Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Plädoyer I. Zur Rechtschreibreform

von Felicitas Englisch

Die jüngst angekündigte Rückkehr des SPIEGEL, der Süddeutschen Zeitung und anderer zur deutschen Sprache vor der Rechtschreibreform hat Erstaunliches ausgelöst. Die Medien hätten die Macht, politische Entscheidungen auszuhebeln, und sie hätten sie mißbraucht, war zu vernehmen. Dieser „Mediokratie" sei schärfstens entgegenzutreten, und Argumente dieser Waffengattung mehr klapperten durch die Gazetten. Manch einer, der angesichts der Kriegsberichterstattung über den ersten Golf krieg und der nicht unerheblichen Anzahl peinlicher Realitätsinszenierungen, verkauft als „Dokumentation", obwohl auf der Rückseite der Photos noch die Adresse der Werbeagentur klebte, in der sie gestellt worden waren, einmal auf ein solches Argument gehofft hatte (und bitter enttäuscht worden war) horchte jetzt irritiert auf, was denn nun einen solchen Sturm der Entrüstung auszulösen imstande gewesen sein konnte. Wen hatte sonst die Macht dar Medien gestört, gegen die - nach eigener Aussage eines der mächtigsten von ihnen - ein Kanzler, der es sich mit ihnen - vor allem mit diesem bestimmten millionenauflagenschweren Blatt selbst -verdürbe, in Deutschland nicht lange regieren könne! Wen störten bislang die generalstabsmäßigen Strategien der Phalanxen parteigetreuer Blätter, auf billige Formeln reduzierte Botschaften der Politiker tausendfach zu wiederholen und einzuhämmern – von den überregionalen Blättern bis in die kleinsten Einmann-Redaktionen - um dem „Fußvolk" klar zu machen, wo es geistig zu stehen habe. Nein, in Deutschland wachte die Medienkritik   gerade dann auf, als - was ohnehin selten vorkommt - ein Teil dieser Medienmacht sich die Freiheit nahm, einen Fehler einzugestehen und zurückzurudern - bei der Rechtschreibreform.

Die immensen Kosten, die eine Rückkehr zum Status anterior zur Folge hätte, werden auf einmal lautstark beschworen. Da fragt man sich schon, warum diese ebenso gewaltigen Kosten damals, angesichts der das Problem erst auslösenden Umstellung, nicht genauso massiv ins Feld geführt wurden? Wo waren da jene, die sich nun, angesichts der leeren Kassen, mit dem Totschlagargument ökonomischer „Rationalität" leichttun! Natürlich kosten Fehlerkorrektur und Schadensbeseitigung auch Geld, aber langfristig weitaus besser und - nach dem Verursacherprinzip - sicher auch legitimer angelegtes Geld. Niemand bestreitet, daß vorbeugen besser als heilen ist; aber was soll man machen, wenn es den Patienten zwickt und zwackt und beißt, wenn so manches gar nicht mehr gut aussieht, alles ihm (s)o (s)ehr (s)auer aufstößt und ihm überhaupt der wohlgeordnete Fluß der Lebenssäfte abhanden gekommen ist?

Selbst unter den Befürwortern der neuen Regeln habe ich noch keinen gefunden, der ernsthaft behauptet hätte, Kammmuschel, Kommunikee, Krepppapier, Nessessär seien ein ästhetischer Genuß - und Schlussstrich, Schloss, Hass, Riss und Fluss sähen doch schöner aus als Riß, Schloß oder Fluß. Warum gesteht sich denn eigentlich niemand von uns, denen man jetzt schon (zu) lang ein „dass", „Flusssand", „Basssänger" zugemutet hat, die widerliche Häßlichkeit solcher „ss" und „sss"-Wörter ein. Den ästhetischen Gewinn eines Doppel-S zum Abschluß eines Wortes hat mir jedenfalls noch niemand plausibel machen können.. Aber der Hang mancher Deutscher zu dieser Buchstabenfolge scheint einfach unausrottbar. Wäre der (im übrigens ganz schöne) Buchstabe „ß" gänzlich eliminiert worden, könnte man wenigstem noch vorauseilenden Gehorsam gegenüber der Computersprachenlogik oder den Kotau vor dem Hegemonialanspruch des Englischen unterstellen. Das würde mich zwar nicht beruhigen, im Gegenteil, aber es wäre wenigstens eine gewisse methodische Rationalität konzedierbar. Da dies nicht der Fall ist, geht jede Begründung, die mit „Sprachvereinfachung" argumentiert, ins Leere. Die partielle Ersetzung des „ß" (z.B. bei „daß", was wohl von der Häufigkeit der Wortverwendung am meisten ins Gewicht fallen dürfte) bedeutet gerade keine

Reduktion von Komplexität. Der bestimmte Artikel muß weiter von der Konjunktion unterschieden werden, und gegenüber der auch weiterhin zu lernenden Unterscheidung der Fälle, wo ein einfaches „s" oder ein „ß"/"ss" zu schreiben ist, bleibt die Ersetzung neutral und bringt weder größere Klarheit noch Einfachheit.

Doch auch wer einsehen mußte, daß Konsistenz und Einfachheit nicht wirklich die Leitideen dieser „Reform" waren - im Hinblick auf Sprache übrigens durchaus nicht unproblematische Werte - mag immer noch nach Plausibilitätszuwächsen suchen. Fündig wird er dabei allerdings nicht werden. Zum Beispiel einbleuen, verbleuen, das wir nun mit „ä" schreiben sollen, kommt vom mittelhochdeutschen (i.f. mhd.) bliuwen, althochdeutsch (i.£ ahd> bliuwan, und heißt schlagen. Blaue Flecken mögen das Resultat sein, aber das ist auch alles, was das Wort mit „blau" zu tun hat - genausowenig wie „greulich" (nun: gräulich!), das vom mhd. griu(we)l, gruwel kommt, mit der Farbe „grau". Greulich ist das, ja! Und gräulich können einem die Haare dabei werden. Belemmern (hindern, in Verlegenheit bringen) geht wahrscheinlich auf lahm, lähmen zurück, hat aber ganz sicher nichts mit „Lämmern" zu tun. Mit ,Gemse* und ,Stengel' (von stengil/,stingel/stingil) mit „ä" kommt man (von den blökenden Lämmern) vielleicht auf den Hund, und das ganz „behende", nämlich rasch - ganz gewiß nicht: behände. Von bi henti kommt das, und henti heißt ahd. sofort. Mit den Händen, die   man dabei über dem Kopf zusammenschlagen möchte, hat der Ausdruck nichts gemein. Übrigens: wenn „Gemse" zu „Gämse" werden muß, warum eigentlich „Wächte" zu Wechte? Ist das logisch? Nein. Plausibler? Nein. Die (Schnee-)wächte klingt konnotativ (wenn schon) näher an der „Wacht"/“Wache", die (nor.) ein schwimmendes (See-)zeichen ist, und (in der frz.) Bedeutungsrichtung auf „Hinterhalt" deutet. Einen Bedeutungsgrund für ,Wechte' gibt es gar nicht.

Und muß man wirklich erst auf die lebensmäßige Vorgangängigkeit konkreter Tätigkeiten vor der Bildung substantivierter Abstracta rekurrieren, um plausibel zu machen, daß sich aufwendig doch besser nach dem Verbum wenden (winden, winden machen, wenten) richten möge - statt nach „Aufwand“. Warum soll hier auf einmal eine Änderung zwingend notwendig sein? Wo ist das Problem? Wo der Fortschritt?

Deutlichen Rückschritt aber ist das Verspielen historisch gewachsenen Sinnreichtums zu nennen, wenn Bedeutungsnuancen einfach eingezogen werden. Ebensogut = auch; aber: er ist ebenso gut wie ... - - gleich gut. Das hätten Sie genausogut tun können = gleichermaßen; aber: er ist genau so gut wie .... Es wird schon gutgehen; aber: er kann schon wieder ganz gut gehen! Oder: Es soll doch nichts verlorengehen! Aber: Verloren gehen sie durch die öden Straßen. Haushalten = sich ökonomisch sparsam verhalten; aber: Trotz wirtschaftlicher Rückschläge im Betrieb konnte er wenigstens privat sein Haus halten. Arm und reich = jedermann, aber: der Unterschied zwischen Arm und Reich = der Unterschied zwischen den Armen und den Reichen. Groß oder klein, zusammen oder auseinander - das ist hier keine Frage der Orthographie; sondern die unterschiedliche Schreibweise repräsentiert signifikante Bedeutungsunterschiede. Bei manchen Änderungen allerdings fragt man sich, wo die Bedeutung überhaupt geblieben ist:. Ein Beispiel: „Als ob er wunder was getan hätte ..." (man wundere sich was wohl...) soll werden: „Als ob er Wunder (was) getan „... .Welche Bedeutung soll einem „was" in dieser Formulierung, die von „Wundern" spricht, noch zukommen? Das ist doch schon Sinnvernichtung der härteren Gangart.

Jedoch die unter sprachphilosophischen Gesichtspunkten vielleicht gefährlichste Tendenz verbirgt sich hinter der eher harmlos scheinenden, auf den ersten Blick gar nicht spektakulär anmutenden Richtungsänderung auf Großschreibung bei Ausdrücken wie: jung und alt, im argen liegen, im guten wie im bösen, im großen und ganzen, im nachhinein, im vorhinein, sich über etwas im klaren sein, auf dem laufenden. Durch diese Verobjektivierung wird Sinn,

den die deutsche Sprache an dieser Stelle bewußt modal, attributiv, „zuständlich", jedenfalls im Nicht-Gegenständlichen zu halten wußte, ver-ding-licht. Die Regel lautete ja auch sinnigerweise, daß „Adjektive und Partizipien, die durch einen Artikel der Form nach substantiviert sind", klein zu schreiben sind, „wenn die jeweilige Fügung durch ein bloßes Adjektiv (= Eigenschaftswort!) Partizip oder Adverb ersetzt werden kann. Wo Sprache genau und sachgetreu bleibt, verwendet sie die Großschreibung genau dann, wo der modalen Qualität auch ein eigenes (substantielles; für sich strukturiertes) Sein zukommt. Z.B. bei: in Ordnung sein, im Widerspruch sein etc. Widerspruch ist eine logische Kategorie, die von dem, was in Widerspruch ist, begrenzt ablösbar ist. Ordnung meint eine bestimmte Konstellierung von Dingen (Gleiches zu Gleichem, Haufen"bildung), die sinnhaft angebbar ist, auch ohne zwingenden Rekurs auf die gerade in Ordnung befindlichen Dinge selbst. Aber was, bitte, ist denn „das Laufende? Befindet man sich auf „dem Laufenden" wie auf der Dachterrasse? Sitzt man auf dem „Trockenen" wie auf einem Stuhl von Marcel Breuer? Zu welchen „Schanden" wird einer, der zuschanden wird? Zu Brei, Schutt, Asche, Schanden oder wie? Liegt man im Argen wie Paris in Frankreich? Im nachhinein, im vorhinein .... Es reicht, belassen wir es dabei!

Vor zwei Tagen habe ich gelesen, daß sich nun unsere ob des Volkes Murrens verschreckten Politiker mit ihren ausländischen Kollegen aus Luxemburg, Belgien, Spanien und anderen treffen wollen, um mit ihnen ihr Vorgehen abzustimmen. Einen Gedanken an die mögliche Absurdität und auch Gefährlichkeit einer solchen Unternehmung scheinen sie nicht verschwendet zu haben. In dem Moment, wo die Haltlosigkeit und partielle Widersinnigkeit dieser „Reform" offenkundig geworden ist, bemüht man den Konsens der Verwalter. Die Dichter und einige Philosophen, nicht die Verwalter, sollten sie fragen. Oder lieber noch: die Übersetzer. Wem einmal das unumgänglich De-struktive selbst der besten, sensibelsten Übersetzung eines Gedichtes aufgegangen ist, wer die eigentliche Unübersetzbarkeit von Poesie begriffen hat, den wird bei dem Gedanken schaudern, daß die Sachhaltigkeit von Manipulationen am „Heiligsten", an der Sprache, die - vertrauen wir unseren Dichtern wenigstens noch auf ihrem ureigensten Terrain - das „Innigste und inwendigste Wesen" einer Kultur ausmacht, daran bemessen werden soll, was anderssprachige Verwaltungsmenschen ihrer Sprache antun. Englisch ist nicht Französisch, und Spanisch nicht Deutsch. „,.. und das ist auch gut so!" möchte man gerne locker draufsetzen, wäre einem nicht selbst der Sinn für Humor angesichts dieses Desasters vergangen.

Und hat sich einer mal ernsthaft gefragt, was es bedeutet, wenn die „Tagesthemen" (so geschehen montags, den 9, August) nun schon nichtssagende Statements von Schülern zur Rechtschreibreform zitieren! Da darf zuerst brav ein Schüler zu Wort kommen, der lieber an den veränderten Regeln, die er gelehrt worden ist, festhalten möchte, und dann - man ist schließlich ausgewogen - ein anderer, der die Rechtsschreibung vor der Reform vorzieht. Als ob einem x-beliebigen, notwendig rein psychologisch motivierten Kommentar - Vertrautheit oder Angst vor einer Zumutung aufwendigen Umlernens - der Status eines Arguments zukommen dürfte! Will eine zwischen dem modernistischen Aktionismus der Sprachwissenschaftler und dem ökonomischen Druck der Verlagskonzerne zerrissene Politik nun Entscheidungshilfe bei denen suchen, die ganz im Gegenteil vielmehr ein Recht auf vernünftige Ausbildung und Erziehung hätten, bei den Kindern? Den letztlich Leidtragenden. Das ist verrückt!

Ihnen wollte man es ja angeblich leichter machen mit der „notwendigen" Reform. Vorsicht! Steckt vielleicht hinter dem großen pädagogischen Hammer der „Vereinfachung" (zum Besten der ach so überforderten Schüler natürlich) nur ein kleiner, ideologisch verbohrter Zwerg, der ein bißchen schielt? Schauen wir uns doch einmal unbefangen an, was

wirklich los ist! Dieselben Kids, die angeblich vor der Zumutung, ihre eigene Muttersprache beherrschen zu lernen, bewahrt werden müssen, beten uns ganze Genealogien von Dinosauriern herunter, zocken sich nachmittagelang mit einer affenartigen Geschwindigkeit  durch hochkomplexe Computerspiele, bekriegen sich global auf erstaunlichen „levels", knacken Codes und loaden down, daß es eine rechte Freude ist (zugegebenermaßen nicht für alle gleich!) Höre ich das „Für-die-Kinder-einfacher-machen", fallen mir unweigerlich gutwillige bärtige Brillenträger mit etwas schütteren Haaren und schwach sozialistischer Gesinnung ein, die immer noch die Ansprüche der bürgerlichen Kultur wohlmeinend herunterzuschrauben bestrebt sind, auf daß die Arbeiter- und Bauernkinder (,die gottlob viel schlauer sind als ihnen zugedacht,)  auch mitkommen.

Wieso kann man nicht einfach zugeben, daß man sich verrannt hat? Laßt uns den Schaden mit so wenig Aufwand wie möglich beheben und beim nächsten Versuch vielleicht etwas behutsamer auf die Sprache hören, bevor man mit Spießen und Stangen auf sie losgeht! Darum zuletzt (im Hinblick auf zukünftige Risikominimierung) ein paar Regeln, deren Befolgung manches „einfacher" machen würde.

1. Komplexität ist nicht dazu da, möglichst reduziert, sondern sinnvoll repräsentiert zu werden. Wo etwas Ecken und Kanten aufweist, wo sich Spannungen und Differenzen zeigen oder es einfach nur Unterschiede, Nuancen gibt, lasse man sie zu, finde authentische   Ausdrucksformen dafür und pflege diese! Zunehmende Vereinfachung beraubt die Sprache ihres Ausdrucksreichtums.

2. Die Rhythmisierung durch Satzzeichen soll die Melodie der Sprache nicht stören; aber muß sie doch zum Klingen bringen, wie ein Instrument die Töne. Die durch sie geschaffenen Zäsuren sind da, Sinn zu strukturieren und zu entfalten. Die Zeichensetzung ist virtuos zu handhaben; weder zaghafte Zurückhaltung, noch herrisches Diktat, erst recht nicht sturer Formalismus sind angebracht.

3. Der geschichtliche Charakter von Sprache ist nicht zu negieren. Das unvermeidbare Spannungsverhältnis zwischen dem Streben nach Konsistenz und dem Erhalt geschichtlich gewachsener Sinnvielfalt muß ästhetisch vermittelt werden. Damit meine ich, daß logische Form und Stringenz (Grammatik) und empirische Vielfalt und Gewachsenheit (Semantik, Besonderheiten, Eigenheiten einer Sprache) nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern zu einem harmonischen Ganzen zu fügen sind.

4. Man habe acht auf die Sprache großer Dichter, Schriftsteller und Philosophen! Was sie an Erfahrungen ausgedrückt haben, den Sinn, den sie ihrer Sprache abgerungen haben, die Gedanken und Lebenswahrheiten, für die sie Worte in einer Sprache gefunden oder geschöpft haben, machen den echten Reichtum dieser Sprache aus.

5. Wo neue schräge, harte Erfahrungen zur Sprache drängen, lasse man großzügig Raum. Sie habe es am nötigsten, gesprochen zu werden. Aber man hüte sich vor abstrakten, akademischen Maßnahmen, die zwar Wissenschaftlerkarrieren zu befördern in der Lage sind, aber der Sprache nicht guttun.

6. Verdecke nicht die Herkunft von Wörtern aus einer anderen Sprache! Behandle sie wie gern gesehene, interessante Gäste, die die Abendrunde bunter und reicher, geistvoller und spannender machen. In ihrem Glanz dürfen sich ruhig ein wenig die Alteingesessenen sonnen und narzistisch aufgewertet fühlen. (Négligé, Myrrhe und und Couch, Philosophie und due espressi!)

7. Und last not least: Behandle die Sprache wie Deine Geliebte! Wenn Du schon meinst, sie überhaupt „behandeln" zu müssen, dann bitte behutsam - con amore eben!

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