Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Kerrs Roman / Novelle aus dem Nachlaß: Aufzeichnungen eines literaturliebenden Experimentators im Exil - oder wie schreibt man (k)eine 'Novelle'?

Daß noch heute ernsthaft an Veränderbarkeit von Menschen durch ihre Lektüre geglaubt wird, zeigt die jüngste Befragung von 400 britischen Ladies aus Universitäts-, Kunst- und Literatur-Betrieb im Auftrag der BBC (F.A.Z.15.9.04). Die Frage lautete:"Welcher Roman hat Ihr Leben verändert?" (Es gibt eine Vorauswahl im Angebot von 40 Romanen zum Ankreuzen.)

Hier sah der Kritiker Alfred Kerr - aus eigener schmerzlicher Erfahrung mit dem Lese- und Theaterpublikum der späten Weimarer Republik - bereits ab 1933 viel weiter und weitaus realistischer und läßt so sein alter ego, die Hauptperson seines posthum von Günther Rühle 2004 veröffentlichten "Der Dichter und die Meerschweinchen", Clemens Teck, einen Antihelden im Narrengewand, zur späten Einsicht gelangen, daß der Schriftsteller die Menschheit am allerwenigsten beeinflussen und schon gar nicht verändern kann. Wie schwer muß Kerr unter der 'Wirkungslosigkeit' seiner Bemühungen und der seiner Kritikerkollegen (Tucholsky u.a.m.) um die Masse des deutschen Volkes gelitten haben.

Das Resultat zeigt sich schon im ironisch/sarkastischen Titel seines letzten Werks:"Der Dichter und die Meerschweinchen"; der Dichter, ein fast dem Wahnsinn naher Idealist, der sich gleichzeitig als skrupelloser Experimentator gibt, und seine 'Opfer', die Durchschnittsmenschen alias 'Meerschweinchen'.

Wer sich mit Bühnenwerken und deren Aufführungen von der Jahrhundertwende 19./20.Jh. bis zur Machtergreifung Hitlers 1933 beschäftigt, kennt Alfred Kerr als  d e n  namhaften Berliner Kritiker, dessen brillant-nüchterne Rezensionen von Autoren und Publikum gelesen werden mußten. - Heute ist er mittlerweile - leider - eher als Vater seiner Tochter Judith Kerr bekannt, die in ihrem Buch "Als Hitler das rosarote Kaninchen stahl" die Flucht der Familie über Tschechoslowakei, Österreich, Schweiz nach Paris und die Neuansiedlung in London für Kinder und Jugendliche beschreibt. In der Emigration fehlen Kerr die Muttersprache, das deutsche Theater und seine Leser.

Kerrs nun posthum erschienener Text nimmt nur, mit autobiographischem Anteil, seine Zeit in London bis kurz vor Kriegsende ins Visier. Der wirkliche Autor fungiert als Herausgeber eines Werkes seines fiktiven deutschen Dichters "Clemens Teck"; diese Namensgebung soll Assoziationen an die beiden großen Romantiker Clemens Brentano und Ludwig Tieck signalisieren. - Gegen Ende begegnet Teck seinem Schöpfer Kerr vor dem Britischen Museum und spricht mit ihm über Tecks letztes Werk und die Aufgabe eines Schriftstellers in dieser Zeit. Da haben wir - neben der quasi schizophrenen Persönlichkeitsspaltung Tecks selbst - das aus der Romantik bekannte Doppelgängermotiv. Es finden sich auch die dem entsprechenden Spiegelungen und Wiedergänger, wenn auch die frühe(re) Geliebte Gemma jetzt als emigrierte Luxemburgerin und Handelssekretärin auf Männersuche viel platter erscheint und nur in seltenen 'Augenblicken' ihre Ähnlichkeit mit der hübschen Südtiroler Sopranistin aufbricht. Als Kenner der romantischen Literatur läßt Kerr Distanz aufkommen, indem er mit romantischer Ironie spielt.

Während zu Beginn und gegen Ende der Schriftsteller Teck alias Kerr Einblick in sein Privatleben im Exil gewährt (mit geliebter Frau "Lelia" = Julia Kerr und den Kindern Michael und Judith), kommt er dann schließlich zu seinem Experiment und damit zum Thema des Buches. Der Schriftsteller will Menschen beeinflussen, "verändern"; hier aber nicht indirekt wie üblich über die Lektüre, sondern durch direkte Einflußnahme. Dafür wählt er sich seine Versuchsobjekte aus den Mitbewohnern eines boarding house in London, die ebenfalls emigriert sind. Er bezeichnet sie als seine "Meerschweinchen" und schwankt zwischen Reue ob ihrer Traktierung durch ihn und cooler zweckdienlicher Naturwissenschaftler-Manier. Seine "Opfer", eine Hamburger "söte deern", die hanseatisch snackt, ein sudetendeutscher Nachwuchs-Möchtegern-Dramatiker (Karikatur G.Hauptmanns?) und Zechpreller und eine kleinbürgerliche Luxemburgerin, erfahren nichts über Tecks "Versuchsreihe" mit ihnen. Und falls diese mißlingen sollte, bleibt einem Schriftsteller nach altem romantischen Rezept immer noch die Möglichkeit, die Methode des Schreibens einer 'Novelle' (wie A.K. sie nennt) offen zu legen. Die jeweilige psycho-physische Befindlichkeit von Opfern und Experimentator zeigt Probleme verschiedener Menschen in der "Ödnis" der Emigration.

Herzstück des Buches ist die im Rückblick erzählte Liebesgeschichte zwischen dem jungen Teck und Gemma, der Sängerin, die tragisch ausgehen muß. Später kommen Tecks erinnerte Liaisons mit diversen anderen Damen der Berliner Gesellschaft als Widmungsträgerinnen seiner lyrischen Ergüsse ins Spiel, die wörtlich eingestreut werden. Damit ergibt sich die Frage, ob parodistische Anwendung als triviales Lockmittel seinen neuen Opfern in London gegenüber nicht eine Entweihung sei. Man sieht: Vieles ist nicht ganz ernst zu nehmen.

Wer sich beim Kritiker Kerr allerdings einiges über das Londoner kulturelle Leben der damaligen Zeit versprochen hat, kommt zu kurz. Ort der Handlung ist fast ständig das boarding house; nur einmal führt ein Besuch bei Tecks Freunden in ein veritables Landschloß mit allem Drum und Dran. Die Schlußpassage, nach Bombeneinschlag im boarding house, nach dubioser Krebserkrankung des Dichters und beginnender seniler Vergeßlichkeit, erinnert an James Joyce's Sprachexperimente in seinen "Dubliners".

In Frage gestellt wird durch Kerrs satirischen Text die Allmacht und Omnipotenz des 'Au(c)tors', der quasi gottähnlich mit seinen Figuren schalten und walten kann.

Muß man den "Dichter und seine Meerschweinchen" kennengelernt haben? Außer für Kerr-Experten empfehle ich lieber "Die Diktatur des Hausknechts"(1934) und den Gedichtband "Melodien"(1938) aus der großen Werkausgabe des S.Fischer Verlags, zum mindesten um Alfred Kerr als unermüdlichen Satiriker und Warner lieben zu lernen.

Wie schade für Clemens Teck, daß er die 2004 befragten 400 britischen Ladies nicht vor 70 Jahren selbst in London als "Meerschweinchen" in sein Experiment einbeziehen konnte; sie scheinen besser dafür geeignet zu sein als seine fiktiven Versuchspersonen...

Hannelore Schmidt-Enzinger

Alfred Kerr, Der Dichter und die Meerschweinchen - Clemens Tecks letztes Experiment. Hrsg.u.Nachw.G.Rühle, S. Fischer Ffm 2004, 285 S., ISBN 3-10-049514-4, 19,90 €         

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