Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Irak – wie geht es weiter?

Ein Gespräch mit Roland Benedikter (Institut für Ideengeschichte und Demokratieforschung Innsbruck)

 

Irak – wie geht es weiter? Roland Benedikter über den Stand der Demokratisierung, die Zukunftsperspektiven und die gegenwärtig an den Irak gebundenen Aspekte historischer Symptomatologie.

„Die große Aufgabe der Demokratisierung des Irak wird die Welt voraussichtlich auch nach dem Macht-Transfer vom 30. Juni 2004 und nach den ersten freien Wahlen 2005 in Atem halten. Das Problem ist, dass innovative, differenzierende und langfristig tragfähige Ideen dazu bisher weitgehend fehlen. Und die zentralen Fragen lauten deshalb: Wo finden sich Ideen für eine gelingende Demokratisierung? Welche Modelle und Erfahrungswerte stehen zur Verfügung? Und was kann ‚Kern-Europa’ beitragen?“

Zur Beantwortung dieser Fragen erscheint im Spätherbst 2004 das neue Buch von Roland Benedikter: „Irak - wie geht es weiter? Sozio-kulturelle und demokratiepolitische Perspektiven der Demokratisierung“ im renommierten Passagen Verlag Wien.

 

Roland Benedikter bei einem Vortrag in Marburg

Stockmar / Sonnenberg: Hat George W. Bush jr. seine – ausgesprochenen oder unausgesprochenen – Kriegsziele aus der Sicht der Nach-Machttransfer-Situation im Irak erreicht oder eher verfehlt?

Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt schwer eindeutig zu beantworten, weil die Situation und ihr Umfeld nicht eindeutig sind. Es wird voraussichtlich noch längere Zeit keine Klarheit geben, was mit dem jüngsten Irak-Krieg im Nahen Osten wirklich in Gang gesetzt wurde. Die Unsicherheit wird über die ersten freien Wahlen hinaus anhalten, die für Jänner 2005 geplant sind - wahrscheinlich mindestens bis zur Einsetzung der definitiven neuen Verfassung. Die Anlagen in der irakischen Übergangsverfassung vom 8. März 2004 und die Symptome im Umfeld des Macht-Transfers vom 28. Juni 2004 zeigen aber, dass gewisse Ziele durchaus erreicht wurden:

der, wenn auch erst sehr rudimentäre und zögerliche, Beginn der Demokratisierung;
eine gewisse, noch ganz anfängliche Neupositionierung der Zivilgesellschaft und der Frauen;
eine trotz aller nur allzu offensichtlichen Abgründe, die sich ebenfalls eröffnet haben, zum Teil demonstrativ fröhlich-anarchische Aufbruchstimmung in Künstlerkreisen - und eine, allerdings weit gedämpftere, Stimmung einer gewissen, neu selbstbewußten Autonomisierung in den unter Saddam verbliebenen Residuen der bürgerlichen Mittelschicht. Diese Autonomisierung hat allerdings bislang oft noch Ähnlichkeiten mit einer inneren Emigration.

Insgesamt ist zu sehen: Die Irakerinnen und Iraker organisieren sich neu. Und das ist derzeit einerseits mit einem Gefühl der Befreiung und neuer Würde, andererseits, bei der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, mit erheblicher Verunsicherung und Beklemmung verbunden, weil man nicht weiß, wie es angesichts der andauernden Gewalttaten, der fundamentalistischen Aufstände sowohl von schiitischer wie von sunnitischer Seite und der kaum verborgenen US-Tendenz, sich möglichst bald aus der schwierigen Verantwortungs-Position im Irak zurückzunehmen, weitergeht. Daneben darf man den seit Kriegsende gewachsenen Einfluß von Syrien und dem Iran auf die neue irakische Situation nicht vergessen. Umgekehrt wartet vor allem die junge Generation im benachbarten Iran (die die Bevölkerungsmehrheit stellt) mittelfristig stark auf Fortschritte im Nachbarland, weil sie sich davon einen Anstoßeffekt für die derzeit demokratiepolitisch verfahrene iranische Lage erhofft.

Eine ganze Reihe von strategisch entscheidenden Zielen wurden von Bush nicht erreicht:

Stabilität und Befriedung der ethnisch-kulturell vielerorts gespaltenen Situation;
schnelle Steigerung der Ölexporte;
Ankurbelung von Auslands-Investitionen und allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung;
Beseitigung der allgemeinen Unsicherheit und der tiefen Identitäts-Krise, die sich vor allem bei den Hoffnungsträgern der Demokratisierung in die Aufbruchstimmung hineinmischt und sie zum Teil gefährlich untergräbt.

Nicht von ungefähr kommen bisher nur sehr wenige Exil-Iraker in ihre Heimat zurück; und noch weniger äußern ihre Absicht, es bald tun zu wollen. Der Irak ist gegenwärtig noch zu zerrissen für einen schnellen und kraftvollen Demokratisierungs-Prozeß, der diesen Namen wirklich verdienen würde; und die regressiven Kräfte sind noch zu stark. Das ist unverkennbar. Warum das so ist und weshalb die Ziele der USA nicht erreicht wurden, ist allerdings den meisten internationalen Beobachtern relativ klar:

mangelnde Berücksichtigung sozio-kultureller Tiefenfaktoren,
mangelnde Einbindung der internationalen Gemeinschaft und der Vereinten Nationen,
fehlende demokratiepolitische Makro-Optionen für die spezifische irakische Situation, und stattdessen weitgehende Monologizität des US-amerikanischen Demokratie-Modells, das mehr oder weniger einfach als Vorbild für die irakische Demokratie hingestellt wird. Dabei werden die kulturellen und historischen Unterschiede bislang kaum angemessen berücksichtigt.

Der entscheidende Punkt aber ist systemisch-ganzheitlicher Natur: dass es kein langfristiges und integrales Struktur-Leitbild für die Demokratisierung gibt, das in der Lage wäre, diese Faktoren angemessen neben herkömmlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen-Strategien in eine handlungsleitende Gesamt-Vision für die Entwicklung des Landes einzubeziehen.

Du betonst in Deinen Stellungnahmen und Publikationen zur Irak-Frage immer wieder die Ungeeignetheit des US-amerikanischen Demokratiemodells für die Demokratisierung des Irak. Und Du forderst daher eine stärker eigenständige, stärker aktive europäische Rolle.

Ja. Und ich bin damit nicht allein. Die wichtigsten kritischen US-amerikanischen Analytiker selbst erkennen diese Anforderung im Zentrum der Problematik - so etwa Zareed Fakaria, Adeed und Karen Dawisha oder, vor allem, Amy Chua und Jed Rubenfeld. Die entscheidende Frage heute ist: Nach welchem Modell soll sich der Irak überhaupt zu einer Demokratie entwickeln – nach dem US-amerikanischen oder nach dem europäischen Demokratiemodell? Das ist ein großer, ja vielleicht der entscheidende Unterschied.

Die „Schuld“ an der verfahrenen Situation – es ist immer schwierig und vereinfachend, in solchen Zusammenhängen von „Schuld“ zu sprechen, aber es muß doch versucht werden, um Mißständen und Versäumnissen auf den Grund zu gehen, damit sie beseitigt werden können –, die „Schuld“ liegt weniger an „den Amerikanern“, und sie liegt vielleicht noch weniger an einem einzelnen Menschen wie Bush, der zwar wichtig ist, aber nicht so wichtig, wie viele glauben. Der Irak braucht die USA als Stützmacht und als Garantin für Demokratie auch weiterhin. Die „Schuld“ und die langfristige Problem-Perspektive liegt eher in einem Demokratie-Modell, das, wie die heutige US-amerikanische Demokratie nach der „neokonservativen Wende“ der 90er Jahre, einen gesellschaftlichen Unitarismus pflegt, alles auf individualistische Self-reliance setzt - und vor allem die drei gesellschaftlichen Urbild-Sphären Wirtschaft, Politik und Kultur in eine undifferenzierte Einheit zusammenmischt. Bushs „Schuld“ ist es, dass er die Irak-Frage dazu benutzt hat und auch nun im Wahlkampf weiterhin aktiv dazu benutzt, um seinen innenpolitischen Ziele zu erreichen und die Verhältnisse in den USA zu zementieren – und eine unitarische Klassen-Gesellschaft zu fördern, die möglichst aus einem Block besteht, und keine Ausdifferenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur zuläßt. Dazu schürt und benutzt er die Angst der Menschen vor dem Terrorismus.

Was meinst Du mit „gesellschaftlichem Unitarismus“ als Inbegriff des konservativen US-amerikanischen Demokratiemodells?

Etwas pointiert gesagt: In den heutigen USA ist Kultur weitgehend ein Ausdruck von Wirtschaftslogik - zumindest jene Breiten-Kultur, die die amerikanische Zivilisation bestimmt und die von ihr in die Welt ausstrahlt. Und die Politik ist ein repräsentationales Spiegel-Konglomerat von Interessens-Lobbys. Kultur, Wirtschaft und Politik bilden insgesamt trotz aller Gewaltenteilung und aller „Check and Balance“ einen schwer differenzierbaren, undurchdringlichen Einheits-Filz - in dem die Geltungs-Grenzen der in Wirklichkeit, wie wir wissen, ja ganz verschiedenartigen inneren Logiken dieser drei Bereiche verschwimmen. Ein gesellschaftlicher Bereich macht sich die anderen beiden Bereiche untertan: die Wirtschaftslogik usurpiert die Kultur und die Politik. Nicht vollständig, zwar demokratisch kontrolliert, aber unterschwellig doch in sehr hohem Maß, wie unter anderem die starke Verfilzung der konservativen US-Regierung mit privaten Wirtschaftsinteressen zeigt. Und mitten drin in dieser faktisch nicht vollständig in drei Bereiche ausdifferenzierten, sondern Einheits-Demokratie steht das Individuum, das zumindest offiziell die einzig wichtige, zentrale Größe darstellt, und das in diesem Filz alle Chancen und Möglichkeiten selbst (und aus sich selbst heraus) ergreifen soll – mit fließenden Möglichkeiten und Grenzen.

Man kann leicht sehen, dass damit einerseits eine große Möglichkeitsbreite und Bewegungsfreiheit jederzeit nach allen Seiten, zugleich aber andererseits auch eine „makro-kulturelle“ oder gesamt-gesellschaftliche Situation gegeben ist, die es insbesondere der Kultur schwer macht, sich als eigenständige, dritte gesellschaftliche Logik neben Wirtschaft und Politik, die bis zu einem vergleichsweise hohen Grad nur wechselseitiger Ausdruck voneinander sind, zu behaupten.

Das alles ist für die USA freilich kein Nachteil, sondern Teil ihres historischen Selbstverständnisses als Einwanderungsland: als das Land der einen Prärie bis an den Horizont, in der alle Menschen gleich sind, in der Wirtschaft, Kultur und Politik nur Ausdruck voneinander sind, und in der nur die individuelle Leistung zählt und für Differenzierung sorgt. Hier differenzieren sich die Menschen, nicht die gesellschaftlichen Sphären. Daß der eine kraft individueller Begabung ein anderer ist als der andere: das ist wichtig - nicht, dass die Kultur einer prinzipiell anderen Logik und Aufgabe folgt als die Wirtschaft oder die Politik. Dieser „natürliche“ Unitarismus ist ein Teil der Kraft und der unleugenbaren Größe der Vereinigten Staaten von Amerika. Jeder, der einmal in den USA war, wird diese Kraft und Größe, die in der spürbaren Lebendigkeit des individualistischen Möglichkeitsideals und der radikal freien und gleichen Individualitätszentrierung (statt der Zentrierung auf der Differenzierung in drei gesellschaftliche Sphären wie in Europa) liegt, spüren. Jeder wird diese Kraft und Größe bewundernd in ihrer archaisch-großartigen Kraft anerkennen, die bis in die körperliche Wahrnehmbarkeit des eigenen Kräfteleibs hinein unmittelbar belebend und, wenn man es genau betrachtet, inspirierend wirkt. Nicht zufällig sagt der Historiker Dan Diner, dass die USA mehr Zeit (das heißt: Kräfteleib-Ereignis) als Raum sind, während Europa für ihn mehr Raum als Zeit ist. Das sind durchaus bis in die eigene energetische Physis hinein sehr konkret wahrnehmbare Verhältnisse.

Aber?

Nun, wie gesagt, das alles ist für die USA, für ihre Geschichte und ihre spezifische Konstellation, auch ganz richtig. Aber für den Irak, und für viele andere Gegenden der Welt, die im anstehenden „Jahrhundert der Demokratien“ nach dem Willen der US-amerikanischen konservativen Vordenker wie Paul Wolfowitz, Condoleeza Rice, Robert Kagan oder Samuel P. Huntington zu ihrem eigenen Wohl nach dem Vorbild der USA demokratisiert werden sollen, ist die Orientierung an diesen Verhältnissen tendenziell kontraproduktiv. Denn in den meisten Gegenden der Welt, etwa im Nahen Osten und im Irak, herrschen ganz andere Anforderungen:

Anforderungen der Ausdifferenzierung der Gesellschaft zwischen religiösen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Logiken und Tendenzen;
Aufbrechung von gesellschaftlichen Unitarismen;
Entflechtung der ethnisch-kulturellen Gruppenbildung und der damit verbundenen Konflikte;
wechselseitige Emanzipation von Kultur, Wirtschaft und Politik/Staat.

Ohne diese, im wesentlichen allesamt einer Differenzierungs-Intuition gehorchenden, Anforderungen ist angesichts der vorherrschenden Mentalitäts- und Kultur-Verhältnisse im nach der Macht-Übertragung vom 28. Juni 2004 anstehenden langfristigen Entwicklungs-Prozess des Irak kein substantieller Forschritt hin zu einer Demokratie möglich. Wer im Irak von einem auch nur unterschwelligen gesellschaftlichen Unitarismus herkommt und dieses Modell als Modell für die Demokratisierung des Zweistromlandes propagiert, wird kaum eine Chance haben, die außerordentlich hohen Differenzierungsanforderungen vor Ort angemessen zu erkennen und zu befriedigen. Daher wird der Demokratisierungsprozess, beeinflusst von solchen Persönlichkeiten, alsbald in große Schwierigkeiten hineingeraten.

Von solchen Persönlichkeiten wie den heutigen konservativen US-Strategen?

Ja. Die heutigen USA gehen unter Bush und Co. nicht nur mit innenpolitischen Absichten, sondern vor allem mit ihrem unterschwelligen „Einheits“-Verständnis von Demokratie an die Aufgabe der Demokratisierung des Irak heran. Es wird von ihren leitenden Strategen, zum Beispiel von den Vertretern des republikanischen „Project for a New American Century“ (PNAC), dem führende Mitglieder der amerikanischen Regierung als Gründungsmitglieder oder aktive Vertreter angehören, ganz offen ausgesprochen: dass US-amerikanische Werte-, Kultur-, Gesellschafts- und Sozialformen im 21. Jahrhundert in alle Welt exportiert werden sollen – und also natürlich im Prinzip auch das Richtige für den Irak sind. Ähnlich sehen es interessanterweise im Grundsätzlichen auch, bei allen sonstigen Differenzen, ihre „demokratischen“ Antipoden, wie etwa die Demokraten Ron Asmus, Daniel Byman oder Ken Pollack. Auch sie sind, weil sie in der Atmosphäre der US-amerikanischen Einheitsdemokratie aufgewachsen sind, tendenziell oder zumindest unterschwellig davon überzeugt, dass das US-amerikanische Demokratiemodell das beste Vorbild für die Demokratisierung des Irak ist. Und das zeigt nur ein weiteres Mal, wie stark das US-amerikanische „Kultur“-Modell der Einheits-Demokratie auf seine Einwohner wirkt; und wie schwer man sich bei aller Reflexionskraft als „Subjekt“ eines Gesellschaftsmodells seiner bis ins Innerste durchdringenden Kraft entziehen kann. Man muß daher meiner Meinung nach das demokratiepolitische Element, das heißt die Frage des makro-kulturellen und subjektivitätswirksamen, des anthropologischen Charakters eines kollektiven Demokratie-Verständnisses, wirklich als eine eminente, vielleicht die wichtigste Kulturkraft in einer Gesellschaft ansehen.

Was bedeutet das für die Demokratisierung des Irak in den kommenden Monaten und Jahren?

Ein Großteil der führenden amerikanischen Strategen geht derzeit, unabhängig ob republikanisch oder demokratisch, unabhängig ob Bush- oder Kerry-sympathisierend, ziemlich übereinstimmend mit der Annahme an die Demokratisierung des Irak heran, dass das US-amerikanische Demokratiemodell letztlich dafür das geeignetste Vorbild ist. Das ist aber meiner Meinung nach weitgehend problematisch. Denn der Irak braucht heute nicht Modelle unterschwelliger - und zum Teil mittlerweile auch expliziter - gesellschaftlicher Vereinheitlichung von Wirtschaft, Politik und Kultur. Sondern er braucht Modelle gesellschaftlicher Makro-Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur, aber auch zwischen vielen relevanten Meso- und Mikro-Feldern:

auf dem Feld ethnisch-kultureller Diversität und des ihr innewohnenden Konflikt-Potentials, das sicher nicht einfach nach US-amerikanischen Indidivudalitätsverständnis gelöst werden kann, wie manche annehmen; hier ist eben nicht einfach jeder, unabhängig von Religion, Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit, ein Iraker, und nur die individuelle Leistung macht den Unterschied;
auf dem Feld der überaus notwendigen, strengen Trennung zwischen Religion und Politik/Staat, ohne die die Gefährdung der jungen irakischen Demokratie durch den islamischen Fundamentalismus verschiedener Provenienz nicht aufhören wird;
auf dem Feld der wechselseitigen Autonomisierung und Emanzipation der drei Sphären der Wirtschaft, Politik und Kultur/Religion voneinander - ohne die die Tribalismen, die den Irak in Bann halten, nicht harmonisch zu entwickeln, und ohne die die unterschiedlichen, je eigenständigen Potentiale der drei gesellschaftlichen Sphären nicht, so wie es notwendig sein wird, tridimensional und also vollständig für den weiteren Entwicklungsprozeß freizusetzen sind.

Von diesen gesteigerten gesellschaftlichen Differenzierungs-Anforderungen im heutigen Irak ist wahrscheinlich die bewusste Ausdifferenzierung zwischen Wirtschaft, Politik/Staat und Kultur/Religion langfristig für ein innerlich so stark diversifiziertes, historisch künstlich zusammengefügtes und lange Zeit nur mit Gewalt und Brutalität zusammengehaltenes, also bis zu einem hohen Grad artifizielles Einheits-Gebilde wie den Irak die wichtigste Dimension. Sie kann mit dem heutigen, konservativen US-amerikanischen Demokratie-Vorbild und seiner wachsenden Einheit zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur nur unter großen Problemen erreicht werden – wenn überhaupt. Man denke, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa daran, wie die USA bei sich zuhause den Faktor ethnisch-kultureller Differenzierung historisch stets vernachlässigt haben und nun mehr denn je institutionell vernachlässigen, weil sie den gesamten (konservativen) Fokus auf Individualität und Gleichheit legen. Das Ergebnis dieser notorisch mangelnden Beachtung der strukturalen Differenzierungsanforderungen ihres Demokratiemodells sind die ethnischen Ghettos in den Städten, die Chinatowns, Black Suburbs, Puerto Ricos, Little Italys. Genau die Ungeeignetheit des US-Demokratiemodells im institutionellen Umgang mit ethnischer und sozio-kultureller Diversität zum Beispiel ist es, was im Irak heute die grundsätzliche Atmosphäre einer diffusen Disharmonie, Diskrepanz oder Unvereinbarkeit zwischen US-Mentalität und irakischer Mentalität entscheidend mit prägt. Sie ist unterschwellig, aber spürbar dasjenige, „was nicht funktioniert“. Sie ist „der Kulturunterschied“. Sie begründet, natürlich neben vielen anderen Faktoren, die allgemeine, scheinbar unerklärlicherweise kaum an konkreten Einzelproblemen festmachbare Ratlosigkeit und Stagnation des Demokratisierungsprozesses mit.

Und Kontinental-Europa (Großbritannien muß hier ausgenommen werden, weil es in einer speziellen Beziehung und Einheit mit den USA steht, die bestenfalls einer Vermittlerrolle zwischen den USA und Kontinentaleuropa entspricht)? Europa hätte doch historisch ein anderes Demokratiemodell anzubieten – eines, das stärker auf eine Ausdifferenzierung und wechselseitige Autonomisierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur hinausläuft.

Ja. Das europäische Demokratie-Modell, ausgehend von der fundamentalen, radikalen - und damals noch in seiner ganzen revolutionären Kraft erfahrenen - Differenzierungs-Intuition der französischen Revolution: Freiheit (Kultur), Gleichheit (Politik) und Brüderlichkeit (Wirtschaft), wäre im Prinzip für den Irak weit geeigneter.

Aber Europa spielt, im Gegensatz zu den Forderungen der übergroßen Mehrheit der heutigen Nahost-Intellektuellen, bisher doch faktisch nur eine sehr schwache Rolle im Irak.

Richtig. Europa ist zersplittert - zwischen demonstrativer Unterstützung der Amerikaner (Berlusconis Italien, das nach dem Willen des Medien-Moguls selbst auf dem Weg zur „Einheitsdemokratie“ ist, Spanien vor den Terroranschlägen und dem Regierungswechsel, Polens „hart optimistische“ Demokratie-Neulinge), vorsichtiger, nicht selten wahltaktisch geprägter Kritik (Deutschland, Frankreich), eigenen Interessen und faktischer Abwendung von den dortigen Problemen. Dies, weil man in Wirklichkeit mit dem eigenen Einigungs- und Erweiterungsprozeß, aber auch mit dem Verhältnis zu Rußland und den dortigen Vorgängen (Tschetschenien, lokale Bürgerkriege, Terror nicht nur in der Beslan-Schule) so stark beschäftigt ist.Kerneuropa, in mehreren europäischen Traditionen sinnbildlich der Löwe (Mitte: das Sinnbild der abwägenden und differenzierenden Seele) steht heute mehr denn je zwischen dem Adler (Westen/Oben: angelsächsischer Bereich: klares, global ausgreifendes Verstandes- und Handlungsbewußtsein) und der Kuh (naher und ferner Osten, Unten: Tiefendimensionen der „Verarbeitung“ von Zeit-Symptomatiken, unbewußter Wille) und ist, mangels eigener Substanz, desorientiert. Es befindet sich in einem vielfach heterogenen und krisenhaften Transformations-, Schwellen- und Übergangsprozeß. Und das ist psychologisch in der Tat beileibe nicht der günstigste Zeitpunkt, um entschlossen und gemeinsam ein alternatives Demokratiemodell für die Nachbarregion des Nahen Ostens zu propagieren, die doch so dringend darauf wartet. Es ist verständlich, dass in dieser Lage das Lavieren über Grenzziehungen (Europa mit der Türkei, ohne die Türkei, über die Türkei hinaus) näher liegt als eine nicht nur in Einzelheiten, sondern struktural prägende Rolle bei der demokratischen Neuordnung des Nahen Ostens. Aber es ist ebenso klar, dass das ein tiefes Problem darstellt – mit langfristig zweifellos ganz verschiedenen und notwendigen, aber in ihrer vollen Dimension noch unabsehbaren Folgen. Wir sollten uns nur einmal fragen: Wer ordnet mit Hilfe welcher Kräfte die Umgebung Europas heute neu? Und im Hinblick auf was? Mit welchen mittel- bis langfristigen Zielen? Diese Fragen sind von der heute paradigmatischen „political correctness“ nicht nur erlaubt, sondern geboten – im Interesse und zum Nutzen aller im Spiel befindlichen Teile.

Man hat derzeit wahrlich nicht den Eindruck, dass Europa neben dem demokratiepolitisch unterschwellig weltweit vorherrschenden US-amerikanischen „Unitarismus“ alternativ etwas Eigenes einzubringen - und damit die „demokratiepolitischen Optionen aktiv im Hinblick auf Makro-Sphären-Differenzierung zu vervielfältigen“ hätte, wie Du forderst.

In der Tat hat „Kerneuropa“ (wie es einige Intellektuelle vor kurzem zur Abhebung vom US-amerikanischen Demokratie-Verständnis neokonservativer Karatur herausarbeiten wollten, allerdings mit ungeeigneten Mitteln) mangels aktiver und bewusster Ergreifung des wirklichen „Kerns“ seiner historischen und unterbewußten demokratiepolitischen Eigenständigkeit: nämlich der fundamentalen trinitarischen Differenzierungstendenz zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur (Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit) als gesellschaftlichem Makro-Strukturansatz, zum Teil eine faktisch durchaus ambivalente, widersprüchliche und zum Teil auch undurchsichtige Rolle in der Irak-Krise 2002-2004 gespielt. „Kerneuropa“ war zwar in gewisser Weise progressiv, denn es hat sich in Teilen bestimmten traditionalistischen Logiken widersetzt, die Gefolgschaft für neokonservative „westliche“ Strategien angelsächsischer Einheits-Karatur einforderten. Aber das Maß an Progressivität mißt sich letztlich eben immer an dem Grad von Bewusstsein, mit dem man progressiv ist – im 21. Jahrhundert, das nicht nur das Jahrhundert der Demokratien, sondern auch das komplexeste Jahrhundert sein wird, das es je gab, mehr denn je. Und immer mehr.

Inwiefern war die Rolle „Kerneuropas“ (wie es Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Umberto Eco, Fernando Savater, Gianni Vattimo und andere genannt haben, um ein demokratiepolitisches Prinzip als Alternative zu den USA zu bezeichnen) in der Irak-Krise ambivalent und widersprüchlich?

Zunächst: Ich möchte im Rückblick nichts von der Rolle und der Verantwortung der anglo-amerikanischen Kriegskoalition für die Vorgänge relativieren. Die Hintergründe sind noch weitgehend unaufgeklärt, und sie werden aufzuklären sein. Viele Spekulationen und Annahmen machen die Runde. Sie verweisen, nicht erst seit dem großen, aus aufklärerisch-kritischer Sicht mehr als begrüßenswerten Erfolg Michael Moores „Fahrenheit 9/11“, auf verschiedene im Spiel befindliche rote Fäden. Und es wird genau zu sehen sein, was davon den Tatsachen entspricht und was nicht – das heißt: was die wahre Komplexität hinter den Geschehnissen war und ist, wie sich die Dinge verbunden haben, und was von dieser Verbindung nachwirkt. Die Verantwortung für begangene Fehler und die im Spiel befindlichen Interessen seitens gewisser Kreise und Zweck-Koalitionen sind ein Faktum, und sie können nicht durch irgendwelche Reduktionismen bagatellisiert werden.

Aber Faktum ist auch, dass einer der blutigsten Diktatoren dieses und des vergangenen Jahrhunderts, Saddam Hussein, während die Krise auf Messers Schneide stand, Kerneuropa wegen seiner ambivalenten Haltung zwischen Aufforderung zur Kooperation mit den Waffen-Inspektoren um Hans Blix und seiner gleichzeitigen Weigerung der Inkraftsetzung von konkreten Sanktionen (sprich Krieg) bei Nicht-Kooperation ausdrücklich als „Verbündeten“ betrachtete. Dieses Missverständnis, das konkreter, von tieferliegenden Gründen gespeister Unentschlossenheit geschuldet war, sollten wir nicht vergessen. Selbstverständlich werden viele das im Nachhinein, wenn ich jetzt an diese jederzeit nachprüfbaren Fakten erinnere, wieder als unnötige Polemik empfinden. Aber ich meine es nicht als Polemik. Ich meine erstens einfach das Faktum, vor dem gerade im Hinblick auf die Perspektive der kommenden Jahre nicht die Augen zu verschließen sind, dass Kerneuropa damals keine aktiv eigenständige Politik hatte: dass es nichts „Eigenständiges“ ergriffen hat, weder demokratiepolitisch noch machtpolitisch, und dass es daher einen zum Teil missverständlichen Zick-Zack-Kurs fahren musste. Und ich meine damit zweitens das Faktum, dass Kerneuropa bis heute nichts Eigenständiges im Sinne eines konkreten Makro-Leitbildes ergriffen hat – weder für sich und seine eigene Erweiterung und Entwicklung, noch im Hinblick auf seine notwendige Positionierung im Rahmen der langfristig anstehenden „Welt-Demokratisierung“. Genau dieses Versäumnis aber macht Europa, bei allen Versuchen einer konstruktiven Alternativ- und Komplementär-Positionierung zu den USA in Makro-Maßstab, für den konkreten Demokratisierungs-Prozeß des Irak so profillos und schwach. Und der Irak ist voraussichtlich nur der erste Prüfstein.

Aber es gab doch immerhin die bereits erwähnte „Kerneuropa“-Initiative der europäischen Intellektuellen vom 31. Mai 2003, die darauf abzielte, nicht nur wie bisher passiv, sondern erstmals aktiv eine eigenständige demokratiepolitische Position zu affirmieren, sogar ansatzweise zu entwickeln und weltpolitisch zu behaupten.

Wenn man diese Initiative im Zusammenhang dessen betrachtet, was ich bisher skizziert habe, dann lagen dort durchaus Keime, mit der heute notwendigen Ergreifung des Eigenständigen Ernst zu machen - und daraus praktische demokratiepolitische Strukturalternativen auf Makro-Ebene abzuleiten. Diese würden heute gerade im Irak dringend benötigt. Aber diese Initiative einiger elitärer europäischer Intellektueller ist auf halbem Weg versandet. Faktisch war sie, bis auf den spekulativen Ausgangs-Impuls vom 31. Mai, schon in den Wochen danach vergleichsweise schnell eine weitgehend unfruchtbare und sterile Diskussion. Warum? Weil ihr das Entscheidende gefehlt hat: die Übertragung der – bei dieser Initiative stark aus der tagespolitischen Empörung und aus dem damit verbundenen Abgrenzungs-Bedürfnis geborenen - „Wiedergeburts“- und Eigenständigkeits-Intuition in ein konkretes, pragmatisches und langfristig tragfähiges Makro-Struktur-Leitbild eigenständiger Prägung. Diese Übertragung, oder zumindest die aktive Auseinandersetzung mit ihr, wurde bislang versäumt. Sie wird nun zu leisten sein, wenn „Kerneuropa“ nicht erneut vor seiner potentiellen Verantwortung für die nun erst ernsthaft beginnende Demokratisierung der angrenzenden Nahost-Region versagen will. Ich habe für diese Übertragung das Demokratie-Leitbild systematisch fortschreitender trinitarischer Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur zur Diskussion gestellt - das man, in der Nachfolge einer gewissen europäischen Tradition, auch „soziale Dreigliederung“ nennen könnte.

Wir haben auf dem Höhrepunkt der Entzweiung zwischen den USA und Kerneuropa die Vorwürfe des inzwischen wegen Wirtschafts-Verflechtungen zurückgetretenen, aber hinter den Kulissen weiterhin einflußreichen Bush-Beraters Richard Perle gehört, Frankreich und auch andere Staaten hätten nur aus eigenen Öl-Interessen gegen den Irak-Krieg gestimmt, um ihre vorteilhaften Bedingungen bei einer allfälligen Nachkriegs-Neuordnung des Irak nicht zu verlieren. Faktum scheint, dass zumindest Saddam Hussein in diese Richtung spekulierte, als er kurz vor dem Krieg Russland und Frankreich sehr günstige Öl-Kontrakte anbot. Ist das auch ein Zeichen der „Zersplitterung der demokratischen Welt“?

Was die - wenn man den Kontext berücksichtigt, etwas rethorisch und bewußt provokant wirkenden - Vorwürfe des „Falken“ Richard Perle gegen Frankreich betrifft, die Regierung in Paris habe bei der Suche nach einer diplomatischen Lösung im Irak-Konflikt eigene wirtschaftliche Interessen verdeckt, und sei gegen den Krieg gewesen, weil sie ihre vorteilhaften Beziehungen zum Regime Saddam Husseins nicht gefährden wollte, ist zu sagen, daß Perle selbst in undurchsichtige politisch-wirtschaftliche Interessenskonflikte verstrickt war. Abgesehen davon hatte er aber Recht: auch diese Motive spielten eine Rolle. Es gab auf keiner Seite der Irak-Krise „reine“ Motivationen, so wie es sie kaum je in der Weltgeschichte gegeben hat oder gibt. Fast immer vermischen sich verschiedene Impuls-Stränge: Ideen, Ideale, Taktiken, Strategien und Interessen. Kulturell-geistige Weltmission des Angelsachsentums seit dem 19. Jahrhundert (Cecil Rhodes und Alfred Milner), politische und wirtschaftliche Logiken verbinden sich zu jenen mehrdimensionalen Geschehnissen, die wir dann als das „eine“ Wirklichkeitsereignis beobachten. Auch auf „kerneuropäischer“ Seite. Darüber dürfen wir uns keine Illusionen machen - gerade deshalb nicht, weil das gar nicht der entscheidende Punkt ist, ob „reine“ Motivationen im Spiel sind oder nicht.

Der entscheidende Punkt ist, was als Summe und Ergebnis der Motivationen letztlich an konkreten, substantiellen Entwicklungen geschieht, und was das für die Menschen und die konkrete Qualität der gesellschaftlichen Beziehungen bedeutet. Das ist der einzige objektive Maßstab, nicht die Intentionen oder die sich oft widersprechenden Einzel-Motive. Es geht im 21. Jahrhundert nicht mehr um eine kantianische Absichtsethik, wie sie die Moderne vertrat, sondern es geht um eine Ereignis- und Faktenethik, wie sie die Postmoderne zu Recht herausgearbeitet hat. Die kantianische Absichts-Ethik (es zählt der gute Wille) muß gerade auf dem Feld, wo sich heute und in Zukunft Politik, Wirtschaft und Kultur immer stärker begegnen und gegenseitig bedingen werden, zum Zweck der Differenzierung des Realen überwunden werden. Und zwar ganz ohne zu übersehen, dass der Kantianismus als prägendes ethisches System des modernen, aufgeklärten Europa im Gegensatz zum bis heute weitgehend objektivistischen Willenssystem Amerikas eine viel humanere Gesellschaftsordnung mit ganz anderen Sozialverhältnissen geschaffen hat, wenn auch eine in mancherlei Hinsicht unbeweglichere. Was künftig zählt, ist nicht die Absicht, sondern das objektive Ereignis und seine individuelle, gesellschaftliche und geistige Dimension. Das ist, erstens im Gegensatz zu den Annahmen vieler „kantianischer“, postmoderner europäischer Progressiver, die sich in der Irak-Frage bis heute noch immer in „kritischen“ Protesten verschiedener Art gegen die Hegemonie-Rolle der USA erschöpfen, aber zweitens auch im Gegensatz zu den „hobbesianischen“, „primärmodernen“ Neokonservatismen aus den heutigen USA mit ihrem simplifizierenden nationalen Unitarismus, eine umfassendere Sichtweise: es ist das „post-postmoderne“ oder „schau-logische“ Gesellschaftsverständnis für die kommenden Jahrzehnte.

Man kann Deine Position insgesamt so verstehen, daß die demokratiepolitische Makro-Komplementarität zwischen den USA und Europa in den kommenden Jahren für die Demokratisierung des Irak, aber auch darüber hinaus letztlich der entscheidende „größere“ – der ausschlaggebende Punkt ist?

Ja. Zumindest ist diese Komplementarität ein mit entscheidender Scharnierpunkt. Und nicht nur für die Demokratisierung des Irak. Wir müssen uns darüber klar sein, dass das, was an bewusster und aktiver demokratiepolitischer Makro-Komplementarität im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zwischen den beiden demokratischen Hauptmächten der Welt: zwischen den USA und Europa entstehen kann, für die meisten Entwicklungen weltweit, auch auf der Meso- und Mikro-Ebene, mit prägend sein wird. Denn inmitten dieser Makro-Komplementarität werden sich sehr viele Fragen der Einrichtung der künftigen Gesellschaften weltweit mit entscheiden.

Inwiefern?

Nehmen wir dazu einige konkrete Beispiele: die anstehende Erneuerung von Funktion und Rolle der Vereinten Nationen, das in Verhandlung befindliche Abkommen zur weltweiten Liberalisierung von Dienstleistungen GATS, die Genfrage, die Frage des Umgangs mit den neuen Bio-Technologien, die Liberalisierung der Wirtschaft, ihre künftige institutionelle Verankerung und Stellung in der Weltgesellschaft, die Demokratisierung des Irak, aber auch die Demokratisierung von Teilen Afrikas und Asiens – all dies sind im erweiterten Sinn kulturelle Fragen, die je nach Demokratie-Modell samt dazugehörigem demokratie- und entwicklungspolitischem Grundverständnis unterschiedlich gesehen und also verschieden entschieden und ausgestaltet werden. Das sieht man heute bereits sehr deutlich an den unterschiedlichen Grundverständnisse und Richtungsentscheiden der USA und Europa in mehreren den genannten Fragen. Die Entscheidungstendenz hat jeweils maßgeblich damit zu tun,

wie unabhängig die Kultur innerhalb der Demokratie- und Gesellschaftsauffassung faktisch von Politik und Wirtschaft ist,
wie sehr sie durch Geltungsgrenzen vom Einfluß der beiden anderen Sphären geschützt ist,
wie stark die Tatsache beachtet wird, dass es drei unterschiedliche gesellschaftliche Logiken gibt, die es alle gleichermaßen und autonom voneinander zu berücksichtigen gilt.

Kurz: Wie stark die Erkenntnis einer notwendigen trinitarischen Differenzierung zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik mit dem Demokratieverständnis verbunden ist.

Kannst Du das näher erläutern?

Man sieht die Bedeutung des Demokratiemodells für die Behandlung praktischer Fragen zum Beispiel an den heutigen konkreten Differenzen zwischen den USA und Europa hinsichtlich Fragen des Umgangs mit der Gentechnologie. In den USA, wo Wirtschaft, Kultur und Politik tendenziell ein Einheitskonglomerat bilden, sagt man, das ist kein Problem, man braucht nicht zwischen gentechnisch modifizierten und nicht-modifizierten, „natürlichen“ Pflanzen zu differenzieren. In Europa, wo Wirtschaft, Kultur und Politik traditionell stärker ihre jeweilige Eigenständigkeit behaupten, drängt die Wirtschaft auf Ähnliches, die Kultur aber drängt auf Differenzierung in Form einer rigiden Kennzeichnungspflicht, und die Politik versucht zwischen Wirtschaft (Profit, Wohlstand, technische Innovation) und Kultur (langfristige menschliche Perspektive, Vertiefung von Fragen und Problemstellen, Wertedimension, Sinndimension, Diversität) zu vermitteln. Es kommen unterm Strich zwischen den USA und Europa sehr unterschiedliche Intuitionen über die notwendigen praktischen Richtungnahmen - und damit über die konkreten politischen und juridischen Entscheidungen heraus. Diese Entscheidungen hängen letztlich vom (trinitarisch differenzierenden oder unitarischen) Makro-Leitbild des jeweiligen Demokratiemodells ab.

Aber ist nicht gerade in den USA „die Kultur“ außerordentlich kritisch, was die demokratiepolitische und gesellschaftliche Entwicklung des Landes in den letzten Jahren betrifft? Insbesondere die universitäre Kultur, die oft auch als „europäisiert“ verschrien wird?

Doch, das schon. Aber auch sie kritisiert nur Einzelnes, hat aber kein ausreichendes Bewusstsein von der notwendigen Makro-Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur - als langfristig notwendigem Entwicklungsleitbild für die Demokratie insgesamt. Sogar avantgardistische amerikanische Denker wie etwa der weltweite Vordenker der neo-integralen Bewegung, Ken Wilber, kommen nicht auf die Idee der gesellschaftlichen Makro-Differenzierung. Sondern sie wollen für Entwicklung immer wieder nur durch Integralermachen von Wirtschaft, Kultur und Politik in ihrem je eigenen Bereich, aber auch insgesamt sorgen. So wichtig das ist, so ist es doch auch ein zweischneidiges Schwert, gerade unter den heutigen konservativen Rahmenbedingungen der US-amerikanischen Demokratie.

Kehren wir zu unserem Beispiel zurück: Die stärkste Reflexionskraft gegen die undifferenzierte Einführung von Biotechnologien, die zugleich die stärkste Zukunftskraft zu ihrer Differenzierung ist, kommt gegenwärtig - und voraussichtlich auch noch in den kommenden Jahren - nicht aus der politischen oder wirtschaftlichen, sondern aus der Kultursphäre. Und zwar aus der europäischen, nicht aus der amerikanischen. Das ist kein Zufall. Denn die amerikanische Kultursphäre, nicht die gesamte natürlich, aber ihr gesellschaftlicher Breitenaspekt, genauer gesagt: ihre strukturelle Rolle innerhalb der amerikanischen Demokratie und ihrem Selbstverständnis, ist tendenziell von Politik und Wirtschaft „aufgesogen“. Sie versteht sich entweder als deren integraler Bestandteil, oder wird von ihnen, soweit sie sich als unabhängig behauptet und postuliert, als ein wenig exotisches oder exaltiertes (oft hört man auch: „europäisiertes“) Glied dritten Ranges (durchaus im hierarchischen Sinn) verstanden. Dies, weil das unitarische Demokratiemodell es unbewußt so vermittelt.

Genau ähnliche Mechanismen werden, wenn auch in übertragener Form, künftig für den Irak gelten. Die stärkste Reflexionskraft gegen die undifferenzierte Einführung einer unitarischen „Einheits-Demokratie“ konservativen US-amerikanischen Musters, die aller Voraussicht nach scheitern wird müssen, kommt heute - und voraussichtlich auch noch in den kommenden Jahren - nicht aus der politischen oder wirtschaftlichen, sondern aus der Kultursphäre. Und zwar weniger aus der amerikanischen, sondern vielmehr aus der europäischen Kultursphäre. Die europäischen „kulturell Kreativen“ haben hier eine bedeutende Aufgabe - gemeinsam mit den amerikanischen, die nach Schätzungen der amerikanischen Soziologen Paul Ray und Sheryll Anderson allerdings erst etwa 15% der Gesamtbevölkerung ausmachen, die ebenfalls „instinktiv“ in Richtung auf eine trinitarische Differenzierung zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik hinzielen.[1]

Läuft das nicht letztlich auf das Klischee einer kulturellen Überlegenheit Europas über die USA hinaus?

Nein. Das sind keine kulturelle Überlegenheitsphantasien. Die unitarischen Konservativen und die heute strategisch mit ihnen verbündeten Modernisten in den USA sagen, Europa wolle mit seiner Tendenz zur Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur und mit seiner Betonung von Werte- und Kulturfaktoren gegenüber universell-wirtschaftlichen und -politischen Faktoren letztlich nur politisch-militärische Minderwertigkeitsgefühle und verborgenen Neid kompensieren. Die das sagen, wollen, aus verschiedenen Gründen, keine Diskussion über diese Dinge, wie etwa Timothy Garton Ash[2] gezeigt hat. Das, worauf ich hinzuweisen versuche, ist kein Klischee, sondern nur die Beobachtung von Fakten und von klar sichtbaren typologischen Richtungstendenzen. An ihnen dürfen wir gerade im Sinn der weiter unabdingbaren Freundschaft und der beiderseitig fruchtbaren, in vielerlei Hinsicht im Hinblick auf die kommenden Herausforderungen noch zu intensivierenden Kooperation zwischen den USA und Europa nicht länger vorbeigehen.

Was bedeutet das konkret für den Irak?

Noch einmal: Wenn die nahöstlichen Intellektuellen, die bis heute im „Westen“ und in Europa noch immer weit unterschätzt und viel zu wenig wahrgenommen werden, immer wieder eine stärkere europäische Rolle im Demokratisierungs-Prozeß des Irak einfordern, dann haben sie dafür ihre guten Gründe. Sie halten das europäische Demokratiemodell für mit entscheidend für eine Ausbalancierung der Entwicklung. Sie meinen damit nicht nur Beschwichtigung oder Diplomatie, wie man es heute aus Europa gewohnt ist, sondern wirklich etwas viel Konkreteres: die urbildliche Tendenz zu trinitarischer Makro-Differenzierung zwischen Kultur, Wirtschaft und Politik, die sie zumindest unterschwellig in der Atmosphäre Europas vernehmen. Und sie meinen, dass der Irak Europa nicht nur geographisch, sondern auch in seiner Geschichte und in seiner hohen inneren Differenzierung zwischen Sprachen, Kulturen und Ethnien viel näher ist als den USA. Der Irak braucht, kurz gesagt, den für die europäischen Demokratien charakteristischen Differenzierungsimpuls viel stärker als den unitarischen Demokratie-Impuls, der von den heutigen USA ausgeht.

Wie ist aber dann künftig Zusammenarbeit oder „Komplementarität“ zwischen den USA und Europa möglich? Europa hat bisher im Irak ja kaum eine Rolle, die USA beherrschen auch nach dem Macht-Transfer faktisch alles.

Damit es künftig eine produktive und freundschaftliche Komplementarität zwischen den in Färbung und gesellschaftlich-kultureller Richtungs-Tendenz in der Tat unterschiedlichen, aber eng zusammenarbeitenden Demokratie-Modellen zwischen den USA und Europa geben kann, muß diese Komplementarität nicht wie bisher an Einzelproblemen, unsystematisch und ad hoc - sondern bewusst, systematisch und ganzheitlich geplant stattfinden. Das ist entscheidend, damit Missverständnisse vermieden werden. Dazu müssen erstens sowohl die USA wie Europa ihre jeweiligen demokratie-, kultur- und gesellschaftspolitischen Eigenheiten aktiv ergreifen und sie makro-struktural leitbildartig konkretisieren, um sie zweitens als aktive und konstruktive Vielfalt von unterschiedlichen Demokratisierungs-Optionen je nach Erfordernis einzubringen. Aber das Ganze der Komplementaritäts-Bemühung muß dabei stets spürbar sein. Das ist für den weiteren Entwicklungs-Prozeß im Irak meines Erachtens entscheidend. Wer das nicht bewusst anstrebt, vergibt die vielleicht größte demokratiepolitische Entwicklungs-Chance für die erste Hälfte dieses jungen Jahrhunderts insgesamt, und zwar im Hinblick auf alle beteiligten Seiten. Denn aus einer solchen, bewusst gepflegten Komplementarität werden auch die USA und Europa sehr viel profitieren - viel mehr, als wir bisher vielleicht glauben.

Ist diese „aktive Selbstergreifung des Eigenen“ nicht bereits in Gang, zumindest auf europäischer Seite?

Ja, aber das Bisherige waren erst erste Ansätze, geboren aus dem Zorn einer bestimmten Situation, und sie werden bereits wieder vom Tagesgeschäft überwältigt. Europa, die „Zivilmacht“, bleibt bisher weit hinter seinen demokratiepolitischen Möglichkeiten - und seinen damit zusammenhängenden faktischen Verantwortungen für die Nachbarregion - zurück. Denn es ergreift, obwohl es im Rahmen der europäischen Verfassung die Möglichkeit dazu hätte, die ihm urbildlich innewohnende Tendenz trinitarischer Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur noch nicht annähernd aktiv und bewusst genug. Es macht aus dieser unterschwelligen Tendenz, in der seine Eigenheit liegt, nichts Strukturelles, nichts Institutionelles, nichts Formales oder Symbolisches. Und genau das ist mit ein Hauptgrund für Europas bisher faktisch passive Rolle im Irak. Wer das Eigene bei sich noch nicht ergriffen hat, wie kann er Alternativen für andere anbieten? Die Initiative der europäischen Intellektuellen vom 31. Mai 2003 zur „Wiedergeburt Europas“ war zu dieser Ergreifung jedenfalls bestenfalls eine Vorbereitung. Sie erlaubt noch kaum ein Handeln auf der Grundlage eigener Angebote.

Ja, es ist auffällig: Man lädt die Europäer immer nur als Diplomaten und Vermittler ein, nicht als Gestalter.

Und zwar nicht ohne Grund. Europa hat bisher ja wirklich nur wenig Eigenständiges an Gestaltung einzubringen. Und es ist dabei auch noch in sich gespalten. Europa kann im Irak gar nicht aktiver und in grundlegenderer, tiefgreifenderer Weise effizient sein, solange es das demokratiepolitische Makro-Leitbild trinitarischer Differenzierung nicht bei sich zu Hause aktiv und bewusst zur Strukturform seiner Eigenständigkeit macht - seiner „Neugeburt“, wenn man sich wie Habermas und Derrida in diesen metaphorischen Begriffen bewegen will, nicht seiner „Wiedergeburt“, denn es ist ja keine Wiedergeburt, gerade aus der Sicht des Irak nicht: es geht nicht um die Restauration von früheren europäischen Rollen und Selbstverständnissen. Nur dann kann Europa den Weltgegenden, in denen ebenfalls vertiefte gesellschaftliche Ausdifferenzierung aus der Geschichte und aus der Situation heraus notwendig ist, unterstützend mit Eigenem beistehen. Etwas genauer formuliert: mit einer bewusst eigenen, langfristig blick- und handlungslenkenden Makro-Struktur-Option beistehen, die das große Bild ebenso genau beachtet wie die täglichen Steuerungsanforderungen und Richtungsentscheide. Genau das wäre notwendig - für den heutigen Irak ebenso wie zum Beispiel für das künftige israelisch-palästinensische Doppelgebilde, wenn sich aus den heutigen Autonomie-Gebieten ein eigenständiger palästinensischer Staat herausbilden wird. Soll er sich an Europas Demokratie-Modell oder an dem der USA orientieren?

Welche historische Symptomatologie spiegelt sich, wenn man all diese Aspekte zusammennimmt, heute zusammenfassend im Irak?

Wir sollten uns zunächst einmal fragen: Wofür ist der heutige Irak im Hinblick auf Europa ein Symptom, vor allem: im Hinblick auf Europas in Verfassungszeiten gesteigert mögliche - und notwendige - Selbsterkenntnis? Liebe Dein Symptom wie Dich selbst, sagte der jugoslawische Philosoph Slavoj Zizek in Anlehnung an seinen Lehrer, den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan. Das ist eine wichtige Maxime, nicht nur für die kollektive psycho-politische Dimension. Der Fall Irak - ist das, was dort nicht geschieht, nicht bis zu einem gewissen Grad symptomatisch für Europa selbst? Wir sollten zu fühlen beginnen, dass wir Europäer eine wichtigere Aufgabe haben, als bisher sichtbar wurde. Und dass die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung dieser Aufgabe und die damit verbundene Verantwortung auf uns zurückwirkt. Der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der globale Humanist, Politiker, Dichter, spirituelle Sinn-Sucher und Philosoph in einem, hätte vermutlich so gefühlt. Aber wir haben heute in Europa keinen Dag Hammarskjöld. Jedenfalls nach meinem Kenntnisstand nicht. Keinen, der die trinitarische Differenzierung zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik zum - so weit als möglich auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner konsensualen - Strukturleitbild des Eigenen Europas und seiner demokratiepolitischen Entwicklung ausbilden könnte. Die USA beginnen, weltweit Nationen nach ihrem Bild zu bauen; der bekannte Philosoph und Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat kürzlich dazu sogar so etwas wie einen Baukasten vorgelegt. Sein neuestes Buch heißt, am Beispiel Irak über den Irak hinaus auf das Grundsätzliche ausgerichtet: „Wie man einen Staat baut.“[3] Europa hat dem bisher wenig Eigenes als Alternative oder Ergänzung zur Seite zu stellen.

Auf der anderen Seite hast Du die Kritik der europäischen „Vorzeige-Kulturellen“ an den USA und ihrem Vorgehen in der Irak-Krise immer wieder kritisiert. Obwohl gerade diese europäischen „Kulturellen“ sich stark um Differenzierung und die Herausarbeitung eines eigenen Weges Europas bemühten.

Ja. Weil ich ihre bisherigen Bemühungen in der Mehrzahl für tendenziell einseitig, vor allem: für vergleichsweise „abstrakt-kulturell“ und „reduktionistisch-allgemeinmenschlich“ halte. Damit meine ich, dass im Tenor der intellektuellen Kritik Europas 2002-2004 ein auch in Zukunft unverzichtbares humanistisches Element – nämlich „Geist als Prinzip des Widerstands und der Differenz“, wie es bei Jacques Derrida programmatisch heißt – zur Geltung kam, aber reduziert auf „dekonstruktiv“ angewandte allgemeinmenschliche Erwägungen, ohne konkreten struktural-gesellschaftlichen Aufbau-Aspekt. Man hat das, was geschah, kritisiert, aber nicht gesagt, wie es besser gemacht werden könnte - wie die langfristig andere Perspektive konkret sein sollte. So gut diese Kritik auch gemeint war, und so wichtig sie bleibt, sie hat, worauf nicht nur Eric Hobsbawm hingewiesen hat, keinerlei konkrete Strukturperspektive aufgewiesen. Das ist das Problem von Kritik heute überhaupt: aufzulösen, ohne zu synthetisieren. Die Kritik der europäischen Intellektuellen verlor sich weitgehend in „kulturellen“ Beschwörungsformeln, zum Teil auch in verborgenen anti-amerikanischen Ressentiments. Dieses Jahrhundert wird, wie wir bereits jetzt an den Wirkungen des Terrors sehen, eine ganz neue Situation mit einer ganz neuen Atmosphäre und neuen Anforderungen hervorbringen. In dieser Lage mit neuen, geeigneten Makro-Ideen aufbauen ist weit schwerer, als bereits vollzogene Fehlentscheidungen und bestehende Versäumnisse in Grund und Boden zu kritisieren. Noch einmal: die Kritik ist nicht nur notwendig, sondern unverzichtbar, erfolgt ganz zu Recht und trifft ins Schwarze. Aber im Irak geht es heute entscheidend um den Aufbau von etwas Neuem, das der Situation vor Ort angemessen ist - mindestens genauso wie um den Abbau des Falschen. Dafür braucht es eine Strukturperspektive.

Was war der blinde Fleck oder der Grundfehler im Strickmuster der „europäischen“ Kritik an den USA während der Irak-Krise und danach?

Insgesamt kann man sagen: Die postmoderne Grundhaltung ist es, in Argumentation und Verweiszusammenhang „Allgemeinmenschliches“ aus der Sphäre der Kultur in die Sphäre der Politik zu tragen. Das ist ebenso wichtig und unverzichtbar wie problematisch. Denn zwischen den beiden Sphären der Kultur und der Politik bestehen Geltungsgrenzen: es herrschen jeweils andere Legitimitäten in ihnen, weil andere Logiken in ihnen bestehen. In der Sphäre der Politik erscheint deshalb die Phänomenologie manchmal ganz anders, wenn man das Allgemeinmenschliche verwirklicht, als man es sich aus kulturellem Gesichtspunkt ursprünglich erwarten würde. Die Übertragung zwischen den Sphären zeitigt deshalb in den meisten Fällen nur unter entsprechend dreigegliederten und also geordneten Umfeldbedingungen den gewünschten praktischen Effekt. Ansonsten bleibt sie nicht selten für die Übertragenden und ihre psychologische Selbstbefriedigung wichtiger als für die Sache, für die sie gedacht ist.

Fazit?

Wir brauchen Humanismus in der Politik mehr denn je; aber einen Humanismus, der mit konkreten, langfristigen Leit-Ideen konstruktiv aufbaut; also einen „post-postmodern“ erneuerten Humanismus. Ansonsten bleibt er nicht nur wirkungslos, sondern wird einseitig appellativ, und damit zuweilen kontraproduktiv. Die kritischen Beiträge von Slavoij Zizek, Noam Chomsky, Richard Rorty, Susan Sontag, Arundhati Roy, Vandana Shiva oder Oriana Fallaci zur Irak-Krise und ihren Hintergründen – allesamt waren begrüßenswerte, berechtigte und für das Gesamt-Puzzle wichtige „kulturelle“ Segment-Urteile. Aber keine dieser Kritiken erreichte die Systemebene aufbauender Makro-Ideen. Andre Glucksmann war eine der wenigen Ausnahmen; er versuchte systemischer zu denken, und seine Stellungnahmen kamen der Grundidee trinitarischer Differenzierung als europäischem System-Leitbild immer wieder sehr nahe. Daneben gab es während der Irak-Krise freilich auch seltsame bis absurde Beiträge von demokratischen europäischen Humanisten, etwa die Solidaritätserklärungen von radikalisierten „westlichen“ Feministinnen mit irakischen Frauen gegen den drohenden Krieg am Frauentag noch unter dem alten Regime, oder die Aktionen der europäisch-„westlichen“ Schutzschild-Bewegung in der Frühphase des Krieges (Schutz von Schlüsselinstitutionen von Saddams Regime gegen die Angriffe der USA und der Briten). Das waren Extremformen eines zwar authentischen und ernstgemeinten Humanismus, der im Grunde von den besten Kräften der europäisch-westlichen Demokratien getragen wurde, aber von der Realität „abgehoben“ war. Er findet heute seine Fortsetzung und sein Spiegelbild in der allgemeinen europäischen Ratlosigkeit über die konkrete weitere Demokratisierung des Zweistromlandes.

Du weist gerade in diesem Zusammenhang der „partialen Selbstlähmung Europas und der ‚europäischen’ Kräfte in den USA“ wiederholt auf die Dialektik zwischen Moderne und Postmoderne in der europäisch-„westlichen“ Hemisphäre - und auf die Notwendigkeit einer zivilisatorischen „Post-Postmoderne“ für die kommenden Jahre hin. Wie ist das im Hinblick auf den Irak und die im Spiel befindliche Zukunfts-Symptomatologie zu verstehen?

Die Argumentation jener „Postmodernen“, die heute im Hinblick auf den Irak erneut vorbringen, wie sie es seit Beginn der 80er Jahre in Bezug auf andere Weltgegenden getan haben: es handle sich in Mesopotamien eben um eine andere Kultur mit anderen Wertmaßstäben, in die die westlich-europäische Kultur mit ihrer Emphase auf Demokratie, individueller Freiheit, Menschen- und Bürgerrechten eben nicht eingreifen dürfe, weil ein Eingriff zugunsten einer Demokratisierung nur ein weiteres Mal den „abendländischen Logozentrismus“ und die „imperialistische Diktatur der westlichen Vernunft“ in Weltmaßstab unter Beweis stelle – diese Argumentation greift meines Erachtens angesichts der Anforderungen und der Verhältnisse im Irak und in der Region zu kurz. Die Postmodernen lehnen trinitarische Differenzierung als Entwicklungsleitbild ab, weil sie sie tendenziell als typologische Schematisierung und also als Vergewaltigung des lebendigen gesellschaftlichen Prozesses ansehen. Sie übersehen, dass dieses Leitbild und Entwicklungs-Modell nur einen differenzierenden Hilfs-Charakter beansprucht. Die Postmoderne stellt das neuzeitlich-instrumentelle Denken, das im 19. und 20. Jahrhundert in der Tat als imperialistischer Gestus von Europa und dem Westen ausgegangen ist, mit jedem politischen Impuls aus der „ersten Welt“ und mit jedem systematisch-holarchischen Werte- und Evolutionsdenken überhaupt gleich, und sei es auch nur ein heuristisches Hilfs-Instrument für die Ausrichtung der praktischen Gestaltung.

Das ist heute, bei allen Vorzügen und avantgardistischen Elementen, die sie in den vergangenen Jahren unverzichtbar eingebracht haben, das Hauptproblem der „postmodernen“ mitteleuropäischen Intellektuellen. Und genau darin, in dieser zwar bereichsspezifisch berechtigten und begrüßenswerten, aber pauschal nicht sinnvollen Ablehnung der gesamten Sphäre der Makro-Ideen und der positiv „aufbauenden“ und typologisch ordnenden Struktur-Leitbilder, liegt ein Teil der zur Selbstlähmung tendierenden Hilflosigkeit und Unbeweglichkeit Europas gegenüber der „Erotik des Willens“ der anglo-amerikanischen Welt. Die Pauschalverdrängung der Wahrheits- und Wertesphäre durch die politisch interessierte Postmoderne hat daran Anteil.

Die prinzipiell gewordene Unfähigkeit, aus Wertevorstellungen welcher Art auch immer heraus zu handeln, begründet zum Beispiel Derridas Probleme mit den Menschenrechten; und die Auffassung von Lyotard, man könne, wolle man nicht sogleich wieder „ideologisch“ sein, was so ziemlich das Schlimmste ist, was man sich nur irgendwie vorstellen könne, nur noch „lokal, temporär, und vielleicht willkürlich“ (Martin Sexl) denken und handeln, hat nicht nur Lyotard, wie sein geistiges Testament zeigt, am Ende seines Lebens in die größte, grundsätzlichste Krise hineingeführt. Denn er hat schließlich bemerkt, dass eine solche Haltung letztlich jede positive geistige Makro-Orientierung verunmöglicht und den Großteil der Ereignisse und Dinge an den Augenblick fesselt.[4] Damit ist aber nur unter großen Schwierigkeiten Politik zu machen, jedenfalls nicht die, um die es unter Globalisierungsbedingungen und unter den neuen zivilisatorischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts künftig geht: jedenfalls keine langfristig vorausschauende Politik. Die „radikal-dekonstruktive“ Haltung der Postmoderne war in den 80er und 90er Jahren und deren spezifischen Zeitbedingungen sinnvoll, um Vergangenes zu verarbeiten, die unbewußten Schatten der Modernisierung herauszuarbeiten und das gesellschaftliche Bewusstsein auf eine neue Stufe seiner Selbsterfassung in actu zu stellen. In dieser Haltung sprach sich auch eine gewisse Weisheit der Ent-Ideologisierung, der Ent-Abstraktion, der Verlangsamung und des „neuen Wirklichkeitsbezugs“ aus, der Pluralitäten und Differenzen wahrnimmt und sich nicht selten als eine Art „Verweiblichung“ der Realitätshaltung oder als „Politik der Schwäche“ verstanden hat. Das alles war sinnvoll.

Heute aber führt sich diese Haltung, einseitig praktiziert und von der europäischen Avantgarde sogar als einziger Inbegriff des europäischen Geistes verstanden, in der Realität ad absurdum. Denn dann kann man nur mehr wenig konkret tun, was über den eigenen Bannkreis hinausgeht, außer eben dagegen sein und protestieren, in relativ abstrakter Weise „Widerstand leisten“ und „dekonstruieren“. Gewiß wird man damit langfristig tiefe Veränderungen erzielen, wie Foucault meinte. Aber man kann so nicht langfristig konkrete Alternativen planen und in größerem Maßstab auf Jahre hin handeln. Man kann sich nicht kümmern um Weltprobleme und Menschenrechte, noch dazu aus langfristig angelegten geistigen Motiven heraus, die eine produktive, positive Makro-Konkurrenz zu den geistrealistisch-missionarischen anglo-amerikanischen Langzeitstrategien darstellen, die bekanntlich auf Jahrhunderte angelegt sind. Dabei ist eine solche Makro-Konkurrenz gerade im Hinblick auf die Zukunft des Irak das Allernotwendigste. Und es ist auch notwendig im Hinblick auf das anstehende „Jahrhundert der Demokratisierungen“ insgesamt.

Aber es waren doch nicht nur die säkularen Strömungen in Europa gegen den Krieg, sondern auch gewisse „neo-spirituelle“ oder „neo-geistrealistische“?

Ja. Paradox ist, dass sich in der Irak-Krise mit dem Relativismus und Nihilismus des Hauptstrangs der ersten Generation der Postmoderne - die in den kommenden Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit durch eine zweite Generation der Postmoderne oder eine „Post-Postmoderne“ abgelöst werden wird - auch explizit religiöse Kreise verbündet haben. So war etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die Anti-Irakkrieg-Bewegung in Italien assoziiert mit der Vereinigung „Niemand lege Hand an Kain“ (Nessuno tocchi Caino), in der religiöse und para-religiöse Vereinigungen tonangebend waren. Wir hatten hier also die Verbindung von kritischem Nominalismus mit mythischer, personenzentrierter bürgerlicher Religiosität. An sich wäre das ja in nuce eine interessante, zukunftsweisende Verbindung: die Verbindung von Nominalismus und Realismus. Aber das ändert nichts daran, dass diese Proteste einseitig waren und der Komplexität des Problems kaum gerecht wurden.

Was ist das Fazit aus dieser jüngeren europäischen Erfahrung? Und was ist also zu tun?

Natürlich sind manche, wie der Philosoph und ehemalige Europa-Parlamentarier Massimo Cacciari, der Meinung, dass gerade die spezifische Schwäche das Eigene Europas sein solle, mit dem es in den kommenden Jahrzehnten auf die Welt ausstrahlen möge.[5] Das hat zwar einen gewissen Realismus und eine bestimmte logische Konsistenz. Aber ich bin nicht dieser Meinung. Denn das ist nicht nur eine sehr romantische, sondern auch eine sehr diffuse und unstrukturierte Vorstellung, mit der praktisch alles und nichts möglich ist – und in deren Rahmen sich vor allem im Hinblick auf die Rolle Europas in der Welt und im Verhältnis zu den „starken“ USA wenig oder gar nichts ändern wird.

Das Fazit aus den Erfahrungen der Irak-Krise ist meines Erachtens, dass Europa die Rolle der Venus anders spielen wird müssen als bisher. Venus wird nicht länger im Sinn einer ambivalent verstandenen „Politik der Schwäche“ das „schwache Geschlecht“ bleiben können, das Mars dienstbar ist und ihn besänftigt, wo es eben möglich ist, und ihm ansonsten folgt, im schlimmsten Fall durch Liebesentzug straft. Venus wird eine andere Form der „Verweiblichung des Realitätsbezugs“ pflegen müssen: sie wird sich kritisch emanzipieren müssen, so wie sich heute, als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Tiefenbewegungen, das Weibliche vom Männlichen kulturell emanzipiert. Wenn Cacciari meint, der „Venus“ Europa mit der bewussten und aktiven Verpflichtung auf die Rolle der Politik der Schwäche eine zukunftsweisende Komplementär-Rolle zu den USA zuzuweisen, dann zementiert er in Wirklichkeit nur das bisherige Verhältnis zum „Mars“ USA. Demgegenüber brauchen wir ein neues Struktur-Entwicklungsleitbild für die europäischen Demokratien. Und dieses Leitbild kann meines Erachtens die fortschreitende, immer präzisere trinitarische Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur sein. Alle drei Sphären müssen immer konsequenter gleichberechtigte und nicht aufeinander reduzierbare Glieder im künftigen politischen Entscheidungsprozess sein, der dadurch immer kraftvoller und immer bewusster dreidimensional wird. Das, was daraus wird und als gesellschaftliche Qualität hervorgeht, ist es, was Europa als implizite oder atmosphärische Dimension von Demokratie der Welt geben kann.

Wo liegen demnach die eigentlichen Aufgaben der europäischen Intellektuellen im Hinblick auf das Eigene Europas?

Natürlich vollzog sich in den Demonstrationen der europäischen „Postmodernen“ gegen den Irak-Krieg faktisch auch noch etwas weit Wichtigeres: die Änderung des Verhältnisses zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Genauer ausgedrückt: Ansätze zu dem, was Nicanor Perlas als erste Phase der Bewegung der Zeit zur trinitarischen Differenzierung bezeichnet: die aktive Selbstermächtigung der Kultursphäre (Zivilgesellschaft) gegenüber der Sphäre der Politik.[6] Das war mit den intellektuellen Protesten gegen die Irak-Krise auch gegeben. Und das wird weiterwirken. Denn es ist „tiefenprogressiv“. Obwohl ich also nicht immer der Meinung der Kriegs-Gegner war, auch wenn ich ihre Motive sehr gut nachvollziehen konnte, war für mich das Faktum der sichtbaren Ausdifferenzierung zwischen Politik und Kultur (Zivilgesellschaft) in Europa sehr bedeutsam - vor allem in jenen Ländern, in denen die Politik auf der Seite der USA stand wie in Italien, Großbritannien und Spanien. Das ist gerade in der Irak-Krise auf eine für die kommenden Jahre richtungsweisende Art manifest geworden, wie ich glaube.

Und die Aufgaben? Die Aufgaben der europäischen Intellektuellen liegen im Hinblick auf das Eigene Europas in der längst überfälligen Befreiung vom postmodernen Selbstverständnis erster Generation eines nur „lokal, temporär und sogar willkürlich“ möglichen Handelns auf eine weitere, umfassende und langfristige Makro-Dimension. Der sich aufgrund seines bewussten Anti-Idealismus selbst begrenzende tagespolitische Aktivismus der Postmoderne, der in eine Selbstzerfleischung und eine allgemeine Lähmung führt, sollte weiterentwickelt werden. Und zwar durch die Behauptung und den Ausbau seiner aufklärerischen Spezifizität: der trinitarischen Differenzierung im verborgenen Kern seines demokratiepolitisch-evolutorischen Selbstverständnisses. Europa braucht letztlich eine neue Vereinigung von (postmodernem) Nominalismus und (post-postmodernem) Realismus. Und die trinitarische Differenzierung ist dazu  ein geeignetes Instrument. Aufgabe der neuen Generation ist in diesem Sinn die Gründung von eigenständigen europäischen Think-Tanks, die trinitarisch-gleichberechtigt zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur funktionieren, und auf diese Weise das 21. Jahrhundert alternativ zu den unitarischen Programmen der anglo-amerikanischen Think-Tanks wie etwa dem neokonservativen „Project for A New American Century“ entwerfen helfen.

Und wo liegen die Aufgaben „Kerneuropas“ für den weiteren Entwicklungsprozeß im Irak?

Unter anderem in der Einbringung des Makro-Struktur-Leitbildes der trinitarischen Differenzierung als konkretes Hilfs-Steuerungsinstrument. Praktische Anknüpfungspunkte sind durchaus vorhanden. So sind zum Beispiel europäische Vertreterinnen und Vertreter in die praktische Übergangs-Verwaltung des Irak eingebunden. So etwa Barbara Contini, die römische Politikwissenschaftlerin, die seit Februar 2004 Zivilverwalterin der südirakischen Provinz Tikar ist und im übrigen eine wichtige Rolle bei der Befreiung der italienischen Geiseln spielte, die im April 2004 in die Hände schiitischer Aufständischer gefallen waren. Obwohl diese Rolle natürlich auch ein Eingeständnis der anglo-amerikanischen Kriegskoalition an den Verbündeten Italien war, ist sie doch ein wichtiges Zeichen: eine Europäerin und Frau als Mitgestalterin und Mitlenkerin in einer der 18 irakischen Provinzen (die traditionell eher patriarchalische Kultur-Strukturen und –Traditionen zeigen). Über solche Persönlichkeiten könnte trinitarische Differenzierung als Entwicklungs-Leitbild konkret in den Demokratisierungs-Prozeß einfließen, denn diese Persönlichkeiten sind offen und erkennen die Bedeutung von innovativen Ideen. Die Aufgabe Europas ist es, in Richtung einer differenzierten Bewußtseinsbildung zu wirken.

Wird also der Fall Irak, im Rückblick besehen, letztlich eine Art Katalysator für die Selbstergreifung Europas gewesen sein?

In gewisser Weise ja. Auch dazu ein Beispiel: der Philosoph Hannes Böhringer verfolgt, stellvertretend für viele europäische „postmoderne“ Intellektuelle, eine „dekonstruktive“ Haltung, die ihrerseits stets charakteristisch mit einer gewissen Melancholie verbunden sein muß. Er schreibt als Resümée zur Irak-Krise: „Der amerikanische Cowboy zieht weiter nach Westen und rettet die Bedrängten im melancholischen Bewusstsein, dass er so lange weitermachen muß, bis einer schneller zieht als er. Der Blues einer Weltmacht, die ihren Übermut verliert, als einzige übriggeblieben, in ihren Aufgaben überfordert und alleingelassen, von fast allen gehasst und von keinem geistig ebenbürtigen Gegner herausgefordert, muß noch angestimmt werden.“[7] Das ist symptomatisch für die halb kritische, halb resignative Haltung eines gewichtigen Teils der gegenwärtigen europäischen Intelligenz. Diese Haltung kann und sollte mit Hilfe der Demokratisierung des Irak überwunden werden. Gerade die dazu notwendige Auseinandersetzung um das, was Europa als Eigenes einbringen kann, ist zur Entwicklung „geistiger Ebenbürtigkeit“ geeignet. Aber nicht zur Ebenbürtigkeit eines Gegners, sondern zur Ebenbürtigkeit eines freundschaftlich-herausfordernden, auf Weltebene verbündeten und solidarischen Demokratie-Konkurrenten. Die trinitarische Differenzierungs-Idee ist dabei meines Erachtens die konstruktive, „geistig ebenbürtige“ Ideen-Antwort Europas auf die heute weltweit ausstrahlende Demokratie-Idee der USA. Dann aber ist es überflüssig, „den Blues auf Amerika anzustimmen“ - was im übrigen etwas Ungerechtes, tendenziell Überhebliches und genießerisch-Parasitäres im Kern einer Kritik trägt, welche ohne aufbauende Perspektive bleibt und daher meist auch die Färbung von etwas Dekadentem mittransportiert. Wir brauchen nicht die „Anstimmung des Blues auf die USA“, sondern die produktive, positive demokratiepolitische Makro-Konkurrenz Europas zu den USA auf der Grundlage eines eigenen, tragfähigen Demokratie-Leitbildes. Diese Makro-Konkurrenz soll insgesamt zu einer, wenn man so will, dialektischen geistigen Vorwärtsbewegung führen. Damit ist beiden, den USA und Europa, gedient. Diese Makro-Konkurrenz ist in allseitigem Interesse. Denn dann muß sich nicht nur das einseitige unitarische Willensdenken der heutigen USA, sondern zwangsläufig auch ein gewisser Zug des Ungenügens und der Dekadenz, ein Zug der willenlosen Kritik, wie ich ihn nenne, im derzeitigen intellektuellen Denken Europas weiterentwickeln.

Gibt es bei alledem auch eine Rolle für die akademischen Sozial-, Geistes- und Politik-Wissenschaften?

Die Kritik an der Postmoderne, die ich oben skizziert habe, gilt auch für weite Teile dieser Wissenschaften – ebenso wie für ihre bisherige Rolle im Demokratisierungs-Prozeß des Irak. Aber wenn die europäischen Sozial- und Kulturwissenschaften gewisse Elemente gegenwärtiger „Zerrissenheit“ zwischen Ideal- und Realfaktoren überwinden, können sie zu wesentlichen Zukunftshelfern im Irak werden. Sie werden insbesondere im Rahmen der Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens eine bedeutende Rolle für die Entstehung einer irakischen Zivilgesellschaft „von innen heraus“ spielen können.

Darüber hinaus kommen ihnen aber noch weitere entscheidende, mehr wissenschaftsimmanente Aufgaben zu. Der experimentell-innovative Ansatz der trinitarischen Differenzierung ist noch jung, in Teilen unausgereift, aber im Prinzip trag- und ausbaufähig. Dieser Ansatz - als heute wichtigste innovative, praktisch wirksame Makro-Idee - ist erst noch vollgültig zu verwissenschaftlichen. Und er ist erst in geeigneter Weise zwischen Mikro-, Meso- und Makro-Dimension zu integrieren. Hier liegt eine bedeutende Aufgabe für einen sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsansatz, der mit Interdisziplinarität endlich struktural Ernst macht, nicht nur ad hoc und detailspezifisch. Im Grunde bräuchten wir ganze Universitäten, die in ihrer Grundausrichtung auf dieser Makro-Leitidee beruhen und innovative Methodologien dazu entwickeln; und wir müssten solche Universitäten nicht nur in Europa, sondern gerade auch im Irak als konstitutiven Teil der entstehenden Zivilgesellschaft neu begründen. Dann hätten die Sozial- und Kulturwissenschaften möglicherweise ein allgemein einsichtiges, größeres neues Gewicht; das wäre in gewisser Weise auch eine „post-postmoderne“ Erneuerung ihrer integrativen Funktion, die sie in der alten Humboldtschen Universität als Orientierungs- und Integrations-Grundlage des Wissenschaftssystems innehatten. Aber nun in einer anderen Rolle und mit einem anderen Selbstverständnis als zum Beispiel ehemals die „Grundlagenwissenschaft“ Philosophie: nun eher als „Integrationswissenschaft“ für Politik, Sozialwissenschaft und Sozial-Psychologie, unter pragmatischem Makro-Aspekt.

Was ist das heutige Haupt-Defizit der sozial- und politikwissenschaftlichen Anschauungsbildung zum Irak?

Die „vier Imperative“ für eine neue sozialwissenschaftliche Handlungstheorie von Thomas Fararo: „1. Denke in Prozessen!, 2. Denke in Strukturen!, 3. Denke integrativ!, 4. Denke in Idealisierungen!“[8], werden heute ganz zu Recht als zukunftsweisend betrachtet. Sie sind avantgardistische Symptome eines allseits in den Sozialwissenschaften keimenden innovativen Selbstverständnisses, das, weil es im Grundansatz tendenziell „idealistischer“ als bisher ist, erweitere Optionen zur Verfügung hat, mit dem heutigen weltweiten Zusammenwachsen von sozialen, politischen und kulturell-religiösen Faktoren umzugehen – praktisch und theoretisch. Wichtig ist, zu begreifen, dass das integrative Denken in Strukturen und Idealisierungen kein Selbstzweck ist, sondern dass deshalb notwendig ist, weil es den Realverhältnissen selbst - gerade im Irak - als sozio-kulturelle Komponente innewohnt. Trinitarische Differenzierung ist als noch unfertige Form zu verstehen, die vier Imperative experimentell zu realisieren. In diesem Sinn können die Sozialwissenschaften heute in gewisser Weise eine synchrone Reflexionsrolle für die Praxis erfüllen, die auf der anderen Seite natürlich nicht ohne Gefahren ist. Niemand, der Innovatives und zugleich Konkretes versucht, lebt ungefährlich.

Was bedeutet das, auf das Ganze besehen? Warum dieser starke Fokus Deinerseits auf „Leitbild“, „Makro-Struktur“ und „ideellen Motiven“?

Weil in der Irak-Krise viele verschiedene Stränge zusammenliefen, die die gegenwärtige Weltlage symptomatisch kennzeichnen. Wie alle Aspekte in ein Bild zusammenfassen? Wie das größere Bild sehen so, dass konkrete, langfristige, positiv aufbauende Handlung möglich wird? Das ist das Hauptproblem heute, und der Fokus auf den Makro-Faktoren der Steuerung, auf den ideellen Tiefenmotiven und auf den kulturellen Faktoren ist der Versuch einer Antwort auf dieses Problem. Die Hintergründe und Folgen dessen, was im Irak in den kommenden Jahren an Demokratisierung und Entwicklung geschehen wird, sind nicht nur für die Region oder für die kriegführenden Mächte bedeutsam. Sondern sie betreffen auch Europa und, darüber hinaus, die weltpolitische Lage und ihre Perspektiven insgesamt. Wer die Zukunft absehen will, kommt deshalb nicht darum herum, die aktuellen Geschehnisse zu verstehen, ihren Zusammenhang zu erkennen und sie so gut wie möglich in ein Gesamtbild einzuordnen. Gerade weil die Lage in jeder Hinsicht überaus komplex und in stetiger Entwicklung begriffen ist, muß das auch die Einbeziehung ideeller Hintergrundfaktoren und die Anschauung von Einzelerscheinungen als historische Symptombildungen einschließen.

Das Problem liegt darin, dass sowohl Makro-Steuerungsinstrumente, ideelle Faktoren wie auch historische Symptomatologie trotz gewisser neuer, interdisziplinär integrativer Tendenzen von den meisten heute im Vordergrund stehenden politik- und sozialwissenschaftlichen Analysemodellen tendenziell noch immer zu wenig beachtet werden. Genauer: sie werden meist einfach in eine Kette von hochdifferenzierten Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen eingeordnet, deren letztes Glied mit erstaunlicher Regelmäßigkeit dann praktisch immer in den sozio-ökonomischen Zusammenhängen und in den „Unterbau“-Interessen verortet wird. Das ist letztlich nichts anderes als der Einfluß von Marx (genauer: einer gewissen Hauptströmung des Marxismus) auf die materialistische bürgerliche Sozialwissenschaft. So auch in der Analyse der Situation im Irak. Dabei werden kulturelle und ideelle Faktoren meist als sekundär betrachtet. Obwohl all das durchaus seine Berechtigung hat, liegt der problematische Aspekt dieser Annäherungsversuche an die Realität auf der Hand: sie reduzieren insgeheim die Multidimensionalität der Faktoren, Motive und Hintergründe auf den Wirtschaftsprozess, statt eine intregrale Bildgestaltung mittels gleichberechtigter Einbeziehung aller Faktoren: Politik, Wirtschaft und Kultur zu versuchen.

Der Vorteil solch wirtschaftsfixierter, eindimensionaler Modellbildung ist natürlich klar: die Dinge sind einfach auf wenige Schlüsselfaktoren zu reduzieren und zu verdeutlichen; man kann einen starken Praxisbezug aufweisen, weil man vieles quantifizieren kann; das Primat der Wirtschaft ermöglicht klare und schnelle Positionierung und ein einfaches, auf Polaritäten bauendes Handeln für oder gegen eine der im Spiel befindlichen Positionen. Aber die Nachteile dieser heute weitgehend selbstverständlichen, jedenfalls in ihren Prinzipien kaum mehr hinterfragten Vorgangsweise sind groß: die Anschauung ist nur teilweise richtig, weil sie nur eine von drei Sphären vertieft analysiert: die Wirtschaftssphäre und ihr Auswirkungen oder Wiederspiegelungen in Politik und Kultur. Richtig ist sie meist - aber sie ist nicht vollständig, und dementsprechend nicht tiefgehend und komplex genug, um gerade die hoch differenzierte Realität des Irak zu verstehen. Das ist mit eine Ursache, warum sich gegenwärtig viele wissenschaftliche Analysen mehr oder weniger schnell in mehr oder weniger einseitige Sichtweisen, Analysemuster und Urteilsbildungen zur Situation und ihren Perspektiven verlaufen: schwarz oder weiß, sehr gute Aussichten oder sehr schlechte. Ideell oder ideengeschichtlich motivierte Vorgangsweisen - und erst Recht entsprechende politische Argumentationsformen - werden in großen Teilen der akademischen Welt, aber auch der intellektuellen Öffentlichkeit noch immer gerne mit überlegenem Gestus als ideologische Residuen oder als weltanschauliche Überbleibsel überholter Zeiten und Einstellungen abgetan. Es ist eine geradezu „paradigmatische“ Haltung der Gegenwart, ideellen und kulturellen Einflüssen auf die Politik nicht nur mit grundsätzlichem Verdacht zu begegnen, sondern sie auch pauschal und vergleichsweise undifferenziert zurückzuweisen. Aber im Irak ist diese Symbiose mehr als anderswo da. Die Kultur prägt ganz entscheidend die Politik und auch die Wirtschaft. Deshalb müssen kulturelle und ideelle Aspekte einen viel zentraleren Stellenwert in der Analyse erhalten, als dies bisher der Fall ist.

Warum diese Aversion gegen die vertiefte Einbeziehung ideeller und makro-strukturaler Steuerungs-Motive vor allem in der heutigen akademischen Kultur?

Diese Haltung geht in erster Linie auf den Einfluß der seit Mitte der 80er Jahre prägenden Geistesströmung der „Postmoderne“ zurück, die von der Philosophie und der Philosophiegeschichte aus in praktisch alle Bereiche hineingewirkt hat. Die Postmoderne war seit Mitte der 80er Jahre bis mindestens zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die große Kulturkraft der Gegenwart, die „Millionen regierte, auch wenn sie nichts von ihr wußten“ (Albert Schweitzer). Sie dominiert auch heute noch die Haltungen und Instinkte der liberalen und progressiven Intelligenz der europäisch-westlichen Hemisphäre, die ja unter ihrem Einfluß in die Universitäten kamen und dort Karriere machten. Die Mission der Postmoderne war es seit der „großen Wende“ 1989 und dem Zusammenbruch der ideologischen Weltbilder des Kommunismus und Sozialismus, eine Art Reinigung des Horizonts mittels eines radikalen Bildersturms, einer systematischen Entleerung und „Dekonstruktion“ aller systematischen Ideengebäude, Überzeugungen und Heilslehren zu vollziehen. Die Mission der Postmoderne war das große Abbauen von falschen Ideologien oder „großen Erzählungen“, wie sie sie genannt hat: das Dreidimensionalmachen des Selbstbildes der europäisch-westlichen Zivilisation durch Ergänzung um seinen Schatten, und das geistige Reinemachen mittels Annulation der in den Leitdiskursen und Struktursystemen verborgenen Illusionen – auch und gerade in der politischen Theorie und Analyse. Ideengeschichtliche Faktoren wurden zu diesem Zweck kritisch auf ihre funktionalen Machtimplikationen hin „durchschaut“, ideelle Faktoren dekonstruiert und auf unbewußte Interessen verschiedener Art reduziert.

Das war alles dringend notwendig, berechtigt und sinnvoll, um die abendländische Vernunft zu korrigieren und in die Tiefe einer Selbstanalyse hineinzuziehen. Aus diesem großen Annullieren der Postmoderne von allem, was einen umfassenderen weltanschaulichen Anspruch in Kultur, Wirtschaft und Politik hat, ging überaus Positives hervor: ein ganz und rein auf sich selbst zurückgeworfenes aktives Bewusstsein, das, von allen Ideologien freigesetzt, den kritischen Gedanken ganz in die Gegenwart bringt, auf sich selbst und seinen eigenen Akt anwendet - und dabei auf die Tatsache seiner eigenen schöpferischen Primärpräsenz stößt. Der postmoderne Habitus ist ein Denken, das mangels Ideologien und Inhaltsfixierungen jeder Art fast mit Notwendigkeit an die Schwelle zu seiner Selbstergreifung in actu stößt. Es nimmt, zumindest unterbewußt, eine Schwerpunktverlagerung der Kritik vom Inhalt auf den Akt, und eine Schwerpunktverlagerung der Bewusstseinsbildung von den Denk-Inhalten zu den Denk-Akten vor. Sein Motto ist: Von der Analyse des Inhalts zur Analyse der (Ereignis-)Qualität.

Dieses „leere“, energetische oder „rein lebendige“ Bewusstsein war und ist in sehr verdienstvoller Weise die wichtigste Grundlage aller neuen emanzipativen Bewegungen, die wir heute haben. Es hat mit dazu beigetragen, dass abseits von den bisherigen fixierten, starren Weltanschauungen und als bewusste Alternative zur herkömmlichen „großen Politik“ in der weltweiten Zivilgesellschaft oder in den Bewegungen kulturell Kreativer neue Weisen der Urteilsbildung und er Handlung Ausdruck finden. Durch die von der Postmoderne und ihrem Geist maßgeblich mit inspirierten neuen sozialen Bewegungen wird an Stelle „der Politik“ nun „das Politische“ in neuartiger - und vielleicht für die kommenden Jahrzehnte mit entscheidender - Weise belebt und aktiviert. Die postmoderne Pauschal-Annullierung herkömmlicher, starrer, systematisch-hierarchischer ideeller Sinnformationen und Weltanschauungen hat daran wesentlichen Anteil.

Und die negativen Seiten?

Wie gesagt, ich beurteile die Postmoderne in erster Linie positiv, weil sie in vielen neuralgischen Punkten einen erheblichen Fortschritt gegenüber der Moderne darstellt. Aber natürlich sind auch die negativen Seiten dieses progressiven Impulses nicht zu übersehen – nicht zuletzt im Bereich der politischen und sozialen Analyse. Wer, wie große Teile der Postmoderne, faktisch allen ideellen Faktoren pauschal misstrauisch gegenübersteht, und sie deshalb nicht oder nur ungenügend hinter der historischen Symptomatologie aufdecken, differenzieren und in eine ganzheitliche Bildgestaltung einbeziehen kann, wird sich schwer tun, die tieferen Hintergründe heutiger Realpolitik wie auch der größeren weltpolitischen Bewegungen insgesamt angemessen aufzudecken und zu verstehen. Dabei sind ideelle und kulturelle Faktoren - die durchaus sehr unterschiedlicher Art, Qualität und Folgewirkung sein können - gerade am Beginn des 21. Jahrhunderts viel einflußreicher, als man es vielleicht vermuten würde. Und sie werden an Bedeutung noch zunehmen. Das hat nicht nur die Motivation der Terroristen des 11. September gezeigt, deren Tat nur von sozio-ökonomischen und machtpolitischen Erwägungen motiviert war, sondern auch die Kulmination von längerfristigen ideellen Prozessen und Entwicklungen hinter den Kulissen darstellte. Das haben auch die Reaktionen der amerikanischen – und europäischen – Traditionalisten und Konservativen auf diese Anschläge, und lange davor bereits die weltweite Diskussion um Werte, um Grundlagen und Expansionsfähigkeit etwa der europäisch-westlichen Menschenrechte und um einen möglichen „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) symptomhaft aufgezeigt.

Kurz gesagt: es fehlt durch den Einfluß der Postmoderne ganz einfach das Bewußtsein von der Bedeutung individueller, aber auch kollektiver geistiger und spiritueller Motive in den realen sozialen und politischen Entwicklungszusammenhängen. Wir stehen heute an einem Nadelöhr: am Beginn jener ersten echten Weltkultur stehen, die sich heute anschickt, Wirklichkeit zu werden. Obwohl damit natürlich noch nicht die Frage berührt ist, inwieweit ideelle Faktoren bei ihrem konkreten Eintauchen in die Sphäre des Politischen auch ideelle Faktoren bleiben, gilt es doch im Unterschied zum akademischen Humanismus gegenwärtiger politischer Analyse, der stark von Nominalismus und Funktionalismus geprägt ist, auch ideengeschichtliche Faktoren endlich wieder stärker zur Geltung zu bringen - und zwar nicht als artifizielle Konstrukte, sondern als eigentliche historisch-politische Realitäten.

Naiv wäre, wer angesichts des heute immer stärkeren Hervortretens kultureller Einflüsse auf das Politische nur kulturelle und ideelle Faktoren als Triebkräfte der heutigen Weltwirklichkeit gelten lassen wollte. Er würde dabei übersehen, dass ökonomische und im engeren Sinn politische Elemente auf der Grundlage ihrer eigenen Logiken einen sehr starken Einfluß nehmen. Aber ebenso naiv wäre, wer ideelle Faktoren weiterhin nur als Überbau ökonomischer und sozialer Tatsachen gelten lassen möchte. Praktische Vernunft und sachorientierte Aufklärung haben immer beide Seiten: nominalistische und geistrealistische Einflüsse gleichermaßen einbezogen, sie anhand von Fakten sorgfältig abgewogen und dabei keine der beiden Seiten von vornherein als ursprünglicher als die andere -oder gar die eine als die kausale Voraussetzung der anderen betrachtet. Das würde den pragmatischen Erkenntnisblick unnötig einschränken und fixieren. Ideelle Faktoren sind oftmals durchaus artifizielle Konstrukte, wie Konstruktivismus, Kontextualismus und Pluralismus als gegenwärtig dominierende „postmoderne“ Analyse-Paradigmen zu Recht hervorheben. Aber sie sind auch und vor allem, wie jeder weiß, der selbst einmal in der politischen Praxis über eine gewisse Zeit lang Primärerfahrung gesammelt hat, Wirklichkeiten. Sie sind Wirklichkeiten, die ihrerseits Wirklichkeiten schaffen. Beide Dimensionen: nominalistische und geistrealistische, müssen endlich in einer neuen, integrativen Sichtweise gleichermaßen berücksichtigt werden. Diese Sichtweise würde, wenn sie realisiert würde, eine den nun herrschenden Zeit-Verhältnissen besser entsprechende „Post-Postmoderne“ konkret mit begründen.

Insgesamt plädierst Du in Deinem Buch im Hinblick auf die wissenschaftliche Begleitung der Demokratisierung des Irak für ein viergliedriges Idealmodell, das die drei gesellschaftlichen Urbild-Sphären Politik, Wirtschaft und Kultur gleichermaßen, auf Augenhöhe und bei Respektierung von wechselseitigen Geltungsgrenzen einbezieht, dabei aber die sozio-kulturellen und demokratiepolitischen Faktoren besonders betont.

Ja. Ich plädiere für ein viergliedriges, heuristisch blicklenkendes Idealmodell. Dieses setzt sich aus den vier Elementen zusammen, die meines Erachtens heute die zusammenwirkenden Schlüsseldimensionen der Demokratisierung des Irak darstellen:

Systemische Einbeziehung von Kultur, religiös-spirituellen und lebensweltlichen „Tiefen“-Faktoren, die kollektives Bewusstsein typologisch begründen und formen, und ohne deren Berücksichtigung daher eine vertieft in den Menschen verankerte Demokratie im Irak nicht aufzubauen ist;
strukturale Weiterentwicklung der Vereinten Nationen zur „Weltföderation“;
stärkere produktive Konkurrenz der Demokratiemodelle USA-Europa - mit dem Fernziel einer langfristigen Makro-Struktur-Differenzierung von Wirtschaft, Politik und Kultur im Irak;
Föderalisierung und territoriale Sub-Autonomisierung einzelner Gebiete als vor allem ethnisch-kulturell motivierte Ansätze zu lokal differenzierten institutionellen „Schachtellösungen“ der Demokratisierung.

Die Methoden dazu können „Spiraldynamik“ nach Chris Cowan, Don Beck und Ken Wilber, das davon abgeleitete Modell „geschichteter Demokratisierung“ (Alan Tonkin) und das Makro-Struktur-Modell der „trinitarischen Differenzierung“ zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur (Nicanor Perlas) sein. Dies nach Möglichkeit im Austausch mit zwei praktischen Erfahrungssträngen:

den Erfahrungen mit dem Autonomie-Modell Südtirols, das sich als Vorbild für die Statusklärung einzelner, ethnisch-kulturell problematischer Sonderregionen wie etwa Kirkuk eignet,
und den Erfahrungen des Nachbarlandes des Irak, der illiberalen Defizit-Demokratie Türkei, von deren Problemen man im Irak für eigene kommende Durchgangsstadien zur Volldemokratie präventiv lernen kann.

Alles zusammengenommen kann eine integrale Gesamtperspektive für die Demokratisierung des Irak ergeben: ein viergliedriges heuristisches Idealmodell für die kommenden Jahre, das den Blick langfristig lenken und damit das Handeln im tagespolitischen Geschehen leitbildartig ausrichten kann. Das Ziel dieser Ausrichtung ist ein föderal-demokratischer Irak mit Minderheiten-Sonderrechten im Rahmen internationaler Kooperation.

Kann, auf einem solchen Idealmodell aufbauend, die Demokratisierung des Zweitstromlandes praktisch gelingen? Schließlich heißt es nicht zufällig „Idealmodell“. Das klingt für viele nach zu starker Idealisierung.

Richtig. Man muß dabei konsequent unterscheiden zwischen dem instrumentellen Hilfswert des Modells und dem praktischen Prozeß. Ich bin allerdings der Auffassung, man sollte parallel zur tagespolitischen Steuerung ein solches Idealmodell entwerfen, um den Blick zu lenken, und vor allem: um eine möglichst ganzheitliche Korrekturfolie als Grundlage systemischer Auseinandersetzung mit den Variablen der Entwicklung in der Hand zu haben. Aber man muß sich zugleich stets bewusst sein, dass damit ausdrücklich nur ein Hilfsmittel, eine „Landkarte“ gegeben ist, nicht mehr. Oder, wieder mit dem Pittsburger Soziologen Thomas Fararo gesprochen: Ein „idealisiertes System, das das Ziel hat, die Welt in Begriffen... zu beschreiben, ohne aber zu vergessen, dass der perfekte oder ideale Begriff ein Werkzeug der Analyse ist, und nicht ein Spiegel der Realität, damit die notwendige abstrakte Beschreibung nicht dazu führt, dass die Beschreibung ihres (konkreten) Gegenstandsbereiches misslingt.“[9]

Das viergliedrige Idealmodell der Demokratisierung mit dem Fokus auf sozio-kulturellen und demokratiepolitischen Faktoren, das ich entwerfe, ist eine solche notwendigerweise „abstrakte Beschreibung“. Es ist ein „idealisiertes System“, welches das Ziel hat, den Blick zu schärfen, ihn zu orientieren, auszurichten und zu lenken, vor allem: ihn auf die Konfrontation mit der sich schnell verändernden Wirklichkeit durch die Schaffung eines möglichst multidimensionalen, lebendigen Bildes vorzubereiten, das möglichst viele Elemente und Variablen einschließt. Aber dieses Modell ist dabei nicht mehr als ein Instrument unter mehreren im Dienst der Wirklichkeit.

Wen werden diese Überlegungen wohl erreichen? Die Menschen im Irak werden davon nichts wissen – und sie werden davon zunächst einmal auch nichts haben.

Man wird immer von den Sachen regiert, von denen man nichts weiß. „Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nichts von ihnen wussten“, sagte, wie bereits erwähnt, Albert Schweitzer. Das ist heute genauso. Die Frage ist nur, wer diejenigen Leute, Werte oder Verhältnisse sind, von denen die Menschen nichts wissen, und von denen sie regiert werden. Und wie man möglichst viele Faktoren in das Wissen derjenigen einbezieht, die handeln, um die Wirklichkeit möglichst genau, und mit den Augen und im Dienst von möglichst vielen, zu verstehen und also steuern zu können.

Gehen wir von der Zukunft zu den gegenwärtigen praktischen Verhältnissen und zur konkreten Situation zurück. Wenn man es einmal ganz pragmatisch zu sehen versucht: Hat sich die Situation der Irakis heute im Vergleich zur Zeit vor dem Krieg verbessert?

Ja und nein. Die Situation hat sich zweifellos für viele verbessert: die Lehrer verdienen ein Vielfaches, weil die USA Interesse haben, den langfristig mit entscheidenden Bildungsbereich für sich zu gewinnen. Denn die USA wissen, dass sie durch eine positive Einstellung der Lehrer zum demokratischen Wandel über deren Schulkinder viele Familien effizient beeinflussen können. Es herrscht außerdem zumindest in Bagdad eine gewisse neue Freiheit für Künstler und Zivilgesellschafter. Es gibt eine im Prinzip freie Presse, und es gibt im Übergangsparlament eine Frauenquote von 25%, die es nirgendwo anders im Nahen Osten gibt. Es gibt also hoffnungsvolle Zeichen, die zur Unterstützung des in Gang gesetzten Prozesses einladen. Zugleich geht es vielen schlechter: vor allem denjenigen, die vorher in starker Abhängigkeit vom Regime gelebt haben. Und das ist ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung, insbesondere in der sunnitischen Ethnie. Beides ist gleichzeitig der Fall. Nach den mir verfügbaren Informationen aus dem Land ist Entwicklung aber zumindest in Ansätzen sichtbar, wenn auch erst fast ausschließlich in den Städten. Ein Aufschwung ist spürbar möglich, wenn die Unruhen und der Guerillakrieg abnehmen, und der Ölhandel wieder das Vorembargo-Niveau erreicht. Beides wird Zeit benötigen.

Im Irak leben verschiedene ethnische, religiöse und kulturelle Gruppierungen, die sich oft befehden. Die irakische Bevölkerung hat bisher keine wirklichen Erfahrungen in puncto Demokratisierung sammeln können. Eine Zivilgesellschaft ist jedoch nur dann möglich, wenn eine gemeinsame Identität entwickelt wird, die von einer breiten bürgerlichen Mittelschicht getragen wird. Nichts davon ist im Irak zu bemerken. Die Zeichen deuten eher darauf hin, dass in dieser Region auf Jahre hinaus ein zweites Afghanistan entstehen wird.

Es ist zweifellos richtig, daß der Irak wie Afghanistan, wenn auch aus völlig anders gelagerten Gründen und in anderer Weise, seit Jahrzehnten von Tribalismen verschiedener Art beherrscht wird. Das war unter dem Regime Saddam Husseins bewußt so gewollt und wurde, nach dem Modus „Divide et impera“, aktiv gefördert. Andererseits hat der Irak, als ein hoch entwickeltes geistig-kulturelles Zentrum der arabischen Welt, ganz andere Voraussetzungen und Perspektiven als Afghanistan. Er ist sicher nicht mit der jahrtausendealten Tradition der afghanischen Stammesfürsten und „Warlords“ zu vergleichen. Die ethnische Befriedung ist eine unabdingbare Voraussetzung für den weiteren Demokratisierungs-Prozeß. Sie ist nicht nur nicht unmöglich, sondern sehr wohl eine konkrete Perspektive; aber auch hier wird mehr als anderswo ein „geschichtetes“ und ausdifferenziertes Entwicklungs-Denken benötigt. Ich habe eine ethnische Föderalisierung des Irak, etwa nach deutschem Bundesland-Vorbild, mit zusätzlichen Sub-Autonomien für ethnisch besonders heikle Gebiete, deren Status-Festlegung aufgrund ihres hohen Konfliktpotentials von den US-amerikanischen Übergangsverwaltern bewusst auf unbestimmte Zeit aufgeschoben wurde und bisher auch nach dem Macht-Transfer vom 28. Juni ungelöst bleibt, wie zum Beispiel Kirkuk, nach dem Vorbild des Südtirol-Modells vorgeschlagen.

Welche im erweiterten Sinn sozio-kulturellen Perspektiven hat der Irak, von heute aus gesehen? Wird eine Befriedung gelingen, und wenn ja, auf wessen Kosten? Oder wird es einen ethnischen Bürgerkrieg geben?

Ende April 2004 erwarteten nach glaubwürdigen Erhebungen von AP und DPA 41% der Iraker einen ethnischen, genauer: einen im weitesten Sinn ethnisch-kulturellen Bürgerkrieg. Diese Zahlen dürften sich seither nicht wesentlich verändert haben. Das ist, abgesehen von den konkreten Vorgängen wie Aufständen, ethnisch motivierten Bomben und sozialen Spannungen in Gebieten des Zusammenlebens (Kirkuk, Mossul), ein vor allem sozialpsychologisch bedenkliches Symptom. Die soziale Psychologie des Landes und die damit eng zusammenhängende Beeinflussung von kollektiven Werte-Clustern und Grundhaltungen wird einer der wichtigsten Faktoren für die weiteren Forschritte der Demokratisierung sein. Ich kann mich nur wiederholen: Wenn endlich systematischere Bestrebungen vorgenommen würden, Politik, Wirtschaft und Kultur tridimensional einzubeziehen und ein Makro-Orientierungsleitbild der Demokratisierung unter gleichberechtigter Einbeziehung der Kultur, also auch von Zivilgesellschaftern, Soziologen und Kulturwissenschaftlern, zu entwerfen, dann besteht eine erhöhte Chance auf Befriedung. Das Leitbild der trinitarischen Differenzierung könnte dabei vorerst durchaus auch nur immanent wirken - im Sinn einer strukturalen demokratiepolitischen Bewusstseinsbildung und einer approximativen Grundeinrichtung des gesellschaftlichen Ganzen. Wenn es gleichzeitig auch bereits primordialen tagespolitisch-praktischen Einfluß entfalten würde, etwa auf die Verträge mit internationalen Ölfirmen oder auf das neu einzurichtende Verhältnis zwischen Staat (Verwaltung), Wirtschaft und im Lande vorhandenen Kulturen, dann würde das nur von Vorteil sein.

Besteht also prinzipiell Grund zum Optimismus?

Ich bin insgesamt grundsätzlich positiv eingestellt. Aber die Schwierigkeiten werden zweifellos noch auf viele Jahre hin weiterhin sehr groß bleiben. Eine Gefährdung des Gesamtprozesses kann zu keinem Zeitpunkt ausgeschlossen werden – bis weit über die ersten freien, für Anfang 2005 geplanten Wahlen hinaus. Ein entscheidender Kippunkt dürfte die Einsetzung der ersten definitiven Post-Saddam-Verfassung werden. Hier entsteht ein point of no return, und wenn es an diesem Nadelöhr keine weitere Verschärfung der Instabilität und keinen Bürgerkrieg gibt, dann dürfte der Irak als Ganzer allmählich in ruhigeres Fahrwasser kommen. Vermutlich werden aber auch in diesem Fall regionale und lokale Konflikte, insbesondere in den ethnischen Problemzonen wie Kirkuk, noch auf längere Zeit weiterglimmen.

Welche Rolle wird die Türkei spielen?

Die aktuelle Entwicklung in der Türkei ist ein Beispiel für das, was uns im Irak nach freien Wahlen und nach einer ausreichenden Weiterentwicklung an sozio-kulturellen und demokratiepolitischen Problemen ähnlich bevorstehen könnte. Andererseits ist die Türkei zugleich ein gutes Beispiel dafür, dass sich auch illiberale Demokratien, die faktisch von starken fundamentalistisch-antisäkularen Kräften kontrolliert werden, bei geeigneten Anreizen von außen entwickeln können. Solche Anreize wird es im Irak nicht nur von Seiten der USA, sondern vor allem auch von Seiten Europas zu setzen gelten.

Wird die Bush-Regierung nun wieder auf die internationale Staatengemeinschaft in Form der Vereinten Nationen zugehen, und um Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes und dem angestrebten Demokratisierungsprozess bitten, gegebenenfalls auch echte Kompetenzen abgeben?

Das ist bereits geschehen. Die US-Administration hat die Vereinten Nationen bereits im Februar 2004 ausdrücklich um Hilfe und Beteiligung an der „Rekonstruktion“ des Irak gebeten, ebenso wie im übrigen auch die NATO. Die meisten neuen NATO-Mitglieder sind dafür, und ein entsprechender Beschluß wurde bereits gefaßt. Wann die Abgabe echter Kompetenzen im größeren Maßstab erfolgen wird, bleibt auch nach dem Macht-Transfer offen.

Wie wirkt sich die neuerlich zugespitzte Situation im Nahen Osten (Israelis/Palästinenser; das Scheitern der bisherigen „Road Map“ im April 2004, als die amerikanischen Neokonservativen den Rechten in Israel faktisch freie Hand für ihre vereinbarungswidrige Siedlungspolitik gaben) auf die Verhältnisse im Irak aus?

Zwar wurden inzwischen gewisse Korrekturen vorgenommen. Aber sicher ist: Ohne gerechte Zwei-Staaten-Lösung, die die Stimmen der Vernunft, allen voran Martin Buber, schon Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts einforderten, wird es keine dauerhafte Befriedung der Region geben. Und ohne eine solche Befriedung wird die Demokratisierung des Irak zumindest indirekt erschwert. Hätte man damals auf Buber gehört, hätte sich der Nahe Osten unendlich viel Leid erspart. Leider dominieren heute immer noch (und immer wieder) auf beiden Seiten die Kräfte, die in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von Bubers Forderung repräsentieren.

Immer wieder, vor allem im Gefolge der Kriegsgrund-Debatte, tauchen Verschwörungs-Theorien auf. So jüngst die Aussagen des ehemaligen englischen Umweltministers Michael Meacher, der unter anderem ein Strategiepapier der einflussreichen konservativen US-Vereinigung „Project for A New American Century“ zitiert, das einige Zeit vor den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden ist. Darin soll es sinngemäß heißen: Amerika braucht ein neues Pearl Harbour, damit es motiviert ist, seine dominante Rolle in der Welt des 21. Jahrhunderts aktiv, und von den Bürgern mitgetragen, zu ergreifen -   auf daß das 21. Jahrhundert ein konservativ-amerikanisches wird. Was ist davon zu halten? Du hast, etwa im Zusammenhang mit den großen neueren Strategiepapieren der USA wie der „Defense Planning Guidance“ von 1992 oder der „National Security Strategy for the United States“ von 2002, auf die unterschwellig prägende Rolle der anglo-amerikanischen Think Tanks seit dem 19. Jahrhundert hingewiesen, so wie sie etwa der Politik-Professor Carrol Quigley von der Washingtoner Georgetown-Universität, ein maßgeblicher Lehrer Bill Clintons, in seinen ebenso umstrittenen wie geheimnisumwitterten Büchern „Tragedy and Hope“ und „The Anglo-American Establishment“ beschrieben hat. Ist da ein roter Faden, eine Kontinuität? Sind solche, offenbar bewußt auf die Globalentwicklung des neuen Jahrhunderts ausgerichteten, Think Tanks heute noch legitim oder nicht? Und haben Sie überhaupt ein Interesse an einer nachhaltigen Demokratisierung des Irak? Es gibt gegenteilige Stimmen.

Verschwörungstheorien sind grundsätzlich abzulehnen. Denn sie tragen faktisch kaum je zur Aufklärung, sondern meist eher zur Mythen- und Geheimnisbildung - und damit zur Verschleierung der Realität bei. Man sollte sich fragen: Wer verfolgt mit solchen Theorien, die fast immer eine Mischung von überprüfbaren Fakten und nicht überprüfbaren Spekulationen sind, welche Interessen? Die faktischen Angaben von Michael Meacher sind richtig. Aber die Spekulationen, die er anstellt, sind nur schwer zu erhärten und wirken sehr konstruiert. Er spricht denn auch intelligenterweise meist in Frage-Form. Im übrigen hat Meacher vieles vom berüchtigten Sensations- und Verschwörungs-Autor Eric Hufschmid übernommen, der, obwohl er ganz gewiß kein vertrauenswürdiger, sondern im Gegenteil ein äußerst abstruser Kopf mit absurden und dummen Theorien ist, die zum Teil in ihrer propagandistischen Art gefährlich sind, auch von einigen mir bekannten italienischen Parlamentariern eine Zeit lang Ernst genommen wurde, was ich immer strikt abgelehnt habe.

Auf der anderen Seite sind die Arbeiten von Carrol Quigley von hoher Qualität und Bedeutung. Es gibt eine Kontinuität, und darüber hinaus so etwas wie eine geistige oder kulturelle Tradition, der anglo-amerikanischen Think Tanks seit dem 19. Jahrhundert. Im British Empire gründeten Cecil Rhodes, der Namensgeber der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien, und der damalige Außenminister Lord Alfred Milner eine Vereinigung namens „The Round Table“, um den Empire-Gedanken ausdrücklich als politisch-spirituelle Mission zu definieren, und in diesem Sinn in langfristiger Perspektive zu verwirklichen und zu leiten. Seit damals, im Grunde aber schon zurückgehend auf die Artus-Sage, besteht in der anglo-amerikanischen Welt die Haltung, große Jahrhundertpläne in einer Mischung aus „harter“ politischer Macht-Strategie und dem „weichen“, spirituellen Motiv der Erhaltung und Verbreitung der höchstentwickelten Bewusstseinsform, des individuell-rationalen „westlichen“ Bewusstseins, sowie der ihm entsprechenden gesellschaftlichen Organisationsform, heute: der Demokratie, zu verfassen. Dies, um die globale Situation der Zukunft bewusst zu gestalten. Das angelsächsische Bewusstsein war schon immer global ausgerichtet. Man hat in der angelsächsischen Welt gesehen, dass ein globales Bild ein großer Vorteil gegenüber all den Mächten ist, die kein solches Bild und keine Langzeitausrichtung haben, und dass die Verbindung von im weitesten Sinn spirituellen mit machtpolitischen Motiven für den Bestand eines Weltreiches als „innere Substanz“ unerlässlich ist. Ein starkes politisch-gesellschaftliche Gebilde braucht einen starken, geistig-spirituellen Kit – zumindest in den Eliten.

Wie war - und ist - dieser „spirituelle Kit“ beschaffen?

Man ging - und geht bis heute - von einer „natürlichen“ geistigen Weltmission des Angelsachsentums aus. Dieses hatte - und hat dieser Grundauffassung nach bis heute, siehe etwa die Ausführungen Samuel P. Huntingtons in seinem Werk „Kampf der Kulturen“[10], aber auch in seinem neuen Buch „Who are we?“[11] - die welthistorische Aufgabe, ein außengerichtetes, weltumfassendes und rationales Bewußtsein der Welt zu bringen. Dieses spezifische Bewusstsein, die höchste bisher erreichte geistige Stufe der Menschheit, die in der unmittelbaren Erfahrung vorliegt, wird symbolisiert im Adler, der, stark verkürzt ausgedrückt, für eine allumfassende „Bewusstseinsseele“ steht - im Gegensatz zu den verinnerlichten „Ich“- „Gefühls“- und „Verstandes“-Seelen Kern- und Südeuropas. Der Adler ist in den europäisch-westlichen okkulten Traditionen spätestens seit dem 18. und 19. Jahrhundert nicht zufällig das Symbol des Westens, so wie der Löwe das Symbol der Mitte (Kerneuropa) und die Kuh das Symbol des Ostens ist. Nicht nur J. R. Tolkien hat die Mission des Adlers des Westens in seinem Hauptwerk „Der Herr der Ringe“ populär dargestellt, das bewusst ein modern-neuzeitliches Epos zur Einkleidung gewisser traditioneller Wahrheiten seit dem 19. Jahrhundert für „den westlichen Menschen“ ist. Man erinnere sich nur an die immer wiederkehrende Anrede: „Ihr Menschen des Westens!“. Die angelsächsische Welt - „der Westen“ - hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Menschheits-Evolution nie mehr hinter die historisch schwer und in fundamentaler Ambivalenz erkämpfte rational-außengerichtete, klar-selbstbewußte Bewußtseinsstufe zurückfällt. Sie hat im Dienst der Menschheit dafür zu sorgen, daß das evolutorisch höchstentwickelte Bewusstsein: die ihres Bewusstseins in actu inneseiende und daher ebenso selbstbewusste wie selbstkritische westliche Individualität, welche sich lebensweltlich und sozial in liberalen Demokratien organisiert, die weltweite Vorherrschaft behält. Eine hauptsächlich geistige Vorherrschaft, aber dazu ist es in praktischer Hinsicht auf politisch-militärische Vorherrschaft angewiesen.

Zusammenfassend: Das Angelsachsentum handelte - und handelt -, um das evolutorisch, kulturell und sozial-organisatorisch weitestentwickelte Bewusstsein: Individualität, Rationalität, klarer Blick auf die äußere Materie, klares, rechnendes Denken, kurz: das Prinzip Materia principium individuationis in Welt-Perspektive zu erhalten und zu verbreiten. Ein Bewusstsein, das nicht nur zum Erleben (Gefühl) oder zum Wiederspiegeln (Verstand), sondern zur freien Schaffung von objektiver Form fähig ist. Nicht zufällig ist ein prägendes Symbol für das diesbezügliche Selbstverständnisses das Pentagramm, wie es im Pentagon oder auf amerikanischem Militärgerät allgegenwärtig ist: es steht für die Schaffung von bewusster, zeitüberdauernder menschlich-göttlicher Form, und es stammt aus den freimaurerisch-rosenkreuzerischen Zirkeln, die die französische Revolution und, bereits davor, die amerikanische Verfassung inspiriert haben (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist eine alte rosenkreuzerische Intuition, die mit der französischen Revolution zum politischen Schlagwort wurde). Wir haben im grundlegenden Selbstverständnis und in der Mission der angelsächsischen Welt also eine lange Tradition vorliegen, die ausdrücklich den Anspruch hat, die Vergangenheit zusammenzufassen und sie auf einer höheren, zeitgemäßen Stufe fortzuführen. Wenn heute oft davon die Rede ist, dass sich die USA als Rom des 21. Jahrhunderts verstünden, und Europa als Griechenland ansehen, dann wird diesbezüglich jeder eines Besseren belehrt, der einmal das Washingtoner Kapitol besucht. Dort sind Rom und Athen bereits am Eingang, in weniger auffälliger Form im ganzen Symbol-Gebäude verstreut. Sie zeigen überdeutlich eins:  Washington ist Rom und Athen in eins. Beide, Rom und Griechenland, sind die „natürliche“ gemeinsame Bewusstseins- und Kultur-Grundlage des neuen anglo-amerikanischen Bewusstseins als spirituell-pragmatisches Welt-Ideal, in dem sie verschmelzen und ihre natürliche Fortsetzung in der modernen Zeit finden.

Man kann also sagen, dass sich die neueren Langzeit-Strategen wie Averell Harriman, Paul Wolfowitz, Richard Perle, Samuel P. Huntington oder Robert Kagan in gewisser Weise einer geistig-politischen Tradition angehörig fühlen, die bis ins 19. Jahrhundert, zu den Vätern des britischen Weltreichs zurückreicht? Und dass der Fall Irak also letztlich auch in diesem Gesamtzusammenhang gesehen und beurteilt werden muß?

Rhodes’ und Milners Gruppe „The round table“ (nach der bis heute eine führende anglo-amerikanische politikwissenschaftliche Zeitschrift benannt ist) entfaltete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Einfluß, der sehr weit reichte. Ihre Gruppe, auch „Milners Kindergarten“ genannt, versammelte erlesene Geister des Weltreiches, zu denen unter anderem auch Arnold Toynbee gehörte, nicht zufällig der spätere Theoretiker einer langfristigen Weltevolution von 21 Zivilisationen, und dessen epochaler Ansatz, die gesamte politische Welt und ihre komplexen Zusammenhänge durch sozio-kulturelle und kulturell-spirituelle Augen zu sehen, wesentlich der erwähnten aktiven Verbindung von machtpolitischen undspirituellen Motiven durch seine Lehrer entstammt. Toynbee war der Lehrer von Quigley, und Quigley war unter anderem der Lehrer von Bill Clinton. Bis heute gibt es die Zeitschrift mit dem Namen „The Round Table“; und wer darin publiziert, sind nicht zufällig so einflussreiche „Jahrhundert-Denker“ wie Samuel P. Huntington oder Paul Wolfowitz. Huntington steht selbst deutlich in der Tradition Toynbees und beruft sich direkt auf ihn. Er, der Teil der anglo-amerikanischen, politikberatenden Think Tanks und der die neuen angelsächsischen Eliten zum „richtigen“ Selbstbewusstsein führenden Bildungsinstitutionen (King’s College in Oxford) ist, weist nicht zufällig ohne Unterlaß auf die im 21. Jahrhundert verstärkt zu erwartende Verbindung zwischen Politik, Religion und Kultur hin (siehe sowohl „Der Kampf der Kulturen“ wie „Who are we?“).   Er hat damit zu Recht ein bis dahin im Rahmen des postmodernen Paradigmas schlafendes, riesiges Interesse neu geweckt, das er nach eigener Aussage so gar nicht erwartete, auch weil ihm die aufgewiesene Verbindung zwischen Politik, Bewusstseins- und Kulturphilosophie und Spiritualität gewissermaßen natürlich erschien.

Hat diese Tradition keine Änderungen durchgemacht? Das wäre über den langen Zeitraum von eineinhalb Jahrhunderten zu erwarten.

Die Schwerpunkte von Selbstverständnis und Arbeitsweise der anglo-amerikanischen Think Tanks haben sich seit dem 19. Jahrhundert natürlich in vielerlei Weise verändert und verlagert. Vor allem haben sich die Gesellschaftsformen weiterentwickelt, in denen sich das avantgardistische westliche Bewusstsein organisiert, und die es zu schützen gilt. Die Strukturen sind öffentlicher und demokratischer geworden. Aber das alles grundlegende Bewusstsein, in einer bestimmten, großartigen Tradition des Dienstes an der Menschheit zu stehen, was eine nicht nur militärisch-strategische, sondern geistige Überlegenheit und damit auch eine eminente spirituelle Verpflichtung begründet, ist bei den Eliten geblieben. Mit großen Vorteilen: nur in der anglo-amerikanischen Welt ist heute diese Selbstverständlichkeit der Verbindung von Politik und „Substanz“-Geist, von Macht-Strategien und Idealismus, oder, anders ausgedrückt, von Interessen und kultureller Idealisierung gegeben. Genau das aber macht ihren Status als „einzige Weltmacht“ wesentlich mit aus. Genau das ist es, was das „postmoderne“ Europa mit seinem politischen Nominalismus noch immer nicht versteht, so stark unterschätzt und oft aus Unkenntnis lächerlich machen möchte. In Wirklichkeit ist genau das das Kraftzentrum der anglo-amerikanischen Welt, der Europa bislang nichts Entsprechendes an die Seite zu setzen hat. Und das spürt die restliche Welt, wenn es um die Wahl zwischen Demokratie-Modellen geht.

Wie verhalten sich in diesem Zusammenhang Fakten und Spekulation zueinander?

Nun, das sind alles dokumentierte Fakten. Sie sind weit konkreter und bedeutender sowohl in den Inhalten wie in den Persönlichkeiten, welche sie in der Wirklichkeit des konkreten politischen Geschehens vertreten, als alle Verschwörungstheorien. Und sie stehen weit jenseits davon. Es hat dies alles auch mit Partei-Zugehörigkeiten nur sehr wenig zu tun. Nicht nur die Bush-Familie, sondern auch der neue demokratische Präsidentschafts-Kandidat John Kerry ist, wie er mehr oder weniger offen in TV-Shows berichtet, Mitglied des in angelsächsischen Elite-Kreisen bis heute wichtigen Geheimordens „Skull and Bones“, der ein Teil der genannten Tradition ist. In der anglo-amerikanischen Welt herrscht, auch unter dem Einfluß von zwischen den Parteien auf der Grundlage der aufgewiesenen größeren Motive vermittelnden Persönlichkeiten, wie es zuletzt zum Beispiel der sowohl von Demokraten wie von Republikanern hoch geschätzte Averell Harriman war, unter anderem trotz seiner republikanischen Affinitäten der Protegè von Bill Clinton, diesbezüglich ein ganz anderes Verständnis. Es herrscht ein viel selbstverständlicherer Umgang mit dem Spannungs- und Überschneidungsfeld zwischen Ideen, Idealen und Machtinteressen, als es in Kontinentaleuropa nach dem Holocaust denkbar ist. Und es herrscht im übrigen auch eine viel selbstverständlichere Mischung von Freimaurerei, seitens der kirchlichen Konfessionen in den Untergrund gedrängten okkulten Strömungen aus dem Umfeld der französischen Revolution und dem öffentlichen amerikanischen Staats-Selbstverständnis. Eine protestantische Kirche mit Freimaurersymbolen an ihren Außenwänden ist in der angelsächsischen Welt ganz normal; und der Premierminister besucht sie jeden Sonntag.

Ich will nichts idealisieren. Aber ich möchte doch in aller Deutlichkeit feststellen: Es herrscht in der anglo-amerikanischen Welt eine ganz andere öffentliche Verbindung von Wirklichkeit mit Idealen, von Willen und Denken als in Europa. Das heißt nicht, dass daraus keine Fehler erwachsen. In Europa ist das alles sehr anders, und natürlich ist beides legitim. In den USA lebt bis heute eine gewissermaßen unmittelbare Spiritualität im Willen (eine „Erotik des Willens“, wie sie Jean-Francois Lyotard unter dem Eindruck seines USA-Aufenthalts treffend bezeichnet hat). Und diese Spiritualität wird in der Tat vergleichsweise selbstverständlich von den Eliten systematisch begleitet und in langfristig-„praktischer“ Ausrichtung gepflegt. Man findet die Ausflüsse dieser Verbindung von Spiritualität mit Wirklichkeit auch in den neueren anglo-amerikanischen Avantgarde-Ansätzen der sozialen und politischen Theorie – etwa in der Methodologie der „Spiraldynamik“, der „geschichteten Demokratisierung“ oder im Werk Ken Wilbers, des heute meistgelesenen Philosophen der Welt.

Noch einmal: es ist schade und ein großes Versäumnis, dass Europa dem bis heute nichts Eigenständiges, Alternatives an die Seite zu stellen hat. Dieses Eigenständige, Alternative müßte dieselbe Kraft nicht aus einer hierarchischen Vertikale, sondern aus einer gegliederten Horizontale beziehen – mit einer notwendigerweise ganz anderen Wirkung auf die entstehende globale Gesellschaft, wie ich anhand der trinitarischen Differenzierung darzustellen versucht habe. Nicht hierarchisch-elitäre, sondern horizontal-demokratiepolitische Spiritualität: das ist es, worin die Zukunft Europas liegt. Die trinitarische Differenzierung konstitutiert eine strukturelle Spiritualität als Prinzip der Gesellschaftsorganisation, die nicht vertikal, sondern horizontal angelegt ist. Sie führt zu einer systemischen Gleichberechtigung von Wirtschaft, Politik und Kultur, und das macht alle Urteilsbildungen und Sichtweisen innerhalb dieser Gesellschaft dreidimensional. Genau das ist horizontale Spiritualität, wie sie von Europa in den kommenden Jahren zur Ausbalancierung der vertikalen Spiritualität, die aus „dem Westen“ kommt, in globaler Perspektive erwartet wird.

Aber wenn man die heutigen konkreten Vorgehensweisen der „einzigen Weltmacht“ USA betrachtet, sowohl in Afghanistan wie im Irak: Handelt es sich hier tatsächliche um spirituelle Aspekte – oder nicht eher um beinharte ökonomisch-politische Machtinteressen? Welcher der beiden Aspekte steht im Vordergrund? Welcher der beiden hat heute die strategische und pragmatische Überhand gewonnen? Ist die Art von Spiritualität, die sich darin vielleicht zur Geltung bringt, heute noch zeitgemäß? Und was bedeutet das alles für den Irak?

Das sind komplexe Fragen, die eine eigene Erörterung notwendig machen würden. Ich möchte hier nur einen Aspekt herausgreifen. Ein Hauptproblem heute ist die Verbindung von konservativen politischen Interessen mit mythischer beziehungsweise personenzentrierter bürgerlicher Religiosität in Amerika. Das verbindet paradoxerweise die traditionalistisch-stagnierenden spirituellen Politikdenkweisen in beiden Ländern: in den USA die amerikanischen Neokonservativen bis Rechten, im Irak die gemäßigten bis radikalen Fundamentalisten. Wir müssen zunächst unbedingt mythische (bildorientierte) und „praktizierende“ (auf Bewusstseinsveränderung hin ausgerichtete) Spiritualität unterscheiden, um hier eine Präzisierungsmöglichkeit zu gewinnen. Die Spiritualität, die das amerikanische Handeln heute färbt, ist stark mythischer Natur. Die Spiritualität, um die es eigentlich geht, ist „praktizierender“ Natur. Die traditionellen Stränge der anglo-amerikanischen Think Tanks haben meist die letztere Spiritualität bevorzugt, auch wenn sie sich oft ganz bewußt mythischer Spiritualitäts-Motive zur Erreichung politischer Ziele bedient haben.

Was hat die Demokratisierung des Irak mit den „harten“ anglo-amerikanischen Öl- und Regional-Interessen zu tun? Immerhin stammt ein nicht zu unterschätzender Teil der Bush-Administration (darunter der Präsident und der Vizepräsident) aus dem Öl-Geschäft.

Die Situation ist in der Tat von vielen Widersprüchen und ambivalenten Botschaften gekennzeichnet. So kündigten die USA nach dem offiziellen Kriegsende im Mai 2004 mehrfach an, Iraks Öl-Reserven so zu benutzen, dass diejenigen Staaten, die im Krieg nicht auf der Seite Amerikas standen, bestraft würden; aber zugleich sagte man, man wolle diese Reserven nicht antasten, weil sie allein dem irakischen Volk gehören. Zugleich kündigte Paul Wolfowitz mehrfach an, den Irak-Krieg vom Irak selbst mit irakischem Öl bezahlen zu lassen[12] - frei nach dem Vorbild des britischen Empire, das die von ihm besetzten Staaten ebenfalls für die Besatzung zahlen ließ; und im selben Atemzug sagte er, man wolle die Öl-Reserven des Irak nicht antasten. Heute ist die Wiedergewinnung des irakischen Öls jedenfalls in operativer Hinsicht fest in der Hand texanischer Ölunternehmen. Offiziell haben sie nur den Auftrag, die Ölquellen wieder voll funktionsfähig zu machen und die Infrastruktur zu modernisieren; aber daran sind berechtigte Zweifel möglich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Energiebedarf in den USA ständig steigt, dass die US-Regierung von den Energielobbys des Landes direkt und indirekt abhängt, und dass zugleich das Ölgeschäft bessere Gewinne abwirft als je zuvor. Natürlich haben die amerikanischen Ölfirmen Interesse, im Land zu bleiben und die Vorräte zu kontrollieren – ein sichereres Geschäft gibt es nicht.

Insgesamt ist die Öl-Frage aber noch weit komplexer, als meist angenommen. Denn es gibt auch noch eine weitere Seite, die die Dinge etwas komplizierter macht. Erstens sind große Auslands-Investitionen nötig. Zweitens besteht um diese Investitionen eine hohe Konkurrenz durch andere erdölfördernde Staaten, etwa der ehemaligen Sowjetunion. Drittens haben die USA Interesse, durch Kontrolle der Nahost-Region mit dem Zentrum Irak einen Umstieg der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) von Dollar auf Euro zu verhindern. Das wäre schon wegen den saudi-arabischen Vermögenswerten in den USA (faktisch gehören bis zu 7% der USA den Saudis) und den zu befürchtenden Umschichtungen aus der Sichtweise der Bush-Regierung eine Katastrophe. Viertens öffnet der Beschluß des irakischen Übergangs-Regierungsrates vom September 2003, Auslands-Beteiligungen an irakischen Betrieben zu 100% zu erlauben, einer potentiell negativen Entwicklung Tür und Tor, auch wenn bisher die Öl- und Bodenschätze des Landes ausdrücklich von dieser Regelung ausgenommen sind. Das kann unter den heutigen neoliberalen Mentalitäts-Rahmenbedingungen in globalen Zusammenhängen erfahrungsgemäß schnell geändert werden - vor allem dann, wenn die Privatisierung und Teil-Privatisierung in anderen Bereichen gut funktioniert. Der Beschluß der Freigabe von Auslands-Beteiligungen ist zur Anlockung von Investoren im Prinzip zweifellos positiv; aber er erinnert viele Iraker zu Recht sehr an den britischen Kolonialeinfluss mit Besitz der Produktionsmittel und, vor allem, mit langfristigen Exklusiverträgen, wie das bis 1966 (Machtergreifung der Baath-Partei), aber auch darüber hinaus, der Fall war. Die Gesamt-Problematik, die sich um die irakischen Öl-Reserven - potentiell die zweitgrößten der Welt -  rankt, könnte für die Zukunft des Demokratisierungsprozesses mit konstitutiv sein.

Wie lange ist noch eine Anwesenheit von ausländischen Truppen im Irak nötig? Ist nach dem Macht-Transfer vom 28. Juni 2004 ein Abzug der Amerikaner, wie ihn die schiitischen und sunnitischen Radikalen mit zunehmender Vehemenz fordern,  in absehbarer Zeit realistisch?

Die Bush-Regierung hat mehrfach angekündigt, noch mindestens zwei Jahre mit ähnlicher Truppenstärke zur Unterstützung der ersten autonomen Regierung zu bleiben, bis wenigstens drei irakische Divisionen bereit sind, die Sicherheit zu garantieren. Nach den Vorfällen während der Schiiten- und Sunniten-Aufstände im April 2004, als sich Teile der neu formierten irakischen Armee ohne Zögern auf die Seite der Aufständischen geschlagen und auf ihre amerikanischen Ausbildner geschossen haben, dürften sich diese Zeiträume erheblich verlängern. Präsidentschaftkandidat John Kerry will, wenn er Präsident wird, die US-Truppen innerhalb seiner ersten Amtszeit aus dem Irak zurückziehen, also innerhalb der kommenden vier Jahre. Andere erfahrene Beobachter der Lage, wie etwa Francis Fukuyama, sprechen von der Notwendigkeit von 50 Jahren Anwesenheit und Schutzfunktion – ähnlich, wie es in Deutschland oder Japan nach dem zweiten Weltkrieg der Fall war. Inwieweit und in welcher Form das im Irak realistisch ist, ist derzeit schwer abzusehen. Das hängt entscheidend von der Stabilisierung und den Fortschritten der irakischen Demokratisierung ab. Die eigentlichen Probleme sind nicht militärischer Natur, sondern demokratiepolitischer, ethnischer und sozio-kultureller Art; sie beginnen in ihrer wirklichen Dimension voraussichtlich erst in vier bis fünf Jahren.

Abschließend noch fünf zusammenfassende Fragen. Erstens: In welche Richtung weist die Entwicklung des Irak im letzten Viertel des Jahres 2004?

Die Situation im Irak ist durch die Öffnung des öffentlichen Raums im Rahmen der Demokratisierung nicht einfacher geworden, sondern komplexer als je zuvor. Sie ist durch eine hohe Entwicklungsdynamik bei gleichzeitiger Instabilität in allen gesellschaftlichen Schlüsselbereichen gekennzeichnet. Andem Willen des „Westens“ zwischen globalem Machtkalkül und missionarisch-spirituellen Weltbewußtsein, aber auch an der schwierigen Rolle „Kern“-Europas zwischen demokratischer Solidarität mit den USA und neuer demokratiepolitischer Eigenständigkeit auf globaler Ebene wird sich nur mittel- bis langfristig etwas ändern. Der liberal-ökonomische Idealismus des Westens und, vor allem, das Fehlen einer ernstzunehmenden eigenen kerneuropäischen Strukturperspektive (trinitarische Differenzierung) wird auf absehbare Zeit auch weiterhin ein Schweben der Situation im Irak bedingen - zwischen Macht- und Ölinteressen einerseits und bewußtseinsevolutorischem Idealismus andererseits, zwischen altem strategischem Vorherrschafts-Interesse und weltumspannender „Bewusstseinsseele“. Das genau war die Mischung, die etwa im Rahmen von Paul Wolfowitz’ Grundsatz-Überlegungen zum Irak-Krieg geführt hat, und die den Irak lange vor den Terroranschlägen des 11. September zum strategischen Ziel gekürt hat. Der 11. September hat dann den Anlaß geliefert, dieses Ziel als Schlüsselteil eines größeren Umgestaltungs-Prozesses in Angriff zu nehmen. Obwohl es großer Wachheit bedarf, wie sich Machtinteressen und Idealismen verbinden, und obwohl es auch weiterhin schwierig bleiben wird, sich über die Einzelheiten und die dahinterstehenden Motive einen klaren Eindruck zu verschaffen, ist es keine Alternative, sich in dieser Lage in einseitige Positionen „ohne wenn und aber“ zu flüchten, diese dann für produktive Militanz zu verkaufen, diese Militanz dann als „europäische Zivilgesellschaft“ zu bezeichnen, und dabei langfristige Entwicklungslinien und „große“ Perspektiven des geopolitischen Weltgeschehens zu übersehen, die auch auf gewisse „geistige“ Dimensionen der Geschehnisse hinweisen. Im Gegenteil: Es geht für Europa heute darum, das Eigene auch im Geistigen zu ergreifen.

Zweitens: Welche historischen Symptomatologien der Gegenwart, und, weiterreichend, der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts sind, in Kürzestform zusammengefasst, heute an den Irak gebunden? Wie werden sie sich in den kommenden Jahren weiter manifestieren und entwickeln?

Die Frage des globalen Zusammenwachsens von politischen, kulturellen und religiösen/spirituellen Faktoren, und die Frage des geeigneten Umgangs mit dieser Entwicklung. Dazu gehört auch die Frage nach der Demokratisierbarkeit islamischer Kulturgebiete weltweit – über den Irak hinaus.

Die Frage der neuen internationalen Gemeinschaftsbildung nach 1989 und der Interessen, die sie leiten oder verhindern. Dazu gehört auch die Frage nach der geeigneten, „makro-kulturellen“ Neukonstitution der Vereinten Nationen für die neuen Bedingungen des 21. Jahrhunderts.

Die Frage, welche Art der Demokratie das 21. Jahrhundert, das „Jahrhundert der globalen Demokratisierung“, kennzeichnen wird: eine eher amerikanische oder eine eher europäische Art der Demokratie. Dazu gehört auch die Frage, die meines Erachtens auf Jahrzehnte hinaus zentral bleiben wird: Wie kann „Kerneuropa“, komplementär zum wachsenden Demokratisierungs-Einfluß der USA, einen eigenständigen globalen Akzent setzen – und dabei umgekehrt seine eigene „Wiedergeburt“ von der Ebene der intellektuellen Beschwörung und der Willensbekundung auf die praktische Strukturebene herabbringen?

Die Frage des weltweiten Umgangs mit Minderheiten, mit der Autonomisierung und Föderalisierung von Gruppen und Sozialgebilden. Diese Frage ist ein Teil der umfassenderen Fragestellung, wie mit der neuen, postnationalen Konstellation (Jürgen Habermas) und ihrer allgemeinen Aufweichung und inneren Ausdifferenzierung von nationalen Einheitsgebilden umzugehen ist.

Drittens: Gibt es trotz allem etwas Positives an der Irak-Krise 2002-2004? Etwas Positives, dessen „Ergebnisse“ für die Zukunft weiterwirken werden? Diese Krise war ja nicht nur auf den Irak beschränkt, sondern war eine am Irak konzentrierte und gebündelte Weltkrise.

Ja. Ich sehe folgende positive Aspekte:

1. In Europa: Die starke politische Emotionalisierung hat eine allgemeine neue Politisierung hervorgebracht. Diese wiederum hat einerseits zu einer neuen Unabhängigkeit und „Selbstermächtigung“ (Empowerment) der Zivilgesellschaft, andererseits zu einem neuen Kern-Europa-Denken mit entsprechendem Beginn einer weitreichenden Bewusstseinsbildung zum Eigenen Europas geführt. Insgesamt hat eine neue Politisierung der Kultursphäre (oder der „kulturell kreativen“ Zivilgesellschaft) stattgefunden, die auf ein langsam keimendes Bewusstsein der Notwendigkeit strukturaler trinitarischer Differenzierung hinausläuft. Außerdem wurden dadurch im Hinblick auf ein eigenständigeres, selbstbewussteres Selbstverständnis Europas gegenüber den USA erste vertiefte (nämlich „kulturelle“) Schritte gesetzt. Vor allem auf die heute junge, kommende Generation von PolitikerInnen und Kulturschaffenden wird dies bewusstseinsprägend weiterwirken, und sei es auch nur unterschwellig. Deshalb ist es langfristig bedeutsam. Die Gefahr droht hier von einer neuen Gleichgültigkeit und dem schnellen Versanden dieser Themen.

Das Positive für Europa ist, daß es im Gefolge der Irak-Krise und seiner eigenen temporären Spaltung zu einem Denken erstens in großen Zeiträumen und zweitens in konkreten Makro-Strukturkonzepten mit Rechtswirkung gezwungen ist. Es wurde klar, dass ein Denken in alternativen Struktur-Leitbildern das bisherige Denken in kulturellen Beschwörungsformeln ergänzen muß. Es wurde klar, dass der bisherige postmodern-dekonstruktive Demokraite-Ansatz Europas auf Weltebene durch einen post-postmodern-konstruktiven Ansatz im Sinn konkreter Makro-Strukturalternativen und strategischer Langzeitmodelle ergänzt werden muß, wenn Europa in den Krisen der Zukunft bestehen will. Und es wurde klar, daß Amerika derzeit in beiden Aspekten: im Denken in großen Zeiträumen und in den konkreten Makro-Strukturkonzepten Europa noch weit überlegen ist, weil Europa – nicht zuletzt unter dem Einfluß der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – die Fähigkeiten zu beidem zum Teil bewusst zurückgestellt, zum Teil vernachlässigt hat. Dazu kommt, dass die angelsächsische Welt ein weit genaueres und umfassenderes Bewusstsein seiner geistigen Welt-Mission hat (Durchsetzung des weitestentwickelten, rationalen Ego-Bewusstseins und seiner spezifischen gesellschaftlichen Organisationsform, der liberalen Demokratie unitarischer Prägung). Europa muß daher auch im geistig-kulturellen Bereich eine eigenständige, produktiv aufbauende Welt-Vision entwickeln. Die Kunst wird sein, in diese aufbauende Vision die weitreichenden Errungenschaften der Dekonstruktion und des mit ihr verbundenen, in actu selbstkritischen Bewusstseins zu integrieren.

2. In den USA: Die Ereignisse der Irak-Krise und vor allem ihre Nachwirkungen haben der Mehrzahl der Amerikaner klar gezeigt, dass eine monopolare Ordnungsrolle auf Dauer nicht durchzuhalten - und dass sie auch nicht sinnvoll ist. Sie haben zu einer vertieften inneren Diskussion geführt, wie sich die USA künftig zu ihren Verbündeten, zu den Demokratisierungs-Anforderungen in der Welt und zu den Vereinten Nationen stellen sollen. Und sie haben, daraus hervorgehend, zu einer neuen Grundsatz-Diskussion zwischen Konservativen und Progressiven über die „geistige“ Rolle Amerikas in der Welt geführt, die noch in vollem Gange ist. Dabei beginnen sich die Unterschiede zwischen mythischer und „praktizierender“ Spiritualität immer deutlicher herauszuschälen. Nicht zuletzt hat all dies zu einer neuen, vertieften Identitätsdiskussion in den USA geführt (siehe dazu unter anderem das neue Buch von Samuel P. Huntington: „Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität“), die sich dezidiert im Spannungsfeld zwischen Kultur, Religion, Spiritualität und Politik abspielt. Damit ist eine Präzisierung, Öffentlichmachung und Ausdifferenzierung von Sichtweisen verbunden, die eminentes progressives Potential beinhaltet.

3. Im Irak: Das Eingreifen der anglo-amerikanischen Koalition hat zur Absetzung Saddam Husseins und und seiner jahrzehntelangen, mit Völkermord verbundenen Schreckensherrschaft geführt. Es hat in jedem Fall den Beginn einer neuen Ära ermöglicht. Die Frage ist heute aber, wie diese neue Ära tatsächlich aussehen wird: ob sie in Richtung einer modernen Demokratie neuartigen islamischen Zuschnitts, oder aber in Richtung einer Regression in faktisch prä-demokratische oder gar fundamentalistische Autoritäts-Muster verlaufen wird.

4. In der Region des Nahen Ostens: Die Irak-Krise hat einerseits das Bewusstsein für die kulturelle und politische Zusammengehörigkeit der Region gegenüber westlichen Eingriffen gestärkt. Andererseits hat sie mittel- bis langfristig auch der zart keimenden lokalen Zivilgesellschaft westlich-demokratischen Zuschnitts einen gewissen Auftrieb gegeben. Es bringt in diesem Zusammenhang meines Erachtens wenig, wenn die Progressiven in Europa sich gegenwärtig dadurch in Bezug zum Nahen Osten setzen, dass sie vergleichsweise einseitig die USA kritisieren, und deren Irak-Politik einfach als Teil einer global ausgreifenden neoliberal-usurpatorischen Politikstrategie abstempeln (wie einige der besten und zu Recht kritischsten Teile der „neuen Alternativbewegungen“, zum Beispiel ATTAC). Stattdessen wäre es besser, einen praktischen emanzipativen Bezug zum Nahen Osten herzustellen – und zwar durch gemeinsame Erarbeitung von Makro-Struktur-Entwicklungskonzepten, die machbar und realistisch sind: Entwicklung der lokalen Zivilgesellschaften, politische Subjektivierung der nahöstlichen Gesellschaften, trinitarische Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur als allgemeines Entwicklungs-Leitbild. Dazu Aufklärungs- und Bildungsarbeit vor Ort, auch mittels Gründung von universitären Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen, Politikberatung, Hilfe bei der Bildung von Gruppen und Organisationen, Rechtshilfen, Adaption des trinitarischen Gesellschafts-Differenzierungskonzepts auf die lokale Realität, Gründung von entsprechenden Strukturgrundlagen vor allem im Bereich der Kultur, Hilfe bei der Formierung einer Dreigliederungsbewegung als ernstzunehmender politischer Kraft für den Nahen Osten, Gewinnung der besten, in „natürlicher“ Weise zu einer Zivilgesellschaft tendierenden Teile der neuen Generation für die Demokratie. Das bringt viel mehr. Die Haupt-Kunst der europäischen ZivilgesellschafterInnen wird in langfristiger Perspektive sein, die kulturell Kreativen im Irak zu finden, und gerade diejenigen, die nicht die Macht ergreifen wollen, zur Ergreifung der Macht zu motivieren.

5. In der Weltgemeinschaft (Vereinte Nationen): Zivilgesellschaft, politische Subjektivierung und trinitarische Differenzierung müssen gemeinsam als grenzübergreifend-globale Kulturaufgabe mit nachhaltiger Rechtswirkung und in systemischer Absicht betrachtet werden. Zu ihrer Verwirklichung können die Vereinten Nationen maßgeblich beitragen. Sie haben in der Irak-Krise ihre faktische Außerkraftsetzung erlebt. Dadurch ist ihnen umgekehrt die Chance entstanden, sich in Selbstverständnis wie auch, zumindest teilweise, in politischer und institutioneller Makro-Struktur neu zu konstituieren. Das macht wenigstens potentiell eine angemessenere Form der Vereinten Nationen im Spannungsfeld zwischen Recht/Politik und Kultur möglich, die auf die neue Bedeutung der Verbindung von Recht/Politik und Kultur im 21. Jahrhundert antwortet. Und es macht ihre Umwandlung zu einer veritablen „Weltföderation“ zumindest zu einer ernstzunehmenderen Option als bisher.

Bis auf weiteres aber kommt den Vereinten Nationen neben der Förderung ökonomischer Partizipation zur Stützung der anstehenden globalen Demokratisierung in den kommenden Jahren wesentlich eine Impulsierungs- und Erneuerungs-Aufgabe im Spannungsbereich des Verhältnisses zwischen Kultur und Recht zu. Die Vereinten Nationen sollten stärker als bisher darauf abzielen, mittels Kultur und ihrer „vertiefenden“ bewusstseinsbildenden Kraft  Rechtsbedingungen zu verändern (politische Subjektivierung, Zivilgesellschaft, Demokratisierung), und durch Veränderung von Rechtsbedingungen umgekehrt die Kultur von Politik und Wirtschaft zu differenzieren und zu entfalten (trinitarische Differenzierung als Inbegriff „guter“ Modernisierung). Dazu werden die Vereinten Nationen stärker als bisher mit einem eigenständigeren, seine immanente trinitarische Differenzierungstendenz aktiver als bisher ergreifendem Europa zusammenarbeiten müssen. Der Wille dazu ist, wie Generalsekretär Kofi Annan mehrfach anklingen hat lassen, gerade im Rahmen gewisser anhaltender Spannungsverhältnisse zwischen den Vereinten Nationen und der sie vergleichsweise gering schätzenden konservativen US-Regierung durchaus gegeben. Weil genau die Ausdifferenzierung zwischen Wirtschaft, Kultur und Recht in den kommenden Jahren ein zentraler roter Faden des gesamten Irak-Problems, seiner „tieferen“ Kultur- und Sozialgrundierung und der Erfolgsaussichten der entsprechenden Lösungs-Modelle sein wird, kommt hier der Kooperation von Vereinten Nationen und Europa potentiell eine wesentliche Rolle zu. Es wäre darüber hinaus wünschenswert, diese Zusammenarbeit in Abstimmung mit den USA sowie den Regional- und Lokalmächten zum Bestandteil einer langfristigen Strategie für die Länder des Nahen Ostens zu machen. Daraus könnte eine bestimmte Art der verbindenden Kulturwirkung hervorgehen.

Viertens: Was sind, kurz zusammengefasst, die Kernpunkte für das Gelingen der irakischen Demokratisierung im besonderen?

Sie bestehen vor allem in der Art, wie in den kommenden Jahren einige Fragen beantwortet werden: Werden auf alliierter Seite die Idealisten gewinnen oder die Interessen? Wird Kerneuropa einen eigenständigen und doch mit Amerika und England koordinierten Impuls geben können oder nicht? Wird eine Demokratie in Mesopotamien eher auf der Grundlage des US-amerikanischen oder des europäischen Struktur-Modells möglich sein? Wird das Umfeld, das größere der Vereinten Nationen, und das regionale des Nahen Ostens, dabei helfen können oder nicht? Werden die Vereinten Nationen und ihre globale Wirkungskraft substantiell zu erneuern sein oder nicht? Wird dadurch ein Wettrüsten der Länder der Dritten Welt aus wachsender Angst vor einem jederzeit möglichen Einmarsch der konservativen und expansiven „einzigen Weltmacht“ zu verhindern sein oder nicht?

Fünftens: Der derzeitige Mangel an langfristig brauchbaren Ideen für die Demokratisierung des Irak seitens der US-Administration und der ersten autonomen irakischen Regierung könnte offenbarer nicht sein – auch nach der Unterzeichnung der Übergangsverfassung am 8. März und nach dem Macht-Transfer vom 28. Juni 2004. Ist das von Dir vorgeschlagene viergliedrige Idealmodell der Demokratisierung die Lösung?

Das viergliedrige Idealmodell ist keine Lösung, und es soll nicht die „Illusion der Möglichkeit letzter Fülle“ (Jacques Lacan) erzeugen. Sondern es soll eine weitmaschige Makro-Orientierung im Sinn einer heuristischen Hilfe bei der konkreten, praktischen Lösungsfindung geben. Dieses Idealmodell ist meiner Meinung nach sinnvoll, weil es angesichts der besonders hohen Komplexität der Lage im Irak ein Makro-Bild braucht – ob in dieser oder in einer anderen möglichen Form, ist zweitrangig. Mir ist vollkommen bewußt, dass man jetzt nicht von Seiten gewisser leitender Strategen kommen wird und sagen: Endlich, das ist die Makro-Idee, auf die wir gewartet haben, ja, laß es uns genau so tun! Ich denke nur, Europa sollte versuchen, aktiv und verstärkt nicht nur „weiche“ symbolisch-karitative Gesten, sondern „harte“ Ideen einzubringen. Das viergliedrige Idealmodell ist dabei eine Ideen-Landkarte unter vielen möglichen zur konkreten, praktischen Verbesserung des bisher großteils verfahrenen Demokratisierungsprozesses im Irak.

Worum geht es nun also?

Wichtig ist meinen Meinung nach nun vor allem eines: dass es endlich eine integrale, mehrdimensionale und dabei klar strukturierte Gesamt-Vision gibt, die innovativ und pragmatisch zugleich ist. Darum geht es. Die Quadratur des Kreises? Vielleicht, aber man muß es zumindest so gut wie möglich versuchen. Ich habe dazu das viergliedrige Idealmodell vorgeschlagen, bestehend aus Spiraldynamik, geschichteter Demokratisierung, trinitarischer Differenzierung und Entwicklung der vereinten Nationen zur Weltföderation. Den Wert dieser Vision, die nichts anderes als ein theoretischer Hilfsmittel zur Bewältigung von wirklicher Komplexität darstellen soll, wird dann die Wirklichkeit erweisen – und nur sie. Und vielleicht wird sich dieser Wert faktisch ganz anders manifestieren, als ursprünglich gedacht. Vielleicht wird dieser Wert an einer ganz anderen Stelle, als ursprünglich geplant, etwas Positives bewirken. Das wäre zu begrüßen. Es wäre jedenfalls ausreichend. Dann wird sich das Weitere zeigen. Und dann werden wir gemeinsam weitergehen.

 

Die Fragen stellten Stephan Stockmar und Ralf Sonnenberg, Redakteure der Frankfurter Kulturzeitschrift „Die Drei“, www.diedrei.org (schriftlich). Bearbeitung und Ergänzung: Roland Benedikter.

Roland Benedikter, geboren 1965, ist Mitarbeiter des Instituts für Ideengeschichte und Demokratieforschung Innsbruck (Österreich), Mitglied des Lehrkörpers des Studiengangs Kulturwissenschaften der Universität Innsbruck (Österreich) und des Laboratorio Freudiano – Fachhochschule für Lacan´sche Psychoanalyse Mailand (Italien). In der Vergangenheit unter anderem Gastvorlesungen an der Universität Mersin (Türkei), an der Clemens-Ohridski-Universität Sofia (Bulgarien) und an der Katholischen Universität Lima (Peru) (2001-2003). Autor des Buches „Zeitgeist-Symptome“ (Frankfurt am Main 2000), Herausgeber und Mitautor von weiteren 14 Büchern, darunter der 7-bändigen Reihe „Postmaterialismus“ im Passagen Verlag Wien. Bisher mehr als 80 Fachpublikationen, unter anderem in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Berlin; In The National Interest - The National Interest and The Nixon Center, Washington; Security Dialogue, Oslo-London; International Journal of Cultural Heritage Studies, London; Neohelicon, Dordrecht-London-Budapest; Aufklärung und Kritik, Nürnberg. Mehr als 25 Kommentare zu aktuellen Fragen in internationalen Tages- und Wochenzeitungen, unter anderem in: Frankfurter Rundschau, Radikal Istanbul, Der Freitag Berlin, Der Standard Wien, Die Presse Wien, Deutsche Zeitung Moskau. Bisher 23 Artikel in drei internationalen Standard-Lexika: F. Volpi, „Großes Werklexikon der Philosophie“, H. Reinalter, „Lexikon der Freimaurerei“ und J. Mittelstraß et.al., „Lexikon der Geisteswissenschaften“. Mitarbeit am Bericht an den Club of Rome 2003 von Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Mathias Finger und Oran Young „Limits To Privatization. How To Avoid Too Much Of A Good Thing“ (Oxford 2004). Langjährige internationale Vortragstätigkeit mit mehr als 40 abendfüllenden Vorträgen in 7 Ländern (Italien, Österreich, Deutschland, Schweiz, Bulgarien, Türkei und Peru). Kontakt: Cavour-Str. 23/a, I-39100 Bozen, Italien.E-mail: rolandbenedikter@yahoo.de .

Anmerkungen

[1] Vgl. P. Ray and S. Anderson, The Cultural Creatives, New York 2000. Siehe dazu auch die gute Zusammenfassung bei U. Morgenthaler, Die „Kulturschöpferischen“. Wie 50 Millionen Menschen die Welt verändern, in: Zeitschrift Info3. Anthroposophie heute, 26. Jahrgang, Heft 1/2001, Frankfurt am Main 2001.
[2] T. Garton Ash, Warme Brüder und EU-nuchen: Europa, Amerikas neues Feindbild, in: Die Zeit, Nr. 6, 30.01.2003, S. 33-34.
[3] F. Fukuyama, Staaten bauen, München 2004.
[4] Vgl. dazu näher R. Benedikter, Langsam entgleitet die unhörbare Präsenz – und die Ekstase der schwarzen Leere nimmt ihren Platz ein. Zu Jean-Francois Lyotards geistigem Testament „Der schalltote Raum“, in: Die Drei, 72. Jahrgang, Heft 6/2002, Frankfurt am Main 2002, S. 25-38.
[5] Vgl. dazu M. Cacciari, Politische Schwäche als Instrument der Selbstbehauptung? Europa und das Politische im 21. Jahrhundert, in: R. Benedikter (Hg.), Italienische Politikphilosophie für das 21. Jahrhundert, Reihe Italienische Philosophie für das 21. Jahrhundert, Band 2, Frommann-Holzboog Verlag Stuttgart 2005 (in Vorbereitung).
[6] Vgl. dazu näher N. Perlas, Globalisierung, Postmaterialismus und Dreigliederung, in: R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus, Band 6: Die Globalisierung, Wien 2004. Perlas erhielt für seine praktische und intellektuelle Arbeit den Alternativen Nobelpreis (The Right Livelihood Award) 2003.
[7] H. Böhringer, Europas Entführung nach Westen, in: M. Lorenzen (Hg.), Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Jahrgang 5 (2004), Heft 2, 18.04.2004, www.philosophia-online.de.
[8] T. J. Fararo, Über die Grundlagen der Handlungstheorie: Vier Imperative, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Heft 1/2004, Westdeutscher Verlag / Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, S. 3-26.
[9] T. J. Fararo, Über die Grundlagen, a.a.O., S. 25.
[10] S. P. Huntington, Der Kampf der Kulturen, München 1997.
[11] S. P. Huntington, Who are we? Die Krise der amerikanischen Identität, Berlin 2004. Vgl. dazu vor allem auch die im Gespräch genannten Bücher von C. Quigley.
[12] Siehe u.a. The New York Times, 28.02.2003.

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