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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 3
Das Buch des Monats Mai 2004
„Ob ich Biblio- was bin? / phile? ‚Freund von Büchern’meinen Sie? / Na, und ob ich das bin! / Ha! Und wie! / Mir sind Bücher was den andern Leuten / Weiber, Tanz, Gesellschaft, Kartenspiel, / Turnsport, Wein, und weiß ich was, bedeuten. (...)“
So lässt Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht „Der Bücherfreund“ sein lyrisches Ich – und alter ego – fragen und die Frage gleich darauf positiv beantworten. In allen Schrift-Kulturen und Zeiten haben sich Schrift-Steller mit ihrem Objekt, dem Buch, beschäftigt: mit Bibliotheken, Leihbüchereien und Buchhandlungen (s. L. Borges und U. Eco), sowie – eher marginal – den dort am Buch tätigen Menschen, den Bibliothekaren, Buchhändlern und -Lesern.

Georg Christoph Lichtenberg behauptet in seiner posthum erschienenen, 1795 geplanten Schrift „Die Bibliogenie oder die Entstehung der Bücherwelt“ über deren Evolution:
„Bücher werden aus Büchern geschrieben, unsere Dichter werden meistenteils Dichter durch Dichter lesen.“ (Gradus ad Parnassum-Methode, wie er das spöttisch nennt.) Jedoch zeigt allein seine diesbezügliche Aphorismen-Sammlung, wie sehr er selbst dem Faszinosum „Buch“ anheimgefallen war.
Anstelle von Qual und Anstrengung, die sie der Mehrzahl heutiger Schüler bei uns zu bereiten scheinen, erzeugten Bücher – früher? – offenbar Lust, um nicht zu sagen, geradezu Sucht nach mehr: der Bücher-Wahn entsteht, von Gustave Flaubert in seiner entsprechend betitelten Erzählung „Bibliomanie“ eingehend beschrieben. – Also ein Laster? Zumindest von der nicht lesenden Mehrheit so gesehen; siehe die negativ gemeinten Komposita „Bücher-Wurm“ und „Lese-Ratte“: Schädlinge, Parasiten am Gemeinwohl, die dem lieben Herrgott die Zeit stehlen und über ihrer Lektüre alles andere vergessen? Ganz zu schweigen von den Romane mit bösen Folgen verschlingenden „Frauenzimmern“ (s. Mme Bovary).
Und Sie, lieber Leser, liebe Leserin, sind auch Sie eine Bücher – „Närrin“, ein Bücher-„Narr“? Wenn ja, dann liegen Sie bei Urs Widmer richtig (auf der Couch, dem Chaiselongue, dem Sofa). Wie der Titel verrät, ist in seinem neuen Roman ein „Buch“ das Hauptobjekt, neben der Hauptperson, dem „Vater“ Karl. Aber nicht etwa irgendeines aus der großen Büchersammlung des Vaters, der nach dem Umzug aus dem Zürcher High-society-Ambiente im „Bauhaus-Aquarium“ seines Schwagers in ein ruinöses „Wrack“ von Einfamilienhaus sich endlich wohlfühlt, denn: „Es gab mehr Platz für seine Bücher(...).Die alten und ein paar neue Regale standen an allen Wänden aller Zimmer und bald auch im Treppenhaus, in den beiden Klos (sic!) und im Estrich.“ (Das geschieht aber erst auf S.169!) Welcher Bücherfreund kann da nicht mitfühlen? Und außer seiner Bibliomanie ist der Vater auch noch Melomane mit einer Sammlung von 5-6000 Schallplatten.

Man vermutet richtig, dass unter diesen Umständen der Sohn, der Ich-Erzähler, über lange Strecken „das Kind“, nur eine bescheidene, zurückgedrängte, marginale Rolle spielt und sich, zwar fast allwissend und vorausdeutend, nur relativ selten zu Wort meldet. Da die Mutter, dem Widmer-Kenner schon aus dem 4 Jahre zuvor (auch bei Diogenes) erschienen, etwas dünneren Roman (ca145 S.) „Der Geliebte der Mutter“ bekannt ist als untröstliche ehemalige Gefährtin und Managerin des Neue Musik-Orchesterchefs Edwin Schimmel, („die Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft“), so verwundert es den Leser nicht, dass der Ich-Erzähler als Baby mehr die Dogge Astor des Schwagers als die Mutter Clara zu sehen bekommt, und der Vater Karl morgens das Baby füttern muß, da Clara nicht so früh aufstehen kann.
Aber „das Buch“? Nachdem wir zu Beginn des Romans Einiges über Karl, den Vater des Ich-Erzählers im Rückblick erfahren haben, denn über dessen Tod wird uns auf S.15 schon vorgreifend berichtet, beginnt mit dem nächsten Abschnitt (S.18) die Beschreibung eines Initiations-Marsches à la Hänsel und Gretel, der den 12-jährigen (Vater) Karl über 26 Seiten ins Heimatdorf seiner Eltern, hoch in die Schweizer Berge, zurückführt und ihn dort einem – den heutigen Leser geradezu mythisch anmutenden Initiations-Ritus unterwirft. Die Zeremonie gipfelt in der Überreichung des – noch leeren – weißen „Lebensbuches“, das Karl nun-mehr täglich mit winziger Schrift zu füllen hat. Eine Tradition: erst nach dem Ableben darf der Erbe das Buch lesen. So glaubt der Leser im Folgenden die Lebensbeschreibung Karls dadurch zu erfahren und erfährt erst gegen Ende (S.207), was sich nach dem Tod des Vaters damit ereignet hat.
Nicht umsonst ist Karl Romanist, später Gymnasiallehrer für Deutsch und Französisch, nachdem aus der Uni-Karriere trotz Dr. phil. nichts geworden war. Er hat in den 20ern zeitweise in Paris studiert, macht Übersetzungen französischer Romane (Flaubert, Stendhal u.a.) und zitiert besonders gern Diderot: „Manchmal denke ich, ich bin wie Diderot, ich bin Diderot. Er ist wie ich.“ Die ihm befreundete Maler-„Gruppe 33“, deren Sekretär Karl zeitweise war, bezeichnet ihn als „bourgeoisen Intellektuellen“, auch als „Salonkommunist“, da er dieser Partei ein paar Jahre angehört hat. Der deutsche Leser erlebt Machtergreifung und Hitlerregime sowie die Angst vor einer Invasion und die Nöte der Kriegszeit aus der Schweizer Perspektive. Nach dem Krieg knüpft Karl Kontakte zu jungen Verlegern (Witsch, Winkler) und Schriftstellern aus Deutschland (u.a. Böll, Schnurre, Hildesheimer, Grass, Enzensberger), die ihn auch besuchen.
1965 stirbt der Vater, 60-jährig, d.h. sein anfangs beschriebener Marsch ins Heimatdorf des Vaters (bzw. Großvaters des Ich-Erzählers) müsste 1917 stattgefunden haben. Integriert wird auch dessen Lebensbuch (1885-1945) durch Karls Lektüre. Neben Clara Molinari, der späteren Ehefrau Karls, lernen wir vorher seine 7 weiteren Angebeteten kennen, deren Verführung ihm jedoch nicht gelingt, anders als später bei Myrta, auf die Karl jedoch schließlich Claras wegen Verzicht leistet.
Ein empfehlenswerter Roman? Ja, vor allem für bibliophile Liebhaber grotesker Situationen, humor- und ironievoller Beschreibungen und Schweizer Landschaft. Extratip: Zusatzlektüre „Der Geliebte der Mutter“; durch „Bi-„ Perspektivismus werden die Schicksale und der Charakter beider Eltern erst transparent. (Dort spielt der Vater Karl fast gar keine Rolle.)
Voraussetzung für die Lektüre: wenn irgend möglich Kenntnisse der frz. Literatur. Nicht umsonst liest der Sohn (S.203) nach des Vaters Tod die letzte Seite der „Education sentimentale“ in der Übersetzung des Vaters! Auch Urs Widmer landet gegen Ende die völlige Desillusionierung; beide Romane Urs Widmers schließen mit einer Beerdigungsszene (hie der Vater Karl, dort Edwin Schimmel, der Dirigent).
Lesen Sie selbst nach, wo „das Buch“, das Lebensbuch Karls schließlich abgeblieben ist...
Der Ich-Erzähler schließt hoffnungsvoll den Kreis, durch sein Versprechen, nun seinerseits für die französische Freundin (auch der Vater besaß mal eine) zum Schriftsteller zu werden. Nicht umsonst hat Widmer den Namen „Urs Usenbenz“ als Pseudonym Karls gewählt , und den Schutzumschlag des Romans ziert ein Bild seines Vaters „Walter Widmer“!
Vielleicht folgt man sogar G.Ch.Lichtenbergs Ratschlag:
„Es ist sehr gut, die von andern hundertmal gelesenen Bücher immer noch einmal zu lesen, denn obgleich das Objekt einerlei bleibt, so ist das Subjekt verschieden.“
Hannelore Schmidt-Enzinger