Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 3


 

Buch des Monats Juni 2004

Komm, Trost der Nacht. Günter Grass und Peter Rühmkorf lesen Barocklyrik. Produktion: Norddeutscher Rundfunk 1998. Der Hörverlag, München 2004, 1 CD, Laufzeit ca. 68 Minuten, ISBN 3-89940-315-5, 14,95 €

Im Oktober 1998 lasen Günter Grass und Peter Rühmkorf im Hannoveraner Funkhaus des NDR aus den Werken bekannter barocker Lyriker vor. Sie rezitierten, einander abwechselnd, Verse von Angelus Silesius, Paul Fleming, Andreas Gryphius, Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Friedrich von Logau, Martin Opitz, Paul Gerhardt, Daniel Casper von Lohenstein, Daniel Czepko von Reigersfeld und anderen. Beide gaben jeweils kurze Hinweise zu den Lebensdaten und Werken der Dichter, aber auch manchmal zu den Situationen, in denen sie den Texten begegnet waren. So erläuterte Rühmkorf, nachdem Grass das berühmte "Tränen des Vaterlandes" von Andreas Gryphius gelesen hatte, dieses Gedicht sei für seine Generation "nie nur ein schönes kulturelles Erbstück" gewesen, man habe sich vielmehr darin wiedererkannt und die eigene Zeit darin gespiegelt gesehen.

Threnen des Vatterlandes/ Anno 1636

Wir sindt doch nuhmer gantz/ ja mehr den gantz verheret!
Der frechen völcker schaar/ die rasende posaun
Das vom blutt fette schwerdt/ die donnernde Carthaun
Hatt aller schweis/ vnd fleis/ vnd vorraht auff gezehret.

Die türme stehn in glutt/ die Kirch ist vmbgekehret.
Das Rahthaus ligt im graus/ die starcken sind zerhawn.
Die Jungfrawn sindt geschändt/ vnd wo wir hin nur schawn
Ist fewer/ pest/ vnd todt der hertz vndt geist durchfehret.

Hier durch die schantz vnd Stadt/ rint alzeit frisches blutt.
Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt
Von so viel leichen schwer/ sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt.
Was grimmer den die pest/ vndt glutt vndt hungers noth
Das nun der Selen schatz/ so vielen abgezwungen.

Man versteht unmittelbar, dass diese Zeilen das eigene Lebensgefühl der noch nicht Zwanzigjährigen in der Nachkriegszeit - Rühmkorf wurde 1929 geboren, Grass 1927 - ausdrückten. Die Verheerungen des Krieges kulminieren jedoch, sagt Gryphius, darin, dass so vielen "der Seelen Schatz" abgezwungen wurde. Die Anwendung auf die Täter und Mitläufer, aber auch die Opfer, des Nazi-Regimes liegt auf der Hand.

Und wie kommt es, dass der Ton dieser Gedichte uns auch heute noch direkt anspricht? Es ist wahrscheinlich immer noch richtig, dass "jeder für sich", wie Rühmkorf ausführt, irgendwann in seiner Jugend diese und ähnliche Strophen von Gryphius, Fleming oder Hoffmannswaldau entdeckt - und mit ihnen, wie das Sprach- und Bild-Gefühl der Verse in den Tiefenschichten des Ichs widerhallt. Hören wir sie heute wieder, so wird ein solches frühes Erlebnis von Lyrik verlebendigt. In ihm traten, direkter als in den Märchen der Kinderzeit, Vergänglichkeit und Tod, sowie andere Grundbefindlichkeiten des Lebens die jugendlichen Leser an:

Vanitas; Vanitatum; et Omnia Vanitas
Es ist alles gãtz eytel. Eccl. 1. V. 2.

Ich seh' wohin ich seh/ nur Eitelkeit auff Erden/
Was dieser heute bawt/ reist jener morgen ein/
Wo jtzt die Städte stehn so herrlich/ hoch vnd fein/
Da wird in kurtzem gehn ein Hirt mit seinen Herden:

Was jtzt so prächtig blüht/ wird bald zutretten werden:
Der jtzt so pocht vnd trotzt/ läst vbrig Asch vnd Bein/
Nichts ist/ daß auff der Welt könt vnvergänglich seyn/
Jtzt scheint des Glückes Sonn/ bald donnerts mit beschwerden.

Der Thaten Herrligkeit muß wie ein Traum vergehn:
Solt denn die Wasserblaß/ der leichte Mensch bestehn
Ach! was ist alles diß/ was wir vor köstlich achten!

Alß schlechte Nichtigkeit? als hew/ staub/ asch vnnd wind?
Als eine Wiesenblum/ die man nicht widerfind.
Noch wil/ was ewig ist/ kein einig Mensch betrachten!

Mit der Lesung dieses vielleicht, neben "Menschliches Elende", berühmtesten Gedichts von Andreas Gryphius beendete Günter Grass den Hannoveraner Lyrik-Abend. Die Zeilen sind wie gemeißelt. Je unnachgiebiger sie die Illusionen der Menschen einreißen, umso fester schließen sie sich zum Gefüge des Gedichts zusammen. Auf solch paradoxe Weise verbinden sich Unter- und Aufgang und stiften so, was man die lyrische Grundfigur nennen könnte. In der ästhetischen Erfahrung beim Lesen oder Hören der Verse entsteht ihre spezifische Einheit von Schönheit und Melancholie.

Günter Grass weist auf diese widersprüchliche Einheit von "Jammertal und Wortprunk" als "Kennzeichen der Barocklyrik" hin. Ihr entspricht, dass die Vergeblichkeit aller menschlichen Anstrengung ebenso besungen wird, wie sinnliche Leidenschaft und Lust. "Wie er wolle geküsset seyn" verdeutlicht Paul Fleming so:

Nirgends hin als auf den Mund:
da sinkts in des Herzen Grund;
nicht zu frei, nicht zu gezwungen,
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Das sechsstrophige Gedicht hat einen herrlich leichten Ton. Man versteht, warum Peter Rühmkorf gerade Fleming besonders schätzt. Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus "Abelard an Heloissen" hingegen klagt um die verlorene Sinnlichkeit: "Was die Seele quält, das klingt aus meinem Leibe / Sie ist der kalten Angst, er heißer Schmerzen voll."

Wieder ein anderer Rhythmus wird in Paul Gerhardts "Nun ruhen alle Wälder" vernehmbar:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
Es schläft die ganze Welt;
Ihr aber, meine Sinnen,
Auf auf, ihr sollt beginnen,
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.

(...)

Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sterne prangen
Am blauen Himmelssaal;
Also werd ich auch stehen,
Wenn mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammertal.

(...)

Peter Rühmkorf liest diese Zeilen ohne jeden Sarkasmus. Insgesamt entsteht in der Rezitation der beiden Schriftsteller, die mit erhobenem aber nicht 'hohem' Ton vortragen, ein wirklicher Eindruck von einer großen Lyrik-Epoche. Vergleicht man die Lebensdaten der Dichter, so wird man erstaunt gewahr, dass die größten von ihnen, wie Gerhardt, Fleming, Gryphius oder Hoffmannswaldau, innerhalb eines Jahrzehnts, zwischen 1607 und 1616, geboren wurden. Mehr oder weniger gleichzeitig mit ihren Werken entwickelte sich die schlesische Mystik, deren Vertreter, wie Angelus Silesius oder Daniel Czepko, der auch weltliche Gedichte schrieb, sich gleichfalls in Versen ausdrückten.

Das 17. Jahrhundert muss trotz, ja sogar vielleicht wegen des dreißigjährigen Krieges, als vielgestaltige und reiche Periode der deutschen Lyrik angesehen werden. Grass und Rühmkorf lassen sie, auch durch ihre geschickte Auswahl der Texte, in ihrer Gesamtheit lebendig werden. Man hört ihnen zu, ohne ein einziges Mal zu ermüden, nichts wirkt langatmig oder antiquiert. Es bereitet Vergnügen, die CD mehrfach aufzulegen und die Gedichte so erneut auf sich wirken zu lassen. Auch jedem, der sich noch nicht mit Barocklyrik befasst, aber sich einen Eindruck von ihr verschaffen möchte, ist diese Produktion uneingeschränkt zu empfehlen.

Johannes U. Lechner

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