Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Das "Deutschsprachige Forschungszentrum für Philosophie" in Olomouc / Olmütz (Tschechische Republik)

von Mirko Wischke

Unter den Namen „Scientia Humana Olomucensis et Prostennensis“ erfolgte im April 2003 die Gründung eines Deutschsprachigen Forschungszentrums für Philosophie an der Palacký Universität in Olomouc/Olmütz, und zwar durch eine Initiative von Doc. Dr.  Mirko Wischke (Gastprofessor) und Doc. Dr. Ivan Blecha (Lehrstuhlleiter). Blecha lehrt seit 1991 am Institut für Philosophie der Palacký Universität. Nach seiner wissenschaftlichen Kandidatur (CSc., 1992) war er zu einem Forschungsaufenthalt am Institut der Wissenschaften vom Menschen (IWM) nach Wien eingeladen worden (1994). Er habilitierte sich 1997 mit einer Arbeit über Phänomenologie und fundamentale Ontologie. Seit 1998 ist er der Leiter des Instituts für Philosophie.

Seit 2002 Gastprofessor in Olomouc, zunächst im Rahmen des Fachlektorenprogramms, ab 2004 im Rahmen der Dozentenförderung der Robert-Bosch-Stiftung, ist Wischke seit 2003 Direktor des Forschungszentrums. Nach der Promotion an der Humboldt-Universität Berlin (1993), war er 1993-2000 als Assistent am Lehrstuhl für praktische Philosophie bei Manfred Riedel an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig gewesen, wo er sich 2000 habilitierte. Bevor er in Olomouc seine Lehrtätigkeit aufnahm, war er 2001 Gastdozent an der European Humanities University Minsk (Belarus).

Eingang des Philosophischen Lehrstuhls an der Universität Olomouc

Ihre Gründung des Deutschsprachigen Forschungszentrums hätte keine Perspektive, wenn nicht mit dem Zentrum für deutschsprachige Literatur in Mähren an der Universität Olomouc durch die Germanisten die Grundlagen für deutschsprachige Lehrveranstaltungen geschaffen worden wären. Diese Grundlagen sollen durch das Forschungszentrum für Philosophie erweitert und vor allem attraktiver gestaltet werden. Das Interesse an der deutschen Sprache soll durch ein breites Spektrum an philosophischen Lehrveranstaltungen gefördert und vertieft werden, um so mehr, als eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Forschungszentrum, dem Mährischen Zentrum für deutschsprachige Literatur, den Historikern der Palacky Universität Olomouc und dem neu gegründeten Zentrum für Judaistik im gegenseitigen Interesse konzipiert worden ist.

Vorbild des Zentrums sind u.a. das Nietzsche-Kolleg in Weimar und die DFG-Doktorandenkollegs, die sich in besonderer Weise den Nachwuchswissenschaftlern widmen. Der Gründung des Forschungszentrums lag der Gedanke zugrunde, dass diese Einrichtung Studenten, Doktoranden und Postdoktoranden aller Nationalitäten offen steht, die in deutscher Sprache zur Philosophie und deren Vernetzung mit anderen Disziplinen (Germanistik, Kulturwissenschaften usw.) arbeiten, forschen und ihre Ergebnisse anderen darlegen wollen. Das Lehrangebot am Zentrum bietet zudem die Möglichkeit, deutsche Sprachkenntnisse zu verbessern und sich auf einen Studienaufenthalt im deutschsprachigen Ausland vorzubereiten. Von dieser Möglichkeit haben bereits Postdoktoranden aus Russland Gebrauch gemacht.

Das Rektorat der Universität Olomouc

Der Gründung des Forschungszentrums waren viele Gespräche mit Doktoranden und Studenten in Olomouc und Prag vorangegangen, die die wenigen deutschen Fördermöglichkeiten bemängelten. Im Vergleich mit den Förderungsmöglichkeiten, die Stiftungen, Gesellschaften und Universitäten in den USA für Studenten und Wissenschaftler aus dem Ausland bieten, sind die Möglichkeiten des DAAD in der Tat sehr begrenzt. Und in Zeiten großer Haushaltskürzungen werden diese Möglichkeiten zur Finanzierung eines Studien-  bzw. Forschungsaufenthalt in Deutschland ausgedünnt. Das bedeutet für viele hoch motivierte Studenten aus Mittel- und Osteuropa, dass sie wenig Chancen haben, an einer deutschen Universität jemals studieren und forschen zu können. Wer die langfristigen Antragsverfahren kennt und die Frustation bei wiederholten negativen Bescheid nachempfingen kann, versteht, warum viele dieser Studenten ihren Forschungs- und Bildungsinteressen in den Geisteswissenschaften und der Philosophie an Universitäten in den USA nachgehen, nachdem sie sich umsonst um einen Studienaufenthalt in Deutschland bemühten. Ziel des Deutschsprachigen Forschungszentrums ist es, in diese Leerstelle zu rücken. Um keine Missverständnis aufkommen zu lassen, sei betont, dass die Gründer sehr wohl wissen, dass das Interesse an deutschsprachiger Philosophie insbesondere bei Studenten aus Russland, Belarus und der Ukraine viel zu groß ist, als das davon auszugehen ist, diese Leerstelle jemals wirklich ausfüllen zu können.

Wie bietet das Zentrum den Studenten aus Ländern Mittelosteuropas? Ihnen gibt das Zentrum die Möglichkeit, sowohl ihre fachlichen als auch sprachlichen Kenntnisse auszubauen. Die Studenten können wichtige internationale Kontakten knüpfen, sowohl mit den Gastdozenten des Zentrums als auch mit den Nachwuchsforschern aus anderen europäischen Ländern, die am Forschungszentrum tätig sind.

Aus dieser Überlegung ergibt sich ein weiterer Schwerpunkt der Tätigkeit des Zentrums: Die Förderung und Vernetzung von Nachwuchswissenschaftler. Um diesen Ziel näher zu kommen, wurden bislang im Rahmen des Sokrates/Erasmus Programms für studentische Mobilität Vereinbarungen geschlossen mit dem Departmento de Filosofia, Facultad de Filosofia y Ciencias de la Educacion, Universidad del pais Vasco San Sebastian (Espana), der Facultad de Ciencias Juridicas y Sociales, Universidad de Castilla-la Mancha Toledo (Espana), der Humboldt-Universität Berlin, der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Universität Freiburg. Weitere Vereinbarungen mit philosophischen Instituten anderer Universitäten sind im Gespräch. Zwischen der Universität San Martin (Buenos Aires, Argentinien) und dem Forschungszentrum sowie dem philosophischen Lehrstuhl kam es zur Unterzeichnung einer Absichtserklärung über den Austausch von Studenten und Dozenten im Mai 2003. Derzeit werden Gespräche über fachliche und personelle Zusammenarbeit mit dem Center for Phenomenological Philosophy der Russian State University for the Humanities in Moskau geführt.

Stadtansicht von Olomouc

Eine der Hauptaufgabe des Forschungszentrums wird in Zukunft darin bestehen, Studenten, Doktoranden und Postdoktoranden aus Mittel- und Osteuropa mittels eines je nach Qualifikation gestaffelten Stipendiums die Möglichkeit zu bieten, ein oder zwei Semester an den Aktivitäten des Forschungszentrums teilzunehmen. Für Studenten und Nachwuchswissenschaftler aus jenen Ländern ist dies eine besonders attraktive Möglichkeit des selbstständigen Forschens, weil zum einen die Vielzahl von Prüfungen an den Heimatuniversitäten am Ende jedes Semesters im Studium nur sehr wenig Raum lässt für eigene intensive Forschungen und zum anderen jenseits der für die Philosophie in diesen Ländern gegenwärtig so charakteristischen Alternative von Phänomenologie und (jüngst entdeckter) analytischer Philosophie das Verständnis für die Breite der philosophischen Diskussionen im deutschen und angelsächsischen Sprachraum geöffnet werden soll.

Um diese Zielstellung realisieren zu können, ist eine deutschsprachige Bibliothek im Aufbau. Die Bibliothek hat derzeit knapp 3000 Bücher im Bestand, einschließlich CD-ROM Werkausgaben.

Durch Gastdozenten und –referenten, die als ausgewiesene Spezialisten in unterschiedlichen Gebieten der Philosophie tätig sind, ist den zukünftigen Stipendiaten mit speziellen Lehrangebote der jeweils aktuellste Forschungsstand zu vermitteln. Davon profitieren nicht nur ausländische, sondern auch tschechische Studenten, da die Gastdozenten in Absprache mit dem philosophischen Lehrstuhl das Lehrangebot an der philosophischen Fakultät bereichern.

Eingang des Husserl Museums

So fand unter dem Titel „Politik im neuen Europa“ im SS 2003 und WS 2003/04 eine Vortragsreihe in deutscher Sprache statt, und zwar mit finanzieller Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Universität Olomouc. Die Referenten waren Prof. Volker Kaiser (Virginia), Prof. Pavo Barisic (Zagreb), Prof. Matthias Kaufmann (Halle/S.) und PD Dr. Christian Möckel (Berlin). Im SS 2004 war das Zentrum in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für phänomenologische Forschung an der Akademie der Wissenschaften Praha und dem philosophischen Lehrstuhl an der Palacky Universität Olomouc Mitveranstalter der internationalen Tagung „Postmoderne und Phänomenologie“. Für das WS 2004/05 hat das Zentrum in Zusammenarbeit mit dem MitOst-Forum Philosophie und finanzieller Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung die Tagung „Ethische Werte in der pluralistischen Gesellschaft oder ‚Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt’“ organisiert. Der Hauptreferent ist Prof. Klaus-Michael Kodalle (Jena), die Teilnehmer der Tagung kommen aus Belarus, Russland, der Ukraine, Tschechien, Estland und Deutschland.

Aktivitäten dieser Art gewinnen durch die Zusammenarbeit mit dem Edmund-Husserl-Museum der Stadt Prostejov zukünftig an Attraktivität. Der Direktor dieses Museumskomplexes hat dem Zentrum Räume für Workshops und Tagungen zur Verfügung gestellt. Das Geburtshaus von Husserl wie auch große Teile des jüdischen Ghettos in Prostejov gibt es zwar nicht mehr, der Teil jedoch, der den 2. Weltkrieg und das Bauprogramm aus der sozialistischen Ära überlebt hat, sind mit großem Aufwand restauriert worden. In einem der liebevoll restaurierten Häuser befindet sich das Husserl-Museum, zusammen mit den Räumen, die dem Forschungszentrum zur dauerhaften Nutzung von der Leitung des Museums vertraglich zugesagt worden sind. Zusammen mit dem Husserl-Museum plant das Zentrum wissenschaftliche Veranstaltungen in Form eines „Europäischen Diskussionsforums“, das sich kulturellen und politischen Fragen im neuen Europa (Globalisierung, Demokratie und Werte) widmen wird.

Im Herbst 2004 erscheint das 1. Jahrbuch des Deutschsprachigen Forschungszentrums für Philosophie mit Beiträgen aus Argentinien, Brasilien, Belarus, Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Südkorea, Spanien und den USA. Im ersten Teil des Jahrbuches sind u.a. die Beiträge abgedruckt, die im Rahmen der Vortragsreihe „Politik im neuen Europa“ gehalten worden waren.

Anschrift:
Deutschsprachiges Forschungszentrum für Philosophie  
Prof. Dr. Mirko Wischke, Direktor
Department of Philosophy
Philosophical Fakulty
Palacký University
771 80 OLOMOUC
Krížkovského 12
Czech Republic
Phone: ++ 420-585633183 (Sekretariat)
Fax: ++ 420-585229162

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