Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 6 (2005), Heft 1


 

Das Hessische Landestheater Marburg

Mütter
  Ein Abend mit Musik von Franz Wittenbrink

Premiere: Samstag, 5. 2. 2005, Theater am Schwanhof

Darstellerinnen / Darsteller:
Regina Leitner
Maria Tosenko
Christine Reinhardt
Christian Holdt
Daniel Kuschewski
Matthias Steiger  

Die Sachs-Band:
Stefan Gebhardt (Klavier)
Stefan Schneider (Gitarre)
Jürgen Sachs (Bass)
Jürgen Stroth (Schlagzeug)
Stefan Waldeck (Arrangements)

Inszenierung und Ausstattung: Ekkehard Dennewitz
Musikalische Einstudierung: Maria Tosenko
Dramaturgie: Jürgen Sachs

 

Franz Wittenbrink ist der „Erfinder“ eines neuen Theatergenres: des Liederabends. Aus bekannten Schlagern und Popliedern der letzten Jahrzehnte stellt er Themenabende zusammen, in denen Geschichten über Menschen in ihrer komisch-unterhaltsamen Alltagsbanalität „erzählt“ werden. Begonnen hat die Wittenbrink-success-story seinerzeit unter dem renommierten Intendanten des Hamburger Schauspielhauses, Frank Baumbauer, mit Sekretärinnen, einem Stück, das auch am Hessischen Landestheater gezeigt wurde. Mittlerweile werden Wittenbrinks Liederabende auf den großen Bühnen in Berlin, München und anderen Städten uraufgeführt, meist über Monate und Jahre mit Erfolg gespielt und von vielen mittleren und kleineren Bühnen nachinszeniert. Der siebenundfünfzigjährige Wittenbrink – als Kind schon bei den Regensburger Domspatzen, später Student der Soziologie, Mitgründer des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, Müllfahrer, Maschinenschlosser und Klavierbauer, aber auch immer wieder und verstärkt seit den achtziger Jahren Musiker – ist, wie die FAZ einmal formulierte, „der Joker des deutschen Musiktheaters. Er weiß, was gespielt werden muss, damit die Leute zuhören.“

Dabei ist sein Rezept einfach: Wittenbrink wählt Lieder und Songs aus, von denen die meisten Zuhörer wenigstens Melodiesplitter im Kopf haben, die zum Mitsingen, Mitsummen einladen, die in eine nostalgische Stimmung versetzen und einen Sog aus Behaglichkeit und kitschigem Einlullen entwickeln, aber auch poppig-wild und jazzig-anspruchsvoll daherkommen. Déjà-vu-Erlebnisse sind mit den einzelnen Liedern garantiert und sichern ihnen wohlwollende Aufmerksamkeit.

Der Erfolg der Liederabende ist damit aber noch nicht erklärt. Dass aus der Song- und Liederfolge kein unerträglicher Schnulzen- oder einfallsloser Popmix, sondern – im Gegenteil – ein im guten Sinn unterhaltsamer Liederabend wird, liegt an Wittenbrinks intelligenter Liedzusammenstellung und an dem thematischen Rahmen, unter dem er seine Lieder bündelt und mit dem er den Theaterleuten vielerlei Möglichkeiten der gesanglichen Darbietung und spielerischen Umsetzung bietet, den Zuschauern die kitschig-verträumte Hitparadenatmosphäre (längst) vergangener (Jugend)Jahre in Erinnerung ruft und ihnen ein ironisch-distanziertes Schmunzeln über sich selbst ermöglicht. Die Lieder stellen sich gegenseitig in Frage, das eine bricht die Stimmung des vorangegangenen, die eine Melodie zerstört den melodischen Zuckerguss der nachfolgenden, die eine Zeile entlarvt die lächerliche Süße der anderen, das eine musikalische Klischee reibt sich an dem der anderen Lieder: Und auf einmal verschwinden, wie im Falle der Mütter, aus Songs wie „Born to be wild, „Always on the run“, „You are so beautiful“, „Wandering Star“, „Manchmal weinst du“ und „Mamma mia“ der hohle Peter Alexander-Schnulzen-Sound und das falsche Abba-Klischee und die leeren Steppenwolf-Versprechungen. Es entstehen Bilder von wilden Tollereien auf Spielplätzen, vom Entdecken unbekannter sexueller Phantasien, von übertriebenen „Müttersorgen“ und dem ungebändigten Ansturm der Kinder gegen die Mütter und ihren Ausbruchsversuchen in eine Nicht-Mütter-Welt.

Dennewitz, die rhythmisch gut aufgelegte Sachs-Band und ein spielfreudiges Ensemble machen am Hessischen Landestheater aus Wittenbrinks Vorlage ein amüsantes Spiel um die kleineren und größeren Dramen und Konflikte rund um den Sandkasten. Aus den klischeebeladenen Pop- und Schlagervorlagen baut Dennewitz szenische Zusammenhänge, in denen die sattsam bekannten Mütterrollen aus dem Alltag während eines Liedes kurz angespielt und gleich wieder ausgeblendet werden. Die genervte und gestresste Mutter steht neben der beruflich überlasteten, die ständig mit ihrem Handy hantiert, die sexy Mutter neben der emotionssüchtigen, die sich mit Tränen in den Augen an ein Nana Mouskouri-Konzert erinnert, die Mutter, die gerne einmal zu Elvis Presleys „Hound Dogs“ ausflippen möchte, neben der Mutter, die wie zum ewigen Schwur mit den beiden anderen Leidensgenossinnen zur Melodie von „Freundinnen müsste man sein“ die Hände übereinander legt. Und ständig sind alle Mütter auf dem Sprung, ihre Kinder im Sandkasten zu trösten, sie von Raufereien zurückzuhalten, sie zu ermahnen und ihnen Manieren beizubringen, bevor sie sich wieder erschöpft auf ihre Bank setzen und zum Strickzeug greifen.

Dennewitz` Schauspielerinnen und Schauspieler setzen Wittenbrinks Lieder und die Regieeinfälle in ein temporeiches Spiel mit immer wieder neuen Charakteren und zuweilen aberwitzigen Spielsituationen um. Das Männer-Ensemble macht den Bühnen-Sandkasten zu einem chaotischen Spielplatz; vor allem in den Rauf- und Balgszenen können Christian Holdt, Daniel Kuschewski und Matthias Steiger ihre komödiantischen Talente zeigen. Allerdings werden sie von den drei Frauen, den erfahrenen Müttern eben, ganz schön an die Wand gesungen. Maria Tosenkos Interpretation des Beatles-Lieds „I´m so tired“ oder des Elvis Presley-Welthits „Hound Dogs“ sind hörens- und sehenswert. Ihre gesangliche Sicherheit und musikalische Ausstrahlung lassen zuweilen die nicht ganz unbedeutenden Vorbilder vergessen. Christine Reinhardt hat beeindruckende Szenen, wenn sie den Kindern im Sandkasten das bitterböse Märchen vom toten Kind erzählt oder mit der gehörigen Portion Melancholie und Ironie das Lied „Er war gerade 18 Jahr“ interpretiert. Ihre Auftritte vor allem zerstören endgültig jedweden Schlager-Zuckerguss, der vielleicht – ungewollt – noch irgendwo durchschimmern könnte. Großartig trägt Regina Leitner ihre Songs vor. Lieder wie „Manchmal weinst du“, „It´s oh so quiet“ oder – zusammen mit Maria Tosenko“ – „Cry Baby“ weisen sie als vielseitige und begabte Schauspielerin-Sängerin aus. Ihr Auftritt in den Müttern jedenfalls fügt ihrer beachtlichen Zahl von wichtigen Rollen am Hessischen Landestheater eine neue hinzu, die den Zuschauern im Gedächtnis bleiben wird. (Schade, dass durch den Einfall, „When I fall in love“ auch wörtlich übersetzt in Deutsch singen zu lassen, Leitners packende Darbietung des Lieds etwas zerstört wird.)

Ein Abend wie Mütter hat im Programm des HLT gefehlt. Dennwitz` Entscheidung, den Schiller Balladenabend abzusetzen und durch dieses musikalische Potpourri zu ersetzen, ist vom Premierenpublikum mit viel Beifall aufgenommen worden. – Am 1000 Plätze fassenden Großen Haus des Düsseldorfer Schauspiels, an dem Mütter entstand und uraufgeführt wurde, läuft der Wittenbrink-Abend seit zweieinhalb Jahren mit mittlerweile knapp hundert fast immer ausverkauften Vorstellungen. Es ist ziemlich sicher, dass Mütter auch in Marburg ein Erfolg werden wird. Schauspielerinnen, Schauspieler und Leitung hätten ein großes Publikum verdient.

Herbert Fuchs

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