Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Mein Buch des Monats: Juli 2004

Carl Jonas Love Almqvist:   „Die Woche mit Sara“. Kindler Verlag, Berlin 2004. 159 S., € 17,50 , ISBN 3-463 40457-5

Dies ist die Geschichte einer Reise zu Schiff und zu Wagen, die Sara mit dem Sergeanten Albert zusammenführt – es ist aber auch für den Leser so etwas wie eine Reise: eine Zeitreise ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts zurück.

Sara, „kein Mädchen vom Lande, erst recht keine Bauerndirne“, ist schon auf dem Schiff an der Lände in Stockholm, als sie ihre Tante sieht, die die Abfahrt verpasst, so dass sie ohne Begleitung reisen muss, noch dazu auf dem Vorderdeck, während die besseren Reisenden Salon und Achterdeck gebucht haben. „Ein hochgewachsener, hübscher Sergeant“ spricht mit den Salonpassagieren, beobachtet aber auch Sara: „War diese Reisende Demoiselle oder Dienstmagd?“ Die Frage ergibt sich für ihn daraus, dass sie zuerst einen Hut getragen hat, nun aber ein Seidenkopftuch. Sie gefällt ihm und er stellt anhand der Passagierliste fest, dass sie Sara Videbeck heißt und eine Glasermeisterstochter aus Lidköping ist, wohin sie wohl jetzt heimreist.

Als Albert, so heißt der Sergeant, Kontakt zu ihr aufnehmen will, tut er das so ungeschickt wie nur möglich, kauft ihr einen Ring aus Rosshaar, der ihr zu teuer ist – und als er ihn überreicht, geht sie in aller Ruhe an die Reling und wirft ihn ins Wasser! (Später erfährt man, dass dies für sie eine tiefere Bedeutung hat: sie war als Kind Zeugin, als ihre Mutter den Ehering von der Brücke in den Fluss warf). Albert ist abgeblitzt, und das geht ihm noch ein paar Mal so, was ihn misslaunig macht.

Dann aber hat er doch Glück – sie geht mit ihm während eines Aufenthaltes in Strägnes an Land. Sie spazieren durch den hübschen Ort und kehren zum Frühstück ein, plaudern miteinander – doch als sie nach dem Essen aufstehen, bezahlt Sara rasch ihren Teil an der Zeche und wieder ist der hübsche Sergeant verstimmt – bis ihn Sara in aller Unbefangenheit nach seinem Namen fragt und sie zum Schiff zurückkehren.

Diese ersten Szenen sind typisch für die Begegnung von Sara und Albert: sie ist ihm deutlich überlegen in ihrer Selbstsicherheit und erfrischenden Nüchternheit, er dagegen ist weit mehr von Konventionen bestimmt. Allmählich lernen sie sich besser kennen. Sara führt seit dem Tode ihres Vaters vor sechs Jahren selbständig die Glaserwerkstatt weiter und erzählt stolz von besonderen Aufträgen und ihrem umsichtigen Umgang mit Kunden und Lehrlingen. Ihre Mutter ist leidend (und, wie wir später erfahren, trunksüchtig).  Sobald ihre Mutter stirbt, wird der Tochter die Konzession entzogen, dann muss die Werkstatt aufgegeben werden. Aber Sara hat vorgesorgt, sie hat einen besonders haltbaren Kitt entwickelt, den sie verkaufen will, ebenso feine Glasdosen, Leuchten aus Glas und Laternen, vielleicht auch allerhand Kurzwaren. – Albert seinerseits hofft, eines Tages Offizier zu werden, hat auch allerhand Anwartschaften auf dem Land und will irgendwann ein eigenes Anwesen erwerben.

Jetzt fragt er nach: „Aber als Unverheiratete bist du doch schutzlos und...“  „Das wird sich zeigen“, antwortet Sara: „Im Gegenteil, mit einem versoffenen und schwierigen Mann, wie meine arme Mutter – da wäre ich schutzlos und schlimm dran. Nein, wahrhaftig, ich werde mich behaupten, wie ich bin.“ (42)

Dies bleibt nicht Saras einzige Äußerung  über das Verheiratetsein: „Man kann nämlich sehr bescheiden leben und sich trotzdem wohl fühlen, wenn ...“ Sara senkte den Kopf, und ihr Blick verdüsterte sich. „Mein Gott – was meinst du damit?“ „Na ja, ich meine, wenn man sich davor hütet, einen Quälgeist im Hause zu haben, der ohne Sinn und Verstand und aus lauter Liederlichkeit  alles auffrisst und verschwendet, was man mühsam und redlich zusammengebracht hat. Was nutzt es da, ordentlich zu sein, wenn der Quälgeist umso unordentlicher ist und die Früchte fleißiger Arbeit verprasst?  Und wie kann man dann mit Lust und Liebe arbeiten, wenn man keine Herzensfreude hat und die Angst einem die Kehle zuschnürt...?“ (45/46)

Die Ehe ihrer Eltern war die Hölle, aber auch ringsum hat sie Schlimmes gesehen, und Albert kann sie nicht umstimmen, so oft er es auch versucht – sie sprechen immer wieder darüber.

Indessen gewinnen sie einander lieb und schließlich kommt es zu einer Lösung, wenn auch nicht zu der von Albert ursprünglich gewünschten. Als er Sara nach Lidköping begleitet hat, erfährt sie, dass ihre Mutter gerade gestorben ist, sie also auf sich allein gestellt ist. In ihrem Häuschen gibt es zwei Stuben im Obergeschoss, die leer stehen. Diese wird Albert mieten und dann: „Darf ich dich jetzt zu mir einladen, damit du siehst wie es bei mir unten ist? Das Frühstück wartet. Und wenn du nicht heute weiterreist, dann bitte ich dich auch zum Mittagessen. Geht das alles an, Albert?“ Er sagte noch immer nichts. Aber sein ganzer Gesichtsausdruck gab die Antwort: Es geht an.“ (148/49) Und so endet die Woche mit Sara.

Unsere eigene Reise als Leser in die Zeit vor bald 200 Jahren hat uns mit Verhältnissen konfrontiert, die wir längst hinter uns gelassen haben, uns regt der Appell zur freien Liebe nicht auf – anders damals. Der kleine Roman hat nach seinem Erscheinen 1839 einen Sturm der Entrüstung ausgelöst – das ging so weit, dass Almqvist schließlich aus Schweden fliehen musste, einer wohl falschen Anklage wegen, nach Amerika ging und auch im Alter nicht heimkehren konnte. Er starb 1866 in Bremen.

Carl Jonas Love Almqvist (geboren 1793) selbst hat von seinem Roman nicht allzu viel gehalten, denn er wollte eigentlich keine „Tendenzromane“ schreiben. Aber als Liberaler und Reformer fand er sich als Journalist und Schriftsteller gefordert, auf die Probleme seiner Zeit, also auch auf die Unfreiheit der Frauen in der Ehe, nachdrücklich hinzuweisen. Damit ist er ein Vorläufer Ibsens und Strindbergs gewesen. Recht geben kann man ihm im Blick auf „Die Woche mit Sara“ nur insofern, als das Thema Ehe in sehr vielen Gesprächen, langen Gesprächen allzu sehr die Hauptrolle spielt. In der Figur der Sara ist ihm aber eine wirklich lebensvolle Gestalt gelungen, die in ihrer Natürlichkeit überzeugt, zugleich eine glaubwürdige Anwältin ihrer Lebensform ist. Die Beziehung zu Albert ist durchaus fassettenreich  entwickelt – gerade in den Wesensunterschieden. Albert etwa kann die Schönheit einer Landschaft wahrnehmen und  sich daran erfreuen, Sara hat dafür keinen Blick. Albert ist leicht aufbrausend und ungeduldig, Sara dagegen nimmt die Dinge ruhiger, sie ist ganz realistisch.

Realistisch ist auch dieser Roman, der damit seiner Zeit ein gutes Stück voraus ist. Das Bild des ländlichen Schweden zu seiner Zeit wird uns deutlich vor Augen geführt, aber auch die Klassenunterschiede werden sichtbar, z.B. im Verhalten der verschiedenen Ständen angehörenden Gruppen auf dem Schiff. Beide, Sara wie Albert gehören nicht richtig dazu, stehen zwischen den Lagern. Auch deshalb hat Saras Lebensentwurf  eine Chance – gern wüsste man, wie es mit den beiden nun weitergeht –

Renate Scharffenberg

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