![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 4
Arno Münster: Ernst Bloch. Eine politische Biographie, PHILO Verlagsgesellschaft, Berlin 2004, 442 S., ISBN 3-8257-0357-6, 29,90 Euro
Welchen Nutzen versprechen wir uns von der Lektüre der Biographien großer Philosophen? Verstehen wir ihre Bücher besser, wenn wir wissen, wie ihr Leben verlief? Erhalten wir durch die Kenntnis wichtiger Lebensdaten Aufschluss über die Fragen und Probleme, die das Werk eines Philosophen charakterisieren? Haben wir weniger Probleme mit der Lektüre, wenn wir wissen, unter welchen Umständen das Buch, das uns nicht eben leicht verstehbar anmutet, geschrieben wurde?

Diese Fragen gilt es sich vor Augen zu führen, wenn man an die Lektüre des Buches von Münster geht. Denn so interessant einerseits die Absicht des Autors auch dafür sein mag, Anregungen für eine weiter fortzuführende Auseinandersetzung mit dem theoretischen Erbe Blochs aus der Perspektive unzureichend bekannter Details aus den einzelnen Lebensabschnitten zu vermitteln, so problematisch ist sie auch andererseits: Wie kann nämlich die Neugier fürs private Detail ins Verhältnis mit Blochs Werk gesetzt werden, ohne sich dem Verdacht der Hagiographie auszusetzen? Anders formuliert: Was zeichnet die politische Biographie eines Philosophen gegenüber einer reinen Monographie aus? Ohne Frage fallen Werk und Lebensgeschichte nicht beziehungslos auseinander. Aber was ist mit dieser Einsicht gewonnen? Man könnte entgegnen, dass weder das Werk auf die Biographie des philosophischen Autors zu reduzieren ist, noch dass beide ein harmonisches Ganzes bilden. Was aber sagt das im Hinblick auf die kritische Aneignung eines philosophischen Werkes aus? Ist seine Lektüre eine andere als vor dem Wissen um private Details? Hindert uns möglicherweise die allzu gute Kenntnis biographischer Daten die Ausgangsfragen philosophischer Texte als das wahrzunehmen was sie letztlich sind: sachliche Probleme, deren (theoriegeschichtliche) Darlegung und (systematische) Durchdringung? Bedenkt man, dass nicht jede philosophische Biographie so dramatische Höhepunkte und ein so tragisches Ende wie das von Friedrich Nietzsche hat, scheinen mir diese Fragen durchaus angebracht zu sein. Und wie meinen Fragen zu entnehmen ist, habe ich starke Zweifel, ob es sinnvoll ist, von biographischen Besonderheiten, beispielsweise Blochs ‚Brautschau’ (S. 59-66), auf die theoretischen Untiefen des Werkes zu schließen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, sei hinzugefügt, dass Münster nicht einen solchen Versuch unternimmt. Es stellt sich dennoch die Frage, welche Bedeutung eine solche ‚Brautschau’ für eine politische Biographie hat, dass diesem Ereignis eine derart große Aufmerksamkeit gezollt wird. Denn um eine politische Biographie soll es sich schließlich handeln.
In seiner politischen Urteilskraft ließ sich der jungen Bloch nicht, wie so viele seiner neukantianischen Kollegen, vom Patriotismus des kaiserlichen Deutschlands infizieren. In der Schilderung von Münster mutet dieser Lebensabschnitt von Bloch fast heroisch an. (S. 107-122) Auch die ausführliche Würdigung seines Widerstands gegen die DDR (S. 267-301) ist ebenso beeindruckend wie überzeugend. Ganz anders lesen sich die Abschnitte, in denen es um Blochs Rechtfertigung von Stalins Moskauer Schauprozesse geht. Gleichsam entschuldigend, mit vielen Erklärungen und Vermutungen versehen, wird der Versuch unternommen, zu verstehen, warum Bloch – im Gegensatz zu seiner Frau – diese Schauprozesse für richtig hält: „Trotz der Vorbehalte seiner Gattin habe Ernst Bloch Stalin damals verteidigt und weiter die ‚Wühlarbeit’ der ‚trotzkistischen Verschwörer’ scharf kritisiert. Immer wieder habe er darauf verwiesen, dass die Prozesse ‚notwendig’ seien, damit die Sowjetunion unter Stalin die Hauptbastion gegen den Hitler-Faschismus bleibe. [...] Und Bloch war durch den mit ihm befreundeten Joachim Schumacher, der 1937 von einer Reise aus der Sowjetunion zurückehrte, freimütig über die wirklichen Vorgänge in Russland und die Degeneration der Sowjetherrschaft in eine bürokratische Diktatur informiert worden. Dem aber wollte Bloch keinen Glauben schenken.“ (S. 212)
Warum wollte Bloch wider bessere Informationen aus seinem Freundeskreis nicht glauben, woran selbst seine Frau nicht zweifelte: dass es bei den Schauprozessen um politische Machtkämpfe ging? Sind Blochs Sympathien mit dem Stalinismus ein Teil seiner Biographie? Folgt man der Darstellung von Münster, so gibt es auf diese Frage nur eine Antwort, und zwar eine negative: „Soviel aber ist sicher, Bloch hat mit seiner Apologie der Moskauer Prozesse einen schweren politischen Fehler gemacht, der ihn viele Sympathien kostete. Zugute halten kann man Bloch aber nicht, dass auch große Philosophen (hier könnten ganz andere Namen genannt werden) ein Recht auf Irrtum haben, sondern vor allem, dass der besagte Artikel in der Gesamtheit von Blochs damaligen philosophischen und politischen Schriften das einzige von seiner marxistischen Philosophie stalinistisch abweichende Dokument ist und zudem ein eher marginaler Text.“ (S. 213) Die Rede ist von der „Kritik einer Prozesskritik, Hypnose, Mescalin und die Wirklichkeit“ von 1937, erschienen in die Neue Weltbühne. Ist dieser Text wirklich marginal? Und was besagt das ‚Recht auf Irrtum’, das Münster für Bloch in Anspruch nimmt? Nach der Lektüre dieser Textpassagen drängt sich der Eindruck auf, dass das hermeneutische Prinzip des Wohlwollens gegenüber dem Autor von Münster einseitig moralisch aufgefasst wird. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Münster erklärt, dass Bloch sich den wirklichen Zustand der Sowjetunion nicht eingestehen wollte. (S. 209) Man muss nicht das Buch von Münster gelesen haben, um diese Vermutung zu haben. Aber Bücher, wie die von Münster, werden gelesen, damit solche Vermutungen durch Sachkenntnis abgelöst werden. Und genau an diesem Punkt setzt meine Kritik an.
Nicht die Sachkenntnis des Autors stelle ich in Frage, sondern den historisierenden Ansatz seiner Darstellung. Dass viele Fragen offen blieben, auch nach der Lektüre des Buches, mag im Interesse einer geweckten Neugierde auf das Werk Blochs liegen. Kontraproduktiv für ein solches Anliegen ist, dass der Autor erklärt, statt aufzuklären: Erklärungen, die den Eindruck entschuldigender Gesten hinterlassen und den Verdacht aufkommen lassen, der Autor möchte Bloch um jeden Preis von möglichen Vorwürfen befreien. Diese Erklärungen, die oft genug nicht so richtig überzeugen, verstellen den Blick auf die Person und das Werk Blochs.
Worin also liegt der eigentümliche Reiz für die Lektüre der Biographie eines Philosophen? Was zeichnet die politische Biographie eines Philosophen gegenüber einer reinen Monographie aus? Sachliches Interesse an einem philosophischen Werk kann durch die Kenntnis der Biographie des Autors stimuliert werden, was jedoch nicht notwendigerweise erfolgt. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: die Enttäuschung über eine schlechte politische Urteilskraft (oder mangelnde moralische Stärke) kann ein Desinteresse an den Sachfragen nach sich ziehen, um deren Verständnis der Autor ringt. Münsters politische Biographie Blochs löst wider Willen mehr Desinteresse als sachliche Neugierde aus. Die Frage, was uns heute bei der Lektüre von Blochs Schriften nachdenklich stimmen könnte, findet sich nicht in Münsters Buch. Das verwundert, wenn man sich vor Augen hält, dass Bloch 1967 in einem Interview mit Münster die Frage als den „Grundtenor des Philosophierens“ bezeichnet hat: Philosophie geht von der Grundthese aus, „dass die Welt selber eine Frage ist, und dass der Affekt, den wir ihr gegenüber empfinden, sowohl philosophisch wie auch wissenschaftlich, der des Staunens ist“. [1] Erstaunen löst das Buch von Münster in der Tat aus, nicht jedoch die Art des Staunens, um die es Bloch ging.
Mirko Wischke
[1] Arno Münster (Hg.), Tagträume vom aufrechten Gang. Sechs Interviews mit Ernst Bloch, Frankfurt/M. 1977, S. 127.