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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 3
Niemand scheint der heutigen Zeit ferner, als Stefan George (1868-1933). Seine Selbststilisierung, sowie die entsprechende Verehrung seiner Jünger haben beinahe noch das ganze zwanzigste Jahrhundert hindurch die Rezeption seiner Lyrik erheblich erschwert. Auch der gutwillige Leser, der etwa "Das Jahr der Seele"aufschlägt und zunächst natürlich begeistert ist von dem berühmten: "Komm in den totgesagten park und schau...", ermüdet beim Durchgang der "Überschriften und Widmungen", deren Bezüge auf die Kreis-Mitglieder - W. L., P. G., M. L. usw. - , er sich, wenn er es denn will, vom Kommentarband Ernst Morwitz’ erläutern lassen kann.

Spätestens jedoch vom "Siebenten Ring" an möchte man auf keine Zeile Georges verzichten. Der unglaubliche Ernst seiner Sprachhaltung, das immer distanzierte, niemals überschwemmende Pathos, sowie die innere Kraft der Verse, die offenbar der größten Rücksichtslosigkeit gegen sich selber entspringt - aber auch ein Fließenlassen, das jenseits aller Gewaltanwendung ist, schaffen einen Bezirk, den man immer wieder betreten möchte, wenn man einmal einige Momente in ihm verbracht hat.
Zweifellos gehört also George mit zu den größten Lyrikern der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts; sein Name muss neben denen Trakls, Rilkes, Hofmannsthals genannt werden. Die von Günter Baumann im Reclam-Verlag herausgegebene Auswahl ermöglicht es nun einem breiteren Leserkreis, in einen ersten Kontakt mit dem Werk Georges zu treten. Aus allen acht Gedichtbänden, von der Fibel bis zum Neuen Reich, finden sich Gedichte, und auch die Übertragungen und Umdichtungen wurden berücksichtigt. Der Anhang gibt einige Erläuterungen zur Anordnung der Ausgabe (aber keine Kriterien, nach denen etwas aufgenommen, anderes ausgeschlossen wurde), dann vor allem in den Anmerkungen wichtige Hinweise zum Verständnis der Texte, Literaturangaben, sowie im Nachwort einen kurzen, vielleicht manchmal zu lakonischen Abriss zu Leben und Werk Georges.
Weil also "der strenge zyklische Charakter [in solcher Auswahl] zwangsläufig verloren ging" (Zu dieser Ausgabe, S. 209), der alle Gedichtbände Georges auszeichnet, wurde auf entsprechende Zwischenüberschriften verzichtet. Der Leser weiß folglich nicht, wenn er etwa im "Siebenten Ring" "Kunfttag I" (S. 99) nach "Lobgesang" findet, dass er nun aus dem "Gezeiten"- in den "Maximin"-Zyklus eingetreten ist. Immerhin informieren die Anmerkungen grundsätzlich über den Aufbau der Werke. Ein Vorteil dieser Unterlassung liegt jedoch darin, dass man unbefangener im Buch herumblättert und so zufällig auf manches stößt, das Überraschung und Bewunderung auslöst. Natürlich bedauert man, im "Neuen Reich" nach "Der Gehenkte" nicht "Der Mensch und der Drud" zu finden, das in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist, immerhin jedoch sind die meisten Gedichte der letzten Abteilung "Das Lied" aufgenommen, nur gerade das unglaubliche erste "Welch ein kühn-leichter schritt" nicht.
Aber liegt nicht dennoch, auf solch einen Einwand muss man gerade heute gefasst sein, die Georgesche Welt unserer Gegenwart viel zu fern, als dass eine Lektüre dieser Verse noch lohnte? Solch eine Frage kann nicht im vorhinein, sondern nur durch die Gedichte selbst widerlegt werden. Zeilen wie: "Du stets noch anfang uns und end und mitte / Auf deine bahn hienieden · Herr der Wende / Dringt unser preis hinan zu deinem sterne" ("Der Stern des Bundes", S. 122) oder: "Ergeben steh ich vor des rätsels macht / Wie er mein kind ich meines kindes kind .." ( (ebda., S. 123), prägen sich unverlierbar ein. Selbst wenn unser rationales Erkenntnisvermögen zunächst nicht versteht, wovon hier die Rede ist, erfassen wir doch, dass ein Letztgültiges zur Sprache kommt.
Martin Heidegger hat den Schluss des Gedichts "Das Wort": "So lernt ich traurig den verzicht: / Kein ding sei wo das wort gebricht" (Das Neue Reich, S. 162) in "Unterwegs zur Sprache" ("Das Wesen der Sprache") analysiert. Unabhängig davon, ob man seiner Interpretation insgesamt zustimmt, wird man ihm in einem Betracht Recht geben müssen. In den späten Gedichten Georges spricht sich ein existenzieller Problemgehalt des Daseins selber aus, dem wiederzubegegnen umso wichtiger ist, je ferner er uns heute scheinbar liegt. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist das Erscheinen des Reclam-Bandes erfreulich.
Peter Rhonfeld
Stefan George: Gedichte, hrsg. und ausgewählt von Günter Baumann. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004, 319 Seiten, 7 Abb., ISBN 3-15-050044-3, 14,90 €