Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Friedrich Schiller

Bittschrift

Dumm ist mein Kopf und schwer wie Blei.
Die Tobacksdose ledig,
Mein Magen leer – der Himmel sei
Dem Trauerspiele  gnädig.

Ich kratze mit dem Federkiel
Auf den gewalkten Lumpen;
Wer kann Empfindung und Gefühl
Aus hohlem Herzen pumpen?

Feur soll ich gießen aufs Papier
Mit angefrornem Finger? - - -
O Phöbus, hassest du Geschmier,
So wärm auch deine Sänger.

Die Wäsche klatscht vor meiner Tür,
Es scharrt die Küchenzofe -
Und mich – mich ruft das Flügeltier
Nach König Philipps Hofe.

Ich steige mutig auf das Roß;
In wenigen Sekunden
Seh ich Madrid – am Königsschloß
Hab ich es angebunden.

Ich eile durch die Galerie
Und – siehe da! - belausche
Die junge  Fürstin Eboli
In süßem Liebesrausche.

Jetzt sinkt sie an des Prinzen Brust
Mit wonnevollem Schauer,
In ihren Augen Götterlust
Doch in den seinen Trauer.

Schon ruft das schöne Weib Triumph,
Schon hör ich – Tod und Hölle!
Was hör ich? - einen nassen Strumpf
Geworfen in die Welle.

Und weg ist Traum und Feerei -
Prinzessin, Gott befohlen!
Der Teufel soll die Dichterei
Beim Hemderwaschen holen.

Schiller war 1785 - 1787 zu Gast bei seinen sächsischen Freunden Körner und Huber, wohnte zeitweilig in Leipzig, in Dresden und in Loschwitz – nicht immer scheint seine Arbeitsstube günstig gelegen, manchmal auch neben der Waschküche – und dass er dies Gedicht „Bittschrift“ genannt hat, meint wohl, dass seine Gastfreunde ihn besser unterbringen sollten. So jedenfalls konnte er seinen „Don Carlos“ schwerlich zu einem guten Ende bringen.

Für uns ist's ein Zeugnis für Schillers Humor, der ihn im Umgang mit Freunden auszeichnete. Auch in seinem Einakter „Körners Vormittag“ ist das sichtbar, in dem er allein für sich zahlreiche Rollen vorgesehen hat: Körner wird ununterbrochen gestört und kann am Ende auf die Frage, was er denn getan habe an diesem Morgen, nur resigniert antworten: „Ich habe mich rasieren lassen“. (Auch das eine von Schillers berühmten Schlußsentenzen!)

Renate Scharffenberg

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