Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 2


Johann Gottfried Herder (25.8.1744 – 18.12.1803)

Das innere Olympia

Sind die Gäste versammelt, so läßt die Harfe sich hören;
    Sitzt der Richter, so tritt Redner und Sprecher vor ihn.
Griechenland ist beisammen: da singen Dichter, es kämpfen
    Kämpfer, der Läufer läuft, blickebeflügelt, zum Ziel.
Aber zur innern Harfe, zum Spruch der richtenden Seele
    Und zum Kampfe, zum Lauf nach der Vollkommenheit Kranz
Darf es keiner Versammlung und keiner Blicke; Du bist Dir
    Hörer und Harf' und Gesang, Läufer und Richter und Ziel.

 

Das Gesetz der Welten im Menschen

Schönes Sternengefild, Ihr weiten unendlichen Auen,
    Aus mir selber entzückt, hang' ich mit Blicken an Euch,
Schaue die goldene Heerde der himmlischen Schafe da weiden,
    Suche den Hirten in ihr, der mit dem Stabe sie führt.
»Suchst Du den Hirten der Heerde, die droben sich badet im Aether?
    Suchst das hohe Gesetz, welches die Welten bewegt?
Sterblicher, blick in Dich selbst! da hast Du die höhere Regel,
    Die nicht die Welten allein, die auch sich selber regiert.«

 

Aus der Schulrede vom Juli 1800: VITAE, NON SCHOLAE DISCENDUM:

"Was tun wir, wenn wir gehen, sprechen, zeichnen, tanzen lernen? Nicht wahr? wir üben und vollführen ein Werk; wir machens nach, bis wirs können, bis es gelingt, mit unsern Kräften mit unsern Gliedern. So bei sichtbar in die Augen fallenden Künsten; bei unsichtbaren und bei der unsichtbarsten von allen dem Denken findet das Lernen auf keine andre Weise statt. Seine Gedanken kann mir der Lehrer nicht eingeben, eintrichtern; meine Gedanken kann, will, und muß er durch Worte wecken; also daß sie meine, nicht seine Gedanken sind. Worte sind bloß das Instrument, dies muß ich mit eignen Kräften, auf meine Weise brauchen lernen, oder ich habe nicht gelernet."

*

Herders gesamtes Werk kreist um den Autonomiegedanken. Die Fähigkeit, sich selber "Läufer und Richter und Ziel" zu sein, die "sich selber" regierende "höhere Regel" in sich zu tragen, machen für ihn, wie für Kant die Würde des Menschen aus. Immer noch kann uns die Begeisterung, die in diesen Gedichten, der Rede - oder etwa auch in den entsprechenden Stellen der "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" - vernehmbar ist, anstecken. Aber wir wissen heute, dass die Idee der Autonomie ihren geschichtlichen Ort hatte. Es gibt sie nicht ohne ihr beigeordnete Einsamkeit, Entfremdung und Versuchung zur Hybris. Ihre Utopie der Gerechtigkeit und Freiheit war nicht einzulösen - und wenn nicht sie, welche denn dann, möchte man fragen? Trotzdem empfinden wir bei der Lektüre der Herderschen Zeilen einen Nachhall des Glücks. Etwas steckt darin, das wir nicht vergessen wollen. Was ist es, menschliche Wärme, Solidarität, überhaupt Begeisterungsfähigkeit?

Welch eine vertrackte Lage: wir empfinden unsere Armut, indem wir nachvollziehen und entbehren, was doch längst gescheitert ist. Was mag das über die gegenwärtigen Zeiten aussagen? Nein, gar nicht, wie man meinen könnte, nur Schlechtes, scheint mir. Die Sehnsucht nach den fast verlorengegangenen Inhalten der aufstrebenden bürgerlichen Epoche stimuliert das heutige Interesse an Bildung. Diese beinhaltet folglich Hinwendung und Distanz zugleich. Vielleicht schafft sie so einen kontemplativen Raum, in dem wir unseren Ursprüngen begegnen können, sie verlebendigen und uns auch von ihnen abgrenzen. Solche Bildung wäre auf ihre Weise eine Einübung in eine undogmatisch-freie geistige Haltung.

Max Lorenzen

[Zurück zur Startseite]