Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 2


 

Das Hessische Landestheater Marburg

Thomas Vinterberg / Mogens Rukov: Das Fest

Premieren: 9., 10. und 11. April   2004

Inszenierung     David Gerlach
Ausstattung       Klaus Weber
Dramaturgie     Anne-Kathrin Guder

Helge                 Jürgen Helmut Keuchel
Else                   Uta Eisold
Christian           Markus Klauk
Michael              Daniel Kuschewski
Helene               Johanna Bönninghaus
Mette                   Regina Leitner
Großvater          Christian Holdt
Großmutter       Harald Preis
Onkel Lief         Stefan Gille
Lars,
Gbatokai           Gabriel Spagna
Pia                     Barbara Schwarz
Helmut              Peter Meyer
Gabriele Schüßler, Katie Debney

 

Feste sind schon immer spannende Sujets für Theaterbühnen gewesen. Die unbeschwerte Feierstimmung aus Freundschaft, Vertrautheit und guter Laune kann durch unvorhergesehene, zufällige wie geplante Störungen und Zwischenfälle dramatisch so verdichtet und zugespitzt werden, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt - dass das, was unter der gehobenen Stimmung im verborgenen brodelt, mit einem Schlag enthüllt wird, Menschen, die sich zu kennen glauben, einander fremd werden, verdrängte und verheimlichte Beziehungen aufbrechen, die Lebenslügen der Menschen zu Tage treten und sich am Ende eine Wahrheit durchsetzt, die die Figuren in ihrer Erbärmlichkeit, aber auch schrecklichen Schuldhaftigkeit, in ihrer Einsamkeit und inneren Zerstörtheit zeigt. Der Zuschauer wird Zeuge von Vorgängen und Enthüllungen, die nichts so zurücklassen, wie es einmal war. Er wird, ob er will oder nicht, zum Mitwisser, zum peinlich Betroffenen, zum Voyeur.

Helmut Keuchel inmitten der Geburtstagstafel

Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov ist für diese Art von Enthüllungsdrama ein Musterbeispiel. Was 1997 als „Dogma“-Film mit Auszeichnungen, Preisen und viel Kritikerlob begann, setzt seit einigen Jahren auf den Bühnen – die deutsche Erstaufführung in Dresden wurde prompt zum Berliner Theatertreffen eingeladen – seinen Erfolgskurs fort. Die Marburger Aufführung macht mit ihren dichten, spannungsgeladenen Spielszenen deutlich, dass aus der Vorlage auch auf einem kleinen Theater ein großer Aufführungsabend werden kann, der den Zuschauer nicht so schnell loslässt.

Der Beginn des Stück zeigt den sechzigjährigen Helge inmitten eines festlich gedeckten runden Geburtstagstisches in Erwartung der Familienfeier, zu der elf Gäste kommen sollen: zwei Söhne und die Tochter darunter, Helges Frau natürlich, auch Verwandte und Freunde und Helmut, der als Toastmaster den äußeren Ablauf der Feier leitet. Die elf Gäste, die zwei Bedienerinnen und Helge werden reden, trinken und essen, singen, tanzen, feiern – bis der eine Sohn, Christian, seine „Wahrheitsreden“ hält, die alles auf den Kopf stellen, bis die Tochter einen Brief ihrer toten Schwester findet und verliest, der alles verändert: Jahrelang waren Christian und seine Schwester als Kinder vom Vater sexuell missbraucht worden. Die heile, bigotte Welt des Geburtstagskindes Helge bricht in sich zusammen. Stück für Stück wird offen gelegt, was unter dem Siegel „Familie“ an Unterdrückung, Missbrauch, Wegschauen und Verheimlichen, an Leiden, Verdrängung und Ausweglosigkeit, an Lieblosigkeit geschwelt, zu irreparablen psychischen Deformierungen und zu Selbstmord geführt hat.

Markus Klauk als Christian

Am Ende der Feier wird ein fürchterlich beschuldigter Familienpatriarch – ungebrochen, uneinsichtig, stur, unfähig, die Wahrheit zu erkennen, unwillig, sich so zu sehen, wie er ist, – die Geburtstagsrunde mit einem schlimmen Satz verlassen: „Ihr wart nicht mehr wert.“ Zurückbleiben die beiden Söhne und die Tochter, schockiert, bewegungslos, starr vor Schrecken. Ihr Leben ist längst richtungslos und ziellos geworden, aus der Bahn  geworfen. Bisher haben sie versucht, ihre Erbärmlichkeit zu verdrängen: Jetzt aber, nach dem, was auf der Feier passiert ist, können sie vor ihrem „kaputten“ Leben nicht mehr die Augen verschließen, müssen sich ihm in all ihrer Hilflosigkeit stellen.

Dieses Stück, in seiner Missbrauchsthematik und Enthüllungsdramatik zwar zeitlos aktuell, aber nicht unbedingt ganz neu – von Tennesse Williams (Die Katze auf dem heißen Blechdach) bis Nicky Silver (Zwillingsbrut) haben Autoren in den letzten fünfzig Jahren immer wieder solche und ähnliche Stoffe für die Bühne bearbeitet –, wird am Hessischen Landestheater Marburg durch eine ideenreiche Inszenierung, beeindruckende Schauspielerinnen und Schauspieler und ein faszinierendes Bühnenbild zu einem Theatererlebnis.

Die Geburtstagsrunde

Regisseur David Gerlach inszeniert ein Fest aus ruhigen und wild-ekstatischen, ernsten und grotesk-komischen, leisen und lauten, erschreckenden und unterhaltsamen Szenen. Immer  aber, vom ersten Auftritt an, spürt der Zuschauer, dass hinter aller Feierstimmung etwas Verheimlichtes, Unterdrücktes, Böses lauert, etwas Bedrohliches, Gefährliches. Die Doppelbödigkeit des Spiels wird greifbar, wenn der Sohn Michael unvorbereitet gewalttätig wird, wenn Pia, die eine der Kellnerinnen, mit ihrem Jugendfreund Christian von zerplatzten Träumen redet, wenn die Mutter mit unbewegtem Gesicht – wie nicht dazugehörend – inmitten des Feiertrubels steht, Toastmaster Helmut – fahrig-verkrampft, angestrengt um gute Stimmung bemüht – seine Schlager zum besten gibt oder die Feiernden wie wild dazu klatschen und schreien, wenn in der breit ausgespielten orgiastischen Partyszene alle – gerade mit dem bisschen Zuviel an Übertriebenheit – tanzen, trinken, außer sich sind, wenn Christian, der eine der Söhne, fast mit dem Toastmaster zusammenstößt und ihm dann zweifelnd, fragend, auch wissend hinterher blickt und damit andeutet, dass zwischen Helmut und Helge, seinem „dänischen Vater“, wie er ihn nennt, mehr im Spiel ist, als der Augenschein vermuten lässt. Immer steht hinter den Worten und Gesten die Gefahr, dass die Fest-Fassade zusammenbricht und alles und jeden erschlägt. Es sind solche Szenen, die der Aufführung eine große Dichte und Spannung geben.

Die Differenziertheit im Spiel konnte der Regisseur nur erreichen, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler seine Ideen in ein spannungsreiches Spiel umgesetzt haben. Helmut Keuchel überzeugt in seiner wuchtigen, auch stimmlich durchdringenden Präsenz als Helge, unberührt von allen Vorwürfen, selbstgerecht und kalt, uneinsichtig, grob-patriarchalisch, lebensverachtend, gewissenlos. Uta Eisold spielt seine Frau Else, Mitwisserin aller Übergriffe, Schweigerin und Verdrängerin allen Schulbewusstseins schlechthin, ernst ihre Worte und unbeweglich ihr Gesicht, wenn sie spricht und tanzt, zur Wahrheit unfähig und daher so schuldig wie der Täter Helge selbst.

Polonäse

Peter Meyer gibt den Toastmaster, der mit Liedern, Zigarettenpausen und Polonäsen zu retten versucht, wo schon längst alles verloren ist: Ihm gelingt eine beeindruckende Charakterstudie aus Unterwürfigkeit, Wegwischerei, auch Skrupellosigkeit. Barbara Schwarz hat als eine der Kellnerinnen einen souveränen Auftritt mit ihrem Jugendfreund Christian. Daniel Kuschewski spielt einen der Söhne, aufbrausend, seine Frau Mette (Regina Leitner) schmähend, beschimpfend, zu Händeln aufgelegt, noch ein Kind –oder doch schon ein Erwachsener? –, gefährlich-unberechenbar. Johanna Bönninghaus in der Rolle der Tochter zeigt ihre schauspielerischen Fähigkeiten in einer berührenden Szene, in der sie mit stockender, verweinter Stimme den Abschiedsbrief ihrer Schwester, die sich umgebracht hat, verliest. Gerade in ihrer erschreckenden „Leisheit“ wird der Auftritt zu einer unerbittlichen Anklage gegen Helge.

Vor allem aber gelingt es Markus Klauk als Sohn Christian die Stimmung aus Verlorenheit, Zerrissenheit, aus Auflehnung und Aufschrei gegen den Vater erlebbar zu machen. Er setzt durch seine „Wahrheitsreden“ das Enthüllungsdrama in Gang. Vielleicht ist die Szene, in der er, angetrunken, noch mehr aber angewidert, seelisch „kaputt“, mit „leerer“ Stimme das Lied zum wilden Partytanz ins Mikrofon singt, der inszenatorische Höhepunkt der Aufführung. Die Szene zeigt so bildhaft und gleichzeitig genau, wie es nur das Theater kann, wie einer untergeht und gleichzeitig alle anderen vorgeben, das nicht zu sehen, wie – in der Helge-Familie jedenfalls – Wahrheit und Lüge ununterscheidbar eng nebeneinander existieren.

Auch die Theaterraumausstattung von Klaus Weber ist maßgeblich an der nachhaltigen Wirkung des Abends beteiligt. Die grün ausgelegte runde Spielfläche mit einer großen Drehscheibe in der Mitte, auf der das Geburtstagsgelage stattfindet, wird von einer hohen Bretterwand eingerahmt, hinter der die Zuschauer sitzen: Draussengelassene, Ferngehaltene, Nicht-Dazugehörende, aber gleichzeitig durch große Fenster voyeuristische Beobachter des Familien-Zerfleischungsdramas“. Das Schauspiel, das drinnen in der „Arena“ abläuft, kommt manchmal bedrohlich nahe an die Beobachterschlitze der Besucher heran, sie werden Mitwisser und – auf absurde Weise – „Mitmacher“. Das Enthüllungsdrama wird durch die Peepshow-Sehlöcher zu einer Wahrheitssuche auch derjenigen, die da so intensiv durch die Bretterwand auf das Fest-Drama starren und im übrigen wiederum auch auf sich selbst; denn jeder Zuschauer sieht auch alle anderen Zuschauerköpfe durch die Guckfenster: ein nicht ganz ungespenstiger Anblick. Viel näher kann man Zuschauer kaum in Bühnengeschehen verwickeln.

Vieles spricht dafür – man kann es jedenfalls hoffen und wünschen –, dass Das Fest zu einem Höhepunkt der laufenden Saison   am Hessischen Landestheater wird.

Herbert Fuchs

Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]