Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Zweite Replik zur Verteidigung des „Grundlegenden Denkfehlers“. Erwiderung auf die Kritik von Bernd Ehlert

von Friedrich Seibold

Herr Ehlert nimmt scheinbar Stellung gegen den Prinzipiellen Denkfehler, stößt sich aber offensichtlich nur am Namen ‚Denkfehler’, denn er sagt: „Wenn ich etwa ein Nichts oder auch ein Nicht-Denken annehme und mir darüber klar bin, dass ich die Bedeutung dieser Begriffe im Gegensatz zu „normalen“ weltlichen Begriffen nie erfahren werde, so wird dieser Begriff in seiner wahren Bedeutung gefasst, nämlich als nichterfahrbare Bedeutung, und ist darin dann kein Denkfehler.“

In meinem Essay heißt es in dieser Sache: “ ... denn die Bedeutung ‚Nicht-Denken’ verneint das Denken, obwohl sie es für sich benötigt. Sie entzieht sich also ihre eigene Grundlage. Die Bedeutung ‚Nicht-Denken’ ist nicht denkbar, weil ein Widerspruch in sich. Das allgemeine Prinzip, für das ‚Nicht-Denken’ beispielhaft ist, lautet: Begriffe, deren Bedeutung sich vom Denken ausschließen, sind in dieser Bedeutung nicht denkbar, sind gedanklich nicht erfaßbar.“

Herr Ehlert bezeichnet die Bedeutung des Begriffs ‚Nicht-Denken’ als eine „nicht erfahrbare Bedeutung“, während ich sie „gedanklich nicht erfaßbar“ nenne. Da „nicht erfahrbar“ dasselbe bedeutet wie „gedanklich nicht erfaßbar“, stimmt Ehlert inhaltlich bezüglich des mit ‚Denkfehler’ bezeichneten Sachverhalts mit mir überein. D.h., er will lediglich das Denken von etwas gedanklich nicht Erfahrbaren/Erfaßbaren nicht als Denkfehler verstanden wissen. Die Bezeichnung ‚Denkfehler’, wie auch die als eines Widerspruchs in sich hinsichtlich des bezeichneten Sachverhalts, ist aber nebensächlich. Letztlich entscheidend ist, daß eine ‚bewußtseinsunabhängige’ Welt (die ein Nicht-Denken impliziert) in dieser ihrer angeblichen Eigenschaft „nicht erfahrbar“ bzw. „gedanklich nicht erfaßbar“ ist und damit nicht real, d.h. bewußtseinsunabhängig sein kann, denn was gedanklich nicht erfahrbar/erfaßbar ist, das kann auch nicht als existierend gedanklich erfahrbar/erfaßbar sein. Also ist auch bei Ehlert das gängige Weltbild einer bewußtseinsunabhängigen (Außen-) Welt logisch unhaltbar. Er sagt denn auch: „Um nicht falsch verstanden zu werden: ich bin ebenfalls der Meinung, dass vieles auf die Geistigkeit der Materie hinweist“, setzt allerdings hinzu: „aber wir werden das nie wissen und feststellen können.“ -  Daß wir das sehr wohl wissen können, zeigt ja gerade die nicht erfahrbare/nicht erfaßbare ‚bewußtseinsunabhängige’ Welt, womit es sinnlos wird, von einer solchen überhaupt zu reden. Sinn macht eben nur eine bewußtseinsabhängige Welt und damit letztlich eine Bewußtseinswelt. Außerdem wird letztere, wie im Essay dargelegt, durch die Unsinnigkeit eines ‚Nicht-Bewußtseins’ (ebenfalls implizierend das Denken von ‚Nicht-Denken’) direkt bewiesen.

Ehlert begründet seine Behauptung, daß wir das nie wissen können, indem er sagt: „Dazu müssten wir unser Bewusstsein von außen erkennen oder zumindest einen Bezug zu den (dann wirklich realen und substantiellen) Strukturen herstellen können, die außerhalb des Bewusstseins liegen, und das geht offenbar nicht.“ Das geht nicht nur nicht, sondern macht gar keinen Sinn, weil „außerhalb des Bewusstseins“ nach Ehlert (richtig!) nicht erfahrbar ist, und was gedanklich nicht erfaßbar/erfahrbar ist, damit kann man auch nicht sinnvoll gedanklich operieren, geschweige denn, es als real, d.h. als bewußtseinsunabhängig existierend denken. Außerdem, aus was auch immer die Welt essentiell besteht, es kann nie ein ‚außerhalb’ existieren, weil ‚Welt’ eben alles einschließt. Geht man also, wie Ehlert (richtig!), von der Geistigkeit der Welt, d.h. von einer Bewußtseinswelt aus, dann kann es schon deshalb kein ‚außerhalb des Bewußtseins’ geben.

Eine nicht erfahrbare/gedanklich nicht erfaßbare Bedeutung wie ‚bewußtseinsunabhängig’= ‚außerhalb des Bewußtseins’ = ‚außerhalb des Denkens’ = ‚Nicht-Denken’ ist prinzipiell und hier speziell als Attribut für eine Welt widersinnig. Ich verwende das Wort ‚Denkfehler’ als Namen für die operationale Definition, die angibt, wie es dazu kommt, daß die in Rede stehenden Begriffe bzw. Bedeutungen gedanklich nicht erfaßbar/nicht erfahrbar sind, eben dadurch, daß sie sich expressis verbis vom Denken ausschließen und damit widersinnig sind. Wenn offensichtlich Widersinniges zu denken, kein Denkfehler sein soll, dann stellt sich die Frage, was überhaupt ein Denkfehler ist (‚Denkfehler’ zur Abgrenzung von logischen Fehlern in Form von Verstößen gegen logische Grundsätze und Schlußregeln), denn auch der größte Unsinn läßt sich immer denken. Es ist natürlich kein Denkfehler, die Worte „nicht denken“ zu denken, aber eben sehr wohl, die BEDEUTUNG ‚Nicht-Denken’ denken zu wollen. Im übrigen ist der Gebrauch von Begriffen mit nicht erfaßbaren/nicht erfahrbaren Bedeutungen für ein sinnvolles Denken noch ruinöser als ein Verstoß gegen logische Grundsätze oder Regeln und deshalb ein noch fundamentalerer „prinzipieller“ Fehler im Denken. Er hat viel weitreichendere Auswirkungen, wie im Fall von ‚bewußtseinsunabhängig’ ersichtlich: ein ganzes Weltbild wird durch ihn falsch.

Herr Ehlert sagt ferner: “Mir fehlt bei Herrn Seibold des weiteren die Unterscheidung zwischen dem Geist, den wir „normalerweise“ in der Welt auch als Geist ansehen und verstehen, nämlich unser Denk- und Reflexionsvermögen, [ ... ] und dem Geist, in dem sich nach Seibold auch die materiellen Dinge der Welt als Geist erweisen.“

Diese Unterscheidung habe ich sehr deutlich vorgenommen, indem ich im Essay einerseits von ‚Bewußtseinsinhalten’ und andererseits von ‚Individualbewußtseinen’ rede und darauf verwies, daß letztere die ’Körper’ und ‚Korpuskel’ der Welt sind. Nachdem ich dort detailliert auf diese Unterscheidung eingegangen bin, habe ich zudem mein neues Weltbild in den zwei Sätzen zusammengefaßt:

„(1) Ausgehend von der Außenwelt wird diese durch den Denkfehler ‚bewußtseinsunabhängig’ bzw. durch die Undenkbarkeit eines Nicht-Bewußtseins zu einer Bewußtseinswelt, die eine Objektwelt ist. (2) Sie besteht aus Individualbewußtseinen (das sind die sogenannten realen Objekte, natürlich einschließlich der Lebewesen) und deren Bewußtseinsinhalten (das sind die sogenannten idealen Objekte) [ ... ].“ - Die von Ehlert angemahnte Unterscheidung ist also deutlichst von mir vorgenommen.

Zum Begriff ‚Nicht-Bewußtsein’ sagt Herr Ehlert: „Sehr wohl liegt dann aber von Herrn Seibold ein Denkfehler vor, wenn er aus diesem Denken eines Nicht-Bewusstseins eine bestimmte und feste Bedeutung ableitet, nämlich dass alles, also auch die Materie, Bewusstsein ist.“ Warum sollte es ein Denkfehler sein, wenn man von einem durch seine Verneinung widersinnig werdenden, weil das Denken ausschließenden Begriff (‚Nicht-Bewußtsein’) „ableitet“, daß er nur in seiner nicht-verneinten Form (‚Bewußtsein’) sinnvoll ist, zumal wohl niemand bezweifeln wird, daß ‚Bewußtsein’ ein sinnvoller Begriff ist. Es müßte ohnehin klar sein, daß wenn ‚Nicht-Bewußtsein’ eine nicht erfahrbare/gedanklich nicht erfaßbare Bedeutung hat, dann (den Satz vom ausgeschlossenen Dritten vorausgesetzt) nur die gegensätzliche Bedeutung, also ‚Bewußtsein’ für eine logische Weltbeschreibung übrigbleibt. Ich habe auf diesen Sachverhalt in meinem Essay hingewiesen. 

Im weiteren streift Herr Ehlert noch einen Punkt meiner Logik-Kritik im Essay „Einmal mehr: Was ist Wahrheit?“, ohne aber auf meine diesbezügliche Argumentation Bezug zu nehmen. Er scheint den Grundgedanken meiner Wahrheitstheorie nicht erfaßt zu haben.

Herrn Ehlerts restliche Anmerkungen sind einer Verbindung Kantscher Ideen mit solchen von Meister Eckhart gewidmet. Dazu ist zu sagen, daß zwischen diesen und meiner logischen Analyse allenfalls ein scheinbarer Zusammenhang besteht. Kants, von Ehlert angesprochene, „Dinge an sich“ sind, indem sie etwas Bewußtseinsunabhängiges bezeichnen, logisch unhaltbar. Außerdem wurde Kant bereits zu seinen Lebzeiten vorgehalten (von G.E. Schulze), daß das „Ding an sich“ ein Widerspruch zu seiner eigenen Lehre ist. Kant schloß von Erscheinungen auf ein ihnen zugrundeliegendes Ding an sich als deren Ursache.

Die Kausalität aber gilt nach Kant als bloße Anschauungs- oder Erkenntnisform ausschließlich im Bereich der Erscheinungen, so daß er die Anwendung der Kausalität außerhalb der Erscheinungen selbst ausschloß.

Und gar die Mystik (hier die Ideen Meister Eckharts) ist ein denkbar ungeeigneter Bürge für meine logisch zwingenden Erkenntnisse. Bemerkenswert ist eher eine von Herrn Ehlert angesprochene Beziehung hinsichtlich eines neuen Weltbildes und den (introspektiv gewonnenen, uralten) Erkenntnissen in der buddhistischen Weltsicht. Mein neues Weltbild stimmt, aber ohne spekulativ zu sein, mit wesentlichen Inhalten dessen überein, was der Buddhismus Erleuchtung nennt: mit der Irrealität (Immaterialität) der so genannten Außenwelt, der Existenz eines Gesamt-Bewußtseins, der Identität (essentiellen Einheit) von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt und dem Fortbestehen von Bewußtsein (bei mir allerdings nicht als das ursprüngliche individuelle Bewußtsein) nach dem Tod eines Lebewesens. Ferner ist die meditative Erkenntnis der Bedingtheit aller Vorgänge und Zustände, und damit auch aller Bewußtseinsinhalte, eine Erleuchtungserfahrung, die logischerseits sich aus dem Denkfehler ‚frei’ ergibt, wie am Schluß des Essays  „Ein grundlegender Denkfehler in der Philosophie“ von mir aufgezeigt. Damit bestehen in meinem logisch-philosophischen Weltbild Parallelen nicht nur zu Erkenntnissen aus der Quantenphysik, sondern auch zu solchen des meditativen Denkens (erstere gezeigt im genannten Essay und in meiner Replik auf die Kritik von Herrn Welger). Übrigens ist es kein Widerspruch, anzunehmen, daß logische Erkenntnisse aus dem neuen Weltbild möglicherweise in der Meditation durch Regression des Individualbewußtseins auf geringere Bewußtseinsgrade unmittelbar erlebbar sind.

Daß aber auch meditative (geschweige denn mystische oder allgemein spekulative) Erkenntnisse kein gültiges konsensfähiges Weltbild erstellen oder die Philosophie vorwärtsbringen können, zeigt die Geschichte, insbesondere an den uralten buddhistischen Erkenntnissen. Gar im Zeitalter der Wissenschaften (die Philosophie gilt leider nicht als solche, daher die Rede von „Philosophie und Wissenschaft“) geht bei denen, die letztlich über ein gültiges Weltbild entscheiden, der scientific community, mit irrationalem, schlüssiger Argumentation nicht zugänglichem Denken definitiv nichts. Die Naturwissenschaften können von einer Disziplin, die nicht zuletzt Aussagen über die Natur macht, erwarten, daß sich diese Disziplin dabei methodisch gleichfalls zwingender Logik unterwirft und nicht nur Meinungen produziert oder introspektive Berichte liefert – jedenfalls dann, wenn die Philosophie von den Naturwissenschaften ernst genommen werden will. Bloße Plausibilität ist jedenfalls kein Kriterium für Wahrheit. Daß man sogar sehr einfach mit zwingender Logik philosophieren kann, zeigt im folgenden mein

 

Philosophisches Lehrgedicht

Niemand kann ohne Widerspruch denken, nicht zu denken;
Niemand kann denken, etwas Bestimmtes nicht zu denken,
wird doch dieses Bestimmte in dem Gedanken gedacht.
Dennoch glaubt fast ein jeder, sinnvoll denken zu können,
es gäbe eine Welt, auch ohne diese zu denken.

Wie dann eine Welt „ohne diese zu denken“ denken,
wenn doch in dem Gedanken die Welt gedacht werden muß?
Indem nun also, was auch immer als Welt gedacht wird,
dieses Etwas nur vermeintlich nicht gedacht werden kann,
gibt es keine Form von Welt, ohne diese zu denken.

 

Mit diesen Zeilen wird zugleich der Kern des Sachverhalts des prinzipiellen Denkfehlers deutlich (wie schon gesagt, das, was mit ‚Nicht-Denken’ gemeint ist, nicht bloß die Worte „nicht denken“), ganz ohne Definition für ihn und ohne, daß eine Unterscheidung zwischen Begriff und Bedeutung überhaupt nötig wäre. Ferner ist mit den Versen nicht nur die Unmöglichkeit des Zustands eines Nicht-Denkens aufgezeigt, sondern bereits die Unmöglichkeit des Vorgangs, denkend dorthin gelangen zu wollen. Sie beweisen auf einfachste Weise, daß eine bewußtseinsunabhängige (Außen-) Welt nicht als existierend gedacht werden kann, weil ‚bewußtseinsunabhängig’ ‚denkunabhängig’ impliziert und eine denkunabhängige (Außen-) Welt eine Welt wäre, ohne diese zu denken. Darüberhinaus beweisen sie indirekt eine Bewußtseinswelt, denn wenn eben die Welt immer nur als gedachte, also bewußte Welt denkbar ist, und dann zwischen

Außenwelt und der ohnehin immer bewußten Innenwelt essentiell letztlich kein Unterschied besteht, dann kann die Welt als Ganzes logischerweise nur eine Bewußtseinswelt sein. Dabei sollte insbesondere nicht vergessen werden, daß Bewußtseinsinhalte nicht notwendigerweise nur solche eines lebenden Individualbewußtseins sind. Denn ‚Bewußtseinsinhalte’ bezeichnet, wie a.a.O. gesagt, letztlich nicht mehr als (das ist natürlich eine Hypothese, die als solche der Falsifizierung offensteht) die Veränderungen individueller Entitäten (also von ‚Individualbewußtseinen’) infolge deren Wechselwirkung. – Das Lehrgedicht ist der einfachste und schlagendste Nachweis für die logische Unhaltbarkeit einer ontologischen Dualität von Bewußtsein einerseits und angeblich Bewußtseinsunabhängigem andererseits.

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