Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Buch des Monats September 2004

Heinrich Heine: Die romantische Schule. Volltextlesung, 6 CDs, Produktion, Ausstattung und Sprecher: Axel Grube, Musik / Klangarbeit: Detlef Klepsch, Axel Grube, onomato Hörbücher, Düsseldorf, 2003, ISBN 3-933 691-28-1, 38,80 €

Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Volltextlesung, 5 CDs, Produktion, Ausstattung und Sprecher: Axel Grube, Musik / Klangarbeit: Detlef Klepsch, Axel Grube, onomato Hörbücher, Düsseldorf, 2001,ISBN 3-933 691-21-4, 35,90 €

 

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Liest man heute, 169 Jahre nach ihrem Erscheinen - beide Bücher wurden 1835 in Deutschland veröffentlicht - die Beschreibungen Heines über die "Romantische Schule" und zur "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", so mag man sich zunächst fragen, was uns diese Texte noch angehen. Inhaltlich nämlich erfährt man wenig über Novalis, Ludwig Tieck oder Eichendorff, die Schlegelsche Kritik oder die Schellingsche Philosophie. Dennoch gerät man nach kurzer Zeit in den Sog der Darstellung, weil sich das Gefühl einstellt, beinahe unmittelbar an den Auseinandersetzungen der Zeit beteiligt zu sein. Heine fordert, ohne es direkt aussprechen zu müssen, vom Leser Engagement und bereitet ihm dafür das Feld: die Dichter und Philosophen agieren gleichsam allesamt als lebendige Personen, mit deren Charakter man sich ebenso, wie mit ihren Schriften auseinanderzusetzen hat.

Der Standpunkt, von dem aus Heine urteilt, ist dabei immer derjenige "der sozialen Wichtigkeit" (Rel. u. Phil. i. Deutschl., in: Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, hrsg. von Klaus Briegleb, 1981, Bd. 5, S. 628). So heißt es etwa auch von der "Kritik der reinen Vernunft": "Welche soziale Bedeutung jenem Hauptbuche innewohnt, wird sich aus Folgendem ergeben" (S. 599), nämlich daraus, dass Kant durch seinen "kritischen Geist" (S. 606) jeder dogmatischen Berufung auf die Tradition oder den Glauben den Boden entzogen hat. Der Deismus, die Annahme eines von der Welt unabhängigen Gottes, für Heine "der Schlussstein des geistigen alten Regimes" (S. 590), wird so unmöglich. Lange vor dem "Gott ist tot" Nietzsches lesen wir am Schluss des zweiten Buches der "Religion und Philosophie in Deutschland": "Unsere Brust ist voll von entsetzlichem Mitleid - es ist der alte Jehova selber, der sich zum Tode bereitet. Wir haben ihn so gut gekannt, von seiner Wiege an, in Ägypten [...]. Wir haben ihn gesehen, wie er [...] in Palästina, bei einem armen Hirtenvölkchen, ein kleiner Gott-König wurde, und in einem eigenen Tempelpalast wohnte - [...] Wir sahen ihn auswandern nach Rom, der Hauptstadt, wo er aller Nationalvorurteile entsagte, und die himmlische Gleichheit aller Völker proklamierte [...] - Wir sahen, wie er sich noch mehr vergeistigte, wie er sanftselig wimmerte, wie er ein liebevoller Vater wurde, ein allgemeiner Menschenfreund, ein Weltbeglücker, ein Philanthrop - es konnte ihm alles nichts helfen - Hört Ihr das Glöckchen klingeln? Kniet nieder - Man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte" (S. 590f).

Hieraus nun aber schließen zu wollen, Heine sei Atheist, wäre voreilig, denn: "Schon dass ich jemanden das Dasein Gottes diskutieren sehe, erregt in mir eine so sonderbare Angst, eine so unheimliche Beklemmung, wie ich sie einst in London zu New-Bedlam empfand, als ich, umgeben von lauter Wahnsinnigen, meinen Führer aus den Augen verlor. "Gott ist alles, was da ist", und Zweifel an ihm ist Zweifel an das Leben selbst, es ist der Tod" (S. 602). Wie lassen sich diese beiden Aussagen miteinander vereinbaren? Das zweite Zitat enthält hierfür einen Fingerzeig: Gott sei "alles, was da ist", mithin gerade kein jenseits der Welt existierender Schöpfer, sondern das Insgesamt und die "ewige[...] Harmonie" (S. 602) des Kosmos. Eine solche Anschauung heißt seit altersher Pantheismus, und zu ihm bekennt sich Heine: "Gott ist identisch mit der Welt. Er manifestiert sich in den Pflanzen [...]. Er manifestiert sich in den Tieren [...]. Aber am herrlichsten manifestiert er sich in dem Menschen, der zugleich fühlt und denkt [...]. Im Menschen kommt die Gottheit zum Selbstbewusstsein, und ein solches Selbstbewusstsein offenbart sie wieder durch den Menschen" (S. 569) - nicht jedoch im einzelnen, sondern in der "Gesamtheit der Menschen: so dass jeder Mensch nur einen Teil des Gott-Welt-Alls auffasst und darstellt, alle Menschen zusammen aber das ganze Gott-Welt-All in der Idee und in der Realität auffassen und darstellen werden" (ebda.).

Auch die Hegelsche Ansicht, dass jedes Volk einen bestimmten Auftrag des Weltgeistes zu erfüllen habe, fehlt nicht (vgl. S. 569). Der pantheistische Gedanke gipfelt folgerichtig darin, dass man "von der ganzen Menschheit" mit Recht sagen könne, sie sei "eine Inkarnation Gottes" (ebda.). Die revolutionären Konsequenzen dieser philosophischen Überzeugung liegen für Heine auf der Hand. Die christliche Herabwürdigung der Materie, Bedingung des den Menschen eingeimpften Sündenbewusstseins, verliert jede Rechtfertigungsmöglichkeit; zudem wird die Vertröstung auf eine Erlösung im Jenseits unmöglich. Wer "die heilige Materie beleidigt, ist ebenso sündhaft, wie der, welcher sündigt gegen den heiligen Geist" (S. 566).

Diese pantheistische Aufwertung des materiellen Daseins wird nach Heines Ansicht die Revolution in Deutschland zum Sieg führen: "Die politische Revolution, die sich auf die Prinzipien des französischen Materialismus stützt, wird in den Pantheisten keine Gegner finden, sondern Gehülfen, aber Gehülfen, die ihre Überzeugungen aus einer tieferen Quelle, aus einer religiösen Synthese, geschöpft haben. [...] wir stiften eine Demokratie gleichherrlicher, gleichheiliger, gleichbeseligter Götter. Ihr [die tugendhaften Republikaner der französischen Revolution, M. L.] verlangt einfache Trachten, enthaltsame Sitten und ungewürzte Genüsse; wir hingegen verlangen Nektar und Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachenden Nymphentanz, Musik und Komödien" (S. 570).

Diese "Rehabilitation des Fleisches", die "Wiedereinsetzung körperlicher Bedürfnisse und Genüsse in ihre angestammten Rechte, d. h. die Ausbalancierung des christlichen Spiritualismus durch einen pantheistischen Sensualismus" (Jan-Christoph Hauschild, Michael Werner: "Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst". Heinrich Heine, eine Biografie, S. 221 f) fußt auf den von Heine begeistert rezipierten Lehren Saint-Simons (vgl. hierzu etwa die "Romantische Schule", S. 394, sowie das Kapitel "Die Jünger Saint-Simons" in der genannten Biografie). Die neue Philosophie werde den Boden für die politische Revolution in Deutschland bereiten, denn der "Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner" (S. 639), schließlich jedoch "wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte" (S. 640). Das 20. Jahrhundert hat diese Voraussagen Heines in einer Weise erfüllt, von der sich der in Paris lebende kritische Literat keine Vorstellungen zu machen vermochte.

Heines philosophisch-revolutionäre Überzeugungen liegen seiner gesamten Darstellung in beiden Schriften zu Grunde und geben auch den Maßstab für die Bewertung der Dichter und Schriftsteller ab. Besonders schlecht kommen jene weg, die sich von kritischen Vordenkern der Frühromantik zu Anhängern der Reaktion entwickelt haben, also zum Beispiel die Brüder Schlegel: "Napoleon, der große Klassiker, der so klassisch wie Alexander und Cäsar, stürzte zu Boden, und die Herren August Wilhelm und Friedrich Schlegel, die kleinen Romantiker, die ebenso romantisch wie das Däumchen und der gestiefelte Kater, erhoben sich als Sieger" (S. 380). Witz und satirische Schärfe Heines sind zurecht berühmt, aber selbst an Stellen wie der eben zitierten hat man seltsamerweise nicht den Eindruck, hier werde unter die Gürtellinie gezielt. Allerdings ergießt sich sein Spott noch beißender gegen einen der Brüder, nämlich August Wilhelm, den Heine zunächst 1819 in der Bonner Universität erlebt: "Ich trug damals einen weißen Flauschrock, eine rote Mütze, lange blonde Haare und keine Handschuhe. Herr A. W.Schlegel trug aber Glacéhandschuh und war noch ganz nach der neuesten Pariser Mode gekleidet" (S. 418). Dann jedoch, 1831, sieht Heine Schlegel zufällig in Paris wieder: "Er war gekleidet nach der neuesten Mode jenes Jahrs, in welchem Frau von Staël gestorben. Dabei lächelte er so veraltet süß, wie eine bejahrte Dame, die ein Stück Zucker im Munde hat, und bewegte sich so jugendlich wie ein kokettes Kind. Es war wirklich eine sonderbare Verjüngung mit ihm vorgegangen; er hatte gleichsam eine spaßhafte zweite Auflage seiner Jugend erlebt; er schien ganz wieder in die Blüte gekommen zu sein, und die Röte seiner Wangen habe ich sogar in Verdacht, dass sie keine Schminke war, sondern eine gesunde Ironie der Natur" (S. 420). Nein, auch der folgende Satz muss noch zitiert werden: "ich begriff ganz den Lustspielcharakter jener fabelhaft ridikülen Personnage, die leider keinen großen Komiker gefunden hat um sie gehörig für die Bühne zu benutzen" (S. 421).

Das klingt hart genug und vielleicht sogar böse, aber doch nicht gehässig. Und dieser Unterschied macht die vorliegenden Texte Heines auch heute noch lesenswert. Man wird nicht in eine Häme gegenüber Menschen hineingezogen, die man vielleicht ähnlich, vielleicht aber auch anders beurteilen würde. Der Sarkasmus des Stils hinterlässt niemals einen schlechten Nachgeschmack. Die Ehrlichkeit, die in der Schilderung anderer vorherrscht, bestimmt auch die Äußerungen über sich selbst: das Motiv, das Heine in früheren Zeiten Goethe angreifen ließ, sei der Neid gewesen (S. 398) - und über den Mystiker Jakob Böhme, der doch für die romantische Schule so wichtig sei, könne er nichts sagen, weil er ihn nicht gelesen habe. Die aufklärerisch-revolutionäre Haltung Heines verkommt mithin nicht zu einer dogmatischen Attitüde. "Das Geistige in seiner ewigen Bewegung erlaubt kein Fixieren" (S. 598), und das gilt offensichtlich auch für die in diesen Texten ausgesprochene philosophische und soziale Position.

Darin liegt, dass nur eins einem möglichen Fortschritt und seiner Grundbedingung, der Freiheit, gemäß ist, nämlich die freie und ungehemmte, ja rücksichtslose Äußerung der Gedanken: "Ich bin nicht dazu geeignet ein Kerkermeister der Gedanken zu sein. Bei Gott! ich lass sie los. Mögen sie sich immerhin zu den bedenklichsten Erscheinungen verkörpern, mögen sie immerhin, wie ein toller Bachantenzug, alle Lande durchstürmen, mögen sie mit ihren Thyrsusstäben unsere unschuldigsten Blumen zerschlagen, mögen sie immerhin in unsere Hospitäler hereinbrechen, und die kranke alte Welt aus ihren Betten jagen - es wird freilich mein Herz sehr bekümmern und ich selber werde dabei zu Schaden kommen! Denn ach! ich gehöre ja selber zu dieser kranken alten Welt [...]. Ich bin der Krankste von Euch allen und umso bedauernswürdiger, da ich weiß was Gesundheit ist" (S. 593 f). In diesen Sätzen liegt deutlich genug ein ungeheures Bedauern darüber, dass die alte - romantische - Welt untergehen muss. Bekanntlich hat Heine selbst als Romantiker begonnen, dann jedoch die Literatur der rauschenden Wälder und Monduntergänge à la Ludwig Uhland vernichtend ironisiert. Beides lebt in seiner Seele: die Sehnsucht nach der Vergangenheit und die geradezu notwendige Lust am Spott, der hilft, sich von ihr zu befreien. Diese Gespaltenheit macht ihn zu einem auch in der Nachmoderne interessanten Autor. Weil er so ehrlich ist, muss er auch an sich selber zweifeln und die eigenen Ideen in Frage stellen. Wer von uns in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts an Sozialismus, Kommunismus oder Anarchismus glaubte, wird sich mit einer gewissen Wehmut an jene Zeit erinnern und doch seit langem wissen, dass allen Weltanschauungen ein Dogmatismus innewohnt, der ihre Realisierung zuverlässig verhindert. Lernen wir also, Heine lesend, über uns zu spotten und zugleich die Sehnsucht nach der uns abhanden gekommenen Hoffnung am Leben zu halten.

 

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Axel Grube hat in seinem onomato Verlag bereits eine Vielzahl von Hör-CDs mit philosophischen Texten vorgelegt, genannt seien: Friedrich Nietzsche, Der Antichrist (Volltextlesung, 4 CDs), Giordano Bruno, Auszüge aus den Schriften des Häretikers, sowie Sören Kierkegaard, Darf sich ein Mensch für die Wahrheit töten lassen ( hervorragend ausgewählte Auszüge aus autobiografischen Texten Kierkegaards, sowie aus dem "Begriff Angst" und der "Krankheit zum Tode"). Neben diesen Veröffentlichungen stehen andere, etwa zu Hölderlin und Rilke, aber auch Lesungen von Märchen der Brüder Grimm. Immer trägt die leise, ein wenig sonore Stimme Grubes, sodass, wer die CDs auflegt, fühlt, wie das Hörbild des jeweiligen Autors vor ihm entsteht. Denn eines ist mir seit der Renaissance des Vorlesens, die sich in der Gründung von nicht wenigen Hörverlagen spiegelt, sehr deutlich geworden: die stille Lektüre - so unverzichtbar sie ist - bedarf eigentlich der Ergänzung, nämlich der klanglichen oder lauthaften Realisierung der Texte.

Der Sprecher und Verleger Axel Grube

Für Lyrik wird man eher geneigt sein, dieses zuzugeben; aber gilt es auch für literarische oder gar philosophische Prosa? Die Antwort lautet, dass es drei Stufen der Auseinandersetzung auch mit theoretischen Schriften gibt, die wesensverschieden sind, ohne in einer Rangordnung zu stehen. Die Einzellektüre wurde bereits genannt, das zweite ist das aufmerksame Zuhören bei einer Lesung, das dritte die gemeinsame Lektüre und Diskussion. Jedesmal ändert sich der Eindruck, der angesichts ein und desselben Textes entsteht.

In der Diskussion verschieben sich die Gewichte. Durch Analyse und Kritik öffnen sich unterschwellige Linien oder Schichten eines Werks, die nur in einem kommunikativen Prozess zu Tage treten. Was geschieht jedoch beim Hören, also der Fixierung auf den Klang, vielleicht darf man sagen: die Stimme eines Buchs? In der gelingenden Interpretation von Sprecherin oder Sprecher entsteht, sagte ich, das Hörbild des Autors, also seines Stils. Natürlich spiegelt sich in ihm auch die Person, die Individualität des Schreibenden - allerdings nur insoweit sie eine Fassette des Werks ist. Dessen innere Gestalt ist es, die eine wirkliche Lesung realisiert. Ihr unsichtbares Bild, die Stimme oder Seele eines Textes, wird in der klanglichen Darstellung wahrnehmbar.

Wir sind es heute gewohnt, wenn überhaupt noch von "Seele" die Rede ist, an die innere, die psychische Beschaffenheit eines Menschen zu denken. Aber das greift bei weitem zu kurz. Die Seele sei, sagt Platon, etwas Dämonisches, also etwas der Person, die sie "hat", auch zutiefst Fremdes; deswegen jedoch, weil sie ein kollektives Moment enthält, das sie an ihr Herkommen aus den frühen stammesgeschichtlichen Totem-Zeiten bindet. Mithin wäre die Seele eines Buchs die individualisierte Gestalt eines vielfältigen, auch kollektiven Prozesses. In ihrer einen Stimme hallt ein Chor nach. Darin liegt ein wesentlicher Grund für die vielberedete Unerschöpflichkeit der Interpretationsmöglichkeiten von künstlerischen, literarischen und philosophischen Werken. Der Prozess, dessen jeweilige Kristallisationspunkte sie sind, greift über sie hinaus in Vergangenheit und Zukunft. Eine heutige Heine-Lesung wird, wenn sie etwas taugt, zu seinem Glied und darin zum Dialog mit ihrem Gegenstand.

Das Hörbild eines Buches ist, ähnlich wie die Diskussion über es, das lebendige Produkt eines kommunikativen Aktes. In ihm entsteht, von unserer heutigen Warte aus, ein Eindruck der gesamten geistigen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Für die "romantische Schule" und die "Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" bedeutet das, die Zuhörer Grubes erfahren unmittelbar etwas über die philosophische, literarische und soziale Spannungsstruktur der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, in die die Ausstrahlungen der frühromantischen Epoche ebenso eingehen, wie diejenigen der französischen Revolution.

Der Klang von Heines Sprache regt etwas in uns an, das über unser subjektives Interesse weit hinausgreift. Seltsamerweise scheint es jetzt so, als sei, was bei der stillen Rezeption eines philosophischen Buchs, also dem doch Selbstverständlichen, geschieht, schwerer verständlich als das, was sich bei seiner Lesung oder Diskussion ereignet. Die Frage, was und wie der einsam Studierende eigentlich liest, müsste offensichtlich gesondert untersucht werden, aber dafür ist hier nicht der Ort.

Grube artikuliert ruhig, nie hat man das Gefühl von Enge oder Gedrängtheit. Weil seine Stimme "trägt", transportiert sie das Lautbild der Heineschen Prosa ohne Verzerrungen. Eine Gefahr jedoch gibt es, die sich gerade auf diesem hohen Niveau des Sprechens einstellt, und sie muss kritisiert werden (es wäre künftiger Aufnahmen wegen schade, täte man es nicht): gerade weil Grube ironisch-scharfe, jedenfalls engagierte und streitbare Texte besonders liegen, gerät er manchmal in Manierismen. Dazu gehört etwa, gerade in der späteren Lesung der "romantischen Schule", ein Anheben der Stimme am Satzende, das einfach zu häufig eingesetzt wird. - Ähnlich verfehlt scheint mir bei seiner Aufnahme von Rilke-Gedichten ein Überpointieren des Endes der Verszeilen, unabhängig davon, ob der Rhythmus weiterfließt. Die Strophen werden auf diese Weise zu sehr zerhackt. - Jede gelungene Lesung beinhaltet sicherlich auch ein Manko und zeigt hierin ihre notwendige Einseitigkeit.

Dennoch, abgesehen von dieser nicht unwichtigen Kleinigkeit, stellen die hier vorgestellten beiden Aufnahmen Grubes eine außerordentliche künstlerische Leistung dar. Der Fluss der Stimme - sie wird auch an den scharfen oder bösen Stellen niemals maliziös, sondern behält etwas gleichsam objektives -lässt den Hörer ohne Zwang in die Heinesche Sprachwelt hineingelangen und verlangt gerade keine Identifikation mit ihr, die ja auch der Diktion dieses Autors gänzlich unangemessen wäre. Natürlich wird man neugierig auf die weiteren Heine-Lesungen Grubes: die "Anthologie aus Briefen, Notizen und dem Werk", sowie "Gedichte und Prosa". Insgesamt verdienen die Veröffentlichungen des onomato Verlages unsere Aufmerksamkeit, wir weisen deshalb besonders darauf hin, dass demnächst eine komplette Lesung von Nietzsches "Zarathustra" erscheinen wird.

Max Lorenzen

Veranstaltungshinweis
Axel Grube liest in Marburg: er wird, auf Einladung von philoSOPHIA, am Donnerstag, 16. September, Gedichte und Prosatexte Heines vortragen. Ort der Veranstaltung: Philippshaus, Universitätsstraße 30-32, Beginn: 20:00 Uhr.

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