Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 5


 

Joanna Laurens: Poor Beck
Zur Uraufführung des neuesten Stücks der britischen Dramatikerin


Johanna Laurens

Portrait: Joanna Laurens

Joanna Laurens, 1978 in Bristol geboren, ist mit ihrem dritten Stück Poor Beck bereits dort "angekommen", wo nur wenige zeitgenössische Theaterautorinnen und -autoren je hingelangen: am Royal Shakespeare Theatre in Stratford-upon-Avon. Geebnet haben ihren Karriereweg vor allem zwei Dinge: Zum einen hat der Erfolg ihrer ersten beiden Stücke Die drei Vögel und Fünf Goldringe (2000 bzw. 2003 in London), in denen Themen und Motive wie Liebe, Eifersucht, Rache (Die drei Vögel) und konfliktbeladene Familienbeziehungen, Schuldgefühle, Minderwertigkeitskomplexe und Einsamkeit (Fünf Goldringe) in einer eigenwilligen Kunstsprache bühnenwirksam aufbereitet werden, auf die junge Autorin aufmerksam gemacht. Zum anderen kam Joanna Laurens sicherlich zugute, dass Michael Boyd, der neue Intendant des Stratforder Theaters, eine programmatische Erneuerung des ehrwürdigen "Theater-Wallfahrtsortes" anstrebt und bereits einleitete: Neben vier Shakespeare-Tragödien, den Stücken King Lear, Macbeth, Romeo und Julia und Hamlet, im Großen Haus stehen in diesem Sommer und Herbst vier weitgehend vergessene Stücke aus dem Spanien um 1700 auf dem Spielplan und - als Ergänzung und Neuerung - ein new work festival, in dem im Studiotheater The Other Place Stücke von Zinnie Harris beispielsweise (midwinter) und Ron Hutchinson (head / case) zum ersten Mal gezeigt werden.

Joanna Laurens´ Text Poor Beck hatte im Rahmen dieses "new work"-Festivals am 29. September 2004 unter der Regie von Daniel Fish Premiere. Wie bei ihrem Erstlingswerk Drei Vögel hat sich Laurens auch bei diesem Stück von Motiven aus der griechischen Mythologie, vor allem dem Inzestmotiv der Liebe des Mädchens Myrrha zu ihrem Vater Cinyras, anregen lassen. Myrrha ist in der antiken Vorstellung die Mutter des Adonis, den sie unerkannt vom Vater empfangen hatte. Sie wurde in einen Myrrhenbaum verwandelt. - Die Bezüge zum antiken Mythos bleiben in Poor Beck, sieht man von den Namen ab, eher vage. Es scheint, als wolle die Autorin mit solchen Rückbezügen und Verweisen betonen, dass die Grundmotive ihrer dramatischen Konflikte an lange Traditionen und vorgefundene Muster gebunden sind und damit das individuelle Handeln ihrer Figuren als menschliches Handeln allgemein verstanden werden kann.
Das Stück spielt in einer Unterwelt aus Tunneln und Röhren, in einer Untergrund-Stadt mit Neonlicht, verseuchten Wasser-Rinnsalen, von denen niemand weiß, woher sie kommen oder wohin sie fließen, in einer abstoßenden Welt aus Staub, Ruß und Industrieschrott. In dieser Welt "unten“, in einem "land what´s black and dirt“, leben die Menschen, die sich in letzter Minute vor dem tödlichen Chaos „oben“ retten konnten. Denn "the above“, "the surface“, die Welt, aus der sie kommen, wurde schon vor langer Zeit ­ in einem Atomkrieg? durch eine Naturkatastrophe? ­ völlig zerstört, ist nicht mehr "safe“, bedeutet "death“.
Auf vier Figuren lenkt die Autorin das Interesse der Zuschauer, zeigt ihr erbärmliches Leben, beleuchtet für sechzig Theaterminuten grell ihre Sehnsüchte, ihren Wunsch nach Liebe, ihre Unzulänglichkeiten und ihre Schuld, bevor ihr Leben am Ende, hoffnungslos, wieder in die Tunneldunkelheit - "dark" ist ein Schlüsselwort im Text - versinkt. Die Personen sind der blinde Cinyras, seine Frau Cenchreis, deren 16-jährige Tochter Myrrha und Poor Beck. Cinyras, Cenchreis und Myrrha können ihr Leben "unten" nur ertragen, weil sie von ihren Erinnerungen an das Land und Leben "oben" zehren:
"There is a land of mist and snow.
There is a mist, there is a snow.
There is a snow of mist and land
where the rain bleeds red and
the sun is emerald green."
Ihre tiefe Sehnsucht nach dem, was einmal war und verloren ist, nach Dingen wie Gras oder Leder, nach Farben und Düften, nach der Sonne und dem Mondlicht, vor allem nach Liebe, ist das einzige, was ihrem Leben "unten" Sinn gibt und sie durchhalten lässt.
In ihre "dunkle" Welt - Cinyras und Cenchreis haben längst ihre Liebe zueinander verloren, Myrrha liebt ihren Vater, wagt aber nicht ihr Geheimnis preiszugeben, - bricht, wie ein bunter Fahrender oder Händler, Poor Beck ein. Er tritt als Bote von "oben" auf, vermittelt für kurze Zeit Hoffnung und Zuversicht, bis die anderen seine Täuschungen und Lügen durchschauen und zerstört, desillusioniert in ihre Unterwelteinsamkeit zurücksinken, jetzt ohne Hoffnung, die Welt "oben" jemals erreichen zu können.
Poor Beck lebt, anders als die anderen, in der Gegenwart; er liebt Cenchreis und benutzt die Erinnerung der anderen an das Leben "oben" mitleidslos, um Cenchreis nahe sein zu können. Er gibt vor, vom "surface" zu kommen, zeigt wie zum Beweis Dinge aus der vergangenen Welt vor: "natural objects, such as dried grass, twigs, feathers, pressed flowers, leaves, fur, leather" und kann mit diesen "Beweisen" die anderen leicht überzeugen: Sie glauben sofort, weil sie es so sehr wünschen, dass Hoffnung besteht, bald aus den Tunnelschächten nach "oben" in das Leben von einst zurückzukehren. Poor Beck kann alle täuschen: Cinyras, der Poor Beck als Heilsbringer des "surface" benutzt, um sich vor den Tunnelmenschen als eine Art Führer in die alte Welt aufzubauen; Cenchreis, die in Poor Beck ihre Sehnsucht nach Liebe erfüllt sieht; Myrrha, die, obgleich sie an Poor Becks Wahrhaftigkeit zweifelt, hofft, der Fremde werde ihr helfen, die Liebe des Vaters zu gewinnen. Der äußeren Katastrophe vor langer Zeit "oben" folgt - davon im eigentlichen handelt Laurens´ Stück - die Katastrophe "unten". Sie zerstört Myrrha, "unschuldig schuldig", da sie den Verlockungen und Verheißungen des exotischen Eindringlings - "Where I is from, this is the right" - folgt und ihren blinden Vater, ohne dass der in ihr seine Tochter erkennt, umarmt und liebt. Die Unmöglichkeit und Widernatürlichkeit ihrer Liebe wird ihr klar, als ihr Vater und ihre Mutter den inzestuösen Liebesakt entdecken; sie springt aus Verzweiflung von der Tunnelplattform in die Tiefe, die sie umgibt.
Ihr Tod scheint Cinyras und Cenchreis nach langer Zeit emotionaler Kälte wieder näher zu bringen: Sie berühren sich vorsichtig, Cenchreis legt ihren Arm um Cinyras´ Hals, sie sind einander so nah, wie schon lange nicht mehr. Diese Liebesszene wird allerdings von Joanna Laurens - darin zeigt sich ihr bemerkenswertes Talent als Theaterautorin - in doppelter Weise gebrochen und aus jeder falschen Happy-End-Kitschigkeit herausgelöst. Laurens lässt die Liebenden von sich in der dritten Person sprechen, so als rezitierten sie Regieanweisungen und würden wie von unsichtbarer Hand auf der Bühne hin- und hergeschoben. Verstärkt wird die Doppelbödigkeit der Liebesszene dadurch, dass Cinyras und Cenchreis von Poor Beck beobachtet werden. "No, No, please no", stammelt er vor sich hin; ihm wird bewusst, dass er Cenchreis, für die allein er all die Lügen über "the above" erfunden hat, für immer verloren hat.
Das eigentliche Ende des Stücks ist grausam und bewegend zugleich. Cenchreis führt Cinyras zu Poor Beck, der in einer Ecke zusammengekauert liegt. Cinyras beginnt, mit seinem Blindenstock auf ihn einzuschlagen, immer heftiger und erbarmungsloser. Poor Becks Worte - "It is hurting. Please Cenchreis. Please. Cenchreis, my love. Please you tell him. Please?" - verhallen ungehört, gehen über in Hilferufe - "Dear my god, please you save me" - , fünf-, sechsmal wiederholt, und enden schließlich - "English is beaten out of him", heißt es in den Regieanweisungen - in einem unverständlichen Silbengestammel. Und dann:
"Silence whilst Cinyras beats him. Cinyras finishes. Poor Beck is badly beaten but still moving.
Cinyras: Do you remember? Once I gave you clementines.
Cenchreis seems to be listening to something.
Cenchreis: I think it´s autumn now.
[...] Poor Beck: And it won´t touch her no more, no more.
And it won´t touch her no more.
[...]
Dear my god, it is sorry.
Dazzling brightness, flooding the stage, blinding the audience.Black."

 

Louis Hilyer als Poor Beck

Louis Hilyer als Poor Beck

Der Bühnenbildner Andrew Lieberman hat - eine richtige künstlerische Entscheidung - vermieden, Tunnel in irgendeiner Form auf die Bühne des Studiotheaters "The Other Place", zu stellen, hat somit die Darstellung der Unterweltumgebung ganz der Sprache der Autorin überlassen. Die Bühne war fast leer, ein Bettgestell in der Mitte, ein paar gestapelte Fässer im Hintergrund. Die Atmosphäre des Untergrunds und die Sehnsucht der Menschen nach dem "above" wurden allein durch abgedämpftes Licht und riesige blaue Luftballons oben an der Bühnendecke symbolisiert.
Der Schwachpunkt der Inszenierung von Daniel Fish lag in der Führung der Figuren. Die Kunstsprache der Joanna Laurensund der realitätsferne Handlungszusammenhang verlangen nach einer stark stilisierten, choreographierten Bewegungsform und Sprechweise der Schauspieler. Gerade das aber war nur in Ansätzen, zum Beispiel in den Mikrofonpassagen, zu beobachten. Das Spiel der Figuren nahm immer wieder realistische Züge an und konnte so nicht ganz vermeiden, dass die "gekünstelte" Sprache des Stücks gelegentlich ins Skurrile und Unfreiwillig -Komische abglitt. Den hervorragenden Schauspielern der Royal Shakespeare Company - Sian Brooke als Myrrha (an anderen Abenden als Julia auf der Bühne des Großen Hauses), Louise Bangay als Cenchreis, Greg Hicks als Cinyras (als Macbeth in anderen Vorstellungen), Louis Hilyer als Poor Beck (auch als Banquo in Macbeth) - hätte der Regisseur mehr anbieten und abverlangen müssen, damit Joanna Laurens Text sich zu einem wirkungsvollen Bühnenstück hätte entfalten können. Im Frühjahr 2005 wird das Schauspiel Hannover die deutsche Erstaufführung von Poor Beck vorstellen. Man darf gespannt sein, wie deutsche Theater damit umgehen.
Im Marburger Forum kann ein Text zum Werk von Joanna Laurens mit dem Titel "Worte als eine ´Form von Musik´" abgerufen werden.

Herbert Fuchs

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