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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 6
(2005), Heft 1
Buch des Monats Januar 2005
Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Ungekürzte Lesung. Produktion und Sprecher: Axel Grube, Musik / Klangarbeit: Detlef Klepsch, Axel Grube, onomato Verlag, Düsseldorf 2004, 14 CDs, ISBN 3-933691-81-X und 3-933691-81-8, 79,80 €
Man hört dieser ruhig dahinfließenden, immer, auch an expressivsten Textstellen, ganz unaufgeregt bleibenden Stimme bis zum Schluss gerne zu. Und ich muss mir, nachdem ich das Buch wiedergelesen und die letzte CD zurück in die Schachtel gelegt habe, sagen, dass Grube mir einen neuen, nachmodernen Nietzsche präsentiert und dem "Zarathustra" eine klangliche Gestalt gegeben hat, die mir eine andere Beschäftigung mit ihm ermöglicht. Denn zunächst wachsen die Widerstände sowohl gegen Nietzsches Stil, der ehemals seine Leser in Zustände des Entzückens versetzte und mir jetzt zu laut, ja aufdringlich und geschwätzig - je mehr vom Schweigen die Rede ist - vorkommt, als auch gegen den Inhalt dieser Philosophie, deren "Abgründigkeit" oder "Tiefe" sich allzu sehr zur Schau stellt und mir nicht selten dem eigenen ungeheuren Anspruch nicht gerecht zu werden scheint. Selbst Stellen wie die folgende: "Und wenn ich rufe: "Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und Hände falten und anbeten möchten": so rufen sie: "Zarathustra ist gottlos". Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen liebe ich’s, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich b i n Zarathustra, der Gottlose!" (Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke, hrsg. von Colli / Montinari, Bd. 4, S. 215) - liest Grube unbeirrt leise, weder rufend, noch gar schreiend.

Dasselbe gilt für Passagen wie: "Dass ich einst bereit und reif sei im großen Mittage: bereit und reif gleich glühendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem Milch-Euter [...]" (S. 269), die mit ihrem Pathos das ungewollt Komische nicht nur streifen. Heute böten solche Sätze nur zu leicht die Möglichkeit, sich innerlich, aber so auch stimmlich von ihnen zu distanzieren. Grube jedoch bleibt ernst, keine noch so leise Ironie schwingt bei ihm mit, wenn er "Von alten und neuen Tafeln" liest, und pathetisch wird er schon gar nicht. Auch bei: "Herrschsucht: die Glüh-Geissel der härtesten Herzensharten [...]" (S. 237) verfällt er keinem Klangrausch, sein Sprachrhythmus fließt ruhig weiter.
Nietzsches Text unterliegt folglich, so intoniert, einer Transformation. Die Aufmerksamkeit und das gelassene aber zweifellos echte Engagement des Sprechers verwandeln ihn aus einem, das gewaltsam Besitz ergreifen und den Leser gleichsam verschlingen will, in etwas, das nun für sich existieren muss und es, wie letztendlich gerade das Hören des vierten Teils eindeutig zeigt, auch kann. So erweist sich, dass Nietzsche, dessen Wirkungsgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert geradezu unabsehbar ist, auch in der philosophischen Landschaft der Nachmoderne einen Platz haben wird, gerade weil der Zugriff, den er auf diejenigen, die sich mit ihm beschäftigen, haben wollte, nicht mehr direkt stattfinden kann. Die Attitüde von einem, der "mit seinem Blute schreibt" (S. 48), übt keine unmittelbare Macht mehr auf uns aus, obgleich, ja weil sich eine jedenfalls ähnliche Schreibhaltung auch in unserer Zeit bildet - die allerdings keine Abwertung anderer philosophischer Stile oder Einstellungen mehr beinhaltet.

Was Axel Grube mithin liefert, ist weitaus mehr als eine Lesung. Er bereitet den Boden für eine Neuinterpretation der Nietzscheschen Schriften mit. Wer seinen "Zarathustra" hört, begibt sich auf eine intensive Reflexionsreise, oder man könnte auch sagen: er wandert durch ein immenses Gebäude, das sich unter den Schritten des Besuchers erst wieder aufbaut. Man begreift, dass es zu diesem Text kein einfaches, ungebrochenes Verhältnis geben kann. In ihm leben viele verschiedene, auch einander durchkreuzende philosophische Impulse, die gerade, insofern sie sich bekämpfen, auch koexistieren. Schon hieraus lässt sich entnehmen, warum die erneute Lektüre gerade dieses Buches von Nietzsche für die aktive, mithin selber stiftende Beschreibung nachmoderner Denkstrukturen von Bedeutung ist. Die Gesamtaufnahme des "Zarathustra" ist gerade deswegen ohne Einschränkungen zu empfehlen, weil sie sich konsequent für eine besonnene, in keiner Weise "dionysische" Lesart entscheidet. Einzig die schon in der Rezension der Heine-CDs erwähnte Vorliebe Grubes, den Satzfluss zu oft zu unterbrechen - so spricht er etwa "Löse - Geld" oder "der hässliche - Mensch", mit deutlichem Hiatus zwischen den Silben oder zwischen Adjektiv und Substantiv -, muss kritisiert werden, weil sie den sonst ruhigen Sprachrhythmus zerhackt. Manchmal überkommt einen ein Bedauern, dass unserer Zeit so gar kein Pathos zur Verfügung steht: "Also sprach Zarathustra und verließ seine Höhle, glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt" (S. 408) - das müsste eigentlich, nein, es muss nicht, aber es will wie ein Impuls gesprochen werden, der den Satz durchformt und in ihm selber Stärke, Licht und Dunkelheit sich durchmischen lässt. Aber insofern, was wir anstreben, auf friedliche Koexistenz, nicht auf einen Kampf der Gegensätze abzielt, müssen wir auf eine entsprechende Wiedergabe tragischer Gehalte der Tradition wohl vorerst verzichten.
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Traum der Sommernacht! Phantastisch
Zwecklos ist mein Lied. Ja. Zwecklos
Wie die Liebe, wie das Leben,
Wie der Schöpfer samt der Schöpfung!
Heinrich Heine, Atta Troll, Caput III
Kann ein Buch mehr sein, als es selbst, nämlich Darstellung und Handlung ineins? Nietzsches "Also sprach Zarathustra" strebt eine solche Selbst-Infragestellung und -transzendierung an. Der Gedanke von der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" ist als bloßer Gedanke nicht formulierbar - ohne das unbedingte "Ja-Sagen" zu ihm verwandelt er sich, worauf immer wieder hingewiesen wurde, in eine sehr zweifelhafte, nicht einmal in letzter Klarheit ausdrückbare Aussage. Die Erkenntnis: "Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich" (S. 402) beinhaltet mehr, als jede noch so tiefe Vernunfteinsicht umfassen könnte. Zarathustra begreift nicht nur, sondern weiß und erfährt, dass sich in und mit dieser Erkenntnis die Welt selber verwandelt. Er wird zum "Zeichen" des Lebens, dessen "großer Mittag" (S. 408) nun unmittelbar bevorsteht. Wenn dem Leben, also dem "Willen", solchermaßen die Augen aufgehen, mithin die höchste oder tiefste Inspiration eines Menschen, Nietzsche-Zarathustra, mit dem Äonenaugenblick, da das Weltganze seiner ansichtig wird, zusammenfällt, kommt die "Lust" auf ihren Gipfel - von dem sie sich, dieses Selbstopfer in höchster Kraft und Einsicht vollziehend, wieder, und immer wieder, in die erneuerte Nacht und die Unendlichkeit des Schmerzes hinabstürzen wird: "Doch alle Lust will Ewigkeit -, / - will tiefe, tiefe Ewigkeit!" (S. 286 u. 404). Die höchste Erkenntnis opfert sich unmittelbar selbst, nur so Ist sie, als Tat - "Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne, - geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr" (S. 402) -, die ihr Wissen ausdrückt, dass die Gegensätze im Abgrund des Lebens zusammenfallen. Aber in diesem Moment der letzten Einsicht wird der Wille sich nicht, wie Schopenhauer glaubte, selbst erlösen, sondern sich, im Paroxysmus seiner Existenz, wegwerfen. Auf die Sehnsucht nach diesem Selbstmord, der eigentlichen Selbsterneuerung, deutet Zarathustra in seinen Reden immer wieder hin (vgl. etwa: "Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!", S. 401). Wahrscheinlich wird er sich nicht wie Empedokles in den Trichter eines Vulkans werfen. Das Hinabstürzen in eine Schlucht dürfte ihn ein gemäßeres Bild für die Einheit von Leben und Tod, Lust und Schmerz, Erkenntnis und Tat, dünken. Das Leben, das in diesem Augenblick ganz zu sich kommt, entscheidet sich, überquellend vor Lust, zur bedingungslosen Selbst-Bejahung, deren letzte Steigerung gerade dem Verzicht auf jeglichen Sinn entspringt. Nihilismus und "Ja-Sagen" bedingen einander. Die Inspiration ist unmittelbar die Selbst-Initiation des Weltengrundes zur Hervorbringung seiner neuen Gestaltenfülle.
Hölderlin beschreibt einen solchen kosmischen Augenblick in "Wie wenn am Feiertage ...": "Denn sie, sie selbst, die älter denn die Zeiten / Und über die Götter des Abends und Orients ist, / Die Natur ist jetzt mit Waffenklang erwacht, / Und hoch vom Aether bis zum Abgrund nieder / Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt, / Fühlt neu die Begeisterung sich, / Die Allerschaffende, wieder" (Hölderlin: Sämtliche Werke, hrsg. von Friedrich Beissner, Stuttgart 1953, unveränderter Nachdruck 1970, Bd. 2, S. 122 f). Die "Begeisterung", die auch die Quelle des dichterischen Gesangs ist, steigt aus dem Weltchaos selber auf: innerste Lebenskraft und höchste Inspirationserkenntnis sind identisch. Bei Nietzsche ändert sich nur ein Element dieses idealistischen Konzeptes; die "feste[n] Gesetze" des Heiligen werden zu den blinden und sinnlosen der "ewigen Wiederkehr".
Mit anderen Worten, Nietzsche behält in seiner Philosophie die überkommene mythisch-idealistische Grundstruktur bei, ja er versucht sie, indem er sie in ein nihilistisches Gefüge transformiert, zu retten und schafft so die Voraussetzungen für ein Überleben dieser Struktur in der Moderne. Die Konfiguration von Ewigkeit und Augenblick im sich selbst wiederzeugenden und nur hierin auch transzendierenden Nihil wird in der existenzialistischen Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts, etwa bei Camus und Heidegger, aber auch noch bei Cioran, zur Figur der lebendigen Erkenntnis schlechthin: "Die Ewigkeit denken, verlangt: den Augenblick denken, d. h. sichversetzen in den Augenblick des Selbstseins. [...] Die ewige Wiederkehr des Gleichen wird nur gedacht, wenn sie nihilistisch und augenblicklich gedacht wird. In solchem Denken aber rückt der Denkende selbst in den Ring der ewigen Wiederkehr ein, jedoch so, dass er den Ring miterringt und mitentscheidet" (Heidegger: Nietzsche, Bd. I, Pfullingen 1961, zit. nach der 4. Aufl., S. 447). Von hier aus ergibt sich durchaus die Möglichkeit, das philosophische Selbstverständnis der Moderne zu definieren: es entsteht als Kairos, der ein Zentrum ausbildet, um das herum sich das nihilistische Chaos doch wieder ringförmig anordnet. Im tiefsten sind deswegen Moderne und metaphysische Tradition verwandt.
Eben diese Zuordnung von zentralem Erkenntnis-Augenblick und Welt-Peripherie, wo der erste die Gesamtheit der zweiten nicht nur sieht, sondern wie in einem Schöpfungsakt, als Nachhall vorgeschichtlicher kultischer Riten, aus sich hervorbringt, bedingt das Pathos der Erkenntnis, das sich umso mehr steigert, je schärfer das Wissen um die eigene Bedeutung und die Erfahrung ihrer gesellschaftlichen und und ontischen Nichtigkeit in ihr aufeinandertreffen. Nun lässt sich ermessen, was eine ohne ein solches Pathos auskommende Philosophie von Anfang an beinhaltet: sie verzichtet auf den zentralen Akt ihrer Selbsthervorbringung, damit aber auf jegliche Avantgarderolle und bemüht sich in nachmoderner Bescheidenheit, einen Platz in der Realität zu finden, die sich - zu Recht! - um ihre Ideen nicht mehr sonderlich kümmert. Von dieser neuen Warte aus mag man einen Blick zu Nietzsches "Zarathustra" zurückwerfen und wird bemerken, dass sich in ihm Hinweise auf eine Denk- und Existenzweise finden, die ohne den zentralen Gedanken des Buchs, den von der "ewigen Wiederkehr", auskommt: "Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten!" (S. 291), also keinen Ursprung und auch kein Telos, mithin keine innere Notwendigkeit der Geschichte, was in völligem Gegensatz zu Heideggers Nietzsche-Interpretation steht, die in folgende Sätze mündet: "Das Anfängliche ereignet sich allem Kommenden voraus und kommt deshalb, obzwar verhüllt, als das reine Kommen auf den geschichtlichen Menschen zu" (a. a. O., Bd. II, S. 481). Entsprechend muss dann gelten: "Die Erinnerung in die Metaphysik als eine notwendige Epoche der Geschichte des Seins gibt zu denken, dass und wie das Sein jeweils die Wahrheit des Seienden bestimmt [...]" (ebda.).
Nietzsche hat den Nihilismus radikaler gedacht als Heidegger. Deswegen lassen sich heute, in einer nach-nihilistischen Epoche, die den Bezug zu den Zentrumsideen der Philosophie, wie zu ihrem Pendant, der Vorstellung, in der doch wieder eine Erkenntnis des Ganzen schlechthin angestrebt wird, von der Ungültigkeit jeglichen Sinns, aufgegeben hat, Ansätze dafür bei ihm entdecken, psycho-soziale Strukturen zu entwerfen, die nach mittelpunktslosen Bewegungsmustern funktionieren, von denen Heidegger keine Vorstellung hatte. Ineins damit stellt sich seit Nietzsche, und für uns nun in akzentuierter Form, die Frage nach dem Wert der Philosophie in einer sie kaum noch wahrnehmenden Welt, die sich mittlerweile längst zu derjenigen nach den Überlebenschancen tieferer geistiger Vorgänge überhaupt ausgeweitet hat. Der Autor des "Zarathustra" spricht von "Pöbel", dem er die geistige Elite derjenigen, die fähig sind, nach dem "Übermenschen" zu streben, entgegensetzt; wir wissen inzwischen, dass gerade dieser Elite immer schon alle Züge der von ihnen verachteten "Masse", nur in enthemmterer Weise, innewohnten. Folglich verschließt sich die bisher immer in Anspruch genommene Möglichkeit, ein Refugium für das, dem in der Massengesellschaft kein Platz mehr zukommt, zu denken. Auch in dieser Hinsicht gibt es "kein Oben" und "kein Unten" mehr. Erst wenn wir dieses in den Blick nehmen, kann deutlich werden, wie gefährdet heute, angesichts der Globalisierung von Unterhaltungsstandards und den ihnen zugehörenden Denk- und Erlebnismustern, die längst in den eigentlichen Bereich literarischer, künstlerischer, musikalischer und auch philosophischer Produktion eingewandert sind und ihn umfunktionieren, jede existenziell ernsthafte Haltung ist, die sich solchen Standards entzieht. Nietzsche wird für die Analyse der gegenwärtigen Situation, für die ein Vokabular noch weitgehend fehlt, nicht die Bedeutung haben, die ihm die Theoretiker der letzten, sich selber aufhebenden Zentrumsstrukturen beimaßen, wohl aber wichtig als derjenige sein, der zu Beginn des nihilistischen Zeitalters zumindest partiell auch schon auf das hinwies, was eine Gesellschaft, der die Sinnlosigkeit allen Daseins zur unhinterfragbaren Voraussetzung geworden ist, als Orientierungsmöglichkeiten und Bewegungsmodi in einer nach-nihilistischen Epoche konstituieren wird.
Max Lorenzen