Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 4


 

Sechsmal Schiller in Marburg

Zu den Plänen des Hessischen Landestheaters in der Spielzeit 04 / 05

Ob Gedenkjahre wie das 200. Todesjahr Schillers 2005 von den Spielplänen der Theater berücksichtigt werden oder ob Spielpläne nicht doch eher nach anderen Kriterien aufgestellt werden sollten, – darüber kann man streiten. Gedenkjahre bieten aber immerhin einen Anlass zu fragen, wie eine Gesellschaft mit ihrem kulturellen Erbe umgeht und welchen Stellenwert sie bestimmten dichterischen Werken einräumt. Schiller gehört zwar, vor allem mit Kabale und Liebe, schon immer zu den vielgespielten Autoren auf deutschen Bühnen. In Marburg allerdings sind Schilleraufführungen in den letzten Jahren eher rar gewesen. Umso bemerkenswerter ist es, dass das HLT in der Spielzeit 04 / 05 sechsmal Schiller auf seinen Bühnen inszenieren will und damit in der näheren und weiteren Theaterlandschaft einmalig dasteht.

Peter Radestock wird am 16. Oktober mit der Inszenierung der Jungfrau von Orleans, die auf mehreren großen Bühnen in Deutschland in diesen Monaten eine Renaissance erlebt, den Auftakt machen. Radestock wird – sein Tell vor zwei Jahren lässt das vermuten – eine spannende, vielleicht kontroverse Interpretation dieses Stücks vorlegen.

Im April 2005 steht Die Verschwörung des Fiesco zu Genua auf dem Programm, ein „republikanisches Trauerspiel“, in dem es um Machtgier, richtige und falsche Freiheitsideale, um Revolution, Fürstenwillkür, Schuld und Verhängnis geht. Graf Fiesco will die Republik Genua vor den Machtgelüsten des Gianettino Doria, des Neffen des alten Dogen von Genua, retten, wird aber wegen seines ungezügelten Ehrgeizes für den wahren Republikaner Verrina selber „zum gefährlichsten Tyrannen“. Verrina stürzt Fiesco am Ende von einer Galeere hinab ins Meer. Die Verschwörung des Fiesco lässt in Genua nichts als Tote und Chaos zurück. Das Stück, das 1784, zwei Jahre nach den Räubern und nur wenige Wochen vor Kabale und Liebe, in Mannheim uraufgeführt wurde, kommt in der Regie von David Gerlach, der in der abgelaufenen Spielzeit in der Rolle des Faust renommierte und das Stück Das Fest in einer sehenswerten Aufführung inszeniert hat, auf die Bühne.

Die Namen der bekannten Schillerstücke werden durch Kabale und Liebe ergänzt. Bedauerlicherweise wird dieses Stück in einer „Fassung für Klassenzimmer“ produziert. Damit wird das offensichtlich erfolgreiche Experiment von Klamms Krieg – hier wie dort heißt der Regisseur Peter Meyer – wiederholt. Das HLT will, was angesichts zurückgehender Zuschauerzahlen verständlich erscheint, mit solchen Produktionen einen Schritt auf die jungen Zuschauer zumachen. Ob man damit aber wirklich neue Theatergeher schafft, muss bezweifelt werden. Theater im Klassenzimmer ist letztlich doch kein „richtiges“ Theater, bleibt irgendwie Teil des Unterrichts; der abendliche Theaterbesuch folgt daraus nicht unbedingt. Sicherlich hätten nach der nicht ganz gelungenen Aufführung dieses Dramas vor mehreren Jahren im damals noch neuen TaSch auch die „normalen“ Theaterbesucher ein Interesse an einer Neuinszenierung dieses vielleicht eindrucksvollsten Stückes von Schiller gehabt.

Interessant dürften zwei Aufführungen werden, die Bearbeitungen Schillers von Texten anderer Autoren darstellen: das Lustspiel Der Parasit nach Louis-Benoit Picard (Premiere am 27. November in der Regie von Manfred Gorr) und das tragikomische Märchen Turandot nach Gozzi (Premiere im Februar 2005; Regie: Thomas Roth). Manfred Gorrs Inszenierung der Rockoper Faust II wurde in der Saison-Rückschau der Zeitschrift Die Deutsche Bühne als „mitreißend“ und „witzig“ gerühmt. Es ist zu begrüßen, dass er mittlerweile zum Regie-Team des HLT gehört. Man darf auf seine Version des selten gespielten Textes gespannt sein.

Intendant Ekkehard Dennewitz bringt im Februar 2005 ein musikalisches Programm mit Fabeln von Schiller auf die Bühne des TaSch. Er knüpft damit an die lange Reihe begeisternder musikalischer und kabarettistischer Aufführungen des HLT an. Dass das Marburger Theater auch in Zukunft verstärkt musikalische Akzente setzen wird, beweist im übrigen die Einrichtung einer Stelle „musikalische Leitung“, besetzt mit Maria Tossenko.

Ein Blick in die Spielpläne der Theater zeigt, dass, abgesehen von Trier, Weimar, Stuttgart, Chemnitz und wenigen anderen Städten, Schillers Dramen in der neuen Spielzeit keine besonderen Programm-Schwerpunkte darstellen. In den hessischen Theatern werden nur in Gießen (Don Carlos) und in Frankfurt (Die Räuber) Schillerdramen neu einstudiert. Die meisten Theater scheinen Schiller zweihundert Jahre nach seinem Tod nicht ganz zu trauen. Und das verwundert dann doch etwas. Das Schillerjahr jedenfalls wird auf den deutschen Bühnen keine besonderen Spuren hinterlassen. Das Hessische Landestheater macht da eine rühmliche Ausnahme.

Herbert Fuchs

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