Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 5 (2004), Heft 6


 

Notorious B.L.O.E.D.: Ein Berlin - Roman. André Kubiczeks "Die Guten und die Bösen"

Man nehme: "(...) die vordergründige Handlung von einer zweiten durchkreuzt(...)in Klammern setzte ich dritte, vierte, fünfte usf (...) Ich lieferte auch gleich ein paar Themen-bereiche für solche Nebenhandlungen mit: Mythologisches (blutrünstig bis gleichnishaft), Geschichtliches (blutrünstig bis gedenkenfördernd), Kriminalistisches (sehr blutrünstig, neue Umbringmethoden ersinnen!) und vor allem Sexuelles und dabei vor allem abnorm Sexuelles (Praktiken am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber ohne allzu viel Blut)."

Dies Rezept für einen Berliner Szene(n) - Roman verrät der Ich-Erzähler Raymond Schindler, 30, "Frührentner und schwarzarbeitender Privatdetektiv", der eine Mehrzahl von Kapiteln im Text bestreitet. Damit sind wir  - endlich - auf der 'anspruchsvollen' Meta-Ebene "der Literaturtheorie" (S.229) gelandet: dem Roman im Roman, der allerdings nur im Kopf des detektivischen Protagonisten stattfindet und äußerst fragmentarisch bleibt. Aber: das obige Kochrezept für Romane scheint so exquisit, so delikat, daß Kubiczek dasselbe ebenso für "Die Guten und die Bösen" verwendet hat. Sollte das vielleicht der satirische Clou sein?

Da gibt es gleich so viele Figuren  und verschiedene Handlungsstränge ("subplots"), daß Autor und/oder Lektor zu Beginn des Buches ein Personenregister für notwendig erachtet haben, und der Leser (zumindest meine Wenigkeit) dies auch zwischendurch immer wieder bemühen muß. Mit diesem 'Panoptikum' deckt Kubiczek diverse soziale Schichten und Altersgruppen ab: Vom Uni-Assistenten Dr.Schwarzhaupt und seinen Kollegen Dr. Nyerere, einen DAAD-Stipendiaten, über den high-society-Journalisten und Soziologen Freiherr Börries von Stammler und Redaktionschef Zampano Dunkel über den mit diesem verschwägerten und schon erwähnten Frührentner Raymond Schindler, über einen uralten SPPD-Abgeordneten in Alleinvertretung bis zu "Leit-Wolf alias Sergej Eisenfaust alias Günther P.", einen von der Wende betroffenen Ex-Stasi - Mann ("keine revolutionäre Situation mehr") und seine Widerstandstruppe in einer entsprechend Wolf-Schanze genannten unterirdischen Unterkunft und dessen hoffnungs- wie gewichtsträchtigen Sohn Zigmund Fraud [sic!], der wie sein Mitbewohner Zeus im fernöstlichen Speiselokal arbeitet und zu den Jüngsten zählt.

Zeus' Freundin, Nike Müller, ist wiederum Afrikanistik-Studentin bei Dr. Schwarzhaupt und besitzt einen adligen Urgroßvater, Holm von Prinz, dessen hinterlassenes [fiktives] Buch über seine Deutsch-Ostafrika-Kolonisation und Heirat etliche Kapitel von "Die Guten und die Bösen"  besetzt hält.Weitere weibliche Protagonisten - die Minderheit beim Romanpersonal -, sind Bolèmia Hetschel, eine TV-Unterhaltungs-Moderatorin, und Nadine Dunkel, Zampano Dunkels high-life-Ehefrau und Kusine Schindlers. - Halt, ein die Handlung wesentlich Vorwärtstreibender quasi deus ex machina fehlt uns noch: Lord Nelson I, ein Wellensittich.

Stellen Sie sich nun eine ordentliche (oder un-) Verflechtung und Vernetzung sämtlicher Personen und Handlungsstränge und Thematiken mit vor allem "abnorm Sexuellem" (Genital-, Anal-, Oral-Sex + Sodomie mit Katz und Hund und Kanarie, nein, pardon, Wellensittich) vor, und das alles zu unzähligen Stangen inhalierter Zigaretten + ein paar Joints (für die Youngsters) + zahllose Spirituosen (Chardonnay, Cognac, Gin, Prosecco, Rotwein kistenweise für die Arrivierten, Pina colada + Salbeilikör, bis zu Goldbrand und Dosenbier für die weniger Verdienenden bzw.Sozialhilfeempfänger).

Da kann man kein happy end erwarten.Auch wenn der Titel in Aschenputtel- oder zynisch gemeinter Ex-DDR-Manier den Sieg des oder der Guten nahelegt. Soviel sei vorher verraten: Zum Schluß bleiben vom Personenregister nicht mehr viele übrig, nach stattgehabtem show down. Die einen wandern ins Gefängnis oder ziehen um nach München, der heimlichen Hauptstadt, oder fahren nach Afrika zurück, oder verschwinden spurlos, die anderen hat's eiskalt oder besser brandheiß erwischt.

Wenn die F.A.Z. den Autor einen "begnadeten Sprachjongleur" nennt, zeigt sich dies sowohl an den von seiner Figur Schindler geforderten "knackigen Überschriften" (z.B."Pöbel und Gesocks", "Fettes Leben für Amöben"; "Blitzkrieg"), die häufig auf cineastische oder literarische Assoziationen beim Leser zielen (z.B. "Liebe in Zeiten blutender Nase"; "Herz aus Finsternis", "Born to be Ray") und ganz sicher nicht bierernst gemeint sind (z.B. "Vorwärts und nichts vergessen"), als auch an der stupenden Fähigkeit Kubiczeks, von Kapitel zu Kapitel bzw. Handlungsstrang zum anderen seinen Sprachgestus zu wechseln, ein situativ und personenbedingtes Mimikry. (Daher verzichtet Rezensent auf Leseprobe, die beim vorherrschenden Polyperspektivismus bzw. Polyglottismus irreführend sein könnte.) Und selbstredend ist jede Menge PC-Technik eingebaut! Die beiden Jüngsten, Zigmund und Zeus, sind hauptsächlich damit beschäftigt und ihre Internet-Adresse, nach Asien verlagert, lautet: "Notorious B.L.O.E.D."! Nun, wie auch bei den sonstigen Namensgebungen: nomen est omen.

"Grell, spannend, böse und komisch", verheißt die Süddeutsche Zeitung über den Roman. Grell, gewiß; spannend: streckenweise schon allein durch die dem Fortsetzungsroman abgeschaute Uralt-Praktik, an jedem Kapitelende ein erregendes Moment zu plazieren. Böse? Nun, es passiert, wie der Titel verspricht, allerlei Kriminelles. Und komisch? Ja, schon, aber das ist abhängig vom altersspezifischen Humor, den der jeweilige Leser mitbringt.

Die Beantwortung der Lektoratsfrage auf dem Buchrückendeckel:"Gründet Berlin auf einem gigantischen Schwindel?" ist der Rezensentin allerdings nicht möglich, es sei denn, mit dem "gigantischen Schwindel" sei der vorliegende in Berlin spielende Roman selbst gemeint.

H.Schmidt-Enzinger

André Kubiczek "Die Guten und die Bösen. Roman". rororo Reinbek 2004, 320 S., ISBN 3-499-23363-0, 8.90 €

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