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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 4
Marburger Forum: Frau Burmeister, Sie stammen aus der ehemaligen DDR und waren, bevor Sie selber Autorin wurden, Literaturwissenschaftlerin. Wenn Sie heute, mit dem Abstand einiger Jahre, auf die Zeit der Berufstätigkeit in der DDR zurückblicken, welche Ereignisse oder Einflüsse erscheinen Ihnen dann als besonders prägend? Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern zumindest einen gewissen Eindruck von Ihrer damaligen Existenz, Ihrem Denken und Fühlen vermitteln?
Brigitte Burmeister: Ein Jahr nach Beendigung des Romanistik-Studiums in Leipzig bekam ich (im Herbst 1966) eine Stelle an der Akademie der Wissenschaften in (Ost-)Berlin, zunächst in einer Arbeitsgruppe, die sich in der Tradition von Werner Krauss (der für die Romanistik den gleichen Rang hatte wie Hans Mayer für die Germanistik und Ernst Bloch für die Philosophie, jedoch im Unterschied zu diesen in der DDR geblieben war) mit Forschungen über die französische Aufklärung befasste. Als Jüngste und als einzige Frau unter „gestandenen Wissenschaftlern“ hatte ich es schwer und vorteilhaft zugleich: Ich musste hart arbeiten, um das Niveau der renommierten Gruppe zu erreichen und mitzubestimmen - und habe dabei mehr gelernt, als mir im Alleingang möglich gewesen wäre. Meine Dissertation bestand aus einer Monographie (über Linguet, einen seinerzeit sehr bekannten, nach der Revolution 1789 bald in Vergessenheit geratenen avocat-journaliste, der sich mit fast allen einflussreichen Zeitgenossen anlegte) und aus zwei Kapiteln, die ich für das gemeinsame Buch Französische Aufklärung (Leipzig, Reclam 1974) geschrieben hatte.
Auch in der interdisziplinären Literaturtheorie-Gruppe, in die ich nach der Umstrukturierung unseres Institutes kam, habe ich von der Kollektivität der Arbeit fachlich und im Hinblick auf menschliche Kontakte wesentlich profitiert, trotz der Schwerfälligkeit der Klärungsprozesse.
(Ein Porträt dieser Gruppe enthält übrigens die Geschichte Unterkunft in schöner Umgebung aus meinem Erzählband Herbstfeste, Stuttgart 1995)
Die Akademie war ein reines Forschungsunternehmen; es herrschte zumindest in dem Bereich, den ich überblicke, ein relativ geringer Druck von außen. Wer etwas leisten wollte, tat es, aber es ging auch anders und war - im Gegensatz zu politisch-ideologischen Verstößen - beileibe kein Kündigungsgrund. Und gesellschaftswissenschaftliche Arbeiten, die nicht in der vordersten Linie der Parteikontrolle standen, konnten - sofern sie auf dem Boden einer materialistischen Geschichtsauffassung verblieben - durchaus Spielräume erobern und nutzen, die später dann Nischen hießen. Dies alles war freilich behindert durch fehlende oder stark eingeschränkte Freiheiten der Kommunikation (Reisen, Literaturzugang, Austausch mit Kollegen aus dem westlichen Ausland) und die grundsätzliche weltanschauliche Alternativlosigkeit zum Marxismus.
War ich Marxistin? Ich glaube, dass sich bereits an der Universität (also in den Jahren 1960-1965) mein Bild vom gespaltenen Marxismus verfestigt hat. Einerseits war er Dogma und bewährte sich weder als wissenschaftliche Weltanschauung noch als Religionsersatz. Andrerseits war er Methode zur Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und Fundus von Erkenntnissen. Zwischen beiden Seiten, in der Spalte gewissermaßen, saß die kommunistische Utopie, die vom Dogma als teils schon erreichte, teils in naher Zukunft erreichbare Wirklichkeit ausgegeben wurde, von der wissenschaftlichen Methode her gesehen ein „Überschuss“ war, eben jenes Element, das der Anstrengung des Denkens einen über Erkenntnis hinausweisenden Sinn gab: die Geschichte als irdischen Erlösungsprozess zu „wissen“. So konnte ich Glaubenskraft , von meiner christlichen Ursprungsreligion abgefallen, in das investieren, was doch seinem Anspruch nach nicht des Glaubens bedurfte, sondern allein der kritischen Überprüfung an der Praxis.
Im Zuge der Studentenbewegung – und mit Freunden aus West-Berlin, die seit 1968 regelmäßig kamen – begann meine eigentliche Beschäftigung mit der Marxismusdiskussion im 20. Jahrhundert, der Geschichte der Arbeiterparteien etc., eine im privaten Zirkel, aus freien Stücken, mit großem Eifer und unglaublichen Illusionen vorangebrachte Politisierung, sicher die enthusiastischste Phase meines Lebens. Das langjährige „Dagegensein“, Spott und Wut über die Dürftigkeit des real existierenden Sozialismus, das erdrückende Wissen von Opfern und Verbrechen, die jedes Vorstellungsvermögen überstiegen, die Niederwalzung des Prager Frühlings – dieser ganzen Last trat damals eine Hoffnung entgegen: Die Revolution würde kommen, und zwar dort, wo sie der Theorie nach zuerst hätte stattfinden müssen, in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Dann würden auch die stalinistischen Regimes fallen, innerlich morsch, wie sie waren. Es kam darauf an, ihre Widersprüche zu analysieren und die Stelle zu finden, an der man am besten mit praktischen Aktionen ansetzen konnte. Als wir noch fleißig beim Analysieren waren, wurden Bekannte aus Leipzig verhaftet. Der Arbeitskreis stellte seine Tätigkeit ein, wir verbrannten und verlagerten belastendes Material, hatten einen sehr unruhigen Sommer und kamen alles in allem glimpflich davon.
Danach die allmähliche Desillusionierung, in deren Prozess mir nicht völlig der Wunsch, offenbar aber die Kraft oder Ausdauer verlorengegangen ist, mich in einer Bewegung – einer Partei ohnehin nicht , wie damals schon – zu engagieren, „dazuzugehören“. Bemerkt habe ich das spätestens während der „Wende“.
MF: Die sog. "Wende" hat tiefe Spuren in Ihrem literarischen Werk hinterlassen. Auch wenn Sie sich sicherlich schon häufig dazu geäußert haben, noch einmal die Frage: wie haben Sie sie erlebt, mit welchen Hoffnungen und Befürchtungen - und wie denken Sie heute über jene Zeit?
Brigitte Burmeister: Nach einem Monat in Paris (dank eines Kulturaustausches zwischen Frankreich und der DDR) kehrte ich Anfang November 1989 nach Berlin zurück, gerade rechtzeitig, um am 4.11. auf dem Alexanderplatz mit dabei zu sein.
Ich habe kein Tagebuch geführt, aber zum Glück im Sommer 1990 in einem Briefwechsel mit meiner Kollegin Gerti Tetzner (nachzulesen in Gute Nacht du Schöne. Autorinnen blicken zurück, Frankfurt a. M., Luchterhand Literaturverlag 1991) meine noch frischen Eindrücke, meine Hoffnungen beschrieben. Die große Demonstration auf dem Alexanderplatz war für mich ein überwältigendes Erlebnis. Kurz zuvor die Stagnation, der aufgestaute Druck – keine „Friedhofsruhe“, wie über lange Jahre, sondern eine zum Schneiden „dicke Luft“, körperlich spürbar. Dann das Unglaubliche: diese Gesichter, diese Reden und Sprüche, diese Handlungsfähigkeit. Woher war das auf einmal da, es hatte doch keiner von uns üben können. Das Ende einer (politischen) Sprachlosigkeit. Das Begreifen hinkte nach. Geschichte ist, glaube ich, nicht erlebbar. Was ich erlebe und sei es mit dem begleitenden Wissen, dass ich einen historischen Augenblick, ein geschichtliches Ereignis erlebe, sind Handlungen, Emotionen, Äußerungen, Sinneseindrücke, etwas Inkohärentes, das erst nachträglich – wenn das „Machen“ Erzählung wird – „in die Geschichte eingeht“, wie es treffend heißt.
Damals dominierten alsbald die Darstellungen der Politiker und Journalisten, also Diskurse, zu deren Eigenschaften die Schnelligkeit gehört. Gerade erst hatten Menschen erfahren, dass sie „ich“ sagen und von sich aus „wir“ sagen können, schon wurde wieder in ihrem Namen – selbstverständlich zu ihrem Besten – entschieden und gehandelt, fuhr der „Zug der Geschichte“ nach irgendwelchen „Fahrplänen“ in die „Einheit“. Dabei war die „friedliche Revolution“ keine Erhebung zugunsten der nationalen Einheit, sondern zunächst die Negation des realsozialistischen Systems, eine Befreiung, die, wie sich rasch zeigte, recht unterschiedliche Interessen und Zielvorstellungen freisetzte. Welche Rolle dabei ein deutsches Nationalgefühl gespielt, in welchem Maß es den Wunsch nach schneller staatlicher Vereinigung beziehungsweise dem Anschluss an die Bundesrepublik bestimmt hat (der ja auch ganz pragmatisch, als wirksamste politische Absicherung der so dringlich benötigten Investitionen und Wirtschaftshilfen gewollt werden konnte), vermag ich nicht abzuschätzen. Ich gehörte zu denen, die an die Chancen einer längerfristig selbständigen, vorwiegend aus eigener Kraft sich demokratisch erneuernden DDR (oder wie immer sie dann hieße) geglaubt, die sich also geirrt hatten. Worin bestanden meine Wünsche und Hoffnungen? Ich fand sie wieder in einem Zitat: „Sie erwarteten eine Umverteilung der Macht unter den Bürgern, die Entwicklung sozialer und intellektueller Bedingungen, die das Aufblühen der freien Kreativität und der Phantasie aller erlaubten. Sie wollten mit der erdrückenden Vormundschaft des Staates über die Zivilgesellschaft Schluß machen, ein kollektives Geschick wiederfinden und die abgestorbenen Beziehungen ... mit den anderen Ländern, besonders mit der dritten Welt, von Grund auf ändern. Kurz, sie wünschten eine Politik herbei, die nicht mehr von der erdrückenden und stickigen Staatsraison bewegt wäre, sondern von der Solidarraison, der ‚Lebensraison’“, schrieb Jean Ziegler, ein Schweizer Soziologe – über Erwartungen beim Regierungsantritt von Mitterand im Mai 1981.
„Ein altes Lied, nicht wahr, und bar jeden Sinnes für das Machbare. Aber die Vernunft eines Wunsches, einer Hoffnung entspringt nicht dem Augenmaß der Realpolitik, sondern der erlebten Unvernunft von Verhältnissen, die man zu ändern wünscht. Das gilt auch in veränderten Verhältnissen, wie wir sie jetzt haben“, schrieb ich 1990 an Gerti Tetzner. „Darin sehe ich Dich, mich, einige andere, die ich kenne, als aussichtsreiche Randfiguren. Wir haben keine Macht, aber Spielraum. Wir haben keine Posten, keinen Ruf, kein Vermögen zu verlieren, uns bricht keine Welt zusammen. Wir können etwas aufbauen, unter besseren Bedingungen als je – quer durch Europa Kontakte knüpfen zu Menschen, die mit ähnlichen Wünschen leben wie wir und mit denen erlebbar wird, was, im Prinzip, jeder hier weiß: dass Deutschland nicht die Welt ist. Wir müssen nicht, weil der Sozialismus gescheitert ist, den Kapitalismus, der heute Marktwirtschaft heißt, für unveränderbar halten und werden ja sehen, ob die Vielfalt verstreuter Initiativen, Basisbewegungen, alternativer Mikrostrukturen nicht doch ein Stück „Solidarraison“ am Leben hält, auch als Korrektiv für ökonomische Sachzwänge und deren politische Handhabung. Und wir können, wenn wir schreiben, das für mich einzig wirkliche Privileg der „Kulturschaffenden“ nutzen: etwas Eigenes herzustellen, dessen Gebrauch teilbar ist, und sei es unter wenigen.“
Aus diesen Sätzen spricht auch mein damaliges Engagement als Mitbegründerin eines „Europäischen Bürgerforums“ am Sitz der Kooperative Longo Mai in Südfrankreich. Heute weniger zuversichtlich mit Blick auf eine gesamtgesellschaftlich spürbare Wirkung besagter „Mikrostrukturen“, halte ich Bewegungen für eine globale „Solidarraison“ – wie gegenwärtig Attac – doch für ein wichtiges Korrektiv und einen möglichen Keim sozialer Reformen.
MF: Heißt das, Sie sehen eine gewisse Chance, der vom globalisierten Kapitalismus produzierten Arbeitslosigkeit und damit ihm selbst zu begegnen? Oder blicken sie in dieser Hinsicht eher pessimistisch in die Zukunft?
Brigitte Burmeister: Mag der globalisierte Kapitalismus auch zu neuen Arbeitsplätzen und einer Anhebung des Lebensstandards in bestimmten Ländern Mittel- und Osteuropas, punktuell sogar in der „Dritten Welt“ führen, den Hunger, Analphabetismus, Krankheiten und krasse Ungerechtigkeit weltweit zu „besiegen“, liegt gewiss nicht in seiner Systemnatur. Sofern diese aber mit Demokratie einhergeht, gibt es Chancen – auch für einen Umbau der Arbeitswelt in den westlichen Ländern, wo nicht die Arbeitslosigkeit im bisherigen Sinn beseitigt werden wird, vielleicht aber ein alternatives Denken über Beschäftigung und Sicherung der materiellen Existenz praktische Formen annehmen kann.
So gesehen bin ich partiell und verhalten optimistisch. Für mein restliches Leben versuche ich, dort etwas zu tun, wo ich unmittelbar wirksam sein kann, also für bestimmte Einzelne.
MF: 1993 haben sie gemeinsam mit Margarete Mitscherlich "Wir haben ein Berührungstabu" veröffentlicht. Welches sind Ihrer Ansicht nach die hauptsächlichen Gründe für dieses Tabu, und besteht es immer noch? Vielleicht schließen wir daran gleich die Frage an, wie Sie die heutige Situation der ehemaligen DDR-Bürger - in ökonomischer, aber auch in psychisch-sozialer Hinsicht sehen? Treiben der östliche und der westliche Teil Deutschlands womöglich immer noch weiter auseinander, statt sich anzunähern?
Brigitte Burmeister: Von einem „Berührungstabu“ zwischen Ost und West würde ich nicht mehr sprechen. Ich halte den Ausdruck auch rückblickend für ungenau. Denn worum es, wie ich meine, bei den mentalen deutsch-deutschen Schwierigkeiten im Gunde geht, sind die aus unterschiedlichen Verhältnissen erwachsenen Differenzen von Erfahrungen, Ansichten, Verhaltensweisen. Diese Differenzen traten so richtig erst zutage, als die Mauer fiel. Davor gab es ein höchst reales Berührungshindernis, danach eher einen kränkenden und gekränkten Umgang miteinander, verbunden mit anhaltender Ignoranz, scheinbarem Bescheidwissen, dem Mangel an Interesse und Toleranz für „die anderen“.
Die bald nach der Wende - und bis heute umlaufenden - Klischees vom „Ossi“ und „Wessi“ beruhten ja durchaus auf Beobachtungen, die sich Punkt für Punkt bestätigen ließen: Das alles gab es (und gibt es noch). Aber eben nicht nur das und nicht durchweg. Die Einzelheiten waren nicht erfunden, aber das Ganze war (und ist) falsch. Vielmehr, es geht eigentlich gar nicht um richtig oder falsch unter dem Gesichtspunkt von Erkenntnis, sondern um einleuchtend oder brauchbar unter dem Gesichtspunkt des Umgangs miteinander. Da dienen Pauschalurteile offenbar der Orientierung – man hat sein Bild von den anderen und weiß, woran man ist, solange nicht die nähere Kenntnis, das Eintauchen in die anderen Verhältnisse, der lebendige Kontakt mit Einzelnen dazwischenfunken. Dann steht man ja nicht mehr diesem fremden Block gegenüber und kann oder muss anders wahrnehmen als „auf einen Blick“.
Somit waren die beidseitigen Klischees nach der Wende auch ein Indiz wechselseitiger Fremdheit (und nicht so sehr eines „Berührungstabus“).
Auf dieser Eben ist sicher mit der Zeit vieles abgebaut worden in dem Maße, wie eine „Durchmischung“ der Bevölkerung und eine Adaption von Ost an West stattgefunden haben. Wo nicht, sind Unkenntnis , Gleichgültigkeit oder aggressive Fronten geblieben. Das „Zusammenwachsen“ von zwei Gesellschaften dauert offenbar mehrere Generationen, mindestens so lange, bis es keine aktiven Träger der alten Unterschiede mehr gibt. Doch schon heute ist es, glaube ich, nicht mehr möglich, von „der“ Situation „der“ ehemaligen DDR-Bürger (die auch seinerzeit alles andere als eine homogene Menge waren) zu sprechen. Denn sie ist namentlich in psychisch-sozialer Hinsicht zu differenziert, um - von opportunen medialen Vereinfachungen mal abgesehen - in einem aussagefähigen Gesamtbild erfasst zu werden. Ich jedenfalls habe keines.
MF: In Ihrem Roman "Unter dem Namen Norma", 1994 erschienen, ersteht ein äußerst komplexes Erzählgeflecht, das schon durch seine Struktur jede einfache Aussage über die "Schuld" und Mitverantwortung der Menschen in der DDR verweigert. Sie haben sich als Romanistin ausführlich mit dem nouveau roman beschäftigt. Rufen Sie bitte unseren Leserinnen und Lesern kurz ins Gedächtnis, worum es sich hierbei handelt - hat die Art und Weise der Darstellung in diesen Romanen die gleichsam indirekten Schilderungen von Ereignissen oder Gefühlen in Ihren Büchern beeinflusst?
Brigitte Burmeister: Diesem Fehlen entspricht die von Ihnen beobachteten „Aussageverweigerung“ im Roman „Unter dem Namen Norma“. In der Tat ging es mir - neben etlichem anderen – auch darum, einer damals (zu Beginn der neunziger Jahre) virulenten Praxis der Aufteilung der DDR-Bevölkerung in Opfer und Täter, Schuldige und Unschuldige im Namen des Lebens zu widersprechen, um es mal pathetisch zu sagen. Ich dachte dabei nicht an erwiesene Schuld oder Mitverantwortung von einzelnen, an erwiesene Verfolgungen und Schädigungen so vieler, an Unbestreitbares also. Was mich beschäftigte, war die Bereitschaft zu pauschaler Verdammnis oder Freisprechung, zu Verdächtigungen und Unterstellungen, zum Rufmord. Ein ungutes Klima : verfälschende Vereinfachungen, ein Mangel an Aufmerksamkeit und echtem wissen Wollen, Abrechnungen und Beharren auf Rechthaben. Gegen all das wollte ich ein Stück Komplexität setzen, das nach meinem Empfinden wirklichkeitsnäher und menschengerechter war.
In „einfachen Aussagen“ lässt sich dem Problem individueller Verantwortung für gesellschaftliche Verhältnisse ohnehin nicht beikommen. Natürlich kann man sagen, dass in einer Gesellschaft jede/r, der/die dort arbeitet, Steuern zahlt, die herrschenden Gesetze einhält, zur Wahl geht etc., Mitverantwortung übernimmt – im Fall der DDR also Mitverantwortung für eine schlecht funktionierende Wirtschaft, die Verletzung elementarer Menschen- und Bürgerrechte, die nachhaltige Schädigung der Umwelt etc., also Mitverantwortung für all die Missstände, unter denen jede/r einzelne oder zumindest die große Mehrheit ja gelitten haben, als „Opfer-Täter“, wie es in dem Roman heißt. Selbst der Schritt, sich diesem Zusammenhang durch Flucht zu entziehen, war mit Risiken verbunden, alles andere als leicht (zumindest bis zur Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ im Sommer 1989), und aktiver politischer Widerstand weitaus gefährlicher als unter demokratischen Bedingungen. Im Nachhinein ist kaum zu fassen, dass ein ökonomisch und politisch derart schwaches System und seine bornierte Führungsschicht so viel Furcht und Gehorsam erlangen konnten; von begeistertem Mittun war die DDR-Bevölkerung ohnehin weit entfernt, anders als das deutsche Volk im Dritten Reich. Doch dieses scheinbare Paradox geschichtlich zu erklären, ist eine Aufgabe, die nicht von der Literatur zu bewältigen ist, und die sich mein Roman schon gar nicht gestellt hatte.
In ihm herrschen auch nicht die von Ihnen angesprochenen „gleichsam indirekten Schilderungen von Ereignissen und Gefühlen“ vor, wie dann in „Pollok und die Attentäterin“(1999) - einem Roman, dessen eigentliches Sujet das Entstehen einer Geschichte, das Erzählen ist -, vielmehr herrscht eine subjektive, also begrenzte Sicht auf die Dinge, die Sicht einer Person im Konflikt, im Umbruch, zwischen entgleitender Erinnerung und offener Zukunft. So sehe ich Marianne Arends, die Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans.
Der Nouveau Roman spielt hier keine Rolle mehr, außer dass er mich zum Schreiben gebracht hat. Jedoch, die Poetik meines ersten Romans „Anders oder Vom Aufenthalt in der Fremde“ (1987) ist wesentlich beeinflusst durch meinen (literaturwissenschaftlichen) Umgang mit jener „anderen Literatur“. Worum handelte es sich dabei?
Hier ein kurzer Blick in die Literaturgeschichte:
Gegen Mitte der fünfziger Jahre begannen in Frankreich einige Bücher aufzufallen, die sich als Romane darboten und doch keine, zumindest keine "echten", zu sein schienen. Obwohl ihre Verfasser unabhängig voneinander arbeiteten und sich gegenseitig kaum kannten, verstärkte sich der Eindruck, eine neue literarische Schule sei entstanden. Deren Besonderheiten ließen sich nicht an gemeinschaftlichen Manifesten oder einer eigenen Zeitschrift ablesen, denn die gab es nicht - im Unterschied etwa zu den Surrealisten oder zu der in den sechziger Jahren dann entstehenden Gruppe Tel Quel. Vielmehr wurden einzelne Schriftsteller - in erster Linie Nathalie Sarraute, Michel Butor, Alain Robbe-Grillet, Claude Simon - von außen her, durch die Literaturkritik, die in ihren Werken Gemeinsamkeiten entdeckte, miteinander in Verbindung gebracht.
Als Gemeinsames trat zunächst hervor, was den Romanen fehlte oder was sie nicht taten. Weder erzählten sie eine bemerkenswerte Geschichte, noch gestalteten sie Personen mit ihren Erlebnissen und Konflikten. Sie lieferten keine großen Zeitgemälde und keine minutiösen Bewusstseinsanalysen. Sie zu lesen war weder spannend noch amüsant. Abgeschafft waren der Romanheld und seine Psychologie, zerbröselt die Handlung, vorherrschend das Beschreiben alltäglicher Objekte. Unter den freigebig verteilten Sammelbezeichnungen für diese eigenartigen Produkte - Anti-Romane, tabula-rasa-Romane, Schule des Blicks, Schule der Verweigerung - setzte sich schließlich der Name Nouveau Roman durch. Er bezog sich auf den Anspruch der Autoren, den Roman durch Auflösung erstarrter, verbrauchter, Stereotyp und Routine gewordener Erzählformen zu erneuern.
Der für den Nouveau Roman beanspruchte "neue Realismus" wandte sich aber nicht nur gegen traditionelle Erzählschemata, namentlich den realistischen Roman aus dem 19. Jahrhundert. Er widersprach auch dessen weltanschaulichen Prämissen. Denn die Realität, auf die sich die nouveaux romanciers als Überprüfungsinstanz für die Gültigkeit literarischer Formen beriefen, war nicht der Zusammenhang einer als Totalität erfassbaren Welt und einer als Prozess erkennbaren Geschichte. Eben so wenig bezogen sie sich auf ein kraft kollektiven Konsenses als wahr geltendes Bild vom Sinn des menschlichen Lebens und der Menschheitsgeschichte. Gerade aus der Brüchigkeit solcher Sinnvorstellungen zogen sie einen wesentlichen Impuls für ihre Neuerungsbestrebungen. Nicht um die Aufdeckung von Wesen, Wahrheit, objektiver Ordnung der Welt ging es also dem "neuen Realismus", sondern um Erkenntnis, Kritik und Veränderung der Art und Weise, die Welt wahrzunehmen und sie zu erzählen.
"Als die Intelligibilität der Welt nicht in Frage stand", schrieb Alain Robbe-Grillet, "war Erzählen kein Problem. Die Schreibweise konnte unschuldig sein. Doch schon bei Flaubert beginnt alles ins Wanken zu geraten. Hundert Jahre später ist das ganze System nur noch eine Erinnerung... Erzählen im eigentlichen Sinne des Wortes ist unmöglich geworden."
Statt sich weiterhin im Erzählen der Welt vergewissern zu können, müsse der Roman seine eigenen Voraussetzungen überprüfen. Eben darin sollte er, dem Prinzip der Gattung treu, die Veränderung der wirklichen Welt widerspiegeln, dass er die herkömmlichen Praktiken ihrer romanesken Inszenierung in Frage stellte. Die Wirklichkeit "neu zu sehen", bedeutete somit: gewahr zu werden, dass und in welchem Maße ihre Wahrnehmung durch vorgefertigte und verfestigte, nicht zuletzt auch: literarische Aneignungsmuster organisiert wird.
Die "Erfindung neuer Formen", "Konstruktion", "starke Strukturen", eine "umfassende Stilisierung", die dem Roman "die ganze Kraft der Poesie" zu integrieren vermöchte, galten als Grundlage seiner neu zu befestigenden Autonomie - das hieß: der Eigenständigkeit, Unverwechselbarkeit und Unersetzlichkeit seiner ästhetischen Erfahrung.
MF: Man lernt die Akteure in Ihren Romanen nie wirklich kennen. Glauben Sie, dass wir auch im realen Leben im Grunde als Fremde nebeneinander leben? Wenn wir aber den oder die andere nicht kennen, dann doch auch uns selbst nicht. Sind die Menschen in Ihren Romanen und Erzählungen deswegen so ratlos, wenn sie sich die Frage nach ihrer Schuld und Verantwortung als Mitspielende in einem autoritären System stellen?
Brigitte Burmeister: Die Akteure in meinen Romanen lernt man, wie ich glaube, schon kennen – in einzelnen Handlungen oder Äußerungen, in Behauptungen über sich selbst oder aus der Sicht einer anderen Romanfigur und deren Beobachtungen (zum Beispiel Norma oder Max aus der Sicht von Marianne in „Unter dem Namen Norma“; David Anders in seiner erkennbar werdenden Unkenntnis von sich selbst in „Anders oder Vom Aufenthalt in der Fremde“), etwa so, wie wir viele, wenn nicht die meisten Menschen unserer Umgebung kennen: punktuell, mehr oder weniger unvollständig. Was uns nicht hindert, intuitiv ein Bild von der Person des anderen herzustellen, und meistens ist es ja dieses Bild, auf das wir vertrauen oder in dem wir enttäuscht werden. So kann man auch mit meinen Romanfiguren verfahren: sie definieren, auch wenn sie ungreifbar erscheinen, oder ihre Ungreifbarkeit akzeptieren, weiI sie sich immer nur in Aspekten zeigen. Ist das ein „unwirkliches“ Kennen?
Ich finde es eher realistisch und glaube nicht an das „eigentliche“ Wesen eines Menschen, den Kern oder tiefsten Grund, zu dem man vordringen oder den man zum Vorschein bringen kann, und halte Romanfiguren, die nach eben dieser Vorstellung geformt sind, für Beiträge der Literatur zu einem Menschenbild, das sich vielleicht hartnäckig hält, doch deshalb nicht wahr sein muss.
Dass wir einander und auch uns selber fremd - oder zumindest in vielem unbekannt – sind, also mit dem Hervortreten von nicht vermuteten Seiten oder Reaktionen rechnen können (man denke an den geläufigen Satz: Ich weiß ja nicht, wie ich mich in dieser Situation verhalten würde), dass unsere Identität wechseln kann und nicht „aus einem Guss“ ist, erscheint mir weniger bedrohlich als die Unterstellung von Transparenz und totaler Durchschaubarkeit und schließt ja, wie wir wissen, Gefühle der Nähe und Vertrautheit keineswegs aus.
Diese Einstellung kann zu mehr Umsicht, Behutsamkeit, auch Zurückhaltung im (Ver-)Urteilen führen, ratlos macht sie für meine Begriffe nicht. Es sei denn, man nennt es Ratlosigkeit, wenn jemand den eigenen Anteil am Funktionieren von etwas so Komplexem wie einem Gesellschaftssystem (und sei es autoritär) nicht zu erkennen vermag und die Notlösung der schnellen Antworten, die sich immer finden lassen, auf dieser Ebene ausschlägt.
MF: In der ersten Erzählung der "Herbstfeste", "Mohnkörner", wird ein Schulmädchen, das einem anderen Freundschaft und Solidarität verweigert, schuldig. Hier lässt sich diese Problematik keinesfalls auf die menschliche Verflechtung in autoritäre Staatsstrukturen reduzieren. Hieße das vielleicht, dass Menschen überhaupt die Möglichkeit, zu versagen, oder, schärfer formuliert, die Notwendigkeit, den anderen und sich selbst zu verraten, in sich tragen?
Brigitte Burmeister: Wenn es darum geht, eine bestimmte eigene Schuld einem bestimmten Anderen gegenüber zu erkennen, ist die Situation anders. Die Erzählung „Mohnkörner“ (aus dem Band „Herbstfeste“, Stuttgart 1995) ist eine solche Schuldgeschichte. Dass die Möglichkeit des Verrats nicht an „menschliche Verflechtungen in autoritären Staatsstrukturen“ gebunden ist, weiß man. Eine innere „Notwendigkeit, den anderen und sich selbst zu verraten“ setze ich nicht voraus, wohl aber die universale Möglichkeit zu versagen, auch und gerade in harmlos scheinenden Zusammenhängen. Die Erzählung enthält – anders als meine sonstigen Texte – geradezu eine Zentralbotschaft, eine Mahnung oder Warnung:
„Uns entlasteten Unterrichtsstunden, in denen die Dinge bei ihrem Namen genannt wurden und erinnerbar blieben unter der Abkürzung faschistische Verbrechen. Sie zu verabscheuen und mit aller Macht gegen ihre Wiederkehr zu kämpfen, war die Pflicht jedes humanistisch gesonnenen Menschen. So hörten und lasen wir und schrieben es flüssig in die Aufsätze, überzeugt davon, dass wir, wenn es darauf ankäme, das Richtige tun, uns selbstverständlich an die Seite der Opfer und Verfolgten stellen würden. Kein Lehrer hat uns gewarnt vor solcher Gewissheit“ (S. 8). Dann folgt die Geschichte der Vertriebenen Erika Sawilla, eines Opfers, das in das von der Ich-Erzählerin Friederike gelernte und vorgestellte Schema der gleichsam „Solidaritätsberechtigten“ nicht hineinpasst.
MF: Ihr bisher letzter Roman "Pollok und die Attentäterin" variiert die angesprochene Problematik auf äußerst beunruhigende Weise. Karl Innozenz Weiss - kann jemand noch unschuldiger heißen - , ehemaliger leitender Funktionär in der DDR und offenbar der "ideale" Kollaborateur, lässt von einem Ghostwriter seine Autobiografie schreiben; dieser, Jan Pollok, überführt, sie dabei womöglich noch potenzierend, auf gelehrige Weise die Ost- in eine West-Gewissenlosigkeit. Zurückbleibt eine desorientierte, betrogene und verlassene Geliebte. Ist nun also das Betrügen und Hintergehen so universalisiert, dass keine moralische Richtung in diesem Leben mehr aufweisbar ist?
Brigitte Burmeister: Hier kann die Antwort kurz ausfallen: Aus dem Sachverhalt, dass der opportunistische, karrierebewusste Karl Innozenz Weiss vermutlich (im Osten) jemanden denunziert hat, und dass sein hauptsächlich am Geld interessierter Ghostwriter Jan Pollok (im Westen) seine Geliebte hintergeht, folgt für mich gerade nicht, dass „keine moralische Richtung in diesem Leben mehr aufweisbar ist“, wohl aber, dass Moral (in Ost wie West) verschiedentlich und gar nicht mal aus systemspezifischen Gründen (sondern aus Egoismus, Erfolgsstreben, Gewinnsucht, Feigheit...) verlassen oder verletzt wird. Wenn man ebendies beim Lesen als beunruhigend empfindet, hat der Roman für meine Begriffe eine Art kathartische Funktion erfüllt. Die „moralische Richtung“ wird von ihm nicht gewiesen, sondern vielmehr wachgerufen; sie ist also im Leser „da“, sonst käme es wohl kaum zu der von Ihnen benannten Beunruhigung.
MF: In ihrem Essay: "Einheitsglück und Hoffnungsfalle. Schriftsteller in gewendeten Verhältnissen" (s. Marburger Forum, 2004, Heft 2) schreiben Sie mit einem gewissen Bedauern, dass die Literatur die große Aufgabe, die man ihr früher zumessen konnte, verloren habe. Sie könne die Avantgarde-Rolle, sozusagen die Statthalterin menschlicher Verhältnisse zu sein, nicht mehr wahrnehmen. Hat sich dadurch auch etwas an Ihrer eigenen Einstellung zum Schreiben geändert? Kann man, wenn es, wie Sie im selben Essay sagen, keine Einheit der Literatur in einer pluralen Gesellschaft mehr geben kann, dann überhaupt noch von einem "Auftrag" der Literatur sprechen? Worin könnte er noch bestehen?
Brigitte Burmeister: In dem erwähnten Essay ist die Rede von einem Wandel, einem „Abschied bei laufendem Betrieb“ (Iris Radisch), in dem die privilegierte Funktion von Literatur und die privilegierte Funktion von Schriftstellern als Stimme und Gewissen der Nation, als geistige Autoritäten mit Wirkungsmacht auf das öffentliche, namentlich das politische Bewusstsein zu Ende geht. Diesen historischen Prozess, der ja mit Demokratisierung, Medienvielfalt, Pluralismus, kurz: einer Emanzipation der Öffentlichkeit verknüpft ist, bedauere ich nicht. Ich habe im „Leseland“ DDR wahrnehmen können, dass die dortige Hochschätzung der Literatur - ähnliches galt auch für einige andere Ostblockländer - einerseits im Machtkalkül eines autoritären Regimes lag (das sich dabei glücklicherweise verkalkuliert hat), andererseits damit zusammenhing, dass von den Lesern der Literatur Wahrheiten, Wertorientierungen, „Lebenshilfen“ entnommen und den Schriftstellern geistige Leitfunktionen zuerkannt wurden, die das reglementierte öffentliche Bewusstsein und dessen unglaubwürdige Repräsentanten nicht zu geben oder auszufüllen vermochten.
Dass Literatur nicht mehr das bevorzugte Medium ist, in dem eine Gesellschaft sich selbst reflektiert und sich über „menschliche Verhältnisse“ verständigt, bedeutet nun nicht, dass es keine Bücher mehr gibt, die zu solcher Reflexion und Verständigung herausfordern. Sie dominieren nur nicht (mehr), ihr Publikum ist vielleicht kleiner geworden, weil es eine größere Menge höchst unterschiedlicher Leserkreise mit ihren jeweiligen Neigungen und Interessen gibt. Die Aufmerksamkeit wechselt rascher von einer Neuerscheinung zur nächsten, von einem Trend zum anderen, die Betriebsamkeit ist groß, der Büchermarkt unüberschaubar. Der Bestseller vertritt, was früher einmal die verbindende oder verbindliche Wirkung eines großen Textes war. Aber dass Literatur ein Medium der Entdeckung und des Innewerdens, der Erschaffung möglicher Welten, der Kommunikation von Erfahrungen, des Gedächtnisses, des Widerstands gegen Lüge, Unterdrückung, Entwürdigung, der unerschöpflichen Erkundung von Sprache und Vorstellungsvermögen ist, hat sich bei alledem doch nicht verflüchtigt. Es existiert in den Schreibgründen der Autoren, in den Angeboten der Texte, in den Erwartungen der Leser vielfältig immer weiter. Und wenn man einen „Auftrag“ der Literatur formulieren möchte, so bestünde er nach meiner Auffassung in der Erhaltung und Erneuerung eben dieser kreativen Vielfalt. Der Wechsel vom Literaturbetrieb der DDR, in dem ich allerdings als spät und mit einem als schwierig geltenden Text Dazugekommene nur schwach etabliert war, in den des vereinigten Deutschlands hat Spuren in meiner Schreibweise hinterlassen – sie ist kommunikativer, weniger experimentell als zu Anfang -, meine Einstellung zum Schreiben aber nicht verändert. Ich sehe es, wie damals im Brief an Gerti Tetzner (s. o.), als wunderbare Möglichkeit, etwas Eigenes herzustellen, dessen Gebrauch teilbar ist, und sei es unter wenigen.
MF: Sprechen wir nach diesen allgemeinen Fragen wieder von Ihnen. Sie arbeiten an einem neuen Roman? Wird die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten wiederum Thema sein - und wenn ja, unter welchem Blickwinkel?
Brigitte Burmeister: Der Roman, an dem ich zur Zeit arbeite, erzählt von Liebe und arbeitet stark mit biographischem (der Lebensgeschichte eines verstorbenen Freundes entnommenem) Material sowie, einmal mehr, mit eigenen Erinnerungen.
Da der Protagonist Paul, im Dritten Reich geboren, sein erwachsenes Leben in der Bundesrepublik Deutschland, die Protagonistin Vera das ihre bis zur Vereinigung 1990 in der DDR verbracht hat, spielt die Vergangenheit der deutschen Staaten gewiss eine Rolle, zumindest als Hintergrund für - und eingebettet in - die problematische Beziehung der beiden.
Für eine genauere Beschreibung ist mir der Text noch zu unfertig, zu unklar in seiner Richtung, abgesehen vom leitmotivischen „Prinzip der Unerreichbarkeit“. Ich habe eine erste Fassung verworfen, vor sechs Monaten neu angefangen und mindestens noch anderthalb Jahre Arbeit vor mir.
MF: Gestatten Sie uns zum Schluss einige persönliche Fragen: welche Autorinnen und Autoren der Vergangenheit und Gegenwart lesen Sie gern, welche Musik und welche Bilder sind Ihnen wichtig? Gibt es Epochen der Literatur oder überhaupt der Kulturgeschichte, die Ihnen besonders nahe sind?
Brigitte Burmeister: Ich fange mal mit dem letzten Teil Ihrer Frage an: Als Epoche das Jahrhundert der Aufklärung. In der Kunst: nicht so sehr bestimmte Bilder, aber bestimmte Maler: Caravaggio, El Greco, Rembrandt, Bosch, Cézanne, Klee, Feininger, Kirchner, Magritte, Francis Bacon. In der Musik leider nichts Modernes, immer und vor allem: Bach und Mozart (die Konzerte und Symphonien mehr als die Opern). Ja, und in der Literatur ständig wechselnde Lieben, mehr, als ich hier aufzählen könnte, gegenwärtig: G.W. Sebald, J.M. Coetzee, Cees Nooteboom, Imre Kértes, Philip Roth, Antonio Tabucci, aber auch: Bodo Kirchhoff, Manuel Vázquez Montalbán, Ruth Rendell, Val McDermid und Polina Daschkowa.
Ich bin erleichtert, dass ich diese bunte Liste nicht begründen muss.
Und ich danke Ihnen für die Fragen, die mir zum Nachdenken über mich und meine Arbeit verholfen haben. Danke auch für die Möglichkeit, meine Antworten in einer Internet-Zeitschrift wie dem Marburger Forum vorstellen zu können, dies ist für mich eine spannende Premiere.