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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 2
Rainer Maria Rilke „Gedichte in französischer Sprache“. Mit deutschen Prosafassungen. Hrsg. von Manfred Engel und Dorothea Lauterbach. Übertragungen von Rätus Luck. Supplementband zur Kommentierten Ausgabe von R.M.R. „Werke“ in vier Bänden. Insel Verlag 2003, 62 €
„L’Œuvre inconnue“ – das unbekannte Werk – überschreiben die Herausgeber die Einleitung zu ihrem Kommentar und dafür gibt es mancherlei Gründe: nicht nur in der Sprachbarriere, die seit Rilkes Tod nur immer höher geworden ist, sondern auch in der Geschichte der Rezeption dieser Gedichte.
In Deutschland war man nicht erbaut darüber, wie Rilke beim Erscheinen seiner ersten französischen Gedichte durch Paul Valérys Vermittlung in Paris gefeiert wurde, kam es doch damals zum „Fall Rilke“, einer Kontroverse in der deutschen und böhmischen Presse, die im vorliegenden Band dargestellt ist (409-415).

Und selbst der Insel Verlag tat sich schwer mit ihrer Veröffentlichung. Die erste Sammlung der „Poèmes français“ erschien 1935 in Paris, vorbereitet durch Thankmar von Münchhausen, dessen Briefwechsel mit Rilke in diesem Jahr erscheinen wird, und der dann die erste Ausgabe der „Gedichte in französischer Sprache“ 1949 im Insel Verlag herausgab, als eine erste Gesamt-Ausgabe. Es folgte dann die „Zweite Abteilung: Gedichte in französischer Sprache“ im zweiten Band der von Ernst Zinn besorgten „Sämtlichen Werke“ (1956) und endlich 1988 auf dieser Textgrundlage der Band „Poèmes français“ mit einem Nachwort von Karl Krolow. Seitdem sind wieder 15 Jahre verstrichen bis zum Erscheinen der vorliegenden kommentierten Ausgabe, der ersten, die Prosaübertragungen neben den Gedichten enthält.
Rilke selbst hat womöglich beigetragen zur falschen Einschätzung dieses Teils seines Werkes, indem er es – mindestens seiner „Verlegerin“ gegenüber – an den Rand rückte. An Katharina Kippenberg schrieb er zum Erscheinen des Erstdrucks: „Mein französischer Band ‚Vergers / Suivi des Quatrains Valaisans’, diese leichtere Leyer zur linken Hand, diese späte Nebenjugend auf geborgtem Boden, hat am siebenten Juni die Öffentlichkeit auf sich genommen. Sowie meine Exemplare da sind, kommt das erste zu Ihnen“ (9.6.1926, 449). In der Widmung für sie spricht er nochmals von der ‚kleinen, sonnenwarmen Leyer’...
Erst später, als die über 400 französischen Gedichte bekannt wurden, konnte dieser Teil des späten Werkes richtiger eingeschätzt werden, und wenn das nur zögernd geschah, ergibt sich heute umso mehr die Notwendigkeit der angemessenen Betrachtung und Deutung, wie sie der „Supplementband“ ermöglicht. Unterstützt wird dies durch die neue Anordnung der Texte. Auf die vier Gedichtsammlungen „Vergers“, „Quatrains Valaisans“. „Les Roses“ und „Les Fenêtres“ folgen die Einzelgedichte chronologisch. Damit wurde zugleich die Unterscheidung von „Vollendetem“ und „Entwürfen“ aufgehoben, die Zinn seiner Anordnung zugrunde gelegt hatte. „Die Gedichte April 1897 bis Mai 1923“ heben sich deutlich ab gegen „Die Gedichte September 1923 bis September 1926“ , die die gewonnene Sicherheit im Umgang mit dem neuen Medium zeigen. Es folgt der Kommentar, der zusammen mit Zeittafel und Registern mehr als die Hälfte des Bandes ausmacht.
Dieser Kommentar entspricht in seinen Grundzügen denen der Kommentierten Ausgabe, indem auf „Selbstaussagen“ und „Deutungsaspekte“ zum jeweiligen Gedichtzyklus die „Einzelkommentare“ aufbauen. Für die einzelnen Gedichte fehlen die vorangestellten „Selbstaussagen“, dafür finden sie sich gegebenenfalls im Einzelkommentar.
Worum es den Herausgebern geht, ist folgendes herauszustellen: die französische Lyrik bilde „einen vollgültigen Bestandteil von Rilkes reifer lyrischen Produktion“, sei „Teil von Rilkes spätester Werkphase, die mit den Sonetten an Orpheus beginnt und mit dem Tod des Dichters endet“ (381). Sie formulieren die Aufgabe, die sich stellt: „es gilt nicht nur, eine so gut wie unbekannte Seite von Rilkes Werk (neu) zu entdecken, sondern ein ebenso faszinierendes wie seltenes Experiment in praktizierter Interkulturalität: Denn Rilke erschließt sich ja nicht einfach eine neue Sprache, sondern verbindet, in seiner Person wie in seinem Werk, zwei Kulturen und zwei literarische Traditionen. Dies wird bei den Lesern des frühen 21. Jahrhunderts auf mehr Interesse stoßen als bei den Zeitgenossen: in Weimarer Republik und Drittem Reich galt Rilke seiner französischen Dichtung wegen bei nicht wenigen deutschen Lesern noch als Vaterlandsverräter“ (382). Paul Valéry hatte Rilke einen „wesentlich europäischen Menschen“ genannt, und unter diesem Aspekt gewinnt die Überschreitung der Sprachgrenzen, die sich schon früh in Rilkes vielen Übertragungen aus anderen Sprachen zeigte, heute erhöhte Bedeutung.
Für Rilke war es zudem ein Geschenk, dass sich nach der Vollendung der Duineser Elegien, die ein Jahrzehnt lang sein Schaffen beherrscht hatten, nun in der Abspannung ein neuer Schaffensraum eröffnete, in dem deutsche und französische Gedichte einander zu antworten begannen – eine Parallelität, die sich besonders im Jahr 1924 nachweisen lässt.
Darüber hinaus stellte sich den seit 1923 immer spürbarer auftretenden Zeichen der tödlichen Erkrankung hier eine Hoffnung entgegen. Rilke spricht noch im Brief an Eduard Korrodi vom 2.3.1926 von der „beglückenden Erfahrung, jünger zu sein, fast jung im Gebrauch einer zweiten Sprache, in der man bisher nur aufnehmend oder praktisch betätigt gewesen war und deren steigender Überfluß (wie man das ähnlich, in jungen Jahren, an der eigenen erfahren hatte) einen nun, im Raume des namenlosen Lebens, zu tragen begann“.
Der Dichter selbst hat im Nebeneinander themengleicher Gedichte wie „Füllhorn“ und „Corne d’Abondance“ die unterschiedlichen Ausprägungen in beiden Sprachen erkundet. Hierzu heißt es in dem „Rilkes lyrischer Zweisprachigkeit“ gewidmeten Abschnitt der Einleitung: „es kam ihm ja gerade darauf an, sich die neuen und alternativen Ausdrucksmöglichkeiten der fremden Sprache zu erschließen.“ So blieb „der komplexe Weg, den Rilke gewählt hat: Sich sprachlich wie poetisch neu zu erfinden, sozusagen ein ‚Französisch-Rilkisch’ zu entwickeln, das nicht einfach die Übersetzung des ‚Deutsch-Rilkischen’ war, sondern dessen Äquivalent unter den Möglichkeiten der fremden Sprache...“ (397).
Da es Rilke darauf ankam, seinen eigenen Ton im Französischen zu finden, wird jeder Versuch einer versuchten Rückübertragung problematisch. In diesem Band hat man sich für die von Walter Benjamin so genannte „verfremdende Übersetzung“ entschieden, denn: „Der große Vorteil des gewählten Übersetzungsprinzips liegt wohl darin, daß die deutschen Texte in keiner Weise vorgeben, die französischen ersetzen zu können. Wer nur sie läse, hätte von Rilkes französischer Lyrik nichts verstanden – und der ideale Leser wird die Übersetzung ohnehin primär dort konsultieren, wo er am französischen Original scheitert...“ (442/3). In Rätus Luck konnte man einen Mitarbeiter gewinnen, der dem Anspruch einer derart verfremdeten Übersetzung vorzüglich gewachsen war – ihm gebührt der Dank nicht nur derjenigen, die des Französischen nicht so mächtig sind, wie es die Gedichte eigentlich verlangen.
Ein kleines Beispiel, es handelt sich um ein Widmungsgedicht für Professor Jean Strohl, das Rilke am 20.2..1924 in sein Exemplar der „Duineser Elegien“ eintrug:
Ciel valaisan Walliser Himmel
Comment notre cœur lorsqu’il
vibre
Wieso hat unser Herz, wenn es bebt, es so nötig,
a-t-il tant
besoin
daß ein ganzer Himmel von weither ihm Rat-
que tout un ciel de
loin
schläge über das Gleichgewicht gibt.
lui donne des conseils d’équilibre.
Mais ce ciel depuis
toujours
Aber dieser Himmel ist seit jeher unsere Schreie
a de nos cris
l’habitude;
gewohnt; Freund der harten Erde, sänftigt er
ami de la terre
rude,
ihren Kontur.
il en adoucit le contour.
Die Herausgeber sprechen von Rilkes Bemühung, das Gleichgewicht (l’équilibre) von ‚Klage’ und ‚Rühmung’ wie es in den „Sonetten an Orpheus“ heißt, immer neu herzustellen: „Und es ist zu leisten nicht – oder mindestens nicht nur - als Vermittlung abstrakter Gedanken, sondern als poetische Gestaltung, die Versöhnung zur ästhetischen Erfahrung macht“ (403). Ebenso wie in den späten deutschen Gedichten (etwa in den Frühlingsliedern von 1924, aber auch sonst) findet sich das Wechselspiel von Konkretheit und Abstraktion, von Sichtbarem und Unsichtbarem, das sich dem gewissenhaften Leser selbst in den bevorzugten kleinen Formen dieser Epoche, den zwei- oder dreistrophigen Gedichten, mitteilen kann, im Französischen wie im Deutschen; „jeder Text ein kleines Weltmodell“ (406). Die Schlüssel zum Werk werden in diesem Kommentar dem Rilkefreund an die Hand gestellt – aufschließen muss er selbst.
*
Da es sich um den Supplementband zur Kommentierten Ausgabe handelt, versteht es sich von selbst, dass er deren Prinzipien entspricht und z.B. mit einer ausführlichen Zeittafel der Jahre 1923 bis 1926 ausgestattet ist. Das Literaturverzeichnis gibt übersichtlich Auskunft über den Komplex der Handschriften, der Werkausgaben, der Briefe, Erinnerungsbücher usw. mit den verwendeten Siglen, was die Benutzung sehr erleichtert, und bringt im II.Teil die Zusammenstellung der „Forschungsliteratur“, die immerhin 12 Seiten umfasst. Es folgen Namenregister und das Alphabetische Verzeichnis der Gedichtanfänge und –überschriften.
Alles in allem wird sich der verdienstvolle Band als unentbehrlich erweisen und es wäre zu wünschen, dass er nicht nur in die Hände der Rilkeforscher, sondern auch in die der vielen Leser gelangt, die bisher keinen rechten Zugang zu den „Poèmes français“ finden konnten.
Renate Scharffenberg