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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 5
(2004), Heft 6
Abgewandt
warte ich auf dich
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.
Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub –
die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird –
Abgewandt
wartet sie auf dich –
(Nelly Sachs, „Abgewandt“, aus dem Zyklus Flucht und Verwandlung, erschienen 1958; aus: N. Sachs. Fahrt ins Staublose. Frankfurt 1988)
Ich möchte mich hier mit einigen Worten diesem Gedicht der Nelly Sachs, welches zu den sogenannten „späten“ Gedichten gezählt wird, widmen. Gerade jene seit den späten 50er und insbesondere in den 60er Jahren erschienenen Gedichte werden langsam dem Vergessen preisgegeben. Dies nicht zuletzt, da Nelly Sachs in dieser Zeit mit einem psychischen Leiden kämpfte, welches nicht in das Bild einer funktionierenden Schriftstellerin passen wollte (und will).
Die erste Strophe des titellosen Gedichtes beginnt mit den Worten:
Abgewandt
warte ich auf dich
Eine Stimme, die sich als „ich“ bezeichnet, beschreibt ihre Haltung in Bezug auf einen anderen, auf ein namenloses, doch angesprochenes „du“. Es ist ein Anderer, der erwartet wird, indem das „ich“ sich „abgewandt“ hat. Hat es sich von ihm, dem „du“ abgewandt? In diesem Fall kehrt es dem Erwarteten den Rücken zu, wendet sein Gesicht, seine Augen von ihm ab, wie jemand, der mit dem Rücken zur Tür auf das leise Eintreten der Geliebten wartet. Dem Anderen, der abwesend ist, werden keine Blicke entgegengesandt. Stattdessen die Darbietung des Rückens, jenes Körperteils, der Sinnlichkeit konnotiert: Mit dem Rücken kann ich nicht sehen noch hören, nur etwas fühlen – Finger, die über ihn hinwegstreichen und die vielleicht Spuren wie Vogelfüße, eine zarte Schrift hinterlassen. Eine Schrift, die den Blicken verborgen bleibt.
Vielleicht auch ist das „ich“ zugleich „abgewandt“ im Sinne einer Wendung auf sich selbst, eine Rückgebogenheit auf sich, weg von der Welt des Bezeichenbaren. Eine selbstbezügliche, aber auch eine melancholische Haltung. Sie allein jedoch schafft Raum für jene zugleich tatenlose wie höchst intensive Tätigkeit: das schweigende Warten „auf dich“. Warten: Das impliziert eine Sehnsucht, ein Begehren nach dem Erwarteten, eine innere Konzentration auf den, der nicht da ist. Es impliziert auch ein Sich-in-der Zeit-Fühlen: Wo ich warte, vergeht die Zeit mir bewußt, ich warte – und das dauert. (Un)Geduld gehört zum Warten, die Fähigkeit oder Unfähigkeit, das Verstreichen der Zeit zu erdulden, zu erleiden. Warten ist insofern das stillste aller Leiden. Auch eine Leidenschaft, die Passion des Aufschubs.
Warten heißt ursprünglich soviel wie „Ausschau halten“: Insofern ist der Gestus des „ich“ in diesem Gedicht paradoxal; es hält Ausschau nach dem „du“, ohne hinzusehen, ist ihm zugewandt, indem es sich abwendet. Das „du“ aber ist, als erwartetes Gegenüber, nicht anwesend. Ihm wird dennoch ein (unmöglicher) Ort zugeschrieben:
weit fort von den Lebenden weilst du
oder nahe.
Der ersehnte Andere, den das Gedicht adressiert, ist in die Abwesenheit der Toten eingegangen. Eine Abwesenheit mit paradoxaler Präsenz: ein Ort ‘weit fort’ ist dies, vielleicht aber auch „nahe“. Das „ich“ spricht angesichts jenes Abwesend-Anwesenden im Modus einer Unentscheidbarkeit. Es artikuliert ein Nichtwissen, indem es spekulativ zwei Extreme anspricht. Die Sprache des Gedichtes aber scheint diese widersprüchliche Bewegung in sich zu tragen: Der dritte Vers wird der längste des gesamten Gedichtes gewesen sein, er scheint sich dem ersehnten „du“ geradezu entgegenzudehnen, er greift aus ins Weiß der unbeschriebenen Seite. Der darauffolgende Vers hingegen ist kurz, ja lakonisch. In nur zwei Worten wird Atemberaubendes vermutet: Vielleicht ist der abwesende Andere „nahe“, vielleicht naht damit auch die Begegnung mit ihm, vielleicht gibt es gar kein Fortsein, keine Ferne. Vielleicht ist der Ort der Toten ganz nah beim „ich“. Dies aber bleibt durch das Wort „oder“ unentscheidbar. Dennoch endet die erste Strophe nicht mit der Unterstellung eines Fortseins, sondern mit dem Wörtchen „nahe“. Dieses aber klingt noch lange nach, es rührt an in seiner leisen Art. Es geht nahe.
Nun aber gibt das Gedicht eine Erklärung für jene Haltung des „ich“:
Abgewandt
warte ich auf dich
denn nicht dürfen Freigelassene
mit Schlingen der Sehnsucht
eingefangen werden
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub –
Wo die Sehnsucht Schlingen auslegt, wird der begehrte Andere mit sanfter Gewalt und vielleicht mit List zurückzuholen gesucht, wird seine Wiederkehr erzwungen. Das Bild erinnert an Arme, die sich um den Hals eines geliebten Menschen schlingen wollen, um ihn zurückzuhalten und an sich zu fesseln. Das ersehnte „du“ wird „eingefangen“ und festgehalten wie ein Vogel, der in eine Falle gerät. Dies jedoch ist nicht erlaubt, es darf nicht sein – mit dem Wort „dürfen“ bewegt sich die Gedichtsprache hier in den Bereich einer Ethik.
Noch ein zweites Tabu gibt es: die „Freigelassenen“ dürfen auch nicht „gekrönt“ werden „mit der Krone aus Planetenstaub“. Die Krone ist das Symbol jener uneingeschränkten Macht, des Reichtums und Ansehens des Fürsten, der sie auf seinem Haupt trägt. Der Akt der Krönung dient der Verherrlichung und der Inthronisation ineins; ein Pomp und eine Idealisierung, die in Bezug auf das ausstehende „du“ offenbar nicht sein soll und darf.
Was für eine Krone aber: diese „Krone aus Planetenstaub“. Welch ein Material für eine Krone ist das: „Planetenstaub“; was für ein Staub? – Mit dem „Staub“ figuriert das Motiv der Schöpfung und Vergänglichkeit. Die Rede vom Staub evoziert die an Jakob gerichteten Worte Gottes: „Dein Same wird sein wie der Staub der Erde.“, die in 1. Mose 28 den Bund Gottes mit Israel begründen. Zugleich wird „Staub“ lesbar als Anklang an den Staub der Wüste, die das jüdische Volk zu durchqueren hatte. Der „Staub“ erscheint hier (wie andernorts bei Nelly Sachs) als verwehte Spur einer Referenz auf das jüdische Volk und seine Geschichte, eine Geschichte des Exils.
„Planetenstaub“: Das griechische Wort planétés als Bezeichnung für einen „Wandelstern“ bedeutet ursprünglich „Umherschweifender, Wanderer“. Noch einmal evoziert die poetische Sprache hier eine Heimatlosigkeit und eine nomadische Bewegung, die an die des jüdischen Volks in der Diaspora erinnert.
Was aber passiert, wenn ich das „noch“ des zehnten Verses anders lese?
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub –
Die Zeilen können auch anders verstanden werden: Lese ich sie nicht als Fortsetzung der Negation „nicht dürfen...“, so können sie auch alsBeschreibung der „Freigelassenen“ gedeutet werden. Dann wären sie:
Freigelassene ...
noch gekrönt
mit der Krone aus Planetenstaub –
Das Gedicht behauptet das Gekröntsein mit jener eigenartigen Krone und nimmt die Behauptung zugleich zurück in ein Verbot. Der Zug eines Königlichen stellt sich dar und entzieht sich in dieser unentscheidbaren Bewegung.
Doch was für ein Emblem für Königliches: Der Staub des Umherschweifenden, Verstreuten als Material einer äußerst porösen, ja flüchtigen Krone: Kann diese nicht im Wehen des Windes vergehen? Verweht und vergeht sie nicht in jeder Sekunde, mit jedem Atemzug? Das Entschwinden, das Verwehen der Staubkrone aber, Zug und Entzug der poetischen Sprache, figuriert auch am Ende dieses Verses: Wo der Wind des Vergessens über die Dünung der Buchstaben hinweggegangen ist, bleibt der Hauch eines Satz-Zeichens – ein Gedankenstrich, der ins Ferne weist.
Auf den Gedankenstrich folgen zwei weitere Strophen – und zwei weitere Gedankenstriche:
die Liebe ist eine Sandpflanze
die im Feuer dient
und nicht verzehrt wird –
Abgewandt
wartet sie auf dich –
Das zarte, zerbrechliche Pflänzchen der Liebe ist hier zugleich leidenschaftlich, hart und unvergänglich: „Sandpflanze“, die „nicht verzehrt wird“, nicht vergeht, obgleich sie im „Feuer dient“. Als Pflänzchen aus Sand zählt es in paradoxer Weise zum Organischen wie auch zum Anorganischen, zum Lebendig-Toten also, lebendes Fossil. Vielleicht auch ist dies eine Pflanze, die im Sand gedeiht; eine Pflanze, die kaum der Nahrung bedarf und die wenig Halt hat – auf kargem Boden wachsend, beinahe wurzellos.
Inmitten des Feuers, von Flammen umgeben, verbrennt sie dennoch nicht zu Asche: Diese Liebe, diese Pflanze widersteht der Asche – und ist doch nichts als Sand.
Eine Liebe, die „dient“, ohne dass ihr ein bezeichenbarer Herr, eine Herrin zugesprochen wäre: Wem oder was dient sie? Könnte man sagen, sie gibt, was sie nicht hat – an nichts und niemanden – doch dies mit aller Inbrunst und ohne Unterlass?
Sie ist es, die auf das namenlose „du“ zuhält – sie ist es, die „wartet“, ohne Ausschau zu halten. Die „Sandpflanze“ jener „Liebe“ sendet keine Blicke aus. Diese Haltung, diesen Gestus teilt „sie“ mit dem „ich“ der ersten Strophe des Gedichts. Wo es aber das Pronomen „ich“ im Munde führt, spricht das Gedicht auch von sich selbst.
*
Nachsatz:
Was heißt es, Auschwitz ins Schreiben, ins Lesen einzulassen? Was kann es heißen? Welchen Ort hat jenes Datum der Shoah in der Sprache und im Sprechen? In der poetischen Sprache der Nelly Sachs, aber auch in dem, was ich in ihr lese und der Art, in der ich sie fortschreibe?
Im Schreiben der Nelly Sachs gibt es und gibt nicht jene Referenz auf Auschwitz. In ihren Texten gibt es und gibt nicht den Impuls, das Abwesende wieder anwesend zu machen. Das Uneinholbare, das der Titel meines Buches als Sprache der Toten bezeichnet, bringt dabei gerade nicht das zu Gehör, was die Toten von Auschwitz nicht mehr sagen konnten. Was mit Auschwitz verloren ging, ist unwiederbringlich verloren und gräbt sich der Sprache tiefer denn je als Verlustmoment ein. Von diesem Moment des Verlusts her, der ein Verlust des Verlustes selbst ist, erfährt das seiner selbst gewisse Subjekt, erfahren Metaphysik, und mit ihr der metaphysische Zeichenbegriff eine tiefe Beunruhigung, ja Zäsurierung. Angesichts des Ungeheuren versagt die Logik der Repräsentation. Die Sprache der Toten bringt nichts zurück – nichts als Figurationen der Abwesenheit vielleicht. Es bleibt an den Lesenden, die Spuren des Anderen wahrzunehmen und fortzuschreiben, auf das die poetischen Texte von Nelly Sachs zuhalten.
Einige Daten zu Nelly Sachs:
Nelly Sachs, geboren 1891 in Berlin. Aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen, aber unter für sie schwierigen familialen Bedingungen (einziges Kind, symbiotische Mutter-Kind-Beziehung, Idealisierung der Vater-Figur). „Dichterin jüdischen Schicksals“, Mai 1940: Flucht vor der Deportation nach Stockholm (mit der Mutter), lebte bis zu ihrem Tod in Schweden im Exil. Seit 1960 mehrfache Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken (im Zusammenhang mit paranoischen Symptomen). 1970 stirbt N. Sachs an Krebs.
Christine Rospert-McFie, November 2004
Hinweis der Redaktion:
Christine Rospert-McFie ist Autorin des Buches: "Poetik einer Sprache der Toten. Studien zum Schreiben von Nelly Sachs", das wir demnächst ausführlich vorstellen werden. Zudem planen wir gemeinsam mit der Autorin ab Frühjahr 2005 einen Nelly Sachs-Schwerpunkt, um auf das Werk dieser Lyrikerin, die ebenso bedeutend ist wie Paul Celan, aber nicht annähernd so intensiv rezipiert wird, im Forum hinzuweisen.