Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 2


 

Der  un – heimliche Anakoluth
Einige Gedanken zur Sprach-Kunst Hartmut Langes

Von Manfred Jobst

Beim Lesen von Hartmut Langes Novellen hat mich eine Erscheinung zunehmend fasziniert, der ich in den folgenden Überlegungen am Beispiel der beiden ersten Sätze aus der neuen Novelle „Leptis Magna“ nachzugehen versuche. Nicht in der Absicht, die beiden Sätze isoliert – das wäre hermeneutisch unsinnig –, wohl aber, sie exemplarisch zu betrachten. Wenn ich dabei von Anakoluth spreche, meine ich dies nicht in einem engen stilistisch-rhetorischen Verständnis im Sinne des abgebrochenen, grammatisch falsch zu Ende geführten Satzes, sondern in einem umfassenderen, tieferen, soll ich sagen existentiellen Sinn?

„Van de Velde hatte versprochen, Sibylle zu heiraten.“

Mit diesem Satz beginnt Langes neue Novelle „Leptis Magna“. Ein Vorhang wird aufgezogen, eine Bühne bereitet – ein Bild, das sich bei einem so theatererfahrenen Autor unwillkürlich einstellt. Mit der Heirat soll das Leben der beiden seine Abrundung, seinen (letzten/endgültigen) Sinn erhalten.

Wie geht es weiter?

„Nicht direkt und auch nicht mit der von ihr gewünschten Entschiedenheit, so dass sie sich für die nächste Zukunft darauf hätte einstellen können, aber sie waren schon so lange und so selbstverständlich liiert, dass es beinahe etwas Lächerliches hatte, diesen letzten Schritt, der lediglich eine Formalität war, immer wieder hinauszuschieben.“

Der Leser reibt sich verwundert die Augen: Der erste Satz stimmt also nicht?! Das ist so auch wiederum nicht richtig. Oder doch? Müsste der erste Satz nicht lauten: ´Van de Velde hatte nicht versprochen, Sibylle zu heiraten´? Aber nach einem solchen ersten Satz könnte der zweite nicht in dieser Form stehen bleiben. Wenn der zweite so bleiben soll, dann wiederum darf  der erste nicht in dieser Weise umformuliert werden, er muss auch bleiben, und bleibt - ´falsch´, ein ´falscher´ Satz, ein Anakoluth (griech. an-akoluthos = ohne Folge). Das mit ihm gerade aufgebaute Bühnenbild bleibt ´folgenlos´, mehr noch, es wird mit dem zweiten Satz eingerissen, der erste mit dem zweiten Satz dementiert, demontiert die Welt, in der Sibylle und Van de Velde  leben.

Wenn ´demontiert´ jetzt zu hart klingen mag, dann deshalb, weil ich damit schon den Kreis der beiden Sätze überschreite.  Die auf dieser Bühne Handelnden merken das nicht - trotz zerbrochener Kulissen und obwohl ihnen der Boden unter den Füßen längst weggezogen ist, agieren sie weiter, als sei alles in Ordnung. Van de Velde hat die Heirat doch versprochen. ´Indirekt´ und (ein bisschen) ´unentschieden´ zwar, aber versprochen. Also lässt sich’s weiterleben. Die im ersten Satz ausgedrückten stillschweigenden Erwartungen, Hoffnungen, Wünsche Sibylles sind in ihrer Normalität ja auch durchaus berechtigt; noch in der Verweigerung dieser Wünsche zeigt sich deren Berechtigung, denn der zweite Satz enthält doch auch die Hinweise, die den ersten  in seiner Richtigkeit bestätigen.

Zugleich ist die im zweiten Satz dargestellte ´Realität´, ´Normalität´, aus der die Berechtigung des im ersten Satz Gesagten erwachsen könnte, offenbar derart, dass der erste Satz  in seinem Anspruch als nicht gültig, nicht zutreffend zurückgewiesen werden muss („Nicht...“), allein gelassen wird, anakoluthisch ins Offene, Leere läuft, so, wie Sibylle mit ihrem Wunsch allein gelassen wird, ins Offene, Leere läuft ; das Heiratsversprechen bleibt folgenlos, Abrundung, Lebens-Sinn werden verweigert. Andererseits gibt es doch offenbar Gründe dafür, dass ein solcher Satz (Wunsch/Phantasie von Sibylle) zustande kommt, Gründe, die eben wiederum in den im zweiten Satz dargestellten Verhältnissen liegen. Wie also sieht es aus? Sind die im zweiten Satz dargestellten Verhältnisse so, dass sie den ersten Satz bestätigen oder dementieren?

So führt uns auch dieser – vollständige – Satz an eine Grenze, ins Ungewisse, erweist sich als unvollständig – als ein Anakoluth, der zum ersten passt. Zwei nicht offensichtliche – es handelt sich grammatisch um korrekte, wohlformulierte Sätze - , heimliche Anakoluthe ergänzen sich – haargenau; der Haarriss in der Welt Sibylles und Van de Veldes ist unübersehbar – für den Leser, nicht für die beiden Protagonisten. Die beiden Sätze sind ausgefeilt – und abgefeimt, aber sie denunzieren nicht die Figuren. Diese richten sich, wenn auch mit steigendem, für sie selbst nicht recht zu begründendem Unbehagen in den bröckelnden Kulissen ihrer Welt ein – und produzieren, aus ihrer Perspektive,  ´korrekte´ Sätze. So, wie die beiden Eingangssätze, gesprochen aus Sibylles Perspektive. Und gerade darin zeigt sich die Genialität dieser anakoluthischen Sätze. Sie belassen den Figuren ihre Wahrheit, die sich, im unerbittlichen Nachweis ihrer Brüchigkeit, zugleich als Unwahrheit erweist. Die Figuren mit ihren verzweifelten Grenzüberschreitungswünschen und mit ihren naiven, resignierenden Bescheidungsgesten werden nicht denunziert.

Der Erzähler – die Kunstfigur, die Hartmut Lange (ebenfalls) geschaffen hat – schaut den Figuren zu (in beiden Sätzen aus Sibylles Perspektive); er schaut voller Verständnis, Sympathie, Verwunderung, Verwirrung, Verstörung zu, versucht, einen Erzählfaden zu spinnen, die Figuren zerreißen ihn, er versucht es erneut – man ist an Rilke erinnert („Wir ordnens. Es zerfällt./ Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“) - , die Figuren zerreißen ihn unerbittlich. Die Antwort des verständnisvollen, erstaunten, demütigen Erzählers (die Haltung der Demut, betont für Hartmut Lange, ist für ihn sehr wichtig) auf das immer wieder eintretende Unerwartete, Ungeheuerliche ist – der Anakoluth. Wo Lebensentwürfe nicht mehr stimmen, brüchig sind, da können auch die Sätze nicht mehr ´stimmen´, müssen zerbrechen. Die in diesem Sinne dementierten, demontierten, zerstörten,  zerbrochenen, ´falschen´ Sätze bilden die einzig mögliche, die ´richtige´, die stimmige Form des Erzählens. Wer so erzählt, weiß um die Haarrisse in unserer Realität. . „Der Würgeengel, dies wusste Sibylle jetzt, hatte kein Gesicht.“  So lautet der vorletzte Satz der Novelle. Und der Leser erkennt plötzlich mit Erschrecken und Demut, dass in solchen Sätzen von ihm die Rede ist.

Ein vorläufiger Schluss-Gedanke. Ich erinnere mich an drei Aussagen Hartmut Langes bei seinen Lesungen  in Marburg und in meiner Schule. Zur Einstimmung auf die Arbeit, auf das Schreiben höre er ununterbrochen ´nihilistische Musik´ (er nannte Bruckner); wenn er an Texten arbeite, spreche er die Sätze so lange laut für sich, bis ihre Musikalität stimme („Es ist die Musikalität der Syntax, die mich einzig leitet“, schreibt er in „Meine Realitätserfahrung als Schriftsteller“); und Transzendenz gebe es nicht, aber ohne Transzendenzbegehren können wir nicht überleben. Mit der Kunst seiner Prosa gelingt Hartmut Lange beides: In der ´nihilistischen Musik´ des Anakoluths Transzendenz zu verweigern, ihre Unmöglichkeit, die erschütternde Vergeblichkeit des Transzendenzbegehrens zu zeigen und zugleich mit der Musikalität solch anakoluthischer Sätze, im Raum seiner Kunst, unser Transzendenzbegehren als berechtigt und notwendig erscheinen zu lassen – eine wahrhaft un-heimliche Kunst:

„Van de Velde hatte versprochen, Sibylle zu heiraten. Nicht direkt und auch nicht mit der von ihr gewünschten Entschiedenheit, so dass sie sich für die nächste Zukunft darauf hätte einstellen können, aber sie waren schon so lange und so selbstverständlich liiert, dass es beinahe etwas Lächerliches hatte, diesen letzten Schritt, der lediglich eine Formalität war, immer wieder hinauszuschieben.“

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