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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Hans-Martin Zöllner: Die Baumzeichnung als Spiegel der leidenden Seele. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2004, 436 S., ISBN: 3-8260-2717-5, 48,00 €
Menschen und Bäume: eine vielschichtige und facettenreiche Beziehung – und das auch noch, nachdem die ersteren, wie eine populäre Vorstellung es uns glauben machen möchte, von letzteren herabstiegen und sich anschickten, Homines zu werden. So zählt der Baum zu den ältesten magisch-religiösen Symbolen und spielt eine zentrale Rolle im Ausdruck menschlichen Sinnverständnisses, spiritueller Sehnsüchte und religiöser Vorstellungen. Die in der Geistes- und Kulturgeschichte seit ihren Anfängen anzutreffende symbolische Gleichsetzung von Mensch und Baum zeigt an, von welch großer Bedeutung der Baum für unser Unbewußtes ist. Wie tief die Überzeugung von der Wesensverwandtschaft zwischen Baum und Mensch in unserer Psyche verankert ist, läßt sich etwa daran ermessen, daß Philosophie, Kunst und Dichtung immer wieder Zustand, Gestalt und Charakter eines Baums als Sinnbild für psychische Befindlichkeiten von uns Menschen heranziehen. So vergleicht beispielsweise Schopenhauer das Verhältnis zwischen dem Charakter eines Menschen und den daraus hervorgehenden Handlungen und Verhaltensweisen wiederholt mit dem Aufbau und der Struktur eines Baums. Ein schönes – und sehr sprechendes – literarisches Beispiel für die enge symbolische Beziehung zwischen Mensch und Baum liefert etwa Hermann Hesses Gedicht Knarren eines geknickten Astes:
Splittrig geknickter Ast,
Hangend schon Jahr um Jahr,
Trocken knarrt er im Wind sein Lied,
Ohne Laub, ohne Rinde,
Kahl, fahl, zu langen Lebens,
Zu langen Sterbens müd.
Hart klingt und zäh sein Gesang,
Klingt trotzig, klingt heimlich bang
Noch einen Sommer,
Noch einen Winter lang.
Dies ist Hesses letztes Gedicht, dem er wenige Tage vor seinem Tod die endgültige Fassung gab. Noch einmal, ein letztes Mal, knarrte – voller Todesahnungen – der splittrig geknickte Ast. Ein allerletztes Mal öffnete der Weltweise aus Montagnola der Mit- und Umwelt den Innenraum seiner Psyche.

Was wunder also, daß der Baum auch in Psychiatrie und Psychotherapie eine bedeutsame Rolle spielt, insbesondere in dem sogenannten, von Karl Koch 1949 entwickelten „Baumtest“, der den Baumzeichenversuch als psychodiagnostisches Hilfsmittel verwendet. Der Baumtest geht davon aus, daß sich der Proband beziehungsweise der Patient in der Baumzeichnung darstellt, das heißt, die Art und Weise seines in und zu der Welt Stehens mit den ihm eigenen Empfindungen, Gefühlen und Reaktionen in die zeichnerische Gestaltung des Baums projiziert. Somit gehört der Baumtest in die Gruppe der projektiven Testverfahren. Anders als bei psychometrischen und standardisierten Testverfahren gibt es beim Baumtest einen besonderen Interpretationsspielraum. Nicht zuletzt aufgrund dieses Sachverhalts ist die Baumzeichnung in der akademisch-naturwissenschaftlichen Psychologie verpönt. Auch sind die in Kochs Buch Der Baumtest entwickelten metrischen Bestimmungsmerkmale umstritten, weshalb Kochs Buch recht despektierlich als „Koch-Buch“ bezeichnet worden ist. In der klinisch-beraterischen Praxis jedoch hat sich der Baumtest sehr bewährt und wird dort mit viel Gewinn verwendet.
Hans-Martin Zöllner, leitender Psychologe der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, hat nun einen umfangreichen, großformatigen Band mit mehr als 200 Baumzeichnungen seiner Patientinnen und Patienten vorgelegt. Wohl wissend um die Problematik des Baumzeichentests, hält er das Baummotiv vor dem soeben skizzierten Hintergrund gleichwohl für ein „exzellentes Identifikationsobjekt, welches den psychischen Vorgang der Projektion, auf dem alle psychodiagnostische Auswertung beruht, leicht in Gang zu setzen vermag“ (S. 10). So gesehen hat man es bei der Baumzeichnung nicht nur mit einem graphisch-ästhetischen Werk zu tun. Zöllner vielmehr versteht sie als einen bildhaften Selbstausdruck, der Auskunft sowohl über das bewußte als auch das unbewußte Wissen der zeichnenden Person über sich selbst geben kann.

Damit dieser Test in der psychiatrisch-psychologischen Praxis mit Gewinn eingesetzt werden kann, gilt es, einige methodologische Regeln zu beachten, die Zöllner einleitend umreißt. So ist es nicht unerheblich, die richtigen Fragestellungen an den Baum zu richten. Zum Beispiel läßt sich die Entwicklungsverzögerung eines Menschen anhand der Baumzeichnung valide diagnostizieren, nicht jedoch, ob jemand ehrlich oder unehrlich ist. Zudem bedarf es genügend klinischer Erfahrung mit dem Test. Zu diesem Zweck muß man nicht nur Hunderte, sondern Tausende von Bäumen eingehend betrachtet haben. Erst dann besitzt man einen vergleichend-differentiellen Erfahrungsschatz. Aber nicht nur den vom Patienten gezeichneten Baum, sondern auch den Patienten selbst muß man gesehen haben. Mit anderen Worten: Nur dann liefert der Baumtest valide Ergebnisse, wenn man keine Blinddiagnostik betreibt.
Auch die Interpretation der Baumzeichnungen bedarf bestimmter Kriterien. Nach Auffassung Zöllners sollte sie sich auf eine phänomenologisch-symbolisch-tiefenpsychologische Interpretation beschränken und keine simplen psychometrischen Kennzahlen, wie zum Beispiel den Neigungswinkel des Stammes, benutzen. Zudem muß sich der Interpret darüber im klaren sein, daß seine Deutung einer Baumzeichnung letztlich auf Analogieschlüssen beruht, die zwar nicht simpel sein müssen, gleichwohl aber ihre Deutungsgrenzen haben.
Beachtet man diese methodischen Regeln sowie die Überlegungen zu den Grenzen der Interpretation, dann ist man gut gerüstet, die in diesem Band dokumentierten Baumzeichnungen in Augenschein zu nehmen und sie auf sich wirken zu lassen. Zöllner hat seine Dokumentation so angelegt, daß er auf der rechten Seite die Baumzeichnung der Patienten wiedergibt und auf der gegenüberliegenden Seite seine Interpretation vorlegt. Läßt man sich auf die Bilder und die dazugehörige Interpretation genügend ein, gewinnt man allmählich ein Gespür für die Art und Weise, wie die gestörte, derangierte Psyche ihrem Leiden ästhetisch-gestalterisch Ausdruck zu geben versucht. Allerdings sollte man sich hierbei vor einem Mißverständnis hüten, das sich schon nach der Betrachtung relativ weniger Bilder recht leicht einstellen kann. Unwillkürlich nämlich fragt man sich, wenn man die Zeichnungen betrachtet und wiederholt beispielsweise die Diagnose „chronische Schizophrenie“ zur Kenntnis nimmt: Also gibt es so etwas wie den schizophrenietypischen Baum? Die Antwort darauf lautet: Nein. Gleichwohl kann andererseits behauptet werden, dieser oder jener Baum sei typisch für Schizophrenie. Hier scheint ein Widerspruch vorzuliegen. Und es fragt sich, wie der zu erklären ist. Nun, gemäß Zöllners Ausführungen so: Man kann, so legt er dar (S. 22), nicht sagen, es gebe einen typischen Baum, der für alle Schizophrenen gelte. Wohl aber kann man sagen: Bei einem bestimmten Baum eines bestimmten schizophrenen Menschen lassen sich, unter Umständen, die psychopathologischen Merkmale wiederfinden, die für die bildnerische Produktion von Schizophrenen als typisch gelten, nämlich Deformation, Formalismus und Symbolismus.

Viele der Baumzeichnungen, die Zöllner in diesem eindrucksvollen und – obwohl er Leiden der Seele dokumentiert – faszinierenden Band zusammengestellt hat, wirken dem ersten Eindruck nach prächtig, wunderschön gestaltet, detailreich und farbenfroh, manche gar zeugen von großem gestalterischen Können und zeichnerischem Geschick – wirken also alles andere als „krank“. Und dennoch: dem zweiten Blick, den Psychologen ja so sehr lieben, wie Zöllner, wenn ich mich nicht irre, nicht ganz ohne Selbstironie hervorhebt, enthüllt sich das das Leiden zum Ausdruck bringende Pathologische des vordergründig „gesunden“ Baums.
Natürlich liegen hier mögliche Einwände nahe. Zum einen erwartet der Interpret, der es mit psychisch Kranken mit Störungen von erheblichem Ausprägungsgrad und ausgesprochenem Leidensdruck zu tun hat, daß sich keine Gesunden unter die Baumzeichner verirrt haben. Und die Frage ist: Gibt das seiner Deutung nicht immer schon eine bestimmte Richtung vor, nämlich in die des Pathologischen? Zöllner räumt das ohne Wenn und Aber ein, betont er doch im Nachwort, S. 416, ausdrücklich, jemand, der wie er in einer psychiatrischen Klinik arbeite, sei niemals vollständig vor der „Gefahr einer ubiquitären und exorbitanten Pathologisierung“ gefeit.
Zum zweiten läßt sich fragen – und das ist ein häufig erhobener Einwand gegen die Validität von Baumzeichnungsinterpretationen –, ob sich die zeichnerische Unbeholfenheit nicht in Richtung einer verstärkten Pathologisierung der Interpretation beziehungsweise umgekehrt: ob sich zeichnerisches Geschick nicht in Richtung verstärkter Normalisierung der Interpretation auswirke. Daß solche Einflüsse vorhanden sind, wird von Zöllner keineswegs bestritten. Gleichzeitig warnt er davor, sie zu überschätzen. Denn über Trivialanalogien – wie beispielsweise: starke, sichtbare Wurzeln, ein dicker Stamm sowie viele Blätter und Früchte sind gesund, abgestorbene Äste, Astlöcher und spitze Zweige hingegen krank – wird man seiner Überzeugung nach dabei in den meisten Fällen nicht hinausgelangen. Daß zunächst einmal, hält er fest, der Gesamteindruck entscheidend für die Interpretation sei und die Einzelsymptome in den Gesamteindruck harmonisch passen müssen: das könne der Zeichner, auch wenn er noch so viel über Bäume wisse, nicht manipulieren. Sitze irgendwo etwas Gesundes und Krankes von Belang und Rang, dann werde es in irgendeiner Form zum Ausdruck kommen – und der Zeichner wird nicht bemerkt haben, daß es zum Ausdruck kam. Der erfahrene Baumkenner jedoch, betont Zöllner abschließend, werde es nicht übersehen. Aber selbst der erfahrene Baumkenner sollte, so sei hinzugefügt, auch das Wort Nietzsches bedenken: „Nun haben wir inzwischen verlernt, zwischen gesund und krank von einem Gegensatze zu reden: es handelt sich um Grade“.
Friedhelm Decher