Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Das Hessische Landestheater Marburg

Friedrich Schiller: Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen

Lustspiel nach Louis-Benoît Picard
(Médiocre et rampant ou Le moyen de parvenir)

Premiere: Samstag, 27.November 2004
Theater Am Schwanhof

 

 

Narbonne, Minister: Jürgen Helmut Keuchel
Madame Belmont, seine Mutter: Christine Reinhardt
Charlotte, seine Tochter: Barbara Kramer
Selicour: Jochen Nötzelmann a. G.
La Roche: Stefan Gille
Firmin: David Gerlach a. G.
Subalterne des Ministers
Karl Firmin, des letztern Sohn, Lieutenant: Matthias Steiger
Michel, Kammerdiener des Ministers: Thomas Streibig
Robineau, ein junger Bauer, Selicours Vetter: Bernd Kruse

Inszenierung: Manfred Gorr a. G.
Ausstattung: Frank Chamier a. G.
Dramaturgie: Jürgen Sachs

 

Wodurch wird jemand völlig gewissenlos - lässt etwa seine alte Mutter auf dem Land darben, erzählt aber in Paris, er habe sie gerade mit tausend Talern unterstützt, lügt, schmeichelt und betrügt, um den ersehnten Posten als Gesandter und auch gleich noch die Tochter seines Vorgesetzten zu erhalten, beutet die Arbeit seiner Untergebenen aus und schmückt sich mit den ihnen zustehenden Lorbeeren?

Der Parasit (Jochen Nötzelmann) und seine Beute (Barbara Kramer)

Das Stück von Louis-Benoît Picard, dem Pariser Schauspieler, Theaterdirektor und -dichter (1769-1828), das Friedrich Schiller 1803 sehr frei bearbeitet hat, stellt solche Fragen nicht. Es schildert folglich keine Charaktere, sondern bringt Lustspiel-Typen auf die Bühne. Da ist der Minister, aus der Provinz stammend und daher ein wenig naiv, aber leutselig, seine vom Glanz der Großstadt geblendete Mutter, die reizende Tochter, der arbeitsame, grundehrliche Beamte, dessen Sohn, Leutnant, also verliebt, die Tochter des Ministers anschwärmt, der Bösewicht, ein wahrer Parasit, selber zu jeder eigentlichen Arbeit unfähig, jedoch gewissermaßen genial darin, zu blenden, und endlich der von ihm geschädigte Angestellte, der Rache schwört. Damit ist das Personal für eine Farce beisammen, die einen vergnüglichen Verlauf und ein gutes Ende verspricht.

Christine Reinhardt als hübsche "Großmutter"
(das hört sie gar nicht gern) Madame Belmont

Der Untergrund aber einer solchen Komödie, und das mag Schiller gereizt haben, ist nicht solide - ähnlich wie bei Büchner, wo ein Spaziergänger Angst hat, durch eine Pfütze ins Bodenlose zu fallen (Dantons Tod), wirkt eine gesellschaftliche Situation, in der sich so viele "gute" Menschen um einen skrupellosen Betrüger gruppieren, unheimlich. Lässt man das Geschehen des "Parasiten" nach der Aufführung noch einmal Revue passieren, so festigt sich der Eindruck, Picard müsse ein ganzes Arsenal von Bühnen-Versatzstücken - Personen und Handlungen - um diesen Selicour herumbauen, um das Gift, mit dem er seine Umgebung infiltrieren will, halbwegs zu neutralisieren. Dieser "Typ", in doppelter Wortbedeutung, ist wirklich böse. Er kennt keine menschliche Regung, sondern kann nicht anders, als alles und jedes auf seinen möglichen Vorteil zu beziehen. Beinahe schimmert durch diese Komödienfigur etwas Dämonisches, das an die einige Jahrzehnte später von Balzac in seiner "Comédie humaine" geschilderten Gestalten erinnert. Nicht umsonst empfindet Charlotte bei dem Gedanken, die Frau Selicours zu werden, nicht nur "Abneigung", wie Madame Belmont befürchtet, sondern sogar "Grauen" und "Furcht". Sie spürt instinktiv, dass sie es mit einem Ungeheuer zu tun hat, eben nicht nur mit einem Individuum, bloß einem sei es noch so gefährlichen Einzelnen, sondern mit einem Prinzip, das Narbonne im Stück, in der Aufführung jedoch sein Kammerdiener, in der Schlussbemerkung "das Gespinst der Lüge" nennt: "Diesmal hat das Verdienst den Sieg behalten. - Nicht immer ist es so. Das Gespinst der Lüge umstrickt den Besten, der Redliche kann nicht durchdringen, die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent, der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne."

Peter Streibig ist Lagerfeld, daneben die festlich
angezogene Charlotte (Barbara Kramer)

So lässt Schiller das harmoniesüchtige Ende der Komödie in sich zusammenfallen. Nur scheinbar ist das Böse eliminiert und die richtige Ordnung wiederhergestellt. Von diesen Sätzen her bekommt die Entlarvung des Schurken etwas Doppelbödiges, und das "Fest" im Haus des Ministers erweist sich als fehlschlagende gesellschaftliche Selbstreinigung, in deren Verlauf, wie seit altersher, ein Sündenbock mit allen Verfehlungen der Gemeinschaft beladen und in die Wüste geschickt wird. Selicour weiß selber nicht, warum er so zerfressen-ehrgeizig und rücksichtslos, ein solcher moralischer Krüppel ist, ja, er kann sich nicht einmal diese Frage stellen. Das Böse erweckt "Grauen", weil es einen Ausblick ins Abgründige des Daseins eröffnet.

Der Intrigant, Porträtstudie (Jochen Nötzelmann)

Nebenbei gesagt: welche Weltsicht ergäbe sich, wenn wir annehmen müssten, dass nicht die "Subalternen", sondern die "Minister", die Regierenden, insgesamt die Chefmanager unserer Gesellschaft, notwendig Menschen sein müssten, in deren Psyche und Verstand alles andere zum bloßen Mittel ihrer Machtbestrebungen wird? Eigentlich stellt Schiller diese Frage. Warum "regiert der Schein die Welt"? Weil, und nichts ist im Medienzeitalter klarer, jede auf einer politisch-sozialen Bühne gezeigte Regung - der Gerechtigkeit, des Mitgefühls, überhaupt aller Anteilnahme - immer gespielt sein muss. Mit anderen Worten, nicht nur Selicour lügt, auch die Bonhomie des Ministers, die Ehrlichkeit Firmins und die aufrechte Liebe des Leutnants und der Tochter aus besserem Hause zueinander sind Schein. Alle diese Personen agieren nach Maßgabe dramaturgischer Vorgaben. Die "Guten", wie die "Bösen" spielen nicht nur in einem Stück, sie sind selber eines.

Streibig, in weiterer Nebenrolle

Wie inszeniert man heute ein solches Ineinander von Vorder- und Hintergründigem? Irgendwie müsste das Brüchige, Gleitende, eben der Schein alles Gezeigten selber sichtbar werden. Aber Gorr setzt auf Handfesteres. Er lässt etwa Thomas Streibig nicht nur als Kammerdiener Michel, sondern auch als Nummern-Girl und Hausmädchen, oder als Lagerfeld-Verschnitt auftreten, um sozusagen sichere Lach-Punkte in einen Handlungsverlauf einzubauen, dem er vielleicht nicht genügend Tragfähigkeit zutraut. Aber durch solche Einlagen erreicht er nur, dass die Energie aus dem Stück auf Nichtdazugehöriges abfließt. Streibig bestätigt immerhin auf seine Weise, dass sich der "Spieler" in alles verwandeln kann: er hat selbst als "Frau" und als Show-Manager eine das Vulgäre in der Darstellung gleichzeitig akzentuierende und übersteigende Ausstrahlung. Christine Reinhardt und Jürgen Helmut Keuchel geben diejenigen Figuren, die am meisten der Vorspiegelung Selicours erliegen, überzeugend, aber vielleicht ein wenig zu harmlos. Madame Belmont will im Grunde selber von dem Scharlatan umworben sein (versteht sich), der Minister hat etwas von einem guten Onkel, der letztlich, nach den Machenschaften seines Vorgängers, alles wieder richtet. Das junge Liebespaar bleibt, wie häufig in solchen Komödien, ziemlich blass, und das gilt auch für den ehrbaren Beamten. Stefan Gille ist der Typ, der immer den Reißverschluss seiner Aktentasche auf- und zuzieht - aber er wächst über diese Aktion hinaus und gibt einen La Roche, der sich redlich bemüht, den Intriganten zu Fall zu bringen, bis er endlich die erlösende Idee hat: "Und mit seinen eignen Waffen müssen wir ihn schlagen. Auf dem geraden Wege gings nicht - so müssen wir einen krummen versuchen." Eine prekäre -  und wichtige - Stelle: die Lüge lässt sich nur mit der Lüge bekämpfen.

Und die Hauptperson? Nötzelmann-Selicour ist richtig fies, gespielt ohne jeden Anspruch auf Sympathie, ja, von der Gestalt geht etwas zutiefst Unangenehmes aus. Nötzelmann erreicht es, dem Typus ein individuelles Gesicht zu geben und hebt damit die Komödie in einen anderen Bereich, in dem Komödiantisches und etwas fast Dämonisches eine Synthese eingehen. Ihm ist es letztlich zu danken, dass der Theaterabend mehr ist, als bloße Unterhaltung. Ein Wermutstropfen: ausgerechnet er spricht häufig zu leise und ist keineswegs nur auf den letzten Reihen schwer zu verstehen (alle anderen übrigens gut); in den weiteren Aufführungen wird sich das sicherlich ändern lassen.

Bernd Kruse als Robineau

Nach der Pause gewinnt das Stück an Tempo, wohingegen die erste Hälfte ein wenig schleicht oder sogar manchmal auf der Stelle tritt. Vielleicht dauert auch das "Einspielen", das "In-Fahrt-Kommen" der Schauspieler zu lange. Ob das Bühnenbild, die mit Silberfolie überzogenen Wände, die Klappsitze und die zentral positionierte Drehtür zum "Parasiten" passen, sei dahingestellt. Es versucht, und das gilt ebenso für die Kostüme, die Entstehungs- (1797) und Bearbeitungszeit mit der Gegenwart zu verknüpfen. Hier jedoch, wie auch in anderen Fällen, gelänge eine Aktualisierung vielleicht eher, oder vielleicht sogar gerade dann, wenn man das Stück zunächst in seiner historischen Ferne ließe. Trotzdem: dem Hessischen Landestheater ist ein erstaunlicher Spagat (beinahe) gelungen, nämlich gleichzeitig ein weiteres Schauspiel von Schiller und die pro Saison den Zuschauern zustehende Boulevardkomödie zur Aufführung zu bringen. Zum Schluss muss eins doch noch erwähnt werden: der Souffleur Bernd Kruse gibt den Fleischwurst essenden Landburschen Robineau richtig herzerfrischend und mit erstaunlicher Bühnenpräsenz. Womöglich stecken noch ganze Shakespeare-Gestalten in dem Mann?

Max Lorenzen

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