Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

"Alte Meister" in Radenhausen bei Marburg

Eine Ausstellung der Werkstatt des Ritterguts

Nicht weit von Marburg, in der unmittelbaren Umgebung der Amöneburg, liegt das Rittergut Radenhausen, das seit sechs Jahren von einem Zusammenschluss von neun Künstlern als Werkstatt und Ausstellungsgelände genutzt wird. Die weitläufigen Anlagen umgeben einen Hof, von dem aus man einen kleinen Turm betreten kann, dessen Treppe in den ehemaligen Kornspeicher führt. Hier finden die jährlichen Ausstellungen von Manfred Drechsel, Liesel Haber, Lies Kruschwitz, Antonia Mösko, Burgi Scheiblechner, Klaus Schlosser, Hans Schohl, Margarete Trümner und Gerda Waha statt, die jeweils unter einem Motto stehen - das diesmal "Alte Meister" lautet. Denn: "Es ist sicherlich kein Zufall, wenn wir zur Zeit in der aktuellen Kunst bzw. bei jungen Künstlern einen Trend zur Auseinandersetzung mit den alten Meistern, besonders der Renaissancemalerei, beobachten können. [...] Auch wir, die Mitglieder der Künstlergemeinschaft Radenhausen, verspürten den Anreiz, die Anregungen durch die klassische Kunst mit unseren eigenen Stilmitteln zu konfrontieren. Es könnte ja sein, dass wir die jugendlichen Tendenzen nicht mehr verstehen und sich unsere bisherige Arbeit bereits überlebt hat" ( Informationstext der Künstler zur Ausstellung).

Detail an einer Scheune der Werkstatt Radenhausen

Wir erkennen die Selbstironie. Das Alter der Radenhausener Künstler liegt überwiegend zwischen 50 und 60 Jahren; die "alten Meister" sind also nicht nur die Renaissancemaler, sondern auch diejenigen, die sich, wie ihre jungen Kollegen, daran versuchen, sich auf die tradierten Muster zu beziehen und sie zu variieren.

Im Zentrum dieses Bezugs steht ein wahrlich hochberühmtes Bild. Erstaunlich ist nun der folgende Satz aus dem Informationstext: "Eine besondere Herausforderung sollte für uns eines der klischeehaftesten Werke der Kunstgeschichte, die "Geburt der Venus" von Botticelli sein: Neun Kofrontationen mit diesem Werk in einem Kabinett".

Rechts der Eingang zur Ausstellung im ehemaligen Kornspeicher

Die "Geburt der Venus" (die wahrscheinlich mit dem ebenso berühmten "Frühling", wie Vasari meint, zu einem Zyklus gehörte) "eines der klischeehaftesten Werke der Kunstgeschichte"? Sicherlich ist diese Bewertung selber bereits als Provokation, mithin als Beginn der Auseinandersetzung und Konfrontation einzustufen - denn das von Botticelli in diesem Bild gestiftete Ideal einer keuschen und reinen Venus, der Schönheit selber, in das eine Fülle von Bezügen aus der Florentiner Renaissancephilosophie eingehen, ist das wahre Gegenteil eines Klischees. Der Gesichtsausdruck dieser Venus oder Aphrodite hat ebenso wie ihre Haltung etwas Jungfräuliches, ja Übergeschlechtliches (sie hat zwar einen Vater, aber keine Mutter); schon deswegen wird jeder Zeitgenosse Botticellis in ihr auch die christliche Jungfrau schlechthin, Maria, wiedererkennen. Die weibliche Gestalt rechts von der Venus, Hore, wird "in Anlehnung an Ovids Metamorphosen, mit dem Symbol des Rosengürtels zur Frühlingsgöttin" ( Stefanno Roffo). Folglich verschmelzen hier die Göttin der Fruchtbarkeit, die der Liebe und die christliche Muttergottes zu einer Bildidee, in der die gesamte Renaissance, als Synthese von Antike und Christentum, erscheint. Eben diese Verbindung macht die lebendige Schönheit und als solche das Ideal jener Epoche aus. Erst Jahrhunderte später werden daraus die Klischees einer Zeit, die in der Gefahr steht, ihren eigenen Ursprung zu verlieren.

Reproduktion und Vermassung von Schönheit: Gerda Wahas rote Göttinnen

Wenn nun also Gerda Waha ihre kleinen rosa Venus-Gestalten auf Stelen und unter Glasstürze stellt, Margarete Trümmer uns durch ein Guckloch in einen schwarzen Kasten, in dem sich eine Barbie-Puppe befindet, blicken lässt, oder Lies Kruschwitz dem Betrachter zeigt, wie sich aus der makellosen und scheinbar unvergänglichen Schönheit die hinfällige und formlos werdende Gestalt des Alters löst, dann setzen sie sich bereits mit den Klischeevorstellungen und lügenhaften Werbebildern unserer Gegenwart auseinander - nicht jedoch mit dem von Botticelli gestifteten Ideal der Schönheit selbst.

Lies Kruschwitz' Doppelgestalt der Venus

Und das ist natürlich völlig legitim. Das Hinterfragen der vordergründigen, hauptsächlich zur Ankurbelung des Konsums benutzten Stilisierungen der Medien geschieht in den drei genannten Beispielen auf eine leise, unaufdringliche Art. Eine völlig andere Darstellung von Weiblichkeit gibt Manfred Drechsel: seine archaische Venus erinnert daran, dass die Große Mutter, die Erde selber, ursprünglich als das gebärende Prinzip schlechthin wahrgenommen wurde und gibt so Anlass, sich auch zu verdeutlichen, welcher ungeheure Prozess durchlaufen werden musste, bevor aus solchen noch gesichtslosen Formen der Frühzeit eine Botticelli-Venus werden konnte.

Der Barbie-Kasten von  Margarete Trümmer und die archaische Venus von Manfred Drechsel

Antonia Mösko hat über die Abbildungen der Selbstporträts einstmals berühmter Malerinnen seltsame Kopfbedeckungen gehängt, und Klaus Schlosser präsentiert einen Zyklus nach Bartholomäus: "Die Rache der Venus". Hans Schohl hat merkwürdige kleine Gestalten in Glaskästen gesetzt und die Schatten aus Bildern alter und moderner Meister gleichsam herausgeholt; sie gewinnen dadurch, wie etwa im Fall des "van Gogh"-Gemäldes von Francis Bacon, ein beunruhigendes Eigenleben.

Antonia Mösko und die Hüte der Malerinnen

 

"Die Rache der Venus" nach Bartholomäus von Klaus Schlosser

 

Die Gemälde-Schatten des Hans Schohl

Burgi Scheiblechner lässt ein im wahrsten Sinne des Wortes todtrauriges Kind, das auch etwas Greisenartiges hat, den Kopf aus einem viel zu weiten Hemd stecken - unter dem sich der magere Körper abzeichnet, eigentlich zu weit nach links verschoben, als dass er richtig zum Kopf passen könnte. In "Hemdenflucht" löst sich der nackte Leib einer Frau aus einem ebensolchen Kleidungsstück; ihr gelingt vielleicht die Flucht, die anzutreten dem Kind nicht einmal in den Sinn kommt. Man kann vermuten, dass hier die Kleidung den Zwang der Zivilisation symbolisiert, die aus natürlichen "gesittete" Wesen macht.

Das greise Kind im Leichen- oder Kommunionshemd von Burgi Scheiblechner

 

"Hemdenflucht" von Burgi Scheiblechner

Die drei Bilder von Lies Kruschwitz nach einer Vorlage von Vermeer, die auf dem dritten links unten erscheint, nähern sich dem Original stufenweise an. Liesel Haber übermalt in einer Serie Abbildungen von Caspar David Friedrich-Gemälden, und Manfred Drechsel beschäftigt sich mit Dürer: er setzt z. B. dessen "betende Hände" und ein Selbstporträt in einen Schattenrisskopf - die Bilder, das einzig Farbige, entstehen im Gehirn.

Vermeer-Annäherungen von Lies Kruschwitz

 

Liesel Haber übermalt Caspar David Friedrich

 

Die Kopf-Bilder des Manfred Drechsel

Wiederum Gerda Waha zeigt Bilder in herrlichen Rottönen, die Titel tragen, wie: "Das bewohnte Haus" oder "Haus der Freunde". Die Malerin sah auf einer Afrika-Reise solche Gebäude in maurischem Baustil, die aus in Guara-Rot angestrichenem Lehm bestehen.

Gerda Wahas "Das bewohnte Haus"

Besonders gelungen ist die Installation von Margarete Trümmer, die ein Dia auf einen Holzrahmen wirft. Man sieht so gleichsam durch ein Fenster in ein Atelier, in dem ein Künstler gerade nach einem Aktmodell zeichnet. Der abgelegte BH des Modells "hängt" an einer Wand - eigentlich jedoch ist er auf ein Brett gemalt. Hier, wie auch bei den Haus-Bildern Gerda Wahas, liegt der Bezug zum Ausstellungsmotto nicht auf der Hand, aber das scheint mir wahrlich nicht schlimm. Es ist doch nicht nötig, sich allzu sklavisch an ein Thema zu halten.

Margarete Trümner lässt uns - scheinbar - in ein Atelier blicken

Das Ambiente, in dem sich die Arbeiten der neun Künstler befinden, erhöht natürlich den Reiz eines Rundgangs. Insgesamt sind die Exponate interessant und selber, wiewohl sie sich manchmal der Kritik an einem Schönheitsideal verdanken, durchaus schön. Die Radenhausener Gruppe, die ja auch schon Marburger Kulturereignisse mitgestaltet hat, etwa das Treppenprojekt, bietet auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts (die Pläne, die die Malerinnen und Maler in Angst versetzten, dort ein Hotel zu bauen, sind wohl hoffentlich vom Tisch) nicht nur eine vielfältige Begegnung mit zeitgenössischer Kunst. Irgendwie vermittelt ein Besuch der Aufstellung auch ein anderes Lebensgefühl, und die Erinnerung an die utopischen Gedanken unserer Jugend durchzieht wie der Geruch nach Kaffee und Kuchen, die in einer Nachbarscheune angeboten werden, unser Gemüt: so, in solcher Umgebung, müsste man arbeiten und sich entspannen. Könnte nicht alles besser, zugleich intensiver und lockerer, sein - zumindest bei schönem Wetter? Und das gab es ja an diesem Wochenende.

Max Lorenzen

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