![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Eine Frau mittleren Alters, eine eher unauffällige Erscheinung in grauem Pullover über blauen Jeans, steht zuerst, sitzt dann zwischen zwei leergeräumten Ladenregalen und redet, redet über ihr verpfuschtes Leben, ihre schreckliche Ehe mit Rainald Rommel und hält zuweilen, wie gedankenverloren, inne und summt mit leeren Augen und unbeweglichen Gesichtszügen leise eine bekannte Schlagermelodie vor sich hin: „Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern; sie nimmt uns alles …“. Die Frau redet sich mit ihrem Wortschwall den gesamten über Jahrzehnte angestauten Müll und Frust ihres Lebens von der Seele, erkennt sich zum ersten Mal selbst, macht sich über ihre Stimme und mit ihren Worten zu einer Person, die „ich“ zu sagen wagt, die sich Dinge auszusprechen traut, die für sie unaussprechlich waren, die sich aus der tödlichen Gefahr der Wortlosigkeit, in die sie ihr bisheriges Leben hineingezwängt hat, befreit.

Wilfried Happel, der Autor dieses schrecklichen „Spiels der Liebe“, wurde 1965 in Nürnberg geboren. Er ist bisher mit verschiedenen grotesk-farcigen Stücken – Das Schamhaar (1994) z. B., Mordslust (1996), Fressorgie (2000) oder Der Nudelfresser (2000) – an die Öffentlichkeit getreten. Die Wortlose wurde 2002 am Gostner Hoftheater Nürnberg uraufgeführt. Eine Frau schildert in dem Monolog zunächst ihren Rückzug in die Wortlosigkeit als Folge psychischer und physischer Fremdbestimmung und Unterdrückung in ihrer Ehe mit Rainald. Er ist ihr Jugendschwarm während der Schulzeit und heiratet sie, eigentlich zu ihrer großen Überraschung, als sie von ihm schwanger wird. Ihre Ehejahre werden zu einem einzigen Martyrium der Lieblosigkeit und seelischen Verkümmerung. Seit vielen Jahren sitzt sie an der Kasse eines Schleckerladens, den ihr Mann als Geschäftsführer leitet, und muss miterleben und mit ansehen, wie ihr Mann sie mit einer anderen Angestellten betrügt und sie der Lächerlichkeit preisgibt. Renate, von der die Frau manchmal in der Ich-Form, meist aber, sich von ihr distanzierend, in der dritten Person spricht, wird von Mann und Umgebung so sehr in ein Außenseitertum gedrängt, dass sie sich als Individuum nicht mehr artikulieren kann. Auch ihre Tochter kann an ihrem inneren Verstummen nichts ändern. Renate wird zur Aussätzigen, zur „Außerirdischen“, zur Wortlosen.
Die Eindringlichkeit, mit der dieses kaputte Leben auf der Studiobühne des Löbershofs Gestalt annimmt, ist vor allem der imposanten Darstellung Petra Soltaus zu danken. Sie spricht den langen Monolog mit sparsamen Gesten und wenigen, aber wirkungsvollen Nuancen der Stimmführung beklemmend und eindringlich. Wenn sie mit unbewegten Gesichtszügen über die sexuellen Erniedrigungen ihrer Ehe spricht oder ihre langjährige Stummheit beschreibt oder über die Angestrengtheit ihrer Sprachsuche und die kleinen Tricks ihrer neuen Redefähigkeit nachdenkt, gibt sie dieser gebrochenen, verstummten Frau ein Gesicht und eine Stimme, gibt ihr ihre verloren gegangene Würde zurück und macht das Mauerblümchen Renate zu einer respektablen Figur. Petra Soltau gelingt eine beeindruckende schauspielerische Leistung. – Die szenische Einrichtung, für die Carola Marie Lowitz, Regieassistentin seit dieser Spielzeit am Gießener Stadttheater, verantwortlich zeigt, und die Ausstattung der Bühne durch Bernhard Niechotz verstärken durch ihre Einfachheit die Intensität dieses Frauenmonologs. Die Bühne konzentriert die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer ganz auf das zerstörte Leben der Sprechenden und ihre Worte. Die weißen leeren Schleckerregale, zwischen denen die Frau ihre schrecklichen Erfahrungen in Sprache fasst und damit für sich bewältigbar macht, zeugen beredter fast, als es Wörter vermögen, von der Trostlosigkeit und Einsamkeit ihres bisherigen Lebens.

Der Monolog endet – wie könnte es dramaturgisch auch anders sein? – mit einem Befreiungsschlag Renates im wörtlichen Sinn. Sie erschlägt, als sie es nicht mehr ertragen kann und sich von einer Art Hass- oder Racheengel heimgesucht glaubt, ihren Mann, schneidet ihm das Herz aus dem Leib und wirft dieses Herz in eine Waschmaschine, um es weiß zu waschen. Die Frau hat durch die Tötung ihres Mannes ihre Sprache wieder gefunden. Gleichzeitig wird diese Befreiung aus den Schrecknissen ihrer Ehe zu einer Farce. Die monologische Rückschau kann auch als Geständnis einer Verurteilten und Eingesperrten oder einer Insassin einer psychiatrischen Klinik verstanden werden. Das Urteil ihres Mannes und ihrer Umgebung, das sie sich ein Leben lang anhören musste und das sie stumm gemacht hat, „Du bist ein Nichts, eine Null“, das sie mit ihrer Tat aufgebrochen und dem sie Widerstand entgegengesetzt hat, dieses Urteil holt sie, wenn man diesem Verständnis des Textes folgt, am Ende in grotesk-absurder Weise wieder ein.
Das Stück wurde am Premierenabend am 2. Februar im nicht vollbesetzten Löbershof mit großem Beifall aufgenommen. Weitere Aufführungstermine sind zum Beispiel der 11. März und der 8. April jeweils um 20 Uhr in der TiL-Studiobühne.
Herbert Fuchs