einer Gitarre, auf der er später Songs, „You say you want a revolution“ von den Beatles zum Beispiel, singt, Camille, Julie, Lucile, auch Marion. Mit denen ist kein Staat mehr zu machen, schon gar keine Revolution und Camilles formelhafte Erinnerung „Wir müssen handeln“ klingt wie ein Hohn, ein müder Nachruf auf längst vergangene Revolutionstage.

Gabriele Drechsel (Marion), Jürgen Hartmann (Danton). Foto: Cornelia Illius
Aber hier beginnen auch bereits die Ungereimtheiten und die Unausgewogenheit der Inszenierung, die, je länger die Aufführung dauert, kritische Fragen im Zuschauer provoziert: Muss vor der Bauruine unbedingt eine Fahne gehisst werden mit einem Leistungs-Slogan, der auf das Revolutionsenergiebündel Robespierre verweist, der – wiederum überdeutlich – die obere Etage der Bauruine bewohnt und von dortaus glaubt, die Revolution noch lenken und anfeuern zu können? Vor allem: Muss Danton wirklich ein T-Shirt mit den übergroßen Worten „fuck – suck – spank – wank“ tragen? Entsteht nicht gerade durch die zur Schau gestellte Mächtigkeit von Bildern ein inszenatorisches Zuviel, das die Köpfe der Zuschauer eher blockiert?
Das ist bedauerlich, denn die durchwegs guten Schauspielerinnen und Schauspieler – an erster Stelle Jürgen Hartmann als Danton und Heiko Raulin als Robespierre, aber auch Tim Bierbaum als Camille, Gerhard Hermann als Lacroix und Christian Schöne als „Das Volk“ – sind in der Lage, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen und viele Szenen durch ihr konzentriertes Spiel „spannend“ zu machen. Auch die Inszenierung selbst schafft Bühnensituationen, die das Interesse der Zuschauer auf wesentliche Aspekte des Stücks lenken. Wenn Danton und Robespierre über die Revolution streiten, dann werden daraus packende Selbstgespräche zweier Revolutionäre, deren Zeit, das gilt auch für Robespierre, abgelaufen ist: der eine noch roboterhaft „im Geschäft“ – aber wie lange? –, der andere leergebrannt, schon „draußen“, beide traurige „Helden“.

Jürgen Hartmann und Britta Hübel. Foto: Cornelia Illius
Oder wenn sich Robespierre im Schlussbild, anders als bei Büchner, blutsaugerisch, auch todessehnsüchtig, in einer fast obszönen Geste über den hingerichteten Danton wirft, dann wird mit einem Mal die verwirrende Austauschbarkeit der beiden anschaulich. Und wenn der Regisseur mit gleichzeitig ablaufenden Aktionen die Bühne füllt und so aus dem Nacheinander der Szenen der Textvorlage ein komplexes Bühnengeschehen macht – die Gefangenen reden, eingesperrt zwischen zwei Bänken wie in einem Block, der sie auf den Boden drückt, über die Revolution; Lucile will in der oberen Stockwerk-Ruine Robespierre verführerisch dazu überreden, Camille freizulassen; Julie bereitet im Hintergrund ihren Drogen-Selbstmord vor –, dann gelingt es ihm durch solche Anordnungen, die das Bühnenbild der Bauruine geschickt ausnutzen, das große Revolutions-Redestück immer wieder zu einem vielschichtigen Aktionsdrama über das Scheitern der Revolution zu machen.
Bedauerlich ist, dass das Sehenswerte der Aufführung und Inszenierung in unnötigen, aufgesetzten Szenen und abwegigen Einfällen untergeht. So ist es einfach ärgerlich, dass der Regisseur die Danton-Revolutionäre zwischendurch Monopoly spielen lässt und damit eine lähmende Unernsthaftigkeit in das Stück hineinträgt. Lächerlich und überflüssig, nicht provokant jedenfalls, ist, dass er Danton am Boden nahe der Bühnenrampe onanieren, mit Betonpfosten andeutungsweise kopulieren oder – wie einen Affen? – auf einen Baum steigen lässt. Klischeehaft ist, dass er Robespierre mit Leistungsparolen, Global-Politik-Sprüchen, Plakaten, Mikrofon und Spiegel-Posen aller Art zu einem Jungunternehmer oder Jungpolitiker der smarten Art stilisiert. Und einfach abwegig ist es – ein „verquerer“ Einfall –, das Volk, so grotesk und manipulierbar es von Büchner dargestellt sein mag, als Affen, der von St. Just mit Bananen gefüttert wird, auftreten zu lassen, als Affen, der gegen Ende der Aufführung, wenn er ein T-Shirt mit einer Ich-AG-Aufschrift geschenkt bekommt, wie ein Model auf der Bühne auf- und abstolziert.

Jürgen Hartmann. Foto: Cornelia Illius
Wer Dantons Tod dermaßen klischeehaft-oberflächlich zu einem Affentheater macht, braucht sich über entsprechende Schlagwörter zu seiner Inszenierung nicht zu wundern. Und fangen nicht die leicht hybriden Ungereimtheiten des Büchner-Projekts bereits beim Untertitel im Programmheft an, der da heißt: Dantons Tod von Georg Büchner „in einer Fassung von…“? Welches künstlerische Kaliber muss einer haben, um Büchners Text in einer eigenen Fassung auf die Bühne zu bringen? – Übrigens: Mit ein wenig kritischer Hilfe von der künstlerischen Leitung des Theaters – rechtzeitig vor der Premiere – hätten viele solcher Peinlichkeiten leicht vermieden werden können.
Die Zuschauer haben am Ende wohlabgewogen reagiert: Es gab großen Beifall für die Schauspielergruppe, viele Buhs für den Regisseur und sein Team. Um Büchner, so dargeboten am Büchner-Platz in der Büchnerstadt Darmstadt, kann es einem schon etwas leid tun.
Herbert Fuchs