Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Mein Buch des Monats: August 2004

„etwas Heiteres zum Gegenstand meiner Laune machen“

Günter Grass: Letzte Tänze. Gedichte und Bilder. Steidl Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-88243-882-7, 96 S., geb. € 35

Mit einer Zeichnung von Tanzenden beginnt das Buch: Er eng über sie gebeugt, die Körper in rhythmischer Bewegung angespannt, Arme nach vorn und hinten weit in den Raum greifend, das eine Bein des Tänzers fest auf dem Boden, das andere hoch nach hinten fliegend, ausschwingend, durchgebogen, sie und er eins im Tanz. – Und so setzt der Dichter das Bild in Worte um:

„Musik! Ihr kurzer eiliger oder verschleppter
oder weit fußfassender Tangoschritt
blieb unterm Kleid verborgen,
seine herrisch bestimmenden Tanzbeine
in zu großen Schuhen,
die der raschen Drehung, dem Beinahesturz
Halt geben sollten.“

Tanzende, gemalt mit kräftigen schwarzen Kohlestift-Strichen und wortreich beschrieben in der Grass`schen „Alltags-Kunstsprache“, die Assoziationen und Bilder haufenweise freisetzt, Tanz als Lebenselixier und Ekstase des Künstlers. „Und begann aus Töpferton, / der feucht und vorrätig alt roch, / Figuren – Mann und Frau in Bewegung – / als Hohlkörper zu formen“, heißt es im selben Gedicht, das den Künstler als Meister über Materie und Form, als Schöpfer feiert. „Verjüngt war ich gottähnlich“, endet denn auch der Text. „Die Pfeife lag abseits kalt.“

Wie so oft, wenn er ein Prosawerk abgeschlossen hatte, wandte sich Grass nach Veröffentlichung der Novelle Im Krebsgang (Februar 2002) dem Sprachmetier zu, das er beherrscht wie wenige, in dem er „seinen persönlichsten, seinen intimsten und innigsten Ausdruck“ (Marcel Reich-Ranicki) findet: der Lyrik. Aber der Band Letzte Tänze enthält mehr: So wichtig wie die Gedichte sind die Zeichnungen. Das Buch in Großformat beginnt mit zwei Bildern, nicht mit einem Text. Sie erst, die Zeichnungen in schwarzen und – im Mittelteil, in dem es um die „fleischliche Liebe“ geht, – in bräunlich-roten Farben, machen aus den Letzten Tänzen einen grandiosen Lobgesang auf das Leben schlechthin. Was bei Grass schon immer da war, gleichzeitig, parallel, das eine nicht früher, das andere nicht später, sich gegenseitig durchdringend und ergänzend, Sprache und Bild, hier in diesem Band gehen sie eine faszinierende Symbiose künstlerischer Ausdruckskraft ein – der Künstler als „Bild-Schaffer“ im umfassenden Sinn des Wortes.

„Heiteres“, verspricht Grass in den Anfangszeilen des ersten Gedichts, wolle er in den Letzten Tänzen „zum Gegenstand [s]einer Laune machen“, so als habe er die allzu kritisch-ernsten, auch irreführenden Diskussionen über die Darstellung der Deutschen als Kriegsopfer in seiner Novelle Im Krebsgang vorausgeahnt. Und Heiter-Tänzerisch-Ironisch-Komisch-Melancholisches – mit einigen unbequemen politischen Anspielungen auf Östlich-Westliches und den Irak-Krieg – ist es in der Tat geworden. In den siebenunddreißig kurzen und längeren Gedichten und in den ebenso vielen großformatigen Bildern wird getanzt, was das Zeug hält, der Tango, der altmodische Schieber (wer eigentlich kennt ihn noch?), der Ragtime, der Blues und der Walzer, wird mit „heftigen Stössen“ geliebt und „kopfständig“ gefeiert: ein Fest des Tanzes, der Liebe und der Lebensfreude, bei dem leicht verstörende, ernste Zwischentöne nicht fehlen.

Die Tanzlieder auf den ersten Seiten sind auch kleine Geschichten über die eigene Jugend des Dichters. Das Gedicht über den Schieber – Früh Gelernt – endet mit einem leicht wehmütigen Rückblick auf die ersten Tanzschritte mit einer 17-Jährigen:

„Wie einst, als ich vierzehn,
und sie mich, war siebzehn,
freiweg in den Griff nahm,
daß ich ihr beim Schieber
mit halbstarkem Pimmel …
Hieß Ilse, war Tippse,
die richtigen Männer
warn draußen im Krieg.“

Und in Einst in der Löwenburg lautet eine Strophe:

„Jeden Sonnabend Ragtime.
Vom Fernsprechamt lösten nach Schicht
die Mädchen sich ab.
Die hießen – wie hießen sie noch? –
und waren heiß
bei minus fünfzehn Grad draußen.“

Solche Zeilen sind typisch für den selbstironischen Ton, der meist gegen Ende der Texte durchbricht und eine distanzierte, gänzlich unromantische Haltung zu dem einnimmt, was das lyrische Ich sprachlich wie zeichnerisch schwelgerisch feiert und ausgelassen hochleben lässt. Es sind „letzte Tänze“, weit weg von jeder zu feierlichen oder glatten Ton- und Stimmungslage. „Streng und spröde, herb und hart, karg und kahl ist diese Poesie und immer sachlich, sie ist trocken – und doch gefühlvoll.“ (Marcel Reich-Ranicki). So endet beispielsweise das Gedicht Nach Mitternacht mit den ernüchternden Zeilen:

„Liebste, nur wenige Takte,
bevor du mich und dich –
wie immer um diese Zeit –
mit Tabletten versorgst: einzelne
und gezählte.“

Von dieser spröden Kargheit und ironischen Distanziertheit der Sprache ist auch etwas in den Bildern zu spüren. So schwungvoll gebogen und geradezu rhythmisch-tänzerisch bewegt die Körperhaltung der Paare ist, so ernst, starr, mit weit aufgerissenen Augen und Mündern – Gespensterbilder!, blicken viele Gesichter, als sähen sie über den Augenblick des Tanzes hinaus auf das, was dahinter liegt, auf eine „tanzlose“ Leere, das graue Alltagsallerlei. Oder sind das Erschrockene, Erstaunte der Ausdruck einer äußeren wie inneren Ekstase, in der sich die Tanzenden verlieren und sich dabei neu entdecken, vielleicht „erfinden“?

Mit zwei Gedichten und drei großen Bildern nimmt der Tango einen besonderen Platz im ersten Textteil ein. Tango Nocturno kommt zunächst wie eine Tanzstundenanleitung daher:

„Der Herr knickt die Dame,
nein, biegt sie, so beugsam die Dame,
der Herr gibt sich steif.“

Aber Wörter wie „stürzen“, „retten“ und „Angst“ in den folgenden Zeilen verweisen auf andere, tiefere Bereiche und Erfahrungen: Der Tango wird zu einem Bild für Nähe und Geschiedenheit der Tanzenden, für Stürzen und Sich-Retten: „Aus Fallsucht zum Stillstand. / Ich höre dein Herz.“ Der Tango wird – in Tango Mortale –zu einem Tanz in den Tod:

„Unsterblich, unsterblich! Das doppelte Ich,
solange beim Tango, beim Tango Mortale
ein Schrittmuster führt.

Mit restlichem Atem beim Fest ohne Gäste.
Das Paar, das sich feiert, ist dennoch und endlich
auf Beifall bedacht.

Der Schmerz ist nur Maske. Wir gleiten verkleidet
auf grenzloser Fläche, dem Tod auf den Fersen,
uns selbst hinterdrein.“

Diese existentielle Dimension des Tanzes ist auch in den Tango-Bildern aus kräftigen schwarzen Strichen greifbar, eingerahmt von Wörtern, aus denen einzelne wie Signale hervorstechen: „wir fallen“, „Leere“, „hingerissen“, „er starrt“, „wir stürzen“. Die Blicke der Tanzenden vor allem verstören, setzen sich im Betrachter und Leser als dunkle (Warn-) Zeichen fest:

„Kein Abgrund, doch Weite, in die wir,
als stünden rings Spiegel,
Blicke verwerfen.“

Tanz, in Wort und Bild so anschaulich, als sähe man die Tanzenden vor sich, vieldeutig und assoziationsreich, wird zum Ausdruck von „zwei Körpern, die eins sind, doch nichts / von sich wissen, geschieden in Treue, / in Treue vereint.“ Diese ambivalenten Bilder des Tanzes gehen im rotfarbigen zweiten Teil des Bandes bruchlos über in Bilder von Liebenden. Wie Tanz auch „Totentanz“ ist, ist Liebe hier auch ein bedrohter Akt, bedroht von einer Spinne zum Beispiel, die, riesengroß und sprungbereit, die Liebenden mit ihren wieder wie maskenhaft-toten Gesichtern von oben belauert:

Liebe im August

Wenn einsam wir
zwischen und unter den Spinnen
vielgliedrig uns ins Netz gehen,
das hausgemacht
dich und mich auffängt,
sind wir
             einer
                     des anderen
                                           Beute.

Liebe als „Beute-Machen“ und „Einander-Ins-Netz-Gehen“ – oder auch als Ikarus-Flug in den jähen Absturz:

Gestrandet

Nach steilem Aufstieg
bis über die Wolken
und höher noch,
stürzen Ikarus und Ikara
schneller ab als gedacht,
landen aber weich in den Dünen,
wo sie – noch steiler –
den nächsten Flug planen.“

Grass – der große Ironiker (man lese nur den langen, stark autobiografischen Text Des Wiederholungstäters halbherzige Beichte), der Skeptiker, Zweifler, Wirklichkeits-Verzerrer und damit Wirklichkeits-Enthüller. Diese Haltungen sind für die Sprache vieler Texte und die meisten Bilder in den Letzten Tänzen charakteristisch: in den Zeichnungen mit verrenkten, ineinander verschlungenen Gliedmaßen und Leibern in immer wieder neuen, zum Teil akrobatisch vertrackten, häufig komischen Liebesposen (einmal stehen drei Weingläser auf dem nackten Rücken der Geliebten: „Zuerst klirrten die Gläser, / dann zweistimmig wir, / doch nichts ging in Scherben.“) und in den Texten selbst, in denen es leicht resignierend, entwaffnend „ehrlich“, heißt:

„Schwerer als Federnblasen
ist die fleischliche Liebe,
es sei denn, beide
      erleben sich
             gleichzeitig leicht.“

Wie könnten Tanz-Gedichte und Liebes-Gedichte besser enden als mit Kopfstand-Gedichten. Der Text, der den letzten Teil einleitet – Zuletzt drei Wünsche – greift in den ersten Zeilen der Strophen und in den jeweiligen Refrains die Lebensmodelle Tanz, Liebesakt, Kopfstand auf:

„Komm, tanz mit mir, solang ich noch bei Puste
und von den Sohlen aufwärts existiere.

[…]

          Drum bitt ich dich um eine Pause Toleranz,
          bis ich gelenkig bin zum nächsten Tanz.

Komm, lieg bei mir, solang mein Einundalles steht
und wichtig tut, als stünd er zum Beweis,

[…]

          Drum bitt ich dich, Geduld als Stütze zu begreifen,
          bis er – du staunst – beginnt, sich zu versteifen.

Komm, sieh mir zu, ob ich den Kopfstand schaffe
und aus verkehrter Sicht die Dinge rings erkenne,

[…]

          Drum bitt um Nachsicht ich, wenn meine Kopfständ gleichen
          letztendlich einem Fragezeichen.

Komm tanz, lieg bei, sieh zu und staune,
was mir noch möglich ist bei Gunst und Laune.“

Vier große Kopfstand-Bilder enthält der letzte Teil des Bandes, Tanzbilder allesamt auch sie – die in der Luft wild zappelnden Beine des Kopfstehers verraten es. Der hofft bei seiner „Übung“ auf das Unerwartete, die neue Erkenntnis und Einsicht schlechthin:

„Ach, stünde die Welt doch Kopf!
Vielleicht fiele ihr was
aus der Tasche.
Der Schlüssel, zum Beispiel,
passend für einen Ausweg.“

Aber der Kopfstand-Weltbetrachter weiß um die Begrenztheit und Zerbrechlichkeit seiner Sicht von unten, in der ihm „die Welt im Lot zu sein [scheint], / auch staunenswert“, weiß, dass der Augenblick der Entzauberung unweigerlich kommt:

„dann aber wankt, was nur Behauptung war
und – auf des Augenblickes Dauer –
mich glücklich machte aus verkehrtem Stand.“

Und grassisch-selbstironisch-schalkhaft notiert er kurz darauf:

„Kein Hegel steht uns Kopf als Retter,
kopfständig ist allein das Wetter.“

Die Letzten Tänze sind ein Versuch, Leben als Ekstase, als rhythmische Bewegung, als Liebesakt aus einer kopf-“verrückten“ Weltsicht in Worte und Bilder zu bannen. Das ist auf faszinierende Weise gelungen, mit ernsten, komischen, humorig-melancholischen Texten und Zeichnungen, voller Selbstironie und einnehmender, augenzwinkernder Naivität, mit politischen Anspielungen und autobiografischen Hinweisen, bildhaft, Phantasie anregend. Das Wort „letzte“ im Buchtitel gibt allem eine zusätzliche Dimension an Bedeutung. Es legt über Texte und Bilder einen Schleier aus Endgültigkeit und Abschied, eingefangen im Bild der „Scherben“ aus dem Gedicht Auf tönernen Füssen. Der Text beschreibt, wie eine Tanzpaar-Figur, aus Ton kunstvoll modelliert, zu Scherben fällt. Der Dichter und bildende Künstler will aus der „Unordnung“, den „Rissen“ der Tonstücke etwas Neues schaffen, muss aber schließlich die Vergeblichkeit seins Tuns akzeptieren:

„Neu will ich beide
entstehen lassen,
höher, noch schlanker gelungen,
der Tanzschritt gefestigt,
gefeit gegen Stürze.

Jadoch, ich weiß: allenfalls
bleiben Scherben.“

Herbert Fuchs

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