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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Achtzehn Theateraufführungen im TASch innerhalb einer Woche, vormittags, nachmittags, abends, für die ganz Kleinen, für 12-Jährige, für Jugendliche ab 14 oder 16 Jahren, immer natürlich auch für die Erwachsenen, die besten und interessantesten Kinder- und Jugendtheaterstücke von Bühnen nah und fern, ein Jahr lang sondiert und klug ausgewählt von Jürgen Sachs, dem Leiter des Festivals, von Michael Pietsch und anderen Mitarbeiter des Hessischen Landestheaters:
Die Bühne ist bedeckt mit Feldrüben; links steht eine alte Häckselmaschine; auf der Bühnenrückwand geben drei große Fenster Einblick in einen hell erleuchteten Raum. Die zwei Schauspieler (Günther Henne, Michael Meyer) sind mit roten Hosen und offenen weißen Hemden bekleidet, die zwei Schauspielerinnen (Uta Nawrath, Susanne Schyns) tragen lange, fließende weißgraue Kleider. Es gibt weitere Bühnendarsteller: vier lebensgroße Puppen, deren Gesichter denen der Schauspielerinnen und Schauspieler gleichen. Sie werden von den menschlichen Spielern auf der Bühne bewegt und von ihnen und mit ihnen in eine Geschichte aus schrecklichen Kriegsgeschehnissen eingebunden. Die Akteure lassen die Puppen die Szenen spielen, die von den Kinderstimmen aus dem Off vorgelesen werden: Szenen, die aus Greueltaten, Brutalitäten und Übergriffen bestehen, über die – vielleicht das am schwersten zu Ertragende an diesem Abend – von den Tonbandstimmen in einem völlig unbeteiligten Ton berichtet wird. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Jungen, Zwillinge, die in den letzten Kriegsjahren in einem östlichen Land bei ihrer Großmutter aufwachsen, seelischen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt sind, mit Brutalitäten zurückschlagen und am Ende des Krieges innerlich ausgebrannt und verroht sind, zerstört, Opfer des Krieges.
Der Theatergruppe gelingt es, die schrecklichen Vorkommnisse mit Hilfe der Puppen als für die Zuschauer gerade noch erträglich darzustellen. Die Distanz, die das Buch über die teilnahmslose Sprache der beschriebenen Grausamkeiten gewinnt, erreicht die Vorstellung über die seltsam unwirklichen Off-Stimmen der Kinder, die Puppen, deren Gesichter wie die der vier Schauspieler teilnahmslos ins Leere zu blicken scheinen, und das Bühnenbild, das am Ende mit zerstückelten Rüben wie ein wirrer, chaotischer Schreckensraum aussieht. Die Ernsthaftigkeit und Eindringlichkeit des Spiels vermitteln eine Erfahrung von Krieg, die in dieser Intensität auf der Bühne nicht selbstverständlich ist.
An dieser Aufführung wird deutlich, was gutes Jugendtheater auszeichnet: eine völlig undidaktische Inszenierungsweise, der Versuch, Theater nicht auf eine Zielgruppe hin zu orientieren, sondern davon abhängig zu machen, wie eine Vorlage in eindringliche Bilder und eine nachvollziehbare Bühnenhandlung umgesetzt werden kann. Die Aufführung Das große Heft verlangt vom jugendlichen wie erwachsenen Publikum, dass es sich „einlässt“, und erreicht gerade in dieser Kompromisslosigkeit ihre ungewöhnliche Wirksamkeit.
Auf einer kleinen, engen Bühne, nach hinten von einer Leinwand, auf der Computerbilder zu sehen sind, abgeschlossen, liegt, sitzt ein in Cellophanpapier eingewickelter Mensch und fährt mit einem kleinen Holzpferdspielzeug lärmend über den Bretterboden. Es ist Kaspar, der Noch-Nicht-Mensch, da ein Noch-Nicht-Sprechender; er hat noch nicht zu sich gefunden, da er noch nicht die Regeln des Sprechens beherrscht. Das muss er aber, wenn er überhaupt jemand sein will. Also wird er von einem Sprach-Einpeitscher der Tortur des Sprechenlernens, einer totalen Sprechdressur, ausgesetzt. Die Einsager geben Sätze vor, die er nachzusprechen lernen muss, unter Schmerzen und Qualen: Der sprachliche Lern- und Reifungsprozess als Prozess einer Fast-Entleibung, einer seelischen Tortur.
Das Stück enthüllt, wie Sprache formal funktioniert und zeigt, dass derjenige, der diesem Sprechprozess und Sprachlernprozess ausgeliefert ist, letztlich nicht zu sich kommt, sondern zu einem bloßen Nachsprecher wird, zu einer Sprachhülse. Der einzelne ordnet sich, so jedenfalls Handkes dramatische Konstruktion, in ein überindividuelles, alles in gleicher Weise funktional machendes Gefüge ein, das von der Individualität weg zu einer totalen Selbstentfremdung führt. Der einzelne wird zwar zu einem sozialen Wesen, zahlt dafür aber einen hohen Preis: Er wird zu einer leeren Worterzeugungsmaschine. Der Sprachlerner wird ein Nachsager. „Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen“, erkennt Kaspar am Ende. „Ich kann mich verständlich machen. Ich bin zum Sprechen gebracht. Ich bin in die Wirklichkeit überführt. – Hört ihr´s? Stille. Pst. Stille. Die Bühne wird schwarz. Stille.“
Das Spiel von Nadja Soukup zeigt diesen Entindividualisierungsprozess in eindrucksvoller Weise: Unter Qualen lernt sie sprechen, mit Mühe streift sie ihre Cellophanschicht ab und kleidet sich mit einem Anzug. Am Ende steht sie da, kann sprechen und ist trotzdem nicht mehr als abgerichtet, dressiert, angepasst, nichts als Durchschnitt. – Mit Kaspar bietet das Theaterlabor Darmstadt anspruchsvolles Theater, das die Grenze zwischen einem Stück für Jugendliche und einem für Erwachsene verwischt. Seine Spannung bezieht es aus der Frage, ob die Sprachdressur, die doch eigentlich fehlschlagen müsste, die doch eigentlich nicht gelingen darf, dennoch am Ende erfolgreich sein wird.
Die Inszenierung ist wiederum ein Beweis dafür, dass spannendes, Jugendliche wie Erwachsene packendes Theater weniger Bühnengegenstände bedarf: Ein Gerüst mit Plattformen genügt. Es ist Abstellplatz für eine Nobelkarosse, es ist Autobahnbrücke, später Gefängniszelle oder Gerichtsraum, vor allem aber der Tummelplatz für zwei Freunde, einen 14-Jährigen und einen 15-Jährigen. Ihre Albereien und ihr Herumgetolle sind Spielereien, die jederzeit in aggressive Ausbrüche und in Gewalt umkippen können, sind Versuche, ihre Langeweile zu vertreiben, bis aus dem Spiel plötzlich blutiger Ernst wird: Sie stoßen von einer Autobahnbrücke Steine auf unter ihnen vorbeirasende Autos herab. Dabei geschieht das Unglück: Ein Stein tötet einen Autofahrer, der Beifahrer wird schwer verletzt.
Der zweite Teil der Geschichte erzählt und zeigt, was aus den Tätern wird. Der eine stellt sich der Polizei, beide werden gefasst und verurteilt. – Die Inszenierung verlässt sich voll und ganz auf das engagierte, energiegeladene, sehr authentische Spiel der beiden Akteure Matthias Steiger und Christian Holdt. Vor allem der erste Teil bekommt dadurch eine beklemmende Nähe zur Wirklichkeit. So wie die beiden gewalttätig werden, zufällig eher als geplant, unüberlegt, aber auch ungewollt, können, das führt das Stück glaubwürdig vor, Jugendliche tatsächlich auf die schiefe Bahn geraten und schuldig werden. Theater wird damit zu einem unbequemen Spiegel von Wirklichkeit und Leben und führt zu Fragen nach Schuld und Motiven, denen der Zuschauer nicht ohne weiteres ausweichen kann und die möglicherweise festgefahrene Erfahrungen und Haltungen verunsichern. Stones in der Marburger Inszenierung jedenfalls liefert eine Menge Diskussionsstoff.
Arbeiter finden bei Bauarbeiten in Bristol alte Papierrollen mit einer Geschichte eines Mönchs aus dem Jahr 1362. Diese Geschichte, absurd-verrückt, angelehnt an klischeebeladene Abenteuergeschichten, wird auf der Bühne erzählt und gespielt. Ein Mädchen wird entführt, in einen Turm gesperrt, der Entführer fordert von der Mutter Lösegeld, muss aber zu seinem Erstaunen erkennen, dass die Entführte munter im Haus der Mutter lebt. Wie kann das sein, welches Geheimnis steckt dahinter? Das Mädchen will dem auf die Spur kommen und macht sich auf, ihre Doppelgängerin im Turm zu suchen und zu befreien. Dabei erlebt sie allerlei skurrile Abenteuer, begegnet vielen verschiedenen Personen, schlechten wie guten (Leuchtturmwärter), verrückten (Dichter, Wahrsagerin) und „normalen“, vor allem aber ihren wirklichen Eltern. Von denen erfährt sie schließlich, dass sie eine Zwillingsschwester hat und dass sie selbst nach ihrer Geburt an fremde Leute abgegeben wurde, da die armen Eltern zwei Kinder nicht hätten ernähren können.
Das Geheimnis ist also gelüftet: Zwillinge, die nichts voneinander wussten. Am Ende werden die Mädchen vereint, und, wie es sich in einem märchenhaften Abenteuer gehört, die schlechten bestraft, die guten belohnt. – Es ist eine leicht alberne Geschichte; sehenswert und kurzweilig wird die Aufführung durch die Schauspieler und die Inszenierung. Die zwei Frauen (Anna Maria Politzer, Sabine Schramm) und der eine Schauspieler (Gerd Ritter) schlüpfen gekonnt in zahlreiche verschiedene Rollen, und die Inszenierung sprüht an vielen Stellen vor Witz, Ironie und unterhaltsamen Einfällen. – Getrübt wird dieser Eindruck allerdings durch ein paar sprachliche Ausrutscher: So wird das englische Wort husband immer wieder mit „Hausband“ übersetzt und damit und mit einigen anderen kleineren Entgleisungen doch zu einem etwas überdeutlichen „Publikumsschieler“.
Es ist Erzähltheater, aber spannend und abwechslungsreich in Szene gesetzt. – Herzeloide zieht ihren Sohn Parzival fernab von aller Welt in einem Wald auf. Der aber begegnet dennoch zufällig Rittern und will auch wie die in die Welt ziehen, zur Tafelrunde des Königs Arthur, um Ritter zu werden. Seine Mutter kleidet ihn daraufhin als Narren, damit er einfältig bleibe und sich nicht in weltliche Ritterkämpfe verwickeln lasse. Aber Parzival wird draußen in der Welt bald zu einem bekannten und gefürchteten Ritter. Sein sehnlicher Wunsch, ein wirklicher Ritter zu werden, wird aber erst nach langen Irrwegen erfüllt, erst nachdem er den Gral findet.
Mit kargen Mitteln wird diese Geschichte auf der Bühne erzählt und dargestellt. Drei Blechschränke genügen Michael Miensopust, um vor den jugendlichen Zuschauern Burgen, Gebirge, Schluchten, Königinnen, um die gekämpft werden muss, oder Ritter entstehen zu lassen. Der Charme der Aufführung liegt in diesem phantasievollen Gebrauch alltäglicher Gegenstände – ein Kleiderbügel wird zu einem Bogen oder einem Schwert – und in der Verwandlungskunst des Schauspielers, der in unzählige Rollen schlüpft und diese eindrucksvoll verkörpert. – Die Länge der Aufführung allerdings mit ihren vielen Wiederholungen immer gleich ablaufender Ritterkämpfe trübt einen insgesamt positiven Eindruck. Kürzungen am Anfang und gegen Ende hin hätten der Aufführung gut getan. Außerdem: Ist in einem Jugendstück wirklich diese immer wieder salopp-anbiederische Sprache notwendig? Sie trifft zwar den Jargon der jugendlichen Zuschauer, öffnet aber nicht den Blick für das ganz andere, wundersame, heutzutage höchst befremdliche Verhalten und Tun Parzivals. Gralssuche: Was ist das eigentlich? Die Jugendlichen werden sich darunter nach der Aufführung wahrscheinlich (komische) Ritterkämpfe vorstellen.
Ein Puppen- und Personentheater auf zwei / drei Spielebenen mit drei Spielern (Irene Winter, Torsten Gesser, Martin Karl), zwei Schweinen, Padulidu und Lorelei, und dem „außergewöhnlich großen Schwein“, dem besten Verkäufer der Welt. Padulidu und Lorelei spielen miteinander, als Padulidu beschließt wegzuwandern, um zum Pflaumenbaum mit den besten Pflaumen zu gelangen. Lorelei bleibt traurig zurück. Auf seiner Glückssuche begegnet Padulidu dem „außerordentlich großen Schwein“. Er lässt sich verführen, nach dem Motto „geben, nehmen gewinnen“ zu leben, wird vernünftig und verliert dadurch endgültig Lorelei. Es ist ein phantasieanregendes Spiel um das, was Glück heißt: persönliches Glück, sprich Liebe, oder Verkaufserfolg. Durch den Wechsel zwischen Puppentheater und Figurentheater bekommt dieses Stück über Freundschaft und Liebe und Verführung durch falsche Versprechungen etwas Leichtes, Schwungvolles.
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Es ist nicht ohne weiteres möglich, Jugendtheater und Theater für Kinder, das vom Kindergarten- bis zum Grundschulalteralter reicht, miteinander zu vergleichen. Zu sehr unterscheiden sie sich in Thematik und Bühnenumsetzung. Vergleichbar werden sie aber durch die Qualität der Inszenierung und des Spiels. Gerade für Kinder gab es einige überdurchschnittliche Aufführungen:
Eine Arena aus Sand mit einem Trapez und einem Koffer und einem Clown. Der sagt, wenn die Aufführung beginnt: Ich will nicht mehr, ich will lieber sterben, als so weitermachen. Prompt erscheint der Tod, um dem Clown seinen Willen zu erfüllen. Als der Clown den Ernst seiner Lage erkennt, schließt er mit dem Tod einen Pakt: Wenn er den Tod innerhalb einer Stunde zum Lachen bringen kann, wird ihm das Leben geschenkt. Es beginnt ein Spiel buchstäblich um Tod und Leben. Der Clown versucht zunächst über Grimassen und Verrenkungen, den üblichen Clownerien, dem Tod ein Lachen abzulocken, dann, indem er ihm publikumswirksam erläutert und vormacht, welche Arten von Lachen es gibt, dann durch allerlei Zirkusnummern und Zirkustricks. Schon will der Clown verzweifelt aufgeben, als der Tod plötzlich und unerwartet doch noch zu lachen anfängt. Der Clown weiß, dass er die Wette gewonnen hat. Der Tod steht zu seinem Wort: Du darfst leben, fügt aber nach einer Pause hinzu: wenigstens noch ein bisschen.
Die Aufführung demonstriert, dass auch für junge Zuschauer schwierige Themen auf ernsthafte, aber vergnügliche, unterhaltsame Weise kindgerecht auf der Bühne inszeniert werden können. Immer wieder wechseln in der Aufführung ruhige, melancholische, ernste, gar traurige Situationen mit clownesken, heiteren Szenen ab. Kindertheater, wie es auch sein kann: phantasievoll, gesprächsanregend, unterhaltsam, kurzweilig.
Die sechzig Bühnenminuten vergehen für Kinder wie für Erwachsene wie im Flug. Es wird „nur“ Kaufladen gespielt, aber wie: lustig, humorvoll, poetisch, träumerisch, voll gepackt mit guten, niemals billigen Gags. Aus buchstäblich allen Handlungen werden verquere, lustige Szenen, ohne dass es zu übertrieben oder slapstickhaft-fernsehmäßig zuginge. Es gibt zahlreiche Höhepunkte: Fridolin (Georg zum Kley) steigt unaufhörlich Kellertreppen hinab und hinauf dort, wo gar keine Treppen sein können; Wirsing, wenn man ihn nur richtig aufbläst, kann wie ein Luftballon fliegen; aus Wirsing wird grüner Wirsingtee und – vielleicht der Höhepunkt der Aufführung mit einer eindrucksvollen schauspielerischen Leistung von Gisela Noh – aus einem alten Koffer lassen sich mit Kleid, Handschuh und Haarblume rührende Geschichten über lang vergangene Jugendjahre, Verliebtsein, Schiffsreisen und mehr erzählen. – Nicht umsonst wurde diese Produktion bereits mit Preisen ausgezeichnet.
Das Stück handelt vom Bettlerjungen Faust, der in Knittlingen bei seiner Großmutter aufwächst, von ihr Kräuterkunde und Schreiben erlernt und früh erfahren muss, was es heißt, arm zu sein: Er wird vom reichen Junkersohn Rufus in der Schule gehänselt und bedrängt, lernt aber, weil er klug ist, von einem Mönch alles Wissenswerte, so dass er sogar ein Gelehrter wird, bis er auf Betreiben seines Feindes Rufus den Doktortitel verliert. Faust will, da hinter seinem Unglück immer wieder Rufus steckt, zurückschlagen. Da kommt ihm Mephist gerade recht. Er verbündet sich mit ihm, kehrt nach Knittlingen zurück und hätte jetzt die Gelegenheit, sich an Rufus für alle Schmach zu rächen. In letzter Minute lässt er davon ab und zieht stattdessen mit Margarete, in die er sich inzwischen verliebt hat, in die Welt hinaus, um dort das Glück zu machen.
Die alte Geschichte wird, auch dank der guten Schauspieler (Gabriel Spagna, Thomas Streibig, Barbara Schwarz, Peter Meyer), auf der Bühne so lebendig, wird in einer so schwungvollen Inszenierung erzählt, dass sie in keinem Augenblick Lehrtheater wird. Im Gegenteil: Die Aufführung ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie Theater Jüngeren, ohne mit dem Lehrerfinger auf etwas zu zeigen, einen bekannten literarischen Stoff, eben die Faust-Sage, theaterwirksam nahe bringen kann.
Mitten in der Wüste finden zwei Wanderer einen blauen Stuhl und zeigen, was man damit alles spielen kann: Schlittenfahrt, Feuerwehrauto, Polizeiauto; der Stuhl wird eine Rettungsinsel vor Haien oder ein Zauberstuhl wie im Zirkus: Alles wird spielerisch und erfinderisch auf der Bühne entwickelt. Es ist ein Stück, das die Dreijährigen anspricht.
Ein Flusspferd liegt behäbig, dick, am Flussufer, hat großen Appetit, isst unaufhörlich Äpfel, bewegt sich nur mühsam. Da tänzelt ein anderes Pferd, ein Schimmel, auf die Bühne, bringt das behäbige Flusspferd mit seiner anmutigen Tanzkunst zum Staunen: Da kann es nicht mithalten. Allerdings hat auch das anmutige Pferd seine schwache Seite: Es traut sich nicht in das Flusswasser. Dann vergeht einige Zeit und die Rollen haben sich vertauscht. Der Schimmel ist dick geworden, das Flusspferd hat abgenommen: Sie fangen an miteinander zu tanzen, tanzen im Wasser, spielen zusammen, haben ihren Spaß miteinander, sitzen am Ende vereint am Flussufer. – FlussPferde ist ein Tanzstück, das poesievoll und tänzerisch gekonnt scheinbar Unvereinbares – jeder meint, der andere sei besser, schöner, könne etwas, was er selbst nicht kann, – vereint.
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In den meisten Aufführungen des neunten Kinder und Jugendtheaterfestivals des HLTs Marburg hat das Theater gezeigt, was es so einmalig und außerordentlich macht: Es erzählt, anders als oft Kino, anders in jedem Fall als Fernsehen, Geschichten auf wundersame Weisen: Gleichgültig, ob die Bühne opulenter oder karger ausgestattet ist, das Spiel der Schauspielerinnen und Schauspieler wird, gelingt die Aufführung auch nur einigermaßen, immer auch ein Spiel in den Köpfen der Zuschauer, der jungen, der jugendlichen, der älteren und alten. Immer sind die Zuschauer diejenigen, die ein Stück mit ihrer Phantasie über das, was auf der Bühne abläuft, hinausführen, ja eigentlich erst richtig entfalten. Das Theater wird zu einem Ort phantasievoller Begegnungen und Erfahrungen, die in ihrer Intensität und Nachhaltigkeit die außertheatrale Wirklichkeit übersteigen und damit ein Energiepotential freisetzen, das im Umgang mit der Wirklichkeit kreative Selbstsicherheit vermittelt. – Man darf schon jetzt auf die zehnte Theaterwoche für Kinder und Jugendliche im Jahr 2005 gespannt sein. Jürgen Sachs und sein Team um den Intendanten Ekkehard Dennewitz vom Hessischen Landestheater werden dafür sicherlich rechtzeitig die richtigen Jubiläumseinfälle haben.
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Marburger Kinder- und
Jugendtheaterpreis 2004
an das HESSISCHE
LANDESTHEATER MARBURG
für „F.A.U.S.T."
Zum Abschluß der 9. Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche „Theater sehen - Theater spielen" in Marburg wurde heute abend im Theater Am Schwanhof der mit 1.500 Euro dotierte Marburger Kinder- und Jugendtheaterpreis für die beste Produktion des Festivals verliehen, gestiftet vom „Freundeskreis Marburger Schauspiel e.V."
Die neunköpfige Jury, bestehend aus fünf Jugendlichen und vier Erwachsenen (sowie zwei Gastkindern), hat den Preis dem Hessischen Landestheater Marburg für seine Produktion „F.A.U.S.T. – Furiose Abenteuer Und Sonderbare Träume" zuerkannt (Regie: Lutz Gotter/Ausstattung: Axel Pfefferkorn/Dramaturgie: Anne-Kathrin Guder).
In dem farbenprächtigen Bilderbogen von Paul Maar und Christian Schidlowsky wird die mittelalterliche Geschichte des Bettlerjungen Johann Faust erzählt, der später zum berühmten Gelehrten Dr. Faustus wurde.
Begründung der Jury: Die Inszenierung ist eine hervorragende Gesamtkomposition mit den verschiedensten theatralen Mitteln, kurzweilig, abwechslungsreich, alle Sinne ansprechend, mit einer intelligenten Geschichte und für alle Altersklassen geeignet.
Auf den 2. Platz kam das Landestheater Tübingen mit „Die sieben Türme", den 3. Platz belegte das Junge Theater Heilbronn mit „Parzival".
Marburg, 20. März 2004
Jürgen Sachs
(Festivalleitung)