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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 6
Zoran Drvenkar: Du bist zu schnell. Roman, Klett-Cotta Stuttgart 2003, 287 S., ISBN 3-608-93623-8, 19 €
Zoran Drvenkar, 1967 in Kroatien geboren, zog als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Berlin. Er veröffentlichte Kinder- und Jugendbücher, auch Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. Seit 1989 arbeitet er als freier Schriftsteller. Er lebt in Berlin. – Im Mittelpunkt von Du bist zu schnell, Drvenkars erstem Roman für Erwachsene, stehen drei junge Menschen, Val, Marek und Theo. Val leidet an psychotischen Wahnvorstellungen, die, der Roman deutet es an, mit ihrem exzessiven Drogenkonsum zu tun haben. Sie brechen zum ersten Mal bei ihr aus, als sie sich mit Freunden aus Oldenburg für einige Tage in Hamburg aufhält. „Es war völlig absurd“, berichtet sie in der Rückschau. „Ich wusste, dass ich nicht gerade fit war, ich hatte in den letzten Tagen vielleicht fünf Stunden geschlafen, dennoch war es absurd, meine Clique mitten in Hamburg zu verlieren.“ Sie irrt allein in der Stadt umher. „Irgendwann da muß es passiert sein“ – ein Satz, der so oder so ähnlich immer wieder im Buch auftaucht und den oft kaum merkbaren Übergang aus der Wirklichkeit in eine psychotische Wahnwelt ankündigt. Val hört mit einem Mal Musik und beobachtet Menschen, die sich gedankenschnell bewegen. „Schnell“, das dem Roman den Titel gegeben hat, wird zum bestimmenden Wort der Handlung. Die „Schnellen“ tauchen bei jeder psychotischen Attacke Vals auf und beherrschen nach und nach ihr gesamtes Leben. Sie spürt, dass sie während eines psychotischen Anfalls selbst zu den „Schnellen“ gehört, allen anderen Menschen fern und überlegen. Jeder Anfall „öffnet“ ihr eine Türe in eine Welt voller geheimnisvoller, undurchschaubarer, unheimlicher, aber auch faszinierender Erfahrungen, der sie wie eine Droge verfällt, die sie unheilbar süchtig macht. Schon beim ersten Anfall in Hamburg hat sie das Gefühl, „einem Drehbuch gehorchen zu müssen. Irgendein Film aus den 70ern wurde gerade gedreht. Meine Rolle war, herauszufinden, was meine Rolle war.“

Der Roman kann als Suche Vals nach dieser ihrer Rolle im Umgang mit ihrer Krankheit, aber auch als Versuch von Marek und Theo, Val zu verstehen und ihr zu helfen, gelesen werden. – Für Val folgen zunächst zwei Kliniksaufenthalte in Hamburg und Oldenburg, bei denen ihre Krankheit erfolgreich, wie es scheint, behandelt wird, danach der Bruch mit ihrer Familie, der Umzug aus einer WG in ihre erste eigene Wohnung, eine Arbeit als Kindergärtnerin, eine Liebschaft mit einem verheirateten Mann, der sie bald mit einer anderen betrügt, eine wilde Party, auf der Val wieder erste Anzeichen eines psychotischen Anfalls spürt, der gewaltsame, ungeklärte Tod von Asta, eines engen Freundes, und schließlich ihr Entschluss, Oldenburg zu verlassen, um in Kassel einen Studienplatz anzutreten, das alte Leben vollständig hinter sich zu lassen und sich neue Zukunftsperspektiven zu erschließen. Dem geheimnisvollen, unheimlichen Sog ihrer Krankheit kann sie mit dem Ortswechsel allerdings nicht entrinnen. „Niemand von der Clique wusste davon. Nicht Jenni und nicht Mirko. Die Angst in mir war zu groß. Die Schnellen waren auf meiner Spur. Ich hatte die Tür wieder aufgestoßen, und Asta war deswegen gestorben.“
Solche überraschenden Verbindungen zwischen Ereignissen wie dem plötzlichen Tod Astas und Vals Psychose durchziehen den Roman. Er wird mehr und mehr zu einem Buch, das Phantastisches, Unwirkliches, Unheimliches mit Elementen verknüpft, die der Leser aus Kriminalromanen oder Thrillern kennt. Zoran Drvenkar gelingt es, eine ausgeklügelte Balance zwischen dem Unwirklichen und Unheimlichen und der gelegentlich vordergründigen Handlung eines Thrillers herzustellen und beides so zu mischen und zu vermengen, dass der Leser Unwirklichkeit und Wirklichkeit bald nicht mehr trennen mag. – In Kassel lebt sich Val zunächst ohne Probleme ein, macht neue Bekanntschaften und hat ihre Krankheit, so glaubt sie, mit Medikamenten, mit sehr starken allerdings, „mit „richtigen Ausknockern“, gut im Griff. Ihre Lebenssituation verbessert sich deutlich, als sie eines Nachts auf dem Weg von einer Party nach Hause Marek trifft. Beide verlieben sich ineinander. Es könnte der Beginn eines weitgehend normalen Lebens sein. „Und dann kamen sie. Ich bin mir nicht sicher, worauf sie gewartet hatten oder ob es einen Auslöser gab. Ich weiß nur, dass nach langer Zeit mein Leben wieder anfing lebenswert zu werden und ich es einfach nicht verdiente, dass sie sich einmischten.“
Die „Schnellen“ tauchen wieder in Vals Leben auf. Kurz darauf geschieht in ihrer Wohnung ein Mord. Das Opfer ist Jenni, Vals beste Freundin, die sie in Kassel besucht hat. Marek findet die verstörte, verängstigte Val mit ihrer toten Freundin in der Wohnung. Die „Schnellen“, so Vals Verdacht, haben ihre Freundin getötet. Marek glaubt ihr und sie beschließen, mit Jennis Leiche im Kofferraum ihres Autos Theo, Jennis Freund, von dem sie ein Kind erwartete, in Oldenburg aufzusuchen und ihm als vorerst einzigem von Jennis Ermordung zu berichten. Theo kann in langen Gesprächen davon überzeugt werden, dass es eine Killerorganisation von „Schnellen“ gibt, denen Jenni, wie vorher auch Asta, aus unerklärlichen Gründen zum Opfer fiel. Die Bedrohung durch die „Schnellen“ wird für Theo und Marek zur Gewissheit, als sie Val mit Messerstichen in Armen und Beinen in der Sauna eines Hotels entdecken und in letzter Minute retten können. Damit Val nicht das nächste Opfer der „Schnellen“ wird, muß sie in Sicherheit gebracht werden.
Der Roman wechselt für die letzte, entscheidende Phase der Handlung noch einmal den Ort: Theo und Val fahren hinaus zu einem einsamen Bauerngehöft in der Nähe Oldenburgs, das Jenni und Theo zu ihrer gemeinsamen Wohnung ausbauen wollten. Marek, der für ein paar Tage nach Kassel zurückkehrt, wird später wieder zu ihnen stoßen. Es ist Winter; Val und Theo werden in dem Bauernhaus meterhoch eingeschneit. Kein Schneepflug kann zu ihnen durchdringen. Sie sind allein in dem halbfertigen, zugigen, kalten Gehöft, immer in der Befürchtung, dass die „Schnellen“ ihren Aufenthaltsort herausfinden und sie überfallen könnten, um mit ihnen abzurechnen. Val selbst wappnet sich gegen den erwarteten Angriff der „Schnellen“ auf ihre Weise. Sie hat schon seit einiger Zeit ihre Medikamente, die ihre Psychose unterdrücken sollen, abgesetzt. Sie will selbst die „Tür“ in ihre Krankheit hinein öffnen, um so auf den Angriff der „Schnellen“ vorbereitet zu sein und ihn, wie sie hofft, abwehren zu können.
Theos und Vals angstvolle Angespanntheit wird durch ihren Verdacht, dass Marek zu den „Schnellen“ gehört, gesteigert. Als er von Kassel zurückkommt, schaffen sie es, ihn zu überwältigen und zu fesseln. Ihn wenigstens, so glauben sie, haben sie unschädlich gemacht. Marek fleht Theo an, ihn freizulassen: er sei unschuldig und erahne langsam die wirklichen Zusammenhänge aller schrecklichen Vorkommnisse der letzten Monate. Theo lässt sich aber nicht erweichen; er ist von Mareks Gefährlichkeit überzeugt.
Auf den letzten Seiten des Romans überschlagen sich die Ereignisse. Als sich nach Tagen das Schneeunwetter legt, hat sich in dem einsamen Bauernhaus das Leben von drei Menschen entschieden. Theo wurde ermordet; er liegt mit aufgeschlitztem Bauch auf einem Sofa. Val sitzt wie abwesend – „etwas Speichel läuft ihr aus dem Mund“ – mit blutig verschmierten, aufgeschnittenen Beinen und Füßen auf einem Sessel. Der Boden des Zimmers ist „ein Chaos von Dreck und Blut“. – Der Schluss des Buches könnte, wie der Romananfang, dem Drehbuch eines Films entstammen. Marek, jetzt endlich Herr der Situation, sitzt im Auto; Val schläft auf dem Rücksitz. Den Bauernhof hat Marek angezündet; er brennt lichterloh hinter ihm; keiner wird Theos Leiche entdecken. „Ich öffne das Fenster“, so lässt der Autor Marek abschließend erzählen, „ um die Kälte zu spüren. Wind peitscht durch das Wageninnere und macht mein Gesicht gefühllos. Dennoch lasse ich das Fenster offen, obwohl mir Tränen aus den Augen laufen und ich die Straße kaum noch sehen kann.“ Viel zu spät hat Marek die Schwere von Vals psychotischer Erkrankung und seine und Theos Hilflosigkeit ihr gegenüber erkannt. Sie haben nicht verhindern können, dass die Krankheit immer stärker Vals Leben bestimmte, dass Val Asta und Jenni in ihren Wahnvorstellungen ermordete, Theo regelrecht abgeschlachtet und sich selbst Wunden, Schnitte und Schmerzen zugefügt hat. Marek stellt sich Val lebenslang in einer Heilanstalt vor und weiß, dass er, der Val geliebt, sie aber jetzt für immer an ihre Welt psychotischer Verwirrung verloren hat, das nicht zulassen kann. „Ich weiß nur“, so die Schlusssätze, „was auch immer ich tue, zum Schluß hin wird es wie ein sanfter Selbstmord aussehen. Das bin ich Val schuldig. Es muß in Sanftheit enden.“
Zoran Drvenkars Buch lebt von einer Spannung, die nicht aus einem Konflikt, der das Verhältnis zwischen den Personen bestimmt und im Lauf der Geschichte geklärt wird, erwächst, sondern daraus, dass Personen überraschende, unheimliche Ereignisse und grausige Geschehnisse bewältigen müssen. Der Autor hat dafür eine einfache, aber wirkungsvolle Erzählstruktur gewählt. Er lässt die Geschichte der psychotischen Erkrankung Vals abwechselnd von je einem der drei Protagonisten erzählen. Der Leser wird dadurch mit der begrenzten Sichtweise jeweils einer Person konfrontiert. Er wird zum Beobachter des Innenraums von Menschen, die in undurchschaubare, unerklärliche, mörderische Situationen geraten. Diese Erzählweise aus der Sicht verschiedener Blickrichtungen verlangsamt den Ablauf der Handlung, arbeitet mit Erzählabbrüchen, mit Andeutungen, Anspielungen, mit Vor- und Zurückverweisen, manchmal Filmschnitten ähnlich, verdichtet die Handlung aber auch und macht das Psychotisch-Phantastische zu einer beklemmenden Erfahrung für den Leser. Dem Autor gelingen eindrucksvolle Passagen, in denen die Verschiebung von Vals „normaler“ Wirklichkeit in eine fremde, geheimnisvolle, Furcht erregende Welt psychotischer Wahrnehmungen und Vorstellungen, eben die Welt der „Schnellen“, dargestellt wird. Durch die mit Fortgang des Romans immer unentwirrbarere Vermengung von Realität und psychotischen Wahnbildern kann der Leser die Ausweglosigkeit einer solchen Erkrankung und das Ausmaß der psychotischen Wirklichkeitsverzerrung bis hin zu Gewaltexzessen nachvollziehen und verstehen lernen. Der Leser wird, lässt er sich auf Zoran Drvenkars Romanspiel ein, selbst zu einer der Figuren im Buch, die sich ausweglos in die psychotische Welt der „Schnellen“ verirren und verstricken, bis sich am Ende die „wahre“ Wirklichkeit durchsetzt, die psychotischen Wahnbilder verdrängt und wegschiebt und den Blick auf Gewalt und Zerstörung, aber auch Trauer, Mitleid und fast so etwas wie Versöhnung freigibt.
Herbert Fuchs