Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Für eine eigenständige Demokratie-Vision Europas im 21. Jahrhundert.

Wie weit trägt Jeremy Rifkins „Neuer Europäischer Traum“?

  von Roland Benedikter

Immer wieder heißt es, dass Amerika der Kontinent der Zukunft sei. Zu tief scheint dieser Topos aus dem 18. und 19. Jahrhundert in das europäische Unterbewußte eingebrannt, als dass er die aktuellen Entwicklungen berücksichtigen würde, die in der Mehrzahl längst das Gegenteil zeigen. Deshalb lebt diese Vorstellung auch heute noch weiter -   trotz der tiefgreifenden Umbrüche insbesondere der vergangenen 15 Jahre, die die Konstellation zwischen den USA und Europa in mehreren Schritten nachhaltig verändert haben. Darunter sind:

- 1989/91 Fall der Mauer und Zusammenbruch des Kommunismus. Der neoliberale Kapitalismus wird als Sieger am „Ende der Geschichte“ gefeiert. Darauf folgt das globale Zurücktreten von Politik und Kultur hinter das nun grenzübergreifende Primat der Wirtschaft und ein ungehinderter ökonomischer Imperialismus der westlichen Großkonzerne.

- 1999 und 2001 Als Reaktion erfolgt die Geburt der weltweiten Zivilgesellschaft in Seattle und Genua. Erstes aktives Hervortreten der Kultur als dritter wirksamer Globalisierungs-Kraft neben Wirtschaft und Politik. Deren Macht-Konglomerat strahlt von den USA allerdings weltweit weiterhin aus – mit wachsendem Widerstand seitens Europas, das seit jeher weit weniger durch die gegenseitige Durchdringung von Wirtschaft und Politik beherrscht wird.

- 2001 Konservative Wende in den USA, nicht zuletzt durch Stimmenmanipulation bei der Präsidentschaftswahl und Eingriff eines parteiischen Rechtswesens. Wenige Monate später folgen die Terroranschläge vom 11. September auf das Welt-Handelszentrum in New York. Die islamischen Fundamentalisten geben sich als Träger von Religion und absoluten Werten aus, die sich bei ihnen mit politischer Militanz verschmolzen haben (Verquickung von alter, mythologischer Gruppen-Religion und Politik). Die Erschütterung und der Symbolwert ihrer menschenverachtenden Attacke auf eines der Zentren des weltweiten Kapitalismus-Politik-Konglomerats (Verquickung von Wirtschaft und Politik) und seiner Haupt-Trägernation führt in der Folge zur massiven Vereinnahmung der amerikanischen Gesellschaft durch einen neuen konservativen Unitarismus. Dieser bedient sich bewusst der - in den USA aufgrund des herrschenden Sozialdarwinismus ohnehin traditionell allgegenwärtigen – Angst in der sozialen Atmosphäre, um seine langfristigen Agenden und Strategien durchzusetzen. Die Folge ist in den Jahren 2001 bis 2004 eine noch radikalere Verquickung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur/Religion als vorher. Insbesondere die religiöse Komponente wird noch stärker in wirtschaftliche und politische Logiken hineingemischt und in sie „re-integriert“ (Bush, S. P. Huntington), um dem Angriff religiöser Kräfte aus dem Islam zu widerstehen. Die konservative Regierung tut alles, um Wirtschaft, Politik und Religion/Kultur zu einer Einheit zusammenzuführen und bestehende Differenzierung zwischen den drei gesellschaftlichen Sphären aufzuweichen, um die angebliche „ursprüngliche Identität“ Amerikas kriegerisch gegen innere Differenzierung (Gruppencharakteristiken der weißen, anglo-amerikanischen Bevölkerung gegen Latinos und andere Gruppen, neuer Assimiltationsdruck) und nach außen (Verteidigung gegen den Islam, kriegerische Expansion) regressiv zu erneuern. Die damit verbundene Beschneidung von Bürgerrechten (nicht nur in den Riesen-Gefängnissen auf Guantanamo) geht mit einer sich verschärfenden Krise der US-Demokratie einher, die der wachsenden Vereinnahmung des Staates durch einflußreiche Partikulargruppen der Geldaristokratie, des konservativen Establishments und des industriell-militärischen Konglomerats geschuldet ist. Aus ihnen setzt sich die Regierung von George W. Bush jr. zusammen, und diese Regierung stimmt daher insbesondere ihre Außenpolitik sehr stark auf die ökonomisch-politischen Anforderungen zur Machterhaltung arabischer Investoren ab, mit denen private Geschäftsbeziehungen bestehen. Private Geschäfte bestimmen die Außenpolitik der mächtigsten Nation der Erde maßgeblich mit. Die Regierung arbeitet nur zum Teil für das Volk, zum Teil für private Partikularinteressen. Diese folgenreiche Vereinnahmung des Staates mittels Unitarisierungdruck zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur durch machtpolitisch-ökonomische Interessen hatte sich bereits seit der Ermordung John F. Kennedys 1963 durch ein Konglomerat ähnlicher Kreise (texanische Ölindustrie, Rüstungsfirmen und konservatives Establishment unter wahrscheinlicher Beteiligung von Kennedys Nachfolger Johnson, der von diesen Kreisen direkt abhängig war) ständig verschärft. Die Spaltung zwischen der Regierung und weiten Bevölkerungskreisen drückt sich unter anderem in der Nichtreform des veralteten und leicht manipulierbaren Wahlsystems aus, weshalb Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter im Herbst 2004 darauf hinwies, dass, wie in demokratischen Schwellenländern, internationale Wahlbeobachter bei den Präsidentschaftswahlen vom 2. November notwendig seien, weil die weltweit gültigen Grundvoraussetzungen für eine faire Wahl im Mutterland der modernen Demokratie heute mangels Unabhängigkeit des Rechtsbereichs nicht gegeben seien. Die konservative US-Kriegspolitik nach innen und außen führte zur Verschlechterung der Haushaltslage, des sozialen Klimas, der Bildungslage, des Gesundheitswesens, und zu einer neuen Armutswelle in den USA - mit nun mehr als 35 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze (weniger als 6000 Dollar Jahreseinkommen) und mehr als 45 Millionen ohne Sozialversicherung. Diese Aspekte führten, zusammengenommen, in der Folge schrittweise zu einer tiefen Krise der bisherigen, „offenen, freien und gleichen“ amerikanischen Identität.

- 2002-2003 Irak-Krise und Irak-Krieg. Er wird, trotz der allgemeinen Übereinstimmung, dass die Absetzung Saddam Husseins ein Wohl ist, zum Anlaß des offenen Ausbruchs von schon länger schwelenden juridischen, ökonomischen, strategischen, weltpolitischen und, daraus erwachsend, vor allem demokratiepolitischen Grundlagen-Differenzen. Die Differenz ergibt sich urbildlich zwischen dem auf Differenzierung und, wenn auch ohne ausreichendes Bewusstsein, auf prinzipielle Gleichberechtigung von Wirtschaft, Ökonomie und Politik drängenden „Kerneuropa“ - und den radikal-unitarischen USA, die internationales und nationales Recht als sekundär ansehen, Politik mit religiösem Missionarismus vermischen und der radikalen Freiheit der Ökonomie alle politischen und juridischen Grenzen weltweit unterordnen wollen. Ein erstmaliges konzertiertes Nachdenken führender europäischer und amerikanischer Intellektueller (darunter Jürgen Habermas, der Anfang Oktober 2004 verstorbene Jacques Derrida, Umberto Eco, Fernando Savater, Gianni Vattimo, Richard Rorty, Adolf Muschg) über eine eigenständige globale Demokratie-Vision Europas für das 21. Jahrhundert findet statt – angestoßen durch die weltweit aufsehenerregende Initiative „Nach dem Krieg – Die Wiedergeburt Europas“ vom 31. Mai 2003. Obwohl diese Initiative blaß bleibt, weil sie kein konkretes Makro-Leitbild für eine eigenständige demokratiepolitische Entwicklung Europas als Alternativ-Option gegenüber den USA präsentiert und sich weitgehend auf Willensbekundungen und Verteidigung der Tradition beschränkt, ist sie doch Anlaß vor allem für die junge, neue Generation von Europäern, verstärkt über das Eigene Europas nachzudenken und sich, selbstbewusster als bisher, der Frage zu stellen, wie die Grenzen und Überschneidungsbereiche zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur künftig gehandhabt werden sollen.

- 1. Mai 2004 Erweiterung der europäischen Union auf nun 25 Mitgliedsstaaten. Nach der Euro-Einführung vom 1. Januar 1999 entsteht nun auch juridisch die potentiell größte Wirtschafts- und Demokratiemacht der Erde. Europa ist seitdem dabei, sich eine neue Form zu geben. Es weist dabei eine hohe Entwicklungsdynamik auf, die sich zumindest in wichtigen Teilgebieten nicht zuletzt aus dem Unterschied zu den konservativen USA inspiriert, aber bis auf weiteres nach verschiedenen Seiten hin offen bleibt. Während die USA mit massivem Lobbyismus auf einen Beitritt der Türkei zum frühestmöglichen Zeitpunkt drängen, um das neue Europa wirtschaftlich, politisch und kulturell zu schwächen und auf lange Zeit mit sich selbst zu beschäftigen, versuchen progressive Kreise des Kontinents, erstmals nach Grenzen geographischer, aber auch wirtschaftlicher, politischer und kultureller Natur zu suchen, weil sie erkennen, dass nur ein organisches Sozialgebilde bestehen kann.

Insgesamt zeigt die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre, dass die USA in vielerlei Hinsicht einen inneren Abstieg vollzogen haben, der ihrem äußeren Aufstieg entspricht. Dagegen hat Europa sich fast unbemerkt und schrittweise zu einer „leisen Supermacht“ entwickelt, die allerdings daran leidet, dass ihr ihr Eigenes erst ganz anfänglich und unsicher im Bewusstsein dämmert, stets von allen Seiten in Gefahr, vereinnahmt und verzerrt zu werden.

Trotz dieser tiefgreifenden, zum gegenwärtigen Augenblick noch anhaltenden Verwandlungen, mit denen sich das 21. Jahrhundert politisch, wirtschaftlich und kulturell in mehreren Schüben erst vollgültig eröffnet hat, lebt der Topos von der „amerikanischen Zukunft“ und der „europäischen Vergangenheit“ im Alltagsverständnis weiter. Und zwar nicht nur in der weitgehend amerikanisierten Populärkultur wie Filmen, Fernsehen, Musik oder Printmedien, sondern in weit subtilerer Form auch in vielen wissenschaftlich anerkannten Publikationen. Nicht zufällig tun sich die heutigen Universitäten mit ihren rigiden paradigmatischen Kanonbildungen und generationalen intellektuellen Fixierungen am schwersten, den Wandel der Zeit mitzuvollziehen, geschweige denn, Visionen für die Zukunft zu zeichnen. Alte Klischees leben zum Beispiel in den Analysen weiter: Europa ist Raum, die USA aber sind Zeit (Dan Diner); Europa ist Identität und Grenze, die USA aber sind Pluralität und Fließen (Timothy Garton Ash); Europa bedeutet alte Kollektivrechte, die USA aber stehen für neue Individualitätsrechte (Samuel P. Huntington); in Europa hat das 21. Jahrhundert noch nicht begonnen, in den USA aber schon (Charles Krauthammer); Europa ist Griechenland, die USA aber sind Rom (Francis Fukuyama, Charles Kupchan); Europa ist Venus, die USA aber sind Mars (Robert Kagan).

In solchen traditionell gefärbten Zuordnungen leben unweigerlich latente Vorurteile mit, die sich in der Wirklichkeit längst als überholt erweisen. Deshalb konnte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld von einem „alten Europa“ sprechen, das hinter dem „neuen Geist“ der USA zurückbleibe – auch wenn dieser US-„Geist“ heute auf den machtpolitischen Willen zur äußeren Expansion einer nach innen demokratiepolitisch in die faktische Eindimensionalität regredierenden Nation reduziert ist. Und die Antwort führender europäischen Intellektuellen zur „Wiedergeburt Europas“ vom 31. Mai 2003 schien ihrerseits dieses Vorurteil paradoxerweise eher ein weiteres Mal zu bestätigen, als es zu widerlegen. Sie provozierte in Summe bisher letztlich mehr Kritik als Stimulus, und zwar zu Recht. Nicht nur, weil sie ohne jedes innovative, konkrete Makro-Strukturkonzept für eine langfristig eigenständige demokratiepolitische Alternative daherkam, sondern weil sie im wesentlichen emotionale Willensbekundungen vortrug und nur das Vorhandene in Gestalt des „Sozialstaats“ verteidigte. Die Diskussion um eine produktive demokratiepolitische Makro-Komplementarität zwischen den USA und Europa für das anstehende „Jahrhundert der Demokratisierungen“ drohte daher mangels Konkretisation von pragmatischen Ganzheits-Visionen von europäischer Seite in den vergangenen eineinhalb Jahren nur allzu schnell wieder zu versiegen.

Nun aber kommt, vielleicht nicht zufällig ausgerechnet von den progressiven Kreisen der USA her, ein neuer Impuls für diese Diskussion – und zwar eindeutig zugunsten Europas, und auf seiner Seite stehend. Einer der einflußreichsten amerikanischen Zukunfts-Denker der Gegenwart behauptet, dass das Demokratiemodell der USA für eine Führungsrolle im 21. Jahrhundert veraltet – und dass stattdessen Europa die Zukunft ist. Es ist der Leiter der Foundation on Economic Trends Washington, langjähriger Vordenker weltweiter Zukunftsszenarien, Berater der Europäischen Union und unter anderem Wegbereiter eines Plans zur EU-weiten Einrichtung einer Wasserstoffwirtschaft, Jeremy Rifkin. Seine Position zur künftig notwendigen Makro-Komplementarität - und produktiven, freundschaftlichen Makro-Konkurrenz - zwischen US- und europäischem Demokratiemodell lässt sich kurz so zusammenfassen: Die weltweite demokratiepolitische und sozial-evolutorische Vorreiterrolle wird im 21. Jahrhundert von den USA auf Europa übergehen. Das liegt wesentlich daran, dass der „alte Amerikanische Traum“ schrittweise durch einen „neuen Europäischen Traum“ ablgelöst werden wird:

„Wir (in den USA) haben eine Menge Interessengruppen, die sich öffentlich einer Reihe von Ideen und Aufgaben annehmen, deren Herkunft sich auf… rastlose Sehnsüchte… zurückführen lässt… Aber es ist… Europa, wo die Gedanken und Gefühle der Generation der Sechziger ein mutiges Experiment neuer Lebensformen hervorgebracht haben… Man könnte viele Gründe ausmachen, warum die Europäer auf dem Weg in die neue Zeit die Führung übernommen haben. Aus all den möglichen Erklärungen ragt aber eine heraus: Der hochgeschätzte Amerikanische Traum selbst, das Ideal, um das uns einst die Welt beneidete, hat Amerika in seine gegenwärtige Sackgasse geführt. Ihm zufolge hat jeder Einzelne unbegrenzte Möglichkeiten, sein Glück zu machen, was nach amerikanischer Leseart im Allgemeinen mit reich zu werden gleichzusetzen ist. Der Amerikanische Traum konzentriert sich viel zu sehr auf das persönliche materielle Vorankommen und zu wenig auf das allgemeine menschliche Wohlergehen, um für eine Welt zunehmender Risiken, Vielfalt und wechselseitiger Abhängigkeit von Bedeutung zu sein. Es ist ein alter Traum, vom Pioniergeist geprägt, aber seit langem passé. Während der amerikanische Geist rückwärts gewandt erlahmt, erleben wir die Geburt eines neuen Europäischen Traums. Dieser Traum passt besser zum nächsten Schritt der menschlichen Entwicklung – er verspricht in einer zunehmend vernetzten und globalisierten Welt der Menschheit zu globalem Bewusstsein zu verhelfen.

Der Europäische Traum stellt Gemeinschaftsbeziehungen über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes materielles Wachstum, spielerische Entfaltung über ständige Plackerei, universelle Menschenrechte und die Rechte der Natur über Eigentumsrechte und globale Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung.

Der Europäische Traum lebt an der Schnittstelle zwischen Postmoderne und dem aufkommenden globalen Zeitalter; er bietet die Anker, um die Kluft zwischen den beiden Epochen zu überbrücken… Auf seinen nackten Kern reduziert, ist der Europäische Traum der Versuch, einen neuen historischen Bezugsrahmen zu schaffen, der das Individuum von dem alten Unfug abendländischer Ideologien befreit und gleichzeitig das Menschengeschlecht mit einer neuen, gemeinsamen Geschichte ausstattet, die im Gewand der universellen Menschenrechte und der intrinsischen Rechte der Natur daherkommt . was wir als ‚globales Bewußtsein’ bezeichnen.

Die Voreingenommenheit vieler zeitgenössischer (US-)Historiker (besteht darin), (dass sie) davon ausgehen, dass die Geschichte nicht mehr als der sich entfaltende Kampf zwischen konkurrierenden ökonomischen und politischen Ideologien um Fragen der Art ist, wie man Ressourcen ausbeutet und produktiv macht, wie Kapital und Eigentum kontrolliert und distribuiert werden und wie die Menschen regiert werden sollen. Für einige repräsentiert der Amerikanische Traum mit seiner uneingeschränkten Akkumulation individueller Reichtümer in einer demokratisch regierten Gesellschaft das ultimative Ende der Geschichte.

Der Neue Europäische Traum ist so attraktiv, weil er es wagt, eine neue Geschichte vorzuschlagen, die sich auf Lebensqualität, Nachhaltigkeit, Frieden und Harmonie konzentriert. In einer nachhaltigen Zivilisation, die auf Lebensqualität basiert und nicht auf der unbegrenzten Akkumulation individuellen Reichtums, gehört die materielle Basis des modernen Fortschrittsdenkens der Vergangenheit an. Eine globale Ökonomie des stabilen, ausgewogenen Dauerzustandes ist ein radikaler Vorschlag, nicht nur weil er die konventionelle Weise, in der wir die Ressourcen der Natur nutzen, infrage stellt, sondern weil er auch mit der Vorstellung von Geschichte als einer stetig nach oben weisenden Kurve materiellen Fortschritts aufräumt… Insofern der Europäische Traum das Ende der einen Geschichte darstellt, regt er zugleich den Beginn einer anderen an. Wichtig an der neuen europäischen Zukunftsvision ist die persönliche Transformation und nicht die individuelle materielle Akkumulation. Der neue Traum ist nicht auf die Anhäufung von Reichtum fokussiert, sondern auf die Förderung des menschlichen Geistes. Der Europäische Traum versucht menschliche Empathie auszuweiten, nicht Territorien. Er befreit die Menschheit aus dem materialistischen Gefängnis, in dem sie seit den Anfängen der Aufklärung im 18. Jahrhundert eingesperrt war, und bringt sie ans Licht einer neuen, von Idealismus motivierten Zukunft. (…)

Der gerade flügge werdende Europäische Traum repräsentiert das beste menschliche Streben nach einem besseren Morgen. Die Hoffnungen der Welt gründen auf einer neuen Generation von Europäern. Den Menschen Europas bürdet das eine spezielle Verantwortung auf… Ich wünsche mir, dass unser Vertrauen nicht enttäuscht wird… Wir Amerikaner haben immer gesagt, für den Amerikanischen Traum lohne es sich zu sterben. Für den neuen Europäischen Traum lohnt es sich zu leben.“ (S. 9-11, 13-15, 410)

Für die These der innovativen, „weltrevolutionären“ Kraft des „neuen europäischen Traums“ liefert das Buch anschließend auf 400 Seiten eine Menge Belege und Beispiele – auch wenn es entscheidende Aspekte bei näherer Betrachtung immer nur überschlägig behandelt, so zum Beispiel die „Förderung des menschlichen Geistes“ symptomatisch weitgehend auf EU-Austauschprogramme und Förderungsinstrumente reduziert und nicht näher darauf eingeht, was daran genau das Neue sein soll, das nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ die nötigen „neuen geistigen Dimensionen“ eröffnen könnte. Die Beispiele reichen von persönlichen Erfahrungen des Autors aus der Studentenrevolution der 60er Jahre bis zu allgemeinen kontinentalen Entwicklungsdynamiken der vergangenen 200 Jahre, von den Lehren aus dem „langsamen Tod des amerikanischen Traums“ über die „Konstruktion der Moderne“ und die selbstkritischen Korrektur ihrer Defizite durch eine „zweite Aufklärung“ in Europa, die in den USA nie stattgefunden habe, bis zur Geburt der globalen Zivilgesellschaft und der Forderung nach der „Universalisierung des Europäischen Traums“. Nicht die UNO, sondern die Europäische Union wird für Rifkin heute zum Modell einer künftigen weltweiten Föderation unabhängiger Staaten im 21. Jahrhundert, die sich mittels einer „dezentralisierten Regierung“ eine neue Form ebenso verbindlicher wie gleichberechtigter Zusammenarbeit gibt.

Die meisten dieser Beispiele sind einleuchtend. Allerdings unterlaufen Rifkin, auch aufgrund der zur Visions-Zeichnung notwendigen Vereinfachungen und holzschnittartigen Vergröberungen des Bildes, einige schwere Schnitzer. So irrt er, wenn er zum Beispiel konstatiert, dass das innovative Netzwerkdenken Europas dessen kollektives Bewußtsein „dem asiatischen immer ähnlicher“ mache, weil in Asien ebenfalls - und bereits traditionell - die Individualität hinter dem Kollektiv zurücktrete. Aber beide sind in Wahrheit schon durch die Ich-Vorstellung völlig voneinander unterschiedliche Entwürfe, und Rifkins Parallele bleibt eine rein abstrakte intellektuelle Spekulation ohne konkretes kulturelles und bewußtseinsphänomenologisches Fundament. Rifkin hätte bei Rudolf Steiner, dem ersten modernen Ideator eines aus seinen eigenen Differenzierungs-Tendenzen heraus gegliederten, grenzübergreifenden europäischen Organismus, nachlesen können, dass Europa gerade dort, wo es sich künftig selbst ergreift, nicht das Individuum hinter das Kollektiv zurückstellt, sondern durch das Ich gekennzeichnet sein wird, das im Unterschied zur heutigen amerikanischen Konzeption der Individualität seine Freiheit dort findet, wo es im Eintauchen in die Welt an das Unendliche stößt: wo das Unendliche oder „individuelle Allgemeine“ in jeder Sinneswahrnehmung und in jeder einzelnen praktischen Handlung als Zusammenschluß von Ich und höherem Ich zur Erfahrung wird, die In-der-Welt-Sein in ganz anderer Weise begründen kann als bisher. Das ist die Aufgabe Europas, nicht es außerhalb und jenseits der Welt durch Ich-Auslöschung zu finden, worin die Aufgabe Asiens besteht – beides gleichermaßen realistische Aufgaben, notwenige und praktisch gangbare Wege. Steiner hat gezeigt, wie in Europa von der Empfindungsseele (Rom, Italien, Spanien; Genius der Imagination) über die Verstandes- und Gemütsseele (Frankreich; Genius der Inspiration) bis zu Englands Einflüssen (Genius der Intuition) mit dem Ich in der Mitte (Deutschland, Genius des Geistes als objektiv-subjektiver Welt-Prozeß) ein gemeinsamer geistiger Mensch entstehen kann, dessen Wesen in der individuellen, aber objektiv-geistigen moralischen Intuition besteht, und der deshalb in sich selbst den Ausgleich zwischen Egoismus und gemeinschaftlichem Objektivismus finden kann. Daher ist dieser Mensch dann auch zur bewussten, subjektiv-objektiven Gestaltung des sozialen Organismus durch systematische, aber nicht-ideologische und nicht-utopische, sondern einem seelischen Bedürfnis entsprechende Ausdifferenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur fähig.

Solche Aspekte, die in die Tiefe dessen gehen, was in Rifkins „Neuem Europäischen Traum“ beschworen wird, vermeidet der Autor. Seine Darstellung leidet daran, dass sie geistrealistische Traditionen Europas in keinster Weise einbezieht – und daher in den meisten neuralgischen Punkten relativ generalistisch bleiben muß. Dabei hätten gerade diese Betrachtungsweisen einiges herauszuarbeiten, was für die Zukunft durchaus von großer Bedeutung sein wird. So etwa die äußere Polarität, aber die tiefe innere Verwandtschaft zwischen den USA und China. Heute bestehen frappierende Kultur-Parallelen weniger zwischen beiden Kulturen oder Staaten, als vielmehr zwischen beiden Lebensformen, für jeden massiv ins Auge fallend, der in beiden Ländern wenigstens kurz gewohnt hat. In beiden Alltagskulturen dominieren Handel und Wirtschaft als pragmatische Lebensform und als zentraler Fokus, das Primat des Willens und eine praktische Glückskultur (in den USA dem Protestantismus verdankt, in China dem Konfuzianismus und Taoismus). In beiden Kultur bedeutet Glück, reich zu werden, gesund zu sein, Macht zu haben. In China steht dafür, sehr vereinfachend zusammengefasst, der Drache, in Amerika der Fisch-Adler und der Dollar. Da ist es beinahe nur natürlich, dass chinesischer Yen und US-amerikanischer Dollar auch auf den Währungsmärkten aneinander gebunden sind und „im Gleichschritt marschieren“[1]. Ein globales Bewusstsein wäre laut Steiner aus geistiger Sicht urbildlich weniger im „kerneuropäischen“ Bereich (Mission des Ausgleichs und der Stiftung von Rechtsbeziehungen, Recht / Gefühl), sondern vielmehr im Angelsachsentum angelegt, in dem es in den vergangenen Jahrhunderten maßgeblich mit vorbereitet und vorangetragen wurde (Bewußtseinsseelen-Kultur mit Schwerpunkt auf Wirtschaft / Willen). Aber diese angelsächsische Kultur wird dieser Bewusstseins-Anforderung bisher nur in ambivalenter Weise gerecht, während Europa seinerseits auch für seine Mission mangels Bewusstseinsbildung noch weitgehend schläft, wie nicht zuletzt seine bislang klägliche Rolle beim Wiederaufbau im Nahen Osten zeigt.

Im zusammenfassenden Schlußteil wiederholt sich der Irrtum, wenn Rifkin nahe legt, Europäer müssten mehr Individualität lernen, weil sie sehr weitgehend kollektiviert seien, während sich Amerikaner mehr globale Verantwortung anerziehen müssten. Das ist ein altes US-Vorurteil aus sozialistischen und halbsozialistischen (Österreich, Schweden, Dänemark, Finnland) Zeiten, das nicht mehr gerechtfertigt ist – weder in Europa noch in den USA. In Europa, und rasch zunehmend genauso in den kulturell kreativen Bevölkerungsschichten Amerikas, will das Ich leben - aber das Ich der „Philosophie der Freiheit“, nicht das Ich des sozialdarwinistischen „Überlebens der Stärksten“ im Konkurrenzkampf aller gegen alle des US-Demokratiemodells.

Trotz dieser Defizite gelingt es Rifkin insgesamt, nicht in allzu große Einseitigkeiten zu verfallen. Weder in die europäische Einseitigkeit, die amerikanische Kultur und ihr Demokratiemodell „als eine ‚systemisch pathologische’ Kultur anzusehen, wie das seit Horkheimers und Adornos ‚Dialektik der Aufklärung’ in der Kulturkritik bis heute gern geschieht (W. Fluck). Noch in die amerikanische Einseitigkeit, die USA als „Beispiel einer demokratischen Kultur oder gar als Paradigma moderner Kulturentwicklungen darzustellen.“ (ebda). Es geht Rifkin auch nicht um einen der vielen - offenen und, noch weit zahlreicher, unterschwelligen „Versuche, eine Erklärung für die vermeintliche Inferiorität der amerikanischen Kultur und ihre erstaunliche Distanz zum europäischen Kulturverständnis zu finden“ (Fluck). Er ist erhaben über jeden Verdacht eines „mitteleuropäischen“ oder kontinentaleuropäischen Neo-Unitarismus, wie er heute an gewissen Orten in zum Teil missverständlicher Form ebenfalls wieder keimt; eher wäre ihm eine gewisse Idealisierung Europas vorzuwerfen. Diese Idealisierung geht zum Teil zu weit, und sie hebt das positive Willenselement, das heute in den USA lebt, zu wenig gegenüber der europäischen intellektuellen Lähmung hervor. Daher kritisiert Rifkin vor allem Europas zahlreiche Defizite zu wenig.

Ist Rifkin also einseitig? Gewiß, aber alles, was in der Welt die Dinge voranbringt, ist bis zu einem gewissen Grad einseitig. Defizite sind normal bei einem solchen Erst-Entwurf, der mehr oder weniger einsam von einem einzigen Pionier hervorgebracht wird. Und es ist gleichsam natürlich, dass bei derartigen Visionen oft schwer zu unterscheiden ist, was Glaube oder Hoffnung an ihnen ist - und was konkretes historisches Entwicklungs-Symptom oder gar realitätsgestütztes Faktum. Nicht diese Aspekte sind das Problem. Sondern das zentrale Problem an Rikfins Ausführungen, so inspirierend und weittragend sie in ihrem archetypischen Reduktionismus auch sind, ist etwas anderes.

Das Problem ist, dass man bei Rifkins Vision bei aller Großartigkeit und Begeisterungsfähigkeit das Fehlen der Konkretisation konstatieren muß – sowohl was das Eigene Europas in den Ursprüngen der Aufklärung betrifft, wie, vor allem, was im orientierenden Struktur-Kern das künftig Eigene und Ausrichtende ausmachen soll. Es fehlt ein pragmatisch erkenntnisleitendes Makro-Strukturkonzept, wie sich die drei Sphären der Gesellschaft: Wirtschaft, Politik und Kultur künftig zueinander in Beziehung setzen sollen. Es fehlt das Bewusstsein davon, dass dies der entscheidende Kern-Punkt für die Selbstergreifung und die Zukunft des Eigenen Europas ist. Für diesen Kern-Punkt wird kein prinzipielles, leitendes Bild entwickelt. Damit weist die Vision Rifkins genau das gleiche Manko wie die Initiative der führenden europäischen Intellektuellen vom 31. Mai 2003 zur „Wiedergeburt Europas“ auf, wenn auch hier auf einer entwickelteren und umfassenderen Ebene. Schade, dass Rifkin Rudolf Steiners Entwicklungs-Typologisierungen nicht berücksichtigt, die in den Entwurf der sozialen Dreigliederung als das dem Genius Europas (Herbert Hahn) entsprechendste Makro-Strukturleitbild eigenständiger demokratiepolitischer Entwicklung mündeten. Denn er hätte dort viele wichtige Anregungen für die Konkretisierung und Konzentration seines Bildes von einem „Neuen Europäischen Traum“ gefunden. Vor allem: Der „Neue Europäische Traum“ ist, entgegen der zum Teil zu euphorischen Aussagen Rifkins, nicht lebensfähig ohne soziale Dreigliederung, also ohne ein eingeständiges Demokratie-Leitbild oder gesellschaftlich-soziales Makro-Strukturmodell langfristiger Jahrhundert-Karatur.

Rifkins Vision ist außerordentlich begeisternd, bleibt aber ohne geistrealistisches Element und in den systematischen Makro-Konturen einer eigenständigen europäischen Orientierung weitgehend konturlos. Deshalb eröffnen die sehr allgemeinen Aussagen des EU-Beraters Rifkin zum Teil auch ambivalente Szenarien. Bedeutet zum Beispiel die geforderte „Universalisierung des europäischen Traums“ die Aufnahme der Türkei in die EU, was zumindest umstritten ist? Bedeutet es in der Folge die Aufnahme der angrenzenden Mittelmeerstaaten als nächsten logischen Schritt in der näheren Umgebung des Kontinents – und sei es auch nur, um ein Beispiel zu setzen? Rifkin vernachlässigt in seiner Euphorie die Frage nach den Grenzen Europas, die zusehends gerade deshalb wichtig wird, um dieses europäische Projekt nicht zu überfordern und damit in seiner vielleicht entscheidenden Phase zu überdehnen.

Rikfins Buch erscheint in den USA zweifellos in einem heiklen historischen Moment, in dem es von nicht wenigen Vordenkern, aber auch von Teilen des breiteren Publikums als eine Art „Verrat“ in einer schwierigen Situation empfunden wird. Damit arbeitet dieses Buch dort eher den traditionell europakritischen und anti-intellektuellen Konservativen als den „linken“ Demokraten und den grünen, „europäisierten“ Alternativen des kulturell kreativen Lagers in die Hände. Aus den Anforderungen der europäischen – und globalen – Sicht aber ist es, trotz aller unübersehbaren Schwächen, Vereinfachungen und Auslassungen, die einem pionierhaften Erstenwurf wie diesem anhaften müssen, welcher sich auf kaum eine Tradition der Besinnung und wenig Vorarbeiten stützen kann, ein außerordentlich wichtiges und weitreichendes Buch. Es ist spannend geschrieben, persönlich, mutig, authentisch und visionär. Es trägt dazu bei, den Weg zu der in den kommenden Jahrzehnten anstehenden produktiven, freundschaftlichen demokratiepolitischen Komplementarität zwischen Europa und den USA in weltweitem Maßstab zu ebnen. Dabei regt es einerseits die USA an, neue Wege zu suchen und sich aus ihrer heutigen unitarischen Erstarrung zu lösen, und es hilft andererseits den Europäern dabei, konkreter und ganzheitlicher als die aus Empörung geborene Initative zur „Wiedergeburt Europas“ vom 31. Mai 2003, das Eigene aktiv zu erkennen und mutig zu ergreifen. Auch wenn es dazu noch keine konkreten Strukturkonzepte anbietet und die soziale Dreigliederung bis auf weiteres – ein weiteres Mal – ignoriert: Man möchte diesem Buch möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen, damit es für die neuere Generation von Europäerinnen und Europäern mittel- bis langfristig eine die Arbeit an eigenständigen, selbstbewussten Visionen anregende Wirkung entfalten kann. Vielleicht sollten gerade wir Europäerinnen und Europäer uns endlich einmal fragen: Warum müssen immer Amerikaner am besten Europas Eigenes herausarbeiten und es produktiv in die Zukunft projizieren? Warum bringen die Europäer selbst kaum Eigenständiges, wie zum Beispiel die soziale Dreigliederung, als konkret erkenntnisleitenden Inbegriff eigenständiger langfristiger Demokratie-Vision in die aktuelle Diskussion um die Entwicklung ihres Eigenen ein? Und warum dringt soziale Dreigliederung in dem für das 21. Jahrhundert mit entscheidenden Zusammenhang freundschaftlicher demokratiepolitischer Makro-Konkurrenz zwischen den demokratischen Hauptmächten USA und Europa nicht durch?

Jeremy Rifkin: Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht. Aus dem Amerikanischen von Hartmut Schickert. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004, 464 Seiten, ISBN 3 – 593 – 37431 – 5, 24,90 €

  Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen

[Zurück zur Startseite]